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Freitag, 07. September 2018

Altruismus muss sich rechnen, erklären Anhänger des effektiven Altruismus. Was steckt dahinter? Und weshalb können Investmentbanker mehr Leben retten als Ärzte?

Bild: wikimedia - Rafael Matsunaga (CC)

Niemals hätte sie gedacht, dass sie eines Tages im Investmentbanking landen würde. Ärztin wollte sie werden. Vielleicht Entwicklungshelferin. Möglichst vielen Menschen helfen, das war ihr sehnlichster Wunsch. Ihre Bestimmung.

Aber dann kam alles anders. Nun sitzt sie da, mitten im Grossraumbüro, fast gänzlich umrundet von drei hektisch flimmernden Bildschirmen. Ihre Hände schweben über der Tastatur, während ihre Finger flink und bestimmt Transaktionen bestätigen, die alsbald in der schieren Unendlichkeit des Internets zu verschwinden scheinen. Von notleidenden Menschen keine Spur.

Was ist mit Sarah passiert? Was hat sie von ihrer Bestimmung abgebracht? «Nichts. Sie überlegt nur rational», würden Vertreter des «effektiven Altruismus» argumentieren.

Der Clou der Geschichte: Sarah hilft letzten Endes wahrscheinlich mehr Menschen, als sie es in vielen anderen Jobs tun würde. Sarah verdient gut in der Bank. Wesentlich besser als in anderen Jobs. Zwar gibt sie keine Spritzen und berät keine werdenden Mütter in Malawi, dafür spendet sie zehn Prozent ihres Lohnes für effektive Entwicklungshilfe. So predigen dies die Anhänger des «effektiven Altruismus».

Spenden ja, aber schlau

Auf den Punkt gebracht, gibt der «effektive Altruismus» folgende Handlungsempfehlung: Wähle denjenigen Job, bei dem du am meisten verdienst, um einen möglichst grossen Teil davon klug und besonnen zu spenden.

Letzteres ist besonders wichtig. Denn emotionales Spenden ist oftmals ineffizient. Und ineffizientes Spenden schadet mehr, als es nützt. Nicht nur weil das Geld an einem anderen Ort mehr Nutzen stiften könnte, auch weil eine Spende oftmals als Freibrief ausgelegt wird, um sich in einem anderen Bereich unmoralischer zu verhalten: Wer für gestrandete Wale spendet, fliegt unbeschwert im CO2-lastigen Kurzstreckenflug.

Glücklicherweise hat die Forschung in den letzten Jahren einiges dazugelernt. Man weiss heute ungefähr, welche Art von Massnahmen effizient ist und welche nicht. Entwicklungshilfe ist nicht einfach Entwicklungshilfe. Kontrollierte Feldexperimenten helfen Forschern herauszufinden, wie viele Menschenleben pro Spendenfranken gerettet oder verbessert werden können. Stimmt das Verhältnis zwischen Kosten und Nutzen nicht überein, ist es besser, das Geld irgendwo anders zu investieren.

Was etwas unverfroren klingt und hart ist für diejenigen Personen, die mangels gutem Kosten-Nutzen Verhältnis keine Unterstützung erhalten, trägt dennoch eine gewisse Richtigkeit in sich. Insgesamt kann durch effizientes Spenden weit mehr Menschen geholfen werden.

Augen auf bei der Berufswahl

Sarah gehört zu den hartgesottenen Anhängern des effektiven Altruismus. Für diese macht die philosophische Strömung auch bei der Berufswahl nicht halt. Dazu gehört beispielsweise die Initiative «80,000 hours», welche jungen Menschen hilft, diejenige Berufswahl zu treffen, mit der sie das Leben von möglichst vielen Menschen verbessern können.

Sich die Berufswahl diktieren zu lassen, ist wohl für die meisten etwas zu viel der Hingabe. Klar ist, dass diese praktische Ethik auch Tür und Tor für Kritik öffnet: Was ist, wenn der gutbezahlte Job Menschen schadet? Darf man Mafiaboss werden, wenn man das ergaunerte Geld anschliessend spendet? Was ist, wenn Sarah plötzlich realisiert, dass sich Luxus gar nicht so schlecht anfühlt und Spenden doch nicht so lustig ist, wie in jungen Jahren gedacht? Hätte sie dann als Ärztin nicht doch mehr bewirken können? Was ist mit dem Leid von Tieren? Und wenn Tiere miteinbezogen werden, hat dann der Königspinguin die gleichen Rechte wie die rote Feuerameise?

Fragen über Fragen. Dennoch, Detailfragen und Haarspalterei sollen nicht darüber hinwegtäuschen, dass der «effektive Altruismus» in einer gemässigten Form auf einen löblichen Weg weist: Wer helfen will, soll sich auf seinen Verstand und nicht auf seine Emotionen verlassen – auf wissenschaftliche Erkenntnisse, statt auf emotionalisierende Kampagnen von Spendenorganisationen, die möglicherweise mehr Wert auf ihr eigenes Fortbestehen und ihr Image legen, als auf die tatsächliche Beseitigung von Problemen.

Auch wenn es im ersten Moment total unromantisch klingt: Eine gewisse ökonomische Abwägung zwischen Kosten und Nutzen kommt der Menschheit insgesamt zugute. Die Ökonomie meint das auch gar nicht böse, sondern kann hier wirklich helfen. Wirklich!

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