Schweizerische Nationalbank
Der Schweizer Produktivitätsmotor stottert
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Der Schweizer Produktivitätsmotor stottert
Donnerstag, 21. Januar 2016

Die Schweiz gilt als eines der reichsten und wettbewerbsfähigsten Länder der Welt. Wie OECD Studien zeigen, ist der Produktivitätsmotor jedoch ins Stottern geraten. Noch vor einem guten Jahrzehnt war die Schweiz bezüglich Produktivität ein Musterschüler. Inzwischen sind ihr aufgrund des tiefen Produktivitätswachstums viele Industrienationen auf den Fersen oder überholen sie gar.

Wie lässt sich dieses tiefe Produktivitätswachstum erklären und wie gelingt der Schweiz der Wechsel zurück auf die Überholspur? Reto Föllmi, Professor für internationale Wirtschaftsbeziehungen an der Universität St. Gallen, im Gespräch.

 

Bild: Die Volkswirtschaft

Hat die Schweizer Wirtschaft ein Pro­blem mit der Produktivität?

Die Entwicklung der Arbeitsprodukti­vität ist tatsächlich seit langem unterdurchschnittlich, wenn man den Vergleich mit anderen OECD-Ländern zieht.

Aber die Schweiz ist doch bekannt für hochwertige Arbeit.

Nur das Wachstum der Produktivität ist gering, das Niveau ist immer noch hoch. Deshalb haben wir in unserem Land immer noch ein hohes Pro-Kopf-Einkommen. Allerdings liegt das zum Teil auch daran, dass man in der Schweiz viel ­arbeitet, das ergibt viele Arbeitsstunden.

Ist eine Branchen-Mischung ungünstig?

Im Privatsektor findet laufend ein Strukturwandel statt, und zwar meistens zugunsten der produktiveren Branchen. Wichtige Exportbranchen, die der Globalisierung ausgesetzt sind wie Chemie, Pharma oder Life Sciences, sind überdurchschnittlich produktiv. Ähnliches gilt für den Handel und den Finanzsektor, wobei die Finanzgeschäfte typischerweise starke Schwankungen aufweisen.

Wo liegen denn die Probleme?

In der Schweiz gibt es seit je eine ausgeprägte Zweiteilung in einen international ausgerichteten Sektor und eine inland­orientierte Wirtschaft. Problematisch ist nun, dass in den binnenorientierten Branchen die Beschäftigung seit einiger Zeit besonders stark wächst, vor allem im Gesundheitswesen oder in der öffentlichen Verwaltung. Der Output ist in diesen Branchen schwierig zu messen, da meist keine Marktpreise existieren. In der Verwaltung sind die Leistungszuwächse nicht besonders stark.

Ist die Binnenwirtschaft ein Bremsklotz?

Wir haben in unseren Untersuchungen gesehen, dass Branchen, die stärker dem internationalen Wettbewerb ausgesetzt sind, ein höheres Produktivitätswachstum haben als der Rest. Gleichzeitig zeigte sich, dass die Schweiz bei Dienstleistungen nicht so offen ist, wie man oft meint. Das Land hat viele Markteintrittsschranken, Regulierungen, Hindernisse bei der Rekrutierung ausländischer ­Spezialisten und einheimische Dienstleistungs-Monopolisten.

Ist die Schweiz also gar nicht die typische kleine, offene Volkswirtschaft?

Das Land ist in vielen Branchen stärker abgeschlossen als der Durchschnitt der OECD. Eine Öffnung würde Exporte und Importe anregen und der Produk­tivität einen Schub geben.

Wie steht es beim Kapitalverkehr?

Die Offenheit der Kapitalströme spielt eine wichtige Rolle. Nach unseren Befunden gehen Direktinvestitionen von Ausländern bei uns Hand in Hand mit rascherer Produktivitätsentwicklung.

Importiert man mit ausländischem Kapital also unternehmerische Dynamik?

Wir importieren mit dem Kapital im Prinzip ausländisches Wissen und den Zugang zu ausländischen Märkten. Das verbessert die Produktivität.

Sind wir selber zu wenig innovativ?

Wir müssen nicht alles selber erfinden. Schweizer Unternehmen müssen vor ­allem die bestehenden Ideen richtig ­adaptieren und das verfügbare Wissen gewinnbringend anwenden, das kommt den Margen und der Produktivität zu­gute. Die Rahmenbedingungen müssen so sein, dass sich Innovationen und neue Produkte durchsetzen können.

Dann ist Panik fehl am Platz, wenn Ausländer Schweizer Konzerne kaufen?

Ja, der Aufkauf einheimischer Firmen kann die Produktivität steigern. Wir tun dasselbe ja auch im Ausland.

Die Schweiz gilt als sicherer Hafen und zieht in unsicheren Zeiten Kapital an. Steigert auch das die Produktivität?

Dass die Schweiz ein sicherer Hafen ist, ist auch das Resultat des Erfolgs der ­starken Schweizer Exportindustrie. Der Schweizer Wirtschaft ist es gelungen, dass ihre Produkte in der Welt immer stärker nachgefragt werden, das ist die Basis für eine Stärkung der Währung. Es ist eine Art Gratwanderung. Langfristig bringt die Offenheit einen grossen Nutzen. Aber wenn die Schocks von aussen abrupt ­erfolgen und heftig sind, können hohe Anpassungskosten entstehen – die Nationalbank hat keinen einfachen Job.

Dieses Interview ist in der Weltwoche, Ausgabe 2/2016, erschienen. iconomix dankt dem Autor Beat Gygi und der Weltwoche für die Genehmigung zur Publikation.


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