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Digital Pay – ferne Zukunft oder baldige Realität?
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Digital Pay – ferne Zukunft oder baldige Realität?
Dienstag, 24. März 2015

Kreditkarte oder Handy an der Kasse ans Lesegerät halten – piep – und schon ist bezahlt. Kontaktlos, praktisch und schnell – in der Schweiz aber kaum genutzt. Warum?

Bild: Wikimedia – Richard Tanzer Fotografie

Zürich HB, wir schreiben das Jahr 2030. Kurz vor Abfahrt Ihres High-Speed Shuttles kaufen Sie am Kiosk noch einen Snack. Sie ziehen Ihr Portemonnaie aus der Tasche und suchen das passende Münz zusammen? – Weit gefehlt: Kurz die Hand heben – bezahlt wird per Micro-Chip, den Sie unter der Haut eingepflanzt tragen.

Noch sind wir nicht ganz soweit. Kontaktlos Bezahlen ist aber heute schon möglich: Finden Sie auf Ihrer Kreditkarte ein kleines Funkwellen-Symbol (ähnlich der Wireless-Anzeige auf dem Smartphone), so ist Ihre Karte fit fürs kontaktlose Bezahlen.

In Coop, Migros und vielen anderen Läden zahlen Sie damit, ohne die Karte ins Lesegerät zu stecken. Dank einem eingebauten Chip reicht es, die Karte an der Kasse kurz übers Terminal zu halten. Zeit sparen können Sie vor allem bei kleinen Einkäufen: Für Beträge unter 40 Franken muss kein PIN-Code eingegeben werden.

Die verwendete Funk-Technologie nennt sich «Near Field Communication» (NFC). Die entsprechenden Chips gibt’s nicht nur in Kreditkarten, sie werden inzwischen auch in jedes dritte Smartphone eingebaut. Das Handy hat darum das Potential zum digitalen Portemonnaie und könnte Bargeld und Karten bald aus unserem Alltag verdrängen. Bahnt sich da eine Revolution unserer Zahlungsgewohnheiten an?

Immer mehr Anbieter – wenige Nutzer

In der Schweiz gibt es mehrere  Anbieter, die dieses Potential bereits nutzen. Swisscom hat im letzten Sommer das Projekt «Tapit» lanciert. Ex Libris, Media-Markt und Mobilezone bieten das System «Powerpay» an und  PostFinance startet in wenigen Wochen mit der Bezahl-App «Twint».

Richtig durchgesetzt hat sich das Zahlen mit dem Handy bisher aber nicht. Dafür gibt es hauptsächlich drei Gründe:

Schweizer Konsumenten verändern ihr Zahlungsverhalten nur zögerlich und sind gegenüber neuen Anbietern sehr kritisch: Finanzdienstleistungen vom Handyladen oder Swisscom? – Das weckt Misstrauen. In Sachen Finanzen halten wir uns lieber an die Banken.

Zweitens gibt es Bedenken zur technischen Sicherheit. Die Datenübertragung per NFC-Funk funktioniert zwar nur über sehr kurze Distanzen (unter 4 Zentimeter). Verschlüsselung und andere Sicherheitsmechanismen werden immer besser. Trotzdem fürchten viele Konsumenten, dass ungewollt Geld übertragen wird oder dass Virenprogramme auf dem Smartphone sensible Daten mitschneiden könnten.

Drittens gibt es zurzeit unzählige neue Bezahl-Apps, verschiedene Anbieter und unterschiedliche Technologien. Das verunsichert Konsumenten und vor allem Händler. Für Läden ist das Ausrüsten der Kassen mit neuen Lesegeräten teuer. So wird vielerorts noch gewartet, bis klar ist, welches System sich definitiv durchsetzt.

Bringen Apple Pay und Cyber-Banking den Durchbruch?

Trotz Schwierigkeiten entwickelt sich der Markt für mobiles Bezahlen rasant. Zusammen mit dem iPhone 6 hat Apple im Herbst 2014 das System «Apple Pay» vorgestellt. Wie viele Kreditkarten hat auch das neue iPhone einen NFC-Chip eingebaut. Man hält das Telefon ans Lesegerät und der Betrag erscheint auf dem Display. Zusätzliche Sicherheit bietet der Fingerabdruck-Leser: Jede Zahlung muss damit freigegeben werden. Ende Monat erscheint der Betrag dann auf der Kreditkartenabrechnung.

Das System von Apple ist erst in den USA gestartet und in der Schweiz noch nicht verfügbar. Es hat aber grosses Potential: Mit weltweit 800 Millionen iTunes-Konten hat Apple eine riesige Zahl an Usern, die bereits Ihre Kreditkarte hinterlegt haben. Sie müssen sich also nicht überlegen, ob Sie dem neuen System vertrauen und Ihre Kreditkarten-Infos angeben wollen – Sie haben‘s bereits für iTunes getan.

Eine weitere Innovation kommt aus Deutschland: Ein Berliner Start-up hat eine App entwickelt, die das Smartphone zur Bankfiliale macht. Mit dem mobilen Privatkonto lassen sich sämtliche Bankgeschäfte übers Handy abwickeln. Dazu gibt’s gratis eine Kreditkarte mit der in Deutschland auch kostenlos Bargeld bezogen werden kann. Die Partnerschaft hinter dieser sogenannten «Cyber-Bank» verfügt über eine reguläre Bankenlizenz. Eine Bankfiliale mit Schalter und Kundenberater sucht man allerdings vergeblich.

Die technologische Entwicklung und neue Angebote werden unsere Zahlungsgewohnheiten im Alltag garantiert verändern. Gerade die konventionellen Banken als wichtigste Anbieter von Finanzdienstleistungen zögern aber noch, voll auf digitale Angebote zu setzen. So werden wir auch morgen noch mit Bargeld hantieren und das Bezahlen per Implantationschip bleibt vorerst ein fernes Zukunftsszenario.

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Für das iconomix-Team,
Samuel Berger

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Kommentare

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Hans Meier - Gruss aus Luzern

Super Artikel. Apple wird den Durchbruch bringen, siehe Smartphone und Tablet

28.03.2015 Antworten