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Wann der Bauch besser entscheidet
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Wann der Bauch besser entscheidet
Freitag, 02. Mai 2014

Wägen Sie stets alle Vor- und Nachteile ab oder entscheiden Sie sich intuitiv? Gerd Gigerenzer erklärt, wann Sie auf ihren Bauch hören sollten – und wann besser nicht. Hokuspokus – oder steckt da mehr dahinter?

Diese Volleyballspielerin wird kaum die Flugbahn berechnet haben, um den Ball abzuwehren. (Bild: Wikimedia)

Wie haben Sie sich für Ihren Partner oder Ihre Partnerin entschieden? Haben Sie eine Nutzwertanalyse aus allen verfügbaren Informationen erstellt und alle Vor- und Nachteile gegeneinander abgewogen, um ihren erwarteten Nutzen aus der Beziehung zu maximieren?

Die aktuelle Ratgeber- und Unternehmungsberatungsliteratur schlägt ein möglichst analytisches Vorgehen bei Entscheidungen vor. Doch Rationalität und Logik haben wenig damit zu tun, wie sich Menschen im Alltag entscheiden – hier haben Intuition und Faustregeln die Oberhand.

Sind wir also totale Versager was unser Entscheidungsverhalten angeht? «Keineswegs», sagt Gerd Gigerenzer, Psychologieprofessor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin. «Verblüffend oft führen intuitive Entscheidungen zu genau so guten Ergebnissen wie rationale.»

Der Grund dafür ist laut Gigerenzer, dass es gar nicht möglich ist eine 100 Prozent rationale Entscheidung zu treffen. Wenn wir sicher gehen wollen, dass eine Entscheidung richtig ist, müssen wir alle damit verbundenen Aspekte miteinbeziehen. Dafür haben wir weder genügend Zeit noch Verstand. Ganz abgesehen davon, können wir schlicht nicht wissen, ob eine heute optimale Entscheidung nicht morgen schon Kopfschütteln auslöst.

Fast nichts im Leben ist sicher

Entscheidend ist der Unterschied zwischen Risiko und Unsicherheit. Wenn alle möglichen Konsequenzen einer Entscheidung bekannt sind, dann lohnt es sich, den erwarteten Nutzen zu optimieren – eine optimale Entscheidung ist möglich. Ökonomen sprechen dann von Risiko. Typisches Beispiel ist das Roulettespiel: Hier sind alle möglichen Ereignisse bekannt und Jede und Jeder kann mit ein wenig Kalkulus ausrechnen, dass das Kasino langfristig gewinnt.

Sind nicht alle möglichen Konsequenzen einer Entscheidung bekannt, hat man es mit Unsicherheit zu tun. Tatsächlich ist es so, dass in der realen Welt – anders als im Casino – die Palette der möglichen Konsequenzen zum grössten Teil unbekannt ist. Rationale Entscheidungen sind also gar nicht möglich – es braucht Intuition.

Intuition ist kein Hokuspokus

Intuition heisst, dass man spürt was zu tun ist, man es aber nicht begründen kann. Es ist «gefühltes Wissen» bestehend aus Faustregeln und Gefühlen, die sich im Laufe der Evolution bewährt haben: «Tu das, was das letzte Mal erfolgreich war!» oder «Halte dich an das, was du kennst!».

Obwohl man die Flugbahn eines Balles mit einer Formel berechnen könnte, wird eine Volleyballspielerin diese kaum verwenden, um einen Ball abzuwehren. Dafür reicht die Zeit nicht aus und die Informationen, die in die Formel einfliessen, sind schlicht nicht vorhanden.

In vielen Unternehmen muss unter ähnlichen Voraussetzungen entschieden werden: Zu wenig Informationen, zu viel Unsicherheit, zu wenig Zeit. Doch intuitive Entscheidungen sind in den Teppichetagen nicht gern gesehen. Zwar wird auch in Unternehmen oftmals aus dem Bauch heraus entschieden, doch im Nachhinein müssen diese Entscheidungen mit teuren Berechnungen und Begründungen rechtfertigt und rationalisiert werden. So kann die Verantwortung abgegeben werden. Gigerenzer fordert mehr Mut und eine neue Fehlerkultur. Entscheidungsträger mit Erfahrung sollen sagen dürfen: «Das ist mein bestes Gefühl – und ich stehe dazu.»

