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Negativzinsen einfach erklärt
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Negativzinsen einfach erklärt
Montag, 12. September 2016

Seit einiger Zeit gehören Negativzinsen zum geldpolitischen Instrumentarium von Zentralbanken. Der IWF erklärt, wie sie funktionieren. Wir fassen die Kernbotschaft für Sie zusammen.

Bild: Pixabay

Warum führen Zentralbanken Negativzinsen ein?

Normalerweise setzen Zentralbanken ihre Geldpolitik über die Steuerung kurzfristiger Zinsen um: Um eine drohende Inflation zu bekämpfen, werden die Zinsen erhöht. Umgekehrt senken Zentralbanken die Zinsen, um die Wirtschaft zu stimulieren und die Teuerung anzuheben. Bis vor kurzem war man der Auffassung, dass Nominalzinsen bei null die Grenze erreicht haben, bei der sie nicht weiter gesenkt werden können.

Als im Zuge der Finanzkrise 2008/2009 die Zinsen den Nullpunkt erreicht hatten, haben Zentralbanken entsprechend auf andere, sogenannt unkonventionelle Mittel zur Stimulierung der Wirtschaft zurückgegriffen. Darunter die sogenannte mengenmässige Lockerung (im Fachjargon «Quantitative Easing») – das heisst die Politik namentlich Staatsanleihen zu kaufen, um die langfristigen Zinsen zu senken.

Inzwischen hat man jedoch verstanden, dass die Zinssteuerung, bis zu einem gewissen Punkt (Stichwort «effective zero lower bound»), auch bei negativen Zinsen funktioniert. Um die Wirtschaft weiter zu stimulieren und Deflationstendenzen zu bekämpfen, haben bisher sechs Zentralbanken Negativzinsen eingeführt: Die Europäische Zentralbank, die Schweizerische Nationalbank, die Bank of Japan, die Schwedische Reichsbank sowie die Dänische und die Ungarische Nationalbank.

Negativzinsen zielen darauf ab, mittels einer weiteren Lockerung der monetären Bedingungen die gesamtwirtschaftliche Nachfrage anzuregen und somit der deflationären Entwicklung entgegenzuwirken. In offenen Volkswirtschaften sollen Negativzinsen zudem Kapitalzuflüsse hemmen und somit den Aufwertungsdruck auf die inländische Währung begrenzen.

Was ist neu?

Negative Realzinsen sind nichts Neues – sie resultieren immer dann, wenn die Inflationsrate die Nominalzinsen übersteigt. Was nun neu ist, sind negative Nominalzinsen.

Wie funktionieren negative Nominalzinsen?

Die Transmission der Geldpolitik funktioniert bei Negativzinsen grundsätzlich gleich wie die herkömmliche Zinssteuerung mit positiven Zinsen. Eine Zinssenkung der Notenbank wirkt sich über verschiedene Transmissionskanäle auf die Volkswirtschaft aus: über den Wechselkurskanal, den Kreditkanal und den Kanal der Portfolioanpassung.

  • Negativzinsen haben den Aufwertungsdruck auf die jeweilige inländische Währung gedämpft (Wechselkurskanal). In der Schweiz ist das Zinsniveau infolge der Negativzinsen wieder tiefer als in anderen Ländern, so dass der Schweizer Franken verglichen mit Fremdwährungen an Attraktivität verloren und der Aufwertungsdruck nachgelassen hat. In anderen Ländern (wie beispielsweise in Dänemark) haben Negativzinsen auch dazu beigetragen, Kapitalimporte einzudämmen. Ausserdem haben Portfolioumschichtungen in höher verzinsliche ausländische Anlagen zu Kapitalexporten geführt.
  • Die Wirkung der Negativzinsen über den Kreditkanal ist nicht so stark, wie bei einer Zinssenkung im positiven Bereich. Denn die Kreditzinsen für Haushalte und Unternehmen sind nicht überall gesunken. Weshalb nicht? Die Privatkundeneinlagen bleiben bei Null oder knapp darüber verankert. Denn ein tieferes Absinken der Sparzinsen könnte zu einem Verlust der Depositenbasis führen. Entsprechend wirken sich Negativzinsen negativ auf das Zinsgeschäft der Banken aus und drücken auf die Marge. Um die Marge weiterhin aufrecht zu erhalten, wurden Kreditzinsen in der Folge nicht überall gesenkt. Einige Kreditzinsen im Privatkundengeschäft sind sogar etwas gestiegen. 
  • Die auf den Einlagen bei den Zentralbanken erhobenen Negativzinsen wurden auf weitere Zinssätze übertragen. Man sagt, die Zinskurve wurde nach unten gezogen. Daraus kann man schliessen, dass Portfolioanpassungen – das Umschichten von einzelnen Anlageprodukten – stattgefunden haben: Negative Einlagezinsen bei der Zentralbank motivieren die Banken dazu, ihre liquiden Mittel in risikofreie Anlagen zu investieren, was zu einer Senkung von risikofreien Zinsen führt. Niedrigere risikofreie Zinssätze wiederum motivieren Anleger tendenziell dazu, auf riskantere Vermögenswerte wie Unternehmensanleihen umzusteigen.

