1990 schrieb Kameruns Nationalteam an der WM in Italien Fussballgeschichte: Erstmals hatte ein afrikanisches Team das Viertelfinale erreicht. Beinahe wäre den «unzähmbaren Löwen» um Roger Milla gegen England sogar die Halbfinalqualifikation geglückt.
Dass Fussball zuweilen wenig mit Wirtschaft zu tun hat, zeigt das Timing dieses Exploits: 1990 befand sich Kamerun in einer tiefen Strukturkrise. Bis kurz zuvor war das Bruttoinlandprodukt (BIP) des Landes noch mit rund 10 Prozent pro Jahr gewachsen. Ein Preissturz auf Erdöl und Landwirtschaftsprodukten brachte 1986 Kameruns Wirtschaft jedoch aus dem Gleichgewicht. In der Folge mussten Importe gedrosselt, Staatsausgaben gekürzt, ineffiziente Staatsbetriebe restrukturiert und die heimische Währung, der CFA-Franc, abgewertet werden. Sieben Jahre lang verzeichnete das BIP Wachstumsraten um null Prozent.[1]
Betrachtet man das BIP nicht im Total, sondern in Pro-Kopf-Grössen (d.h. man teilt die jährliche Wirtschaftsleistung durch die gesamte Bevölkerung), so ergibt sich ein noch dramatischeres Bild: Nach 1987 ging das BIP pro Kopf jährlich um 3,2 Prozent zurück. Damit betrug es 1994 glatte 20 Prozent weniger als sieben Jahre zuvor:
Aus der unterschiedlichen Entwicklung von BIP und BIP pro Kopf wird klar, dass das Bevölkerungswachstum für den Wohlstand eines Landes eine wichtige Rolle spielt. Sollen die Einkommen in einem Land langfristig steigen, so muss dessen Wirtschaftsleistung mindestens so schnell wachsen wie die Bevölkerung.
Afrikanische Länder weisen in dieser Hinsicht ein «Handicap» auf. Hohe Geburtenzahlen und eine sinkende Sterblichkeit bescheren ihnen seit einigen Jahrzehnten ein hohes Bevölkerungswachstum. In Kamerun betrug dieses seit 1960 jährlich 2,5 Prozent. Aus der untenstehenden Grafik wird ersichtlich, dass sich die damit verbundene Altersstruktur erst langfristig verändern wird:[2]
Hohes Bevölkerungswachstum ist mit ein Grund dafür, dass es afrikanischen Ländern schwer fällt, den wirtschaftlichen Abstand zu den Industrienationen zu verringern.
Ordnet man heute alle WM-Teilnehmer nach ihrem BIP pro Kopf, so liegt Kamerun nach wie vor in den letzten Rängen.[3] Ob dies ein gutes Zeichen ist? Angeschlagene Löwen kämpfen bekanntlich am härtesten…
Für das iconomix-Team
Simon Schmid
[2] UN Population Division. Lesebeispiel: Im Jahr 2000 war rund 8% der Bevölkerung zwischen 0 und 5 Jahre alt (unterster Balken; links Männer, rechts Frauen). Rund 7,5% war zwischen 5 und 10 Jahre alt (zweitunterster Balken), etc.
[3] index mundi




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