Schweizerische Nationalbank
In der Haut eines Zentralbankers
Geld, Währung, Finanzen
()
128 Aufrufe
In der Haut eines Zentralbankers
Mittwoch, 09. Januar 2013

Das Modul «Geldpolitik» mit der Applikation Mopos als Herzstück gehört zu den beliebtesten, sprich: meistgenutzten Angeboten von iconomix.

Mopos ist als Rollenspiel angelegt. Die Lernenden können darin (unter vereinfachenden Annahmen) Zinsentscheide treffen. Sie kommen so den grundlegenden Wirkungszusammenhängen zwischen Zins, Inflation und Konjunktur handelnd auf die Spur und erleben, wie sich geldpolitische Entscheide auswirken.

Bild: SNB

Diese Art von simulationsgestützten, didaktischen Rollenspielen zum Verständnis der Gelpolitik ist in letzter Zeit in die Kritik geraten (siehe unten, Links zum Thema). Kritisiert wird, dass sie die aktuelle geldpolitische Situation in keiner Weise reflektieren.

Zugegeben: Mopos ist eine stark vereinfachte Welt. Vieles, was die Geldpolitik in der Realität beeinflusst und auch erschwert, ist darin ausgeblendet. Folgende drei Episoden aus den letzten Jahren veranschaulichen diesen Sachverhalt:

(1) Nach dem Kollaps von Lehman Brothers im September 2008 reagierte die SNB mit ihrer Zinspolitik rasch und heftig. In mehreren, kurz aufeinander folgenden Schritten nahm sie den Leitzins (den Dreimonate-Libor-Satz in Franken) zurück. Bei null gibt es freilich eine Grenze.[1] Wie aber wird die Geldpolitik an der Zinsuntergrenze weitergeführt? In Mopos ist hier das Ende der Fahnenstange erreicht; es bleibt nur noch zu hoffen, eine Serie von Schocks möge die Volkswirtschaft vor dem Fall in die Deflationsspirale erretten. In der Realität indessen hat die Geldpolitik die Möglichkeit, zu sogenannt unkonventionellen Massnahmen zu greifen. Dazu gehören u.a. Swap-Geschäfte, Devisenkäufe, Käufe von Unternehmensanleihen und (wenn auch nicht in der Schweiz) von Staatsanleihen. Ihnen allen ist gemeinsam, dass sie die Geldmenge und damit die Notenbankbilanz aufblähen.

(2) Im Sommer 2011 spitzte sich die Krise in der Eurozone zu. Der Schweizer Franken war gefragt wie noch selten und wertete sich innert kurzer Zeit markant auf. Wie hat die SNB darauf reagiert? Sie hat zuerst die seit Mitte 2010 getätigten liquiditätsabschöpfenden Massnahmen gestoppt. Danach hat sie damit begonnen, dem System (wieder) Liquidität zuzuführen. Nachdem die gewünschte Wirkung – nämlich eine Dämpfung des Aufwertungsschocks – nicht erreicht werden konnte, hat sie Anfang September 2011 einen Mindestkurs gegenüber dem Euro eingeführt.

(3) Die Nullzinspolitik und die Extremmassnahme Einführung des Mindestkurs wurden ergriffen, um Schlimmeres in Form einer markanten Deflation und schweren Rezession zu verhindern. Sie haben allerdings auch ihre Kehrseiten. Durch die tiefen Zinsen und die grosszügige Geldversorgung (u.a. im Zuge der Verteidigung des Mindestkurses) sind im Inland lockere, möglicherweise zu lockere Kreditbedingungen entstanden. Es besteht die Gefahr von Ungleichgewichten und Übertreibungen, allen voran im Immobiliensektor. Solche könnten letztlich die Finanzstabilität bedrohen.

