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Bei der Arbeitsproduktivität sind wir nur Mittelmass
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Bei der Arbeitsproduktivität sind wir nur Mittelmass
Freitag, 27. Oktober 2017

Eine nur mittelmässige Arbeitsproduktivität kann paradoxerweise ein Zeichen für einen funktionierenden Arbeitsmarkt sein. Dennoch gibt es hierzulande Nachholbedarf.

Die Pharma-Industrie ist hoch produktiv. Roche Turm am Basler Rhein. Bild: Wikimedia –Taxiarchos228 (CC)

Es gehört zum helvetischen Selbstverständnis, dass wir in jeder internationalen Wirtschaftsstatistik ganz oben anzutreffen sind. Während wir an der Fussballweltmeisterschaft mit dem Aus im Achtelfinal leben können, sind bei internationalen Vergleichen zu Jugendarbeitslosigkeit, Innovationskraft, Lohnniveau oder Wettbewerbsfähigkeit nur Spitzenplätze gut genug. Umso ernüchternder ist die Betrachtung der Rangliste mit der Arbeitsproduktivität der OECD-Länder, also der Wertschöpfung pro geleistete Arbeitsstunde. Man schaut die Tabelle an, denkt zuerst «offenbar ist hier die Schweiz nicht drauf», bis man sie dann doch irgendwo im enttäuschenden Mittelfeld findet.

Zum Glück ist die Lösung des Problems der nicht ganz weltmeisterlichen Arbeitsproduktivität ganz simpel. Wir kündigen alle unseren Job, legen die Hände in den Schoss und lassen nur Roger Federer arbeiten (bzw. Tennisspielen). Dann hätten wir eine Arbeitsproduktivität wie sie die Welt noch die gesehen hat: 50 Millionen Franken (oder wie viel der Tennisstar auch immer verdient) pro Jahr und Arbeitskraft. Das macht bei einem vermuteten jährlichen Arbeitseinsatz von 1'800 Stunden unglaubliche (knapp) 28'000 Franken Wertschöpfung pro geleistete Arbeitsstunde.

Damit würden wir uns auf einen Schlag vom Mittelfeld in uneinholbare Sphären katapultieren. Genau so absurd wie diese natürlich nicht ernst gemeinte Idee der St. Galler Ökonomin Monika Bütler ist, genauso gelassen sollten wir angesichts des mittelmässigen Abschneidens der Schweiz bleiben. Denn das Beispiel mit Roger Federer zeigt exemplarisch die Schwächen der Arbeitsproduktivität als Mass für volkswirtschaftliche Effizienz.

Fleissiges Volk

Die Schweiz hat eine ausgesprochen hohe Arbeitsmarktbeteiligungsquote. Bei den 15- bis 64-jährigen werden wir im OECD-Vergleich mit einem Wert von 83,9% nur von Island getoppt (der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass wir leicht an Boden verlieren, wenn man alle mindestens 15-jährigen betrachtet). Frankreich, das in der Arbeitsproduktivitätsstatistik die Nase vorn hat, kommt auf einen deutlich tieferen Wert von 71,7%. Des Weiteren ist hierzulande die Arbeitslosenquote vergleichsweise tief. Will heissen, von den 83,9%, die im Arbeitsmarkt sind, haben die meisten auch eine Stelle.

Dies deutet darauf hin, dass der hiesige Arbeitsmarkt stärker als in anderen Ländern auch Leute mit tiefer Produktivität aufnimmt. Mit anderen Worten, viele Arbeitskräfte, die in der Schweiz die durchschnittliche Arbeitsproduktivität nach unten drücken, wären in vielen anderen Ländern gar nicht arbeitstätig.

Auch bei der wöchentlichen Arbeitszeit pro Vollzeitarbeitnehmer gehören die Schweizer mit 43,6 Stunden zu den Fleissigsten. Nur die Türken ackern noch länger (50,3 Stunden). Unsere westlichen Nachbarn lassen sich etwas mehr Zeit fürs Savoir-vivre und belassen es bei 38,8 Wochenstunden. Nicht jede geleistete Arbeitsstunde ist gleich produktiv. Wie jeder aus eigener Erfahrung weiss, setzt nach einer gewissen Zeit die Müdigkeit ein, die Konzentration und damit die Produktivität nehmen ab. Insofern liegt ein weiterer Teil der Erklärung für die auf den ersten Blick dürftige Arbeitsproduktivität in den vergleichsweise langen Arbeitstagen der Eidgenossen begründet.

Dennoch, es besteht Handlungsbedarf

Das dürftige Abschneiden bei der Arbeitsproduktivität in eine grosse Stärke der Schweiz umzudeuten, ist dann aber doch zu einfach. Über bestehenden Handlungsbedarf lässt sich damit nicht hinwegtäuschen, es besteht Luft nach oben.

Die hiesige Arbeitsproduktivität hat nicht nur ein wenig beneidenswertes Niveau, sie hat auch eine sehr bescheidene Wachstumsrate. Das heisst, die Arbeitsproduktivität entwickelt sich nur sehr langsam. Die logische Konsequenz: Wir verlieren mehr und mehr an Boden und andere Länder wie Deutschland, Frankreich oder die Niederlande haben uns nicht nur überholt, sie bauen auch ihren Vorsprung aus. Der Spitzenplatz, den wir zu Beginn der 1970er Jahre noch innehatten, ist in weite Ferne gerückt.

Ökonomen des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI) und der Universität St. Gallen orten in der Schweiz eine recht stark rückläufige Bruttoinvestitionsquote. Ihre empirischen Analysen deuten darauf hin, dass dieses Phänomen für etwa die Hälfte des Rückgangs des Arbeitsproduktivitätswachstums verantwortlich ist.

Des Weiteren mangelt es hierzulande diversen Branchen am rauen Wind der internationalen Konkurrenz, der den nötigen Druck für Effizienzsteigerungen schafft. Während traditionelle Exportsektoren wie die Pharma- oder die Investitionsgüterindustrie durch den Wettbewerb der Weltmärkte auf höchste Effizienz getrimmt sind, hinkt die auf den eher kleinen Binnenmarkt fokussierte Dienstleistungsbranche produktivitätsentwicklungsmässig hinterher. Die Ökonomen der genannten Institute orten besonders in den Dienstleistungsbranchen Rechtsdienstleistungen, Luftverkehr oder Kurierdiensten Raum für Marktöffnungen, die gerade dank verbesserten Technologietransfers und dem nötigen Wettbewerbsdruck den Nährboden für einen Produktivitätsschub schaffen könnten.

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