Ein ähnliches Bild zeichnet sich in Spitälern ab. Aus Angst vor Regressen verschreiben Ärztinnen und Ärzte ihren Patienten zu häufig unnötige Therapien und Medikamente – entgegen ihrer Intuition – die mitunter gar schädlich sein können. Schuld daran ist laut Gigerenzer auch hier die Verrechtlichung und der Absicherungsgedanken: «Wenn was schief läuft, habe ich mich an alle vorgeschriebenen Regeln der Kunst gehalten und bin fein raus.»

Der deutsche Psychologe geht sogar so weit, zu behaupten, die Finanzkrise wäre nicht eingetroffen, wenn man anstelle vermeintlich ausgeklügelter Risikomodelle, der Intuition eines guten Schweizer Bankers gefolgt wäre: «Modelle widerspiegeln Sicherheiten, die nicht bekannt sind. Für Risiken reicht Logik und Statistik. In der realen Welt, wo Unsicherheit herrscht, reicht das nicht. Was es braucht sind Faustregeln und Intuition.»

Sind wir alle Risikoanalphabeten?

Sich auf die Intuition zu verlassen ist insbesondere dann gut, wenn man in einem Gebiet ein grosses Wissen angehäuft hat. Es gibt aber auch schlechte Intuition. Wenn Angst ins Spiel kommt laufen wir Gefahr, intuitiv schlechte Entscheidung zu treffen, weil wir Risiken falsch einschätzen.

Gerd Gigerenzer, der auch Risikoforscher ist, sagt: «Wir fürchten uns vor Situationen, in denen innert kurzer Zeit viele Menschen sterben. Wir haben aber kaum Angst vor Dingen, bei denen zwar mehr Menschen sterben, aber über einen längeren Zeitraum verteilt.»

Menschen fürchten sich vor Flugzeugabstürzen, Grippepandemien und Klimawandel. Andere Gefahren – bei denen die Sterbenswahrscheinlichkeit viel höher ist – wie Autofahren, Rauchen oder ins Krankenhaus gehen, werden weit weniger ernst genommen.

Um sich in Risikosituationen besser zu entscheiden, braucht man ein gewisses Verständnis für Statistik. Doch nicht nur die breite Bevölkerung, auch Akademiker, wie Ärzte oder Juristen, tappen oft in Entscheidungsfallen, weil sie in Sachen Statistik und Risiken schlicht zu schlecht ausgebildet sind.

Ein Beispiel: Eine DNA-Übereinstimmung ist das einzige Indiz, um einen Verdächtigen in einem Mordfall zu verurteilen. Eine Expertin bestätigt, dass die Wahrscheinlichkeit, einer zufälligen Übereinstimmung bei 1 zu 100‘000 liegt. Fragt man amerikanische Bundesrichter, würden die meisten den Verdächtigen unter diesen Voraussetzungen verurteilen.

Doch was sagt diese Fehlerquote genau aus? Von 100‘000 Personen hat 1 Person eine zufällige Übereinstimmung. In der Stadt Zürich leben rund 400‘000 Menschen. 4 Personen haben eine Übereinstimmung, davon sind aber 3 unschuldig. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Unschuldiger verurteilt wird, liegt bei 75 Prozent. Erklärt man den Bundesrichtern den Sachverhalt auf diese Art und Weise, würden sie den Verdächtigen nicht mehr verurteilen. Intuition kann in Situationen mit Risiko eine schlechte Entscheidungsgrundlage sein.

Besser entscheiden lernen

Bessere Entscheidungen zu treffen, kann man lernen. Einerseits indem man in einem Gebiet viel Erfahrung anhäuft. Andererseits indem man den richtigen Umgang mit Risiken lernt. Man muss sich stets fragen, wo lohnt es sich länger nachzudenken und wo soll ich meinem ersten Impuls folgen, erklärt Gigerenzer.

Bereits in der Primarschule sollte Statistik im Mathematikunterricht gelehrt werden, schlägt Gigerenzer vor. Auf die Frage, ob das nicht zu früh sei, antwortet er: «Wir haben gezeigt, dass derselbe Typ Aufgabe, an dem die meisten Ärzte scheitern, sogar von einigen Zweitklässlern bewältigt wird - wenn man nur die richtigen Lehrmethoden anwendet.»

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