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Welche Versicherungen soll ich abschliessen?
Finanzielle Grundbildung
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Freitag, 02. Februar 2018

Im Nachhinein weiss man, ob sich die Reisegepäckversicherung gelohnt hat (oder hätte). Entscheiden müssen wir aber im Vorhinein. Eine Orientierungshilfe für den Umgang mit versicherbaren Risiken.

Bild: pixabay – Glavo (CC)

Der heutige Versicherungsmarkt bietet Absicherung gegen alle erdenklichen Risiken. Top-Torwart Manuel Neuer versichert seine Hände und Cristiano Ronaldo die Beine. Die teuersten Beine hat aber Pop-Diva Mariah Carey. Für knapp eine Milliarde Dollar wurden sie vor einer USA Tournee versichert, aus Angst, die geplanten Werbeaufnahmen für die Gillette Nassrasierer könnten aufgrund einer Beinverletzung ins Wasser fallen. Für Normalsterbliche sind eher Angebote wie Reiseversicherung, Krankenzusatzversicherung, Hausratversicherung oder Berufsunfähigkeitsversicherung ein Thema. Doch auch hier ist das Angebot zuweilen unübersichtlich gross. Haben Sie bspw. schon mal von einer Hochzeitsversicherung gehört (falls man wegen Krankheit nicht vor den Altar treten kann) oder von einer Shoppingversicherung (falls auf dem Heimweg die Ware gestohlen wird)?

Der Deal mit der Versicherung klingt für den risikoaversen Versicherten interessant: Er bezahlt eine vorhersehbare Prämie und die Versicherung übernimmt die risikobehafteten finanziellen Konsequenzen der Schadenfälle. Die Versicherung ihrerseits ist bezüglich des übernommenen Risikos (fast) risikoneutral, denn sie kann es mit tausenden anderen Risiken verrechnen und damit wegdiversifizieren. Mit anderen Worten, da nicht alle Versicherten gleichzeitig einen Blechschaden bauen oder einen Wasserrohrbruch haben, kann die Versicherung die monatlichen Schadensummen recht präzise vorhersehen. Im Fachjargon: Für die Versicherung stellt der einzelne Versicherte ein «unsystematisches» oder «diversifizierbares» Risiko dar. So funktioniert das Versicherungsgeschäft, und zwar umso besser, je unkorrelierter die versicherten Risiken sind.

Sicherheit hat ihren Preis

Weil Versicherungen mit den eingenommenen Prämien neben den Schadensummen auch Löhne, Mieten, Zinsen, Büromobiliar, Firmenwagen, etc. abdecken müssen, ist die Versicherung für den durchschnittlichen Kunden im Erwartungswert ein Verlustgeschäft. Ein Versicherungsabschluss macht also dann Sinn, wenn der Absicherungsvorteil den negativen Erwartungswert mindestens aufwiegen kann. Daher lohnt er sich umso mehr, ...

  • ...je grösser das versicherte Risiko ist und...
  • ...je weniger hoch der Verlust im Erwartungswert ist.

Zum ersten Punkt: Gegeben die erwartete Schadensumme ist ein kleines Risiko durch eine vergleichsweise hohe Auftretenswahrscheinlichkeit und einen kleinen Schaden charakterisiert. In diese Kategorie fallen die Beschädigung des Mobiltelefons oder der Diebstahl des Fahrrads. Bei einem grossen Risiko tritt mit kleiner Wahrscheinlichkeit eine hohe Schadensumme auf. Beispiele dafür sind die finanziellen Folgen von Rechts- und Streitfällen oder von einer schweren Erkrankung. Die Versicherung kann – sofern der Pool an Versicherten genügend gross ist – all diese Risiken wegdiversifizieren und muss ein grösseres Risiko kaum mittels höheren Prämien auf den Kunden abwälzen. Deshalb lohnt sich das Geschäft umso mehr, je grösser das Risiko ist, das der risikoaverse Kunde der risikoneutralen Versicherung übertragen kann.

Zum zweiten Punkt: Ob und wie hoch das Verlustgeschäft für den Einzelnen im Erwartungswert ist, hängt namentlich davon ab, ob man mit guten oder schlechten Risiken im Versichertenpool ist. Dabei spielt auch die Betrugsanfälligkeit beim versicherten Schaden eine Rolle, denn der Versicherungsbetrug der anderen wird über die Prämien mitfinanziert. Ein freilich unattraktives Geschäft, vorausgesetzt natürlich, man hat selber keine Betrugsabsichten.

Ob man in einem Versichertenpool mit guten oder schlechten Risiken landet, kann man durch die Wahl des Selbstbehalts etwas steuern. Wer einen tiefen Selbstbehalt wählt, begibt sich in einen Pool mit schlechten Risiken. Ein hoher Selbstbehalt wird tendenziell von denjenigen gewählt, die nicht unbedingt mit Schadenfällen rechnen, keine Betrugsabsichten haben aber dennoch für den Worst Case abgesichert sein wollen.

Was kann man daraus Zählbares ableiten?

Durchaus sinnvoll kann bspw. eine Rechtsschutzversicherung sein. Die Wahrscheinlichkeit, dass man plötzlich unerwartet anwaltlichen Beistand braucht, ist eher klein, doch die Kosten steigen schnell in ungemütliche Sphären. Kombiniert mit einem hohen Selbstbehalt kann man zudem vermeiden, die Prozesskosten von klagewütigen Zeitgenossen mitzufinanzieren. Auch eine Lebensversicherung ist vor dem Hintergrund des Gesagten eine Überlegung wert.

Gut überlegen muss man sich hingegen eine Versicherung des Mobiltelefons oder von Hausrat wie Elektrohaushaltgeräte, Schmuck oder Sportgeräte gegen Beschädigung oder Diebstahl. Hier ist der Schaden selten existenzbedrohend, womit der Diversifikationsvorteil der Versicherung klein ist. Die Betrugsanfälligkeit ist hoch, was dazu führt, dass der ehrliche Versicherte fast immer draufzahlt. Was die Prämie zusätzlich erhöht, ist das sog. Moral Hazard, also das Risiko, sich nach Abschluss der Versicherung besonders leichtsinnig zu verhalten und so die Wahrscheinlichkeit eines Schadens zu erhöhen. Bei einer Lebensversicherung dürfte dies kaum eine Rolle spielen, doch gegen den Verlust des Mobiltelefons stemmt man sich weniger energisch, wenn die Versicherung ein neues zahlt.

Bleibt noch das Argument, dass man gelassener durchs Leben geht, wenn man weiss, dass man im Schadenfall abgesichert ist. Das mag ein Argument für eine Lebensversicherung sein. Doch wem der mögliche Verlust des Mobiltelefons schlaflose Nächte bereitet, dem sei eher der Arzt als der Versicherungsberater empfohlen.

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