Der Zahlungsverkehr der Schweiz
Geld, Währung, Finanzen
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Der Zahlungsverkehr der Schweiz
Montag, 08. April 2013

Innerhalb von Millisekunden können Milliardenbeträge in der Schweiz den Besitzer wechseln. Damit der Zahlungsverkehr reibungsfrei funktioniert – dazu leistet nicht zuletzt auch die Nationalbank einen Beitrag.

Bild: Wikipedia

Frau Schmid hat sich ein neues Abendkleid von Schneider Schnittig gegönnt. Sie bezahlt den Betrag – dessen Höhe sie uns aus Rücksicht auf ihr Eheglück nicht genau beziffern wollte – per Rechnung über ihr Raiffeisen-Konto. Schneider Schnittig ist über das Geschäft entzückt und freut sich schon jetzt auf das Eintreffen der Gutschrift auf seinem Konto bei der Credit Suisse.

Dass die Freude von Schneider Schnittig nicht in einer Enttäuschung mündet, dazu leistet auch die Schweizerische Nationalbank (SNB) einen Beitrag. Gemäss Gesetz hat sie zur Aufgabe, das Funktionieren der bargeldlosen Zahlungssysteme zu erleichtern und zu sichern.

Welche Aufgabe hat die SNB im Zahlungsverkehr der Schweiz?

Die SNB stellt den Finanzintermediären ein Girokonto zur Verfügung. Darüber können sie ihre gegenseitigen Zahlungsverpflichtungen abwickeln. Finanzintermediäre sind Unternehmen, die Geld vermitteln. Dies sind typischerweise Banken – aber auch Versicherungen oder Fondsgesellschaften gehören dazu.

Die operative Durchführung des Zahlungssystems hat die SBN an die SIX Interbank Clearing delegiert. Diese betreibt unter Aufsicht der SNB das umsatzmässig grösste Zahlungssystem der Schweiz: das Swiss Interbank Clearing (SIC).

Wie funktioniert das Swiss Interbank Clearing (SIC)?

Die SNB überträgt zu Beginn eines Verrechnungstages Geld von den SNB-Girokonten auf die Verrechnungskonten des SIC-Zahlungssystems. Über dieses Verrechnungskonto können die Banken untereinander Zahlungen tätigen. Diese Übertragung geschieht aus technischen Gründen. Rechtlich bilden die SIC-Verrechnungskonten und die SNB-Girokonten eine Einheit.

In unserem Beispiel wird der Betrag für das Abendkleid von Frau Schmid nun vom SIC-Verrechnungskonto der Raiffeisen abgezogen und dem SIC-Verrechnungskonto der Credit Suisse gutgeschrieben. Sofern die Raiffeisen auf ihrem SIC-Verrechnungskonto genügend Geld hat, wird die Überweisung direkt ausgeführt.

Der Tag im SIC-Zahlungssystem ist spätestens um 16:15 Uhr zu Ende. Dann werden die Guthaben von den SIC-Verrechnungskonten auf die SNB-Girokonten zurücktransferiert. Die Nachtruhe in der Welt des SIC dauert aber nicht lange: Keine Stunde später – um 17 Uhr – beginnt schon der nächste Verrechnungstag.

Werden Zahlungen über das SIC sofort ausgeführt?

Das SIC ist ein Bruttoabwicklungssystem. Dies bedeutet, dass Zahlungen – sofern genügend Liquidität vorhanden ist – sofort und final ausgeführt werden. Die Überweisung kann nicht mehr rückgängig gemacht werden.

Das Gegenstück wäre ein Nettoabwicklungssystem. In einem Nettoabwicklungssystem, werden alle Zahlungen in einer bestimmten Zeitperiode gesammelt und verrechnet. Schlussendlich findet nur eine Zahlung statt.

Welche Zahlungen laufen über das SIC?

Über das SIC werden zwei Arten von Zahlungen abgewickelt:

Zum einen der Grossbetragszahlungsverkehr: Das sind Zahlungen mit hohem Wert und hoher Dringlichkeit pro Transaktion. Dazu gehören z.B. Geldmarkttransaktionen, Devisentransaktionen zwischen Banken, grössere Wertschriftentransaktionen oder viele kleine gebündelte Transaktionen. Praktisch alle Grossbetragszahlungen in Schweizer Franken werden über das SIC abgewickelt.

Zum anderen auch ein wesentlicher Teil des Massenzahlungsverkehrs: Diese Zahlungen sind durch einen eher geringen Wert pro Transaktion und eine – vergleichsweise – tiefe Dringlichkeit gekennzeichnet. Beispiele dafür sind Zahlungskartentransaktionen oder die Überweisung für das Abendkleid von Frau Schmid.

Gibt es in der Schweiz noch andere Zahlungssysteme?

Zahlungen ausserhalb des SIC finden entweder direkt zwischen Bankkonten der gleichen Bank oder über das Zahlungssystem der PostFinance statt. Der Massenzahlungsverkehr zwischen Kunden der Banken und Kunden der PostFinance wird heute mehrheitlich über die PostFinance-Konten abgewickelt, welche von den Banken bei der PostFinance gehalten werden.

Aufgrund der Wichtigkeit des Postgirosystems neben dem SIC wird das schweizerische Zahlungsverkehrssystem auch als duales System bezeichnet. Es wäre also auch möglich, dass die Raiffeisen das Geld von Frau Schmid an das PostFinance-Konto der Credit Suisse überweist und die Credit Suisse den Betrag dann intern an das Konto von Schneider Schnittig verbucht.

Wie wichtig ist das SIC für die Stabilität des Finanzsystems?

Würde das Guthaben der Raiffeisen in ihrem SIC-Verrechnungskonto nicht für die Bezahlung des Abendkleides reichen, so könnte die Raffeisen bei einem anderen Finanzintermediär oder der Nationalbank Geld ausleihen.

Die SNB hat als Systemmanagerin der SIC die Möglichkeit, die Deckung aller Banken zu überprüfen und – bei Bedarf – einem Teilnehmer Geld zuzuführen bzw. Kredite zu gewähren. Dies ist wichtig für die Stabilität des Finanzsystems: Ist die Deckung nicht gesichert, so können Banken zahlungsunfähig werden. Zahlungsunfähige Banken gefährden die Stabilität des Finanzsystems.

Aber auch wenn genügend Liquidität im System vorhanden ist, ist und bleibt das SIC systemisch bedeutsam. Ohne das SIC würde der Geldfluss in der Schweiz praktisch stillstehen, weil es schlicht keine Alternative für die Abwicklung von Grossbetragszahlungen gibt.

Zum Thema:

Für das iconomix-Team
Patrick Keller
(mit Unterstützung von Philipp Haene und Dave Maurer, SNB Finanzstabilität, OE Überwachung)

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