Schweizerische Nationalbank
Deutschschweizer sind unternehmensfreudiger
Studie
Beschäftigung, Einkommen, Konjunktur
()
77 Aufrufe
Deutschschweizer sind unternehmensfreudiger
Freitag, 09. November 2018

Wer glaubt, der Schweizer Heimatort sei bedeutungslos, der täuscht sich. Zwei Zürcher Ökonomen zeigen, dass er für eine kulturell tief verwurzelte Einstellung zum Unternehmertum steht.

Es gibt einen Röstigraben bei Firmengründungen. Quelle: wikimedia.org (CC).

Der Bürgerort mag bei gewissen Landsleuten emotionale Heimatgefühle wecken, doch juristisch hat er mittlerweile (fast) jede Bedeutung verloren. Zwei Zürcher Ökonomen, Katharina Erhardt und Simon Hänni, sind dennoch dankbar, dass der alte Zopf bisher (noch) nicht abgeschnitten wurde. Denn sie haben sich das Schweizer Unikum zunutze gemacht, um kulturelle Unterschiede als Treiber von Unternehmensgründungen zu untersuchen. Ihr Befund: Leute mit einem Deutschschweizer Bürgerort gründen mehr Unternehmen als jene mit Westschweizer Bürgerort.

Die Suche nach Erklärungen

Die naheliegende Erklärung, dass die Deutschschweiz – bspw. aufgrund der Grösse des Marktes – ein lukrativeres Pflaster für Firmengründungen ist, erweist sich als falsch. Denn der Deutschschweizer-Westschweizer Unterschied ist unabhängig vom Wohnort. Das heisst: Nicht nur in Zürich, Basel oder Bern gründen Leute mit Deutschschweizer Wurzeln mehr Unternehmen als die Landsleute mit Westschweizer Wurzeln, sondern auch in Genf oder Lausanne. Konkret: Selbst wenn zwei Personen in derselben Gemeinde wohnen und damit (potentiell) im selben Markt aktiv sind, hat die Person mit Deutschschweizer Heimatort eine höhere Wahrscheinlichkeit, ein Unternehmen zu gründen, als diejenige mit Westschweizer Heimatort.

Wagen die Deutschschweizer eher den Schritt in die unternehmerische Selbstständigkeit, scheitern dann aber häufiger und schneller? Nein. Denn die Autoren zeigen, dass – einmal gegründet – Firmen von Deutschschweizern gleich erfolgreich sind wie diejenigen von den welschen Kollegen. Damit ist im gleichen Atemzug die Hypothese (praktisch) ausgeschlossen, dass die Welschen einfach geringere unternehmerische Fähigkeiten haben.

Die Autoren diskutieren zwei verbleibende mögliche Ursachen für den Deutschschweizer-Westschweizer-Effekt. Menschen mit Deutschschweizer Wurzeln könnten schlicht eine höhere Präferenz für selbständige unternehmerische Tätigkeit haben oder sie könnten risikofreudiger sein als die Kollegen mit Wurzeln ennet dem Röstigraben. Für letztere Erklärung gibt es empirische Hinweise. Gemäss einer Umfrage von Falk et al. (2017) ist der Westschweizer im Durchschnitt generell risikoscheuer als der Deutschschweizer. Weitere Evidenz in diese Richtung liefern Umfragedaten des Global Entrepreneur Monitors, gemäss dem dasselbe Muster bei der Risikoaversion auch für die Unternehmer gilt.

Kultureller Hintergrund des Unternehmertums

Die Resultate der beiden Zürcher Forscher zeigen, dass der kulturelle Hintergrund bei Unternehmensgründungen – und damit generell für die wirtschaftliche Prosperität – entscheidend mitspielt. Gemäss einer groben Schätzung der Autoren sind rund 3,4% der Schweizer Arbeitsplätze auf die grössere Lust auf Unternehmensgründungen von Deutschschweizern zurückzuführen. Die Affinität zum Unternehmertum via den Mechanismus der geringeren Risikoaversion wird nicht vom Umfeld vermittelt, sondern hat tiefere kulturelle Wurzeln. Denn der Effekt hängt – wie einleitend erwähnt – nicht vom Wohnort, sondern vom Heimatort ab.

Diese Erkenntnis fügt sich in frühere Forschung zum Thema ein: bspw. zeigen Lassmann und Busch (2015), dass Einwanderer in den USA eher unternehmerisch tätig sind, wenn in ihrem Herkunftsland die Selbständigerwerbendenquote hoch ist. Davidsson (1995) sowie Davidsson und Wiklund (1997) zeigen, dass regionale Unterschiede in Einstellungen zum Unternehmertum korreliert sind mit der Häufigkeit von tatsächlichen Unternehmensgründungen. Es sind also nicht nur die Erfolgsaussichten, also die Erfolgswahrscheinlichkeiten und die im Erfolgsfall winkende Rendite, sondern auch kulturelle Unterschiede, bspw. die Sprache als Teil der Kultur, die eine Rolle spielen für die unternehmerische Dynamik.

Zum Thema:

Dies ist ein Gastbeitrag. Inhaltlich verantwortlich ist der jeweilige Autor, die jeweilige Autorin.

× Vielen Dank für Ihren Kommentar. Er wurde erfolgreich zur Überprüfung übermittelt.

Kommentare

Anzahl verbleibender Zeichen: 800
captcha

Diese Seite wurde noch nicht kommentiert.

Verfassen Sie den ersten Kommentar.