    Die Übertragung der Zinssenkung auf den Einlagen ist in untenstehender Grafik zu erkennen: Nebst den Negativzinsen auf den Einlagen der Zentralbanken sind weitere Zinssätze von primär sicheren, festverzinslichen Anlagen in den negativen Bereich gerückt. Aber auch die Verzinsung von Unternehmensanleihen ist dem sinkenden Trend gefolgt. Entsprechend können sich Unternehmen dank den Negativzinsen günstiger Kapital beschaffen, was wiederum Investitionen anregen soll.

Transmission der Negativzinsen. Bild:  IMF Direct

Was sind die Grenzen der Negativzinsen?

Wird erwartet, dass die Zinsen über einen längeren Zeitraum negativ bleiben oder sogar weiter sinken, könnten Banken versucht sein die Negativzinsen schliesslich doch an die Sparkunden weiterzugeben. Möglich wäre, dass diese darauf den Negativzinsen auszuweichen versuchen und Bargeld horten.

Die Möglichkeit der Bargeldhortung ist aber durch die damit verbundenen Kosten begrenzt, wie beispielsweise den Kosten eines Tresors oder den Transport- sowie Versicherungskosten. Je nach Land variieren die Kosten der Geldhortung. So sind die Kosten in einem Land, das Banknoten mit hohem Nennwert hat (wie beispielsweise in der Schweiz mit der 1000-Frankennote) geringer, da für einen gegebenen Wert an Geld relativ weniger Platz benötigt wird.

Seit der Einführung der Negativzinsen in der Schweiz hat die Nachfrage nach 1000-Frankennoten zugenommen. Obwohl die Gründe für die gestiegene Nachfrage nicht eindeutig der Einführung von Negativzinsen zugeordnet werden können, deutet doch Vieles darauf hin, dass Negativzinsen ihren Beitrag dazu leisteten.

Was sind die Nebenwirkungen?

Negativzinsen wirken sich negativ auf das Zinsgeschäft und damit auf die Profitabilität von Banken aus. Dies weil Banken die Negativzinsen nur ungern an ihre Sparkunden weitergeben, um einen Kundenverlust zu vermeiden. Jedoch stehen Banken weitere Möglichkeiten zur Verfügung (beispielsweise über Gebührenerhöhungen) um den negativen Effekt auf die Profitabilität auszubalancieren.

Ferner wird es durch Negativzinsen immer schwieriger, sichere zinstragende Anlagen zu finden. Insbesondere für Pensionskassen und Lebensversicherer, die eine minimale Nominalverzinsung erzielen müssen, stellt das weltweite Niedrigzinsumfeld – und nicht nur die Einführung der Negativzinsen – eine grosse Herausforderung dar.

Auf der Suche nach profitablen Investitionen könnten Negativzinsen schliesslich einen Anreiz schaffen, in risikoreichere Anlagen zu investieren. So könnten Banken, die mit tiefen Margen zu kämpfen haben, den Anreiz erhalten, riskantere Kredite zu vergeben, was längerfristig die Finanzstabilität gefährden könnte. Im Zuge der letzten Finanzkrise wurden Massnahmen lanciert, welche die Widerstandsfähigkeit des Bankensektors und der Gesamtwirtschaft gegenüber Kreditrisiken stärken sollen – man spricht auch von makroprudenzieller Regulierung.

Den ganzen Artikel des IWF in deutscher Übersetzung finden Sie hier:

Die erweiterte Perspektive: Die positiven Auswirkungen negativer Nominalzinssätze (PDF)

Ausserdem veranschaulicht das Video des Wall Steet Journals «Negative Interest Rates: How Do They Work?», die Funktionsweise von Negativzinsen auf einfache und intuitive Art und Weise und dient als optimale Zusammenfassung des hier erläuterten Inhalts.


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Für das iconomix-Team,
Josipa Markovic

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