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Simon Schmidhttp://www.iconomix.ch/de/blog/author/Simon%20Schmid/, Dienstag, 21. Februar 2012, 14:02

Die Stunde der Kupferkugeln

Und wieder hat der Fussball ein Märchen geschrieben. Sambias Nationalmannschaft, angetreten als Aussenseiter, ist am letzten Sonntag nach einem 8:7-Sieg über die favorisierte Elfenbeinküste Afrikameister geworden. Das Finalspiel fand ausgerechnet in Gabun statt – in der Stadt Libreville, wo 1993 ein Flugzeug mit Sambias gesamter Fussballmannschaft an Bord ins Meer gestürzt war.

Im Gedenken an die ausgelöschte Fussballergeneration feierte Sambias Fussballteam, «Chipolopolo», seinen Sieg. Es wurde getanzt, gejubelt, gesungen. Dass Sambias Fussballer sich übersetzt «Kupferpatronen» nennen, hängt mit der Wirtschaft des Landes zusammen: Aus dem Bergbau im sogenannten Kupfergürtel entlang der Grenze zum Kongo entspringen rund zwei Drittel der Exporteinnahmen von Sambia.

Dabei ist ein Tatsache überraschend: Hauptabnehmer von Sambias Erzen und Metallen sind nämlich nicht Grossverbraucher wie die USA, Deutschland oder China. Nein – es ist die kleine Schweiz, die Sambia das meiste Kupfer abkauft. Die Eidgenossenschaft ist damit sogar die wichtigste Exportdestination des südafrikanischen Landes.

Sambisches Kupfer gelangt allerdings nur selten in Schweizer Fabriken. Der Löwenanteil wird auf dem Seeweg in andere Länder verschifft – im Auftrag von Schweizer Firmen, welche die Rohstoffe kaufen und weiterverkaufen. Die Rolle der Schweiz als Rohstoffimporteurin ist also vernachlässigbar. Umso bedeutender ist jedoch ihre Rolle als Drehscheibe – und zwar im Rohstoffhandel auf der ganzen Welt.

So kontrolliert eine Handvoll Firmen mit Sitzen in Genf und der Waadt rund die Hälfte des globalen Kaffee- und Zuckerhandels. Auch beim Ölhandel mischen die Unternehmen am Genfersee mit. Zwei Schwergewichte in den Sparten Erdöl, Kohle und Metalle residieren derweil im Kanton Zug: Es sind die Transportfirma Glencore und das Bergbauunternehmen Xstrata, die mit Fusionsplänen jüngst Aufsehen erregten. Gemessen am Umsatz ist Glencore sogar das grösste Unternehmen überhaupt in der Schweiz.

Dass sich Rohstoffhändler in der Schweiz wohlfühlen, hat mehrere Gründe. Wichtig sind die hiesigen Banken, welche die Handelsunternehmen bei der Finanzierung von Transportgeschäften, aber auch bei Firmenübernahmen unterstützen. Letztere Funktion erscheint zentral – wuchsen doch Firmen wie Glencore oder Xstrata zuletzt vor allem durch den Zukauf bestehender Minen heran.

Bedeutsam sind aber auch die Steuergesetze. Multinational tätige Rohstofffirmen schätzen die Schweiz generell, weil sie hier tiefe Unternehmenssteuern bezahlen. Attraktiv ist ein Schweizer Firmensitz auch, weil diverse Kantone Privilegien für Holdinggesellschaften kennen. Verschachtelt in komplexen Strukturen – mit Tochtergesellschaften in Produktionsländern sowie in bekannten Steueroasen – gelingt es Unternehmen so, jährlich Milliarden an Steuern einzusparen.

Auf der anderen Seite kämpfen Länder wie Sambia damit, ihren Staatshaushalt zu finanzieren. Steuervermeidungstricks wie das so genannte «Trade Mispricing», bei dem Firmen ihren Tochtergesellschaften in Entwicklungsländern falsche Preise verrechnen und ihnen so künstliche Verluste einbrocken, sind dabei nicht eben hilfreich. Laut dem NGO-Projekt Global Financial Integrity entstehen dem Sambischen Staat allein durch «Trade Mispricing» Verluste in der Grössenordnung von 20 Prozent des Budgets.

«Schreiten wir geeinten Mutes vorwärts»: Wie Sambias Fussballer sich im Penaltyschiessen gegen die Elfenbeinküste mit Gospelsongs Mut herbeisangen, war ergreifend mitanzusehen. Schön wäre, wenn auch im internationalen Rohstoffhandel mehr Einheit erkennbar wäre. Aktuell herrschen dort jedoch Korruption, Steuerhinterziehung und Umweltprobleme vor. Wie die Erklärung von Bern in einem aufschlussreichen Buch zeigt, profitieren Schweizer Konzerne davon kräftig mit. [1]

[1] Die Erklärung von Bern hat 2011 das Buch «Rohstoff» herausgegeben. Der 400-Seitige Band ist angereichert mit vielen Grafiken und untersucht die Rolle der Schweiz im globalen Rohstoffhandel. Die meisten Informationen in diesem Text stammen aus diesem Buch.

Thema: Entwicklung, Wachstum, Umwelthttp://www.iconomix.ch/de/blog/list/10-entwicklung-wachstum-umwelt/, Markt und Handelhttp://www.iconomix.ch/de/blog/list/51-markt-und-handel/
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