Schweizerische Nationalbank
Reich und Arm in der Schweiz
Studie
Beschäftigung, Einkommen, Konjunktur
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Freitag, 15. Dezember 2017

Wie ungleich sind Vermögen und Einkommen verteilt und wie wahrscheinlich ist ein sozialer Aufstieg in der Schweiz? In der hitzigen Debatte über Ungleichheit in der Schweiz liefern Reto Föllmi und Isabel Martínez kühle Fakten. Eine Übersicht.

Bild: pxhere (CC)

1:12, Grundeinkommen, Abzocker, Erbschaftssteuer. Kaum ein ökonomisches Thema hat in den Jahren seit der Finanzkrise zu derart hitzigen Diskussionen geführt wie Ungleichheit. Debatten darüber sind oftmals emotional geladen und meist ideologisch getrübt. Je nachdem, welche Aspekte betont werden, welche Daten verwendet wurden oder welche Welterklärungstheorien in den Köpfen der Debattierenden herumgeistern, steht die Schweiz entweder kurz vor der sozialen Misere oder hat überhaupt kein Problem mit der «mediengehypten» Ungleichheit.

Wer sich nach Nüchternheit und Fakten in dieser Debatte sehnt, der könnte in einer kürzlich erschienenen Publikation Hoffnung schöpfen. Die Ökonomen Reto Föllmi und Isabel Martínez fassen im UBS Center Paper «Die Verteilung von Einkommen und Vermögen in der Schweiz» den aktuellen Wissenstand leicht verständlich zusammen.

Vergessen geht in der Arm-Reich-Debatte oftmals, dass es unterschiedliche Arten von Ungleichheiten gibt. So spielt die Verteilung des Einkommens ebenso eine Rolle, wie die Verteilung des Vermögens. Natürlich hängen diese zusammen, dürfen aber dennoch nicht verwechselt werden.

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Mobilität: Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein Geringverdiener im Verlaufe des Lebens Top-Verdiener wird?  Oder, dass ein Kind aus einem bescheidenen Elternhaus Professor wird? Dieser «American-Dream»-Aspekt ist deshalb wichtig, weil mit einer hohen Mobilität eine hohe Ungleichheit gerechtfertigt werden kann. Quasi: Wenn sich Menschen anstrengen, können sie alle Gräben überwinden. Und Ungleichheit gibt ihnen einen Anstoss Leistung zu erbringen, die schlussendlich allen nützt (mehr zum mittlerweile ausgeträumten «American Dream» im Blogbeitrag über die Great-Gatsby-Kurve).

Wie steht es nun um die Ungleichheit in der Schweiz? Hier die wichtigsten Erkenntnisse der Studie:

Einkommen
  • Das Durchschnittseinkommen ist rekordhoch.
  • Die Einkommensungleichheit ist wenig ausgeprägt im Vergleich zu anderen Ländern.
  • Die Einkommensungleichheit hat aber über die letzten Jahre leicht zugenommen. Stark zugenommen haben die Einkommen der Top-Verdiener. Da jedoch gleichzeitig auch die Umverteilung zugenommen hat, ist die Verteilung der Einkommen unter dem Strich ungefähr gleichgeblieben.
  • Die Umverteilung in der Schweiz ist relativ gering. Dies rührt vor allem daher, dass die Einkommen bereits ziemlich gleichmässig verteilt sind.
Vermögen
  • Die Schweiz weist das höchste Durchschnittsvermögen auf.
  • Die Vermögensungleichheit gehört zu den höchsten der Welt. Dem reichsten Prozent gehört rund 40 Prozent des Gesamtvermögens. Weil sich Vermögen anhäufen, sind Vermögen immer stärker konzentriert als Einkommen. Dennoch ist die Konzentration in der Schweiz ausserordentlich hoch. Die Autoren führen dies einerseits auf die politische Stabilität der Schweiz zurück, welche dazu beigetragen hat, dass in der Vergangenheit wenig Vermögen vernichtet wurde – im Gegensatz zu Ländern wie Deutschland. Ein weiterer Grund ist die hohe Attraktivität der Schweiz für multinationale Unternehmen und ihre Top-Verdiener, welche dank ihren hohen Einkommen auch ein hohes Vermögen anhäufen. Allerdings ist hier höchste Vorsicht geboten. Ein beachtlicher Vermögensposten wird oft vernachlässigt: die Vermögen in den Pensionskassen und der privaten Vorsorge (Säule 3a). Schlicht und einfach deshalb, weil diese Vermögen steuerfrei sind und daher nicht von der Steuerstatistik erfasst werden. Werden diese berücksichtigt, so verfügt das reichste Prozent noch ungefähr über 25 Prozent des Vermögens.
  • Ein paar weitere Millionär-Klischees unter der Lupe: Das Klischee des «einkommensschwachen Millionärs», der hungernd in seiner Villa sitzt und sich kaum Essen leisten kann, ist tatsächlich nur ein Klischee. Wer viel Vermögen hat, verdient in der Regel auch viel. Ebenfalls nur ein Klischee ist jenes des «faulen Millionärs». Zwar ist der positive Zusammenhang zwischen Einkommen und Vermögen hauptsächlich auf die Kapitaleinkommen der Reichen zurückzuführen. Ebenso sind Rentnerinnen und Rentner bei den reichsten 10 Prozent übervertreten. Aber ein Drittel der vermögendsten 10 Prozent versteuert auch ein Arbeitseinkommen, das über dem Medianeinkommen liegt.
Soziale Mobilität
  • Die Einkommensmobilität ist in den letzten Jahren nicht gewachsen und ist eher tief. Sprich: Die Reichsten sind mehrheitlich die Reichsten geblieben.
  • Die soziale Mobilität ist in der Schweiz schlechter als in vielen anderen europäischen Ländern oder Kanada. Kinder aus bescheidenen Verhältnissen haben eine geringe Chance, Top-Verdiener zu werden. Ein wichtiger Grund dafür liegt gemäss den Autoren in der tiefen Bildungsmobilität: Nur knapp 6 Prozent der Studierenden stammen aus einer niedrigen Bildungsschicht. Und ein Drittel der Schweizerinnen und Schweizer bleiben in der tiefen Bildungsschicht ihrer Eltern. Lediglich in den USA ist der Aufstieg in eine höhere Bildungsschicht noch schwieriger. Im Gegensatz zu den USA ist es aber in der Schweiz möglich, auch ohne Hochschulabschluss einen stattlichen Verdienst zu erlangen – der guten Berufsbildung sei Dank.

Weitere Fakten und Erklärungen zu diesem Thema in der besagten Studie.

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