Keine der drei Episoden lässt sich in Mopos simulieren bzw. nachbilden. Wobei betont werden muss: das Modell hinter Mopos ist nicht irgendein Fantasiemodell, sondern eine einfache Version des bis vor kurzem üblichen Standardmodells der makroökonomischen Forschung. In dieser Art Modell fehlen wichtige Elemente bzw. sind nur ansatzweise abgebildet. Nachfolgend eine (nicht abschliessende) Liste solch fehlender Elemente:

  • Wechselkurskanal und der Einfluss globaler Faktoren sind nur rudimentär dargestellt;
  • Ein Finanzsektor fehlt gänzlich, und damit Märkte für Vermögenswerte (Aktien, Immobilien usw.), die Möglichkeit der Bildung von Spekulationsblasen, Fehlinvestitionen, Überschuldung und Insolvenz, ja selbst Banken, Kredit und Geld kommen in dieser Art Modelle nicht vor;[2]
  • Unkonventionelle Geldpolitik unter Einsatz der Notenbankbilanz (im Jargon: mengenmässige Lockerung) gibt es in Mopos nicht.

Aus heutiger Sicht (nach der Erfahrung der letzten Jahre) sind diese Begrenzungen als gravierend einzustufen. Auf der anderen Seite ist die Welt von Mopos damit nicht einfach hinfällig. Gewisse Lehren aus Mopos sind auch heute noch gültig:

  • Nach wie vor beeinflusst die Geldpolitik mit ihrem Handeln die monetären Bedingungen – nun nicht mehr nur über den Zins, sondern auch über unorthodoxe Massnahmen.
  • Die Geldpolitik wirkt auf die Realwirtschaft immer über die gesamtwirtschaftliche Nachfrage; auf das gesamtwirtschaftliche Angebot (und damit das Wachstumspotenzial) hat die Geldpolitik keinen Einfluss. In anderen Worten: Die Geldpolitik kann Wachstum nur vorübergehend begünstigen, nicht aber dauerhaft stimulieren.
  • Die Wirkung auf die Inflation hängt von der Produktionsauslastung ab: Ist die Nachfrage stark und sind die Kapazitäten zugleich stark ausgelastet, tendiert das allgemeine Preisniveau dazu anzusteigen. Sind in der gleichen Situation die Kapazitäten unterausgelastet, kommt es – unter normalen Umständen – nicht zu Preissteigerungen auf breiter Basis.
  • Der sogenannte Transmissionsmechanismus benötigt Zeit. Deshalb muss die Geldpolitik vorausschauend sein, was die Bedeutung der Inflationsprognose als vorlaufender Indikator erklärt.
  • Die in Mopos aufgezeigten Herausforderungen der Geldpolitik sind im Prinzip die gleichen geblieben, auch wenn inzwischen weitere hinzugekommen sind (u.a. die Verbindung von «Gewährleistung der Geldstabilität» und «Finanzstabilität»).

Fazit: Mopos verdient nach wie vor einen festen Stellenwert im Wirtschaftsunterricht. Denn es macht Sinn, zuerst den «Courant normal» und die Grundmechanismen der Geldpolitik zu begreifen (wofür sich Mopos hervorragend eignet), bevor man sich ans Verstehen des heutigen, komplexen Krisenmanagements macht. Dabei dient Mopos zugleich als Startpunkt für den Vergleich mit der gegenwärtigen Situation. Wobei es hilfreich ist, wenn die Lehrperson (wie in diesem Beitrag geschehen) explizit auf die Limiten der Modellwelt von Mopos hinweist und sie zur Realität in Kontrast setzt.

Zum Thema:

Für das iconomix-Team
Manuel Wälti

 

[1] Seit Ende 2008 liegt der Repo-Satz bei 0%, seit 2010 faktisch auch der Dreimonate-Libor-Satz. Eine Senkung des Zinses unter diesen Satz hätte zur Folge, dass die Marktteilnehmer lieber Banknoten horten als einen Verlust auf ihren Anlagen hinzunehmen.

[2] In Modellen dieser Art erfolgt die Implementierung der Geldpolitik allein über den Zins (im Jargon: Zinssteuerung), der zugleich Leitzins und massgebender Marktzins ist. Für Einzelheiten siehe den Fachtext zu Mopos 3.0 von Prof. Yvan Lengwiler, Universität Basel.

× Vielen Dank für Ihren Kommentar. Er wurde erfolgreich zur Überprüfung übermittelt.

Kommentare

Anzahl verbleibender Zeichen: 800
captcha

Diese Seite wurde noch nicht kommentiert.

Verfassen Sie den ersten Kommentar.