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Wirtschaft fürs Allgemeinwohl
Freitag, 28. September 2018

Die Wirtschaftswissenschaften sind insbesondere seit der Finanzkrise in Verruf geraten. Jean Tirole will das ändern.

Quelle: flickr – OECD (CC)

2014 erhielt der französische Ökonom Jean Tirole den Nobelpreis für seine Forschung zum Thema Marktmacht und Regulierung. «Dieser Gewinn verändert dein Leben», sagte er dazu. Plötzlich wurde er als Experte zu allen möglichen Themen befragt. Darunter auch zu solchen, mit denen er kaum vertraut war.

Die vielen Anfragen sorgten dafür, dass Tirole die Rolle von Ökonomen und Ökonominnen in der Gesellschaft hinterfragte. Das Resultat dieser Überlegungen ist «Economics for the Common Good». Mit diesem im letzten Herbst erschienenen Buch will er die Ehre der Ökonomenzunft wiederherstellen, die insbesondere unter der letzten Finanzkrise gelitten hat. Zudem will er aufzeigen, wie nützlich die Wirtschaftswissenschaften für die Gesellschaft sein können.

Eine Fülle von Themen

Neben vielen Hintergrundinformationen zu Entwicklungen in der Ökonomie geht Tirole auch auf aktuelle Themen ein. In zugänglicher Sprache nimmt sich das Buch komplexer Themen wie Klimawandel, Finanz- bzw. Eurokrise und Arbeitsmarktgesetze an und besticht mit klaren ökonomischen Analysen und Argumenten. Die letzten Kapitel behandeln die Digitalisierung und die Zukunft der Arbeit. Tirole beleuchtet darin nicht nur die technologiegetriebenen Effizienzgewinne, sondern auch deren Auswirkungen auf die Einkommensungleichheit. Zudem macht er konkrete Vorschläge, wie wir die damit einhergehenden Herausforderungen bewältigen können.

Obwohl Tirole eine Fülle an sehr unterschiedlichen Problemen diskutiert, zeigt er, dass er sich in den jeweiligen Themengebieten auch auskennt, indem er stets sorgfältig fundiert argumentiert und die direkten und indirekten Auswirkungen von Massnahmen veranschaulicht. Damit belegt er, wie schwierig es sein kann, eine gute Lösung für ein Problem zu finden.

Vorsicht Nebeneffekte

Diese Stärke der Ökonomie, falschen Intuitionen und vergessenen versteckten Zusammenhängen auf die Spur zu kommen, illustriert Tirole in seinem Buch mit vielen Beispielen aus verschiedenen Themengebieten.

Wenn beispielsweise Arbeitgeber und Gewerkschaften um die Ausgestaltung von Arbeitsplatzsicherheiten streiten, haben oft Arbeitssuchende das Nachsehen, weil die Firmen ungern neue Leute anstellen, wenn es immer schwieriger wird, sie allenfalls später auch wieder zu entlassen.

So kann es auch schlecht für die Umwelt sein, wenn ein Land strengere Umweltvorschriften einführt. Das könnte z.B. bei einer neuen Abgasvorschrift der Fall sein, wenn dadurch im Land mit den strengeren Vorschriften viele Leute öfters aufs Auto verzichten und mehr öffentliche Verkehrsmittel benutzen. Dann kann es sein, dass sich dadurch der Ölkonsum in diesem Land so stark reduziert, dass der Ölpreis auf dem Weltmarkt sinkt. In diesem Fall wird der positive direkte Effekt des sparsameren Ölverbrauchs in einem Land durch einen höheren Verbrauch im Rest der Welt wieder wettgemacht.

Tirole bespricht auch die Rolle von finanziellen Anreizen. So ist es beispielsweise problematisch, jemanden für eine Tätigkeit, die er oder sie zuvor gratis gemacht hat, zu bezahlen. Ein Beispiel dafür ist das Blutspenden. Viele Spendende tun dies aus der Überzeugung, damit etwas Gutes zu tun. Wenn das Spenden bezahlt wird, befürchten viele Spendende, dass ihre gute Tat als Habgier ausgelegt wird und sie spenden folglich weniger oder gar kein Blut mehr.

Kinder für gute Noten zu bezahlen ist ebenfalls keine gute Idee. Dadurch kann zum einen das Interesse am Lernen verloren gehen. Ausserdem kann es sein, dass das Kind die Zahlung als Signal versteht, dass Lernen eine uninteressante Tätigkeit ist, die bezahlt werden muss. Die innere (intrinsische) Motivation des Kindes nimmt durch die Geldzahlung ab. Schlimmstenfalls möchte das Kind ohne äussere finanzielle (extrinsische) Motivation gar nicht mehr Lernen.

Tirole zeigt in seinem Buch, wie die Ökonomie mithelfen kann, dass in politischen Debatten alle relevanten Faktoren berücksichtigt und keine versteckten Zusammenhänge übersehen werden. Die Rolle der Ökonomen sieht Tirole darin, dass sie sich öffentlich äussern, wenn ihr Themengebiet politisch debattiert wird. Damit dienen sie letztendlich der Gesellschaft, die dadurch besser informierte Entscheidungen treffen kann.

Jean Tirole. Economics for the Common Good. Princeton University Press, 2017.

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