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Wo sind die Ökonominnen?
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Wo sind die Ökonominnen?
Freitag, 18. Mai 2018

Die Frauen scheinen in der Ökonomie untervertreten zu sein. Eine Suche nach den Gründen.

Die ehemalige Chefin der US-Notenbank, Janet Yellen, ist eine der wenigen Ökonominnen, die auch der breiten Öffentlichkeit bekannt ist. Bild: flickr – Brooking Institutions (CC)

Renommierte Ökonominnen scheinen ein rares Gut zu sein. Erst eine Frau, Elinor Ostrom, erhielt den sogenannten Nobelpreis in Wirtschaftswissenschaften, der seit 1969 jährlich verliehen wird. Im Jahr 2015, ein Jahr nachdem Janet Yellen zur ersten Präsidentin der US-amerikanischen Notenbank gewählt wurde, stand bei gerade mal 16 der 186 Zentralbanken eine Frau an der Spitze.

«Wo sind nur die Ökonominnen?», fragt die Financial Times. Es mag viele Gründe für die markante Absenz von Frauen in den einflussreichen Positionen der Wirtschaftswelt geben, der wichtigste Grund aber dürfte sein, dass sich wenige Frauen überhaupt für ein Volkswirtschaftsstudium entscheiden.

Wenige Absolventinnen

Im Vereinigten Königreich und in den USA sind über alle Fachbereiche gesehen fast 60 Prozent der Bachelor-Absolvierenden weiblich, aber nur etwa ein Drittel der Studierenden mit einem Bachelor in Volkswirtschaftslehre sind Frauen. Und in der Schweiz? An den hiesigen Universitäten zeigt sich ein ähnliches Bild.

Laut dem BFS fällt eine leichte Mehrheit aller Bachelorabschlüsse auf die Frauen: Aktuell liegt der Anteil bei rund 53 Prozent. In den Wirtschaftswissenschaften sind es seit 2010 rund 32 Prozent. Zwar werden bei diesen Zahlen sowohl BWL- als auch VWL-Studierende gezählt, das Ungleichgewicht dürfte aber in beiden Bereichen ähnlich sein.

Wie die Tabelle unten zeigt, verzeichneten im Jahr 2016 nur die exakten Wissenschaften (knapp 20 Prozent Frauen) und die technischen Wissenschaften (knapp 30 Prozent Frauen) ein grösseres Übergewicht an Männern in der Schweiz.

Gemäss den Daten scheint also nicht nur das Problem zu sein, dass Ökonomen bevorteilt werden und etliche Ökonominnen darauf warten, eine Spitzenposition besetzen zu können, sondern auch, dass viele mögliche Starökonominnen lieber ein anderes Studienfach wählen.

Hat die Ökonomie ein Image-Problem?

Dass die Ökonomiestudentinnen in der Unterzahl sind, ist nicht per se etwas Schlechtes. Trotzdem ist es eine spannende Frage, warum sich relativ wenige Frauen zu diesem Studienfach entschliessen. Die Financial Times macht vor allem das Image der Ökonomie dafür verantwortlich: Beim Thema Wirtschaft denken viele an Herren in Anzügen. Wie eingangs erwähnt gibt es wenige Identifikationsfiguren, denen Frauen nacheifern können.

Zudem setzt eine Mehrzahl der nicht-Ökonominnen und -Ökonomen Volkswirtschaft in erster Linie mit Finanzen, Prognosen und Börsenanalysen gleich. Dass sich die Ökonomie beispielswiese auch mit der Sozialen Mobilität, der Wirksamkeit von Massnahmen in der Entwicklungshilfe oder der wachsenden Sterblichkeit der weissen US-Amerikaner befasst, ist weniger bekannt (es sei denn, Sie lesen regelmässig den iconomix-Blog). Diese Unwissenheit trägt dazu bei, dass weniger Frauen (und Männer) ein Volkswirtschaftsstudium in Betracht ziehen.

Eine Studie aus England zeigt, dass Frauen mit einem Bachelor in Ökonomie zwar ein vergleichsweise gutes Salär erzielen, aber bei der Studienwahl die späteren Verdienstmöglichkeiten weniger gewichten als Männer. Ein Papier von zwei Forschenden aus den USA meint in den Noten den entscheidenden Faktor gefunden zu haben. Frauen reagieren sensibler auf Feedback und in den Wirtschaftswissenschaften werden Leistungen stets mit Noten bewertet. Deshalb brechen Frauen das Ökonomiestudium eher ab als Männer, nachdem sie eine schlechte Note erhalten haben, so die These der Publikation.

Wer dem Thema der untervertretenen Ökonominnen etwas nachgeht, findet viele Erklärungen, warum Frauen sich weniger oft für ein Wirtschaftsstudium begeistern können. Ebenso viele Argumente werden in die Diskussion eingebracht, ob etwas an dieser Situation geändert werden soll oder überhaupt kann. Im Hinblick darauf, dass Ökonomen und Ökonominnen einen vergleichsweise starken Einfluss auf politische Entscheide haben, wäre zumindest aus demokratischer Sicht ein grösseres weibliches Interesse an der Ökonomie begrüssenswert.

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