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Der US-Mittelstand in Nöten
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Der US-Mittelstand in Nöten
Freitag, 06. April 2018

Viele Drogensüchtige trotz strenger Drogengesetze, wie funktioniert das? Ein Blick in die Vergangenheit gibt Aufschluss.

Das Opioid Oxycontin galt als Allheilmittel und wurde dementsprechend oft von Ärzten verschrieben. Bild: pixabay - stevepb (CC)

Seitdem Richard Nixon 1971 den «Krieg gegen Drogen» deklarierte, sah sich die USA als weltweiten Vorreiter im Kampf gegen den Betäubungsmittelmissbrauch. Im Rahmen dieser Operation wurden nicht nur Drogenhändler aus dem Verkehr gezogen, sondern auch deren Konsumenten kriminalisiert.

Angesichts dieser Drogenpolitik liessen Ärzte beim Verschreiben von opioidhaltigen Substanzen hohe Zurückhaltung walten. Dies änderte sich als im Jahre 1996 ein verschreibungspflichtiges Schmerzmittel namens Oxycontin auf dem Markt erschien.

Oxycontin als Allheilmittel

Obschon Oxycontin ein stark wirkendes Opioid ist, wurde es damals als Medikament für chronische Schmerzen vermarktet. Im Laufe der Zeit hat sich das Medikament zu einem Allheilmittel gemausert, das bei Schmerzbeschwerden jeglicher Art zum Einsatz kam.

Familienväter mit einem Bandscheibenvorfall oder Teenager mit gezogenen Weisheitszähnen wurden zur Linderung ihrer Schmerzen mit Oxycontin behandelt. Als das Schmerzmittel abgesetzt wurde, blieben einige Patienten süchtig danach.

Als Konsequenz kehrten die Oxycontin-Abhängigen unter Vorwand von starken Schmerzen zu ihren Ärzten zurück, die den Süchtigen ein Rezept ausstellten. Im Laufe der Zeit rutschte deshalb eine wachsende Anzahl von Leuten unwissend in die Medikamentensucht.

Parallel zu den «Junkies», die das Medikament wissentlich als Droge missbrauchten, bildete sich eine neue Gruppe von Abhängigen, die zunehmend aus mittelständigen Haushalten stammte und ihre Sucht durch verschreibungspflichtige Medikamente befriedigten.

Von Oxycontin zu Heroin

Als die Medikamentensucht des Mittelstandes nicht mehr zu verbergen war, versuchten einige Bundesstaaten die Vergabe von verschreibungspflichtigen Schmerzmittel stärker einzuschränken. So wurde beispielsweise ein neues System etabliert, das es Apotheken und Ärzten ermöglicht, ein Rezept auf den ausstellenden Arzt zurückzuführen.

Damit erhofften sich die US-Behörden, dem leichtsinnigen Verschreiben von opioidhaltigen Medikamenten ein Ende zu setzen – mit Erfolg. Durch die Massnahme reduzierte sich das Oxycontin-Angebot und viele Süchtige verloren daraufhin ihre regelmässig verschriebenen Drogenrationen, ohne die sie jedoch unter Entzugserscheinungen litten.

Indem das Oxycontin-Angebot einbrach und der Bedarf auf konstant hohem Niveau verblieb, entstand kurzfristig ein Nachfrageüberschuss für das verschreibungspflichtige Medikament. Dieser begrenzte Zugang liess die Preise für das Schmerzmittel in die Höhe schnellen und machte es für viele Medikamentenabhängige unbezahlbar. 

In der Folge wurden viele Süchtige in den Schwarzmarkt gedrängt. Dort kriegten sie zwar kein Oxycontin, konnten ihre Entzugserscheinungen aber durch das kostengünstigere – und um ein Vielfaches wirksamere – Heroin bekämpfen.

Wie relevant diese Entwicklung ist, zeigt eine Studie von 2014: Seit 2000 begann für rund 75 Prozent der Heroinnutzer in den USA die Drogensucht mit der Einnahme eines verschreibungspflichtigen Medikaments wie Oxycontin oder Fentanyl.

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