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Shouji shang yin (手机上瘾) – Die Chinesen sind Smartphone süchtig
China
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Shouji shang yin (手机上瘾) – Die Chinesen sind Smartphone süchtig
Samstag, 29. März 2014

Die Sucht der Chinesen nach dem Internet treibt zuweilen seltsame Blüten. Aber sie hat weitreichende wirtschaftliche Konsequenzen.  

Bild: Wikimedia

Die Chinesen sind total Smartphone süchtig. Um das festzustellen, braucht es keine Statistiken über Nutzerdaten und Verkäufe. Diese Tatsache ist omnipräsent: In der U-Bahn, im Restaurant, beim Autofahren, im Museum, im Gym, beim Shoppen – die Dinger mit oft riesigen Bildschirmen sind immer in Gebrauch.  

Besucher, die das erste Mal in China sind, staunen oft. Ein Beispiel? Vier junge Frauen treffen sich zum Nachtessen im Restaurant und starren gefühlte 99% der Zeit, die sie mit ihren Freundinnen verbringen, auf ihr Smartphone. Das gleiche Verhalten ist auch bei Paaren oder Familien mit Kindern zu beobachten. Natürlich haben die Kinder ihre eigenen Geräte.

Während es in der überfüllten S-Bahn von Meilen nach Zürich doch noch ein paar Jugendliche gibt, die schlafen, Musik hören, Schulaufgaben machen, schwatzen oder «20 Minuten» lesen, gibt es in Schanghai in der U-Bahn oft eine fast 100%-ige Beschäftigungsrate mit dem Smartphone. Einzig wenn die Züge so überfüllt sind, dass man physisch schlichtweg nicht mehr in der Lage ist, das Telefon aus der Tasche zu nehmen, sinkt diese Rate.

Und beim Besuch von Unternehmen sämtlicher Branchen stellt sich unweigerlich die Frage, ob es in China so etwas wie ein Grundrecht auf den Gebrauch des eigenen Smartphones während der Arbeitszeit gibt.

Immer und überall online  

Wer diesen – zugegeben subjektiven – Betrachtungen misstraut, kann Daten des Internetgiganten Tencent anschauen. Gemäss Tencent gibt es in China jede Minute 96 neue Internetnutzer – und zusätzlich 120 neue Nutzer des mobilen Internets. Seit Mitte 2012 gehen mehr Chinesen über ihre Smartphones ins Internet als über ihre Computer. Ende 2013 surften 500 Mio. Chinesen über ihre Mobiltelefone im Internet, was 81% der Internetnutzer entsprach.  

Diese Zahl steigt rasant. Vor dem Hintergrund der im Vergleich zum Westen mit gut 45% noch relativ geringen Internetdurchdringung Chinas und der Bevölkerungszahl von 1,35 Milliarden Menschen ist das weitere Potenzial noch riesig.

Tencent mit QQ/Wechat (einer hochentwickelten Form von WhatsApp) und Alibaba mit seiner Beteiligung an Sina Weibo (dem chinesischen Pendant zu Facebook) dominieren den mobilen E-Commerce und die sozialen Medien in China. Über QQ/Wechat sind in China jede Minute und Sekunde des 24-Stundentags mindestens 160 Mio. Menschen miteinander online verbunden, während Feiertagen wie dem Chinese New Year sind es bis zu 360 Mio. Menschen. Die Chinesen verbringen durchschnittlich 4,1 Stunden pro Tag online – in Europa gilt ein Konsum von 4,5 Stunden als Sucht, die behandelt werden sollte. Doch weshalb ist das Smartphone die liebste Freizeitbeschäftigung der Chinesen?

Total informiert

Das asiatische Researchhaus CLSA zieht einen etwas desolaten Schluss: Der Mangel an Unterhaltungsalternativen sei schuld. Weil es sonst nichts zu tun gäbe, verbrächten die Chinesen immer mehr Zeit mit ihren Smartphones.  

Doch das ist nur eine Seite des Phänomens. In China gibt es ausgezeichnete Smartphones für 40$ zu kaufen. Die Zahl der Apps ist unendlich, ihre Qualität extrem gut. Ein Taxi bestellen, Bankgeschäfte abwickeln, einen neuen Job suchen, im Kaufhaus Produktinfos einholen – alles wird mit genialen Apps schnell und einfach erledigt. Von der Organisation zwischenmenschlicher Beziehungen gar nicht zu sprechen. Der Westler staunt und fühlt sich zuweilen als Netizen-Dinosaurier, der noch nicht ganz begriffen hat, wozu man ein Smartphone überhaupt nutzen kann – resp. wie toll Apps des täglichen Lebens sein können.

Die Chinesen haben in Rekordzeit sämtliche Vorteile des mobilen Internets aufgesogen, sich geradezu hineingeworfen. Und das ohne Berührungsängste und mit einer unglaublichen Agilität. Bedenken zu Datenschutz oder Privatsphäre gibt es weitgehend keine, was vor dem Hintergrund der jahrzehntelangen totalen Überwachung durch den Staat auch nicht erstaunlich ist.

Geschäftsmodelle müssen nachziehen

Das hat natürlich wirtschaftliche Konsequenzen. Nicht nur soziale Medien, auch mobiler E-Commerce ist in China ein riesiger Trend. Die mobile Mobilität ändert alles, sie treibt eine Marketingevolution und neue Geschäftsmodelle müssen her. Und das kann China gut.

Online-Nutzer werden zu sogenannten «Smart Buyers», also zu intelligenten Konsumenten. Zusätzlich wollen sie, dass ein Geschäft, eine Marke, auf sämtlichen Vertriebskanälen präsent ist. Die online gekaufte Luxustasche soll im nächsten Laden zurückgegeben werden können. Scilla Huang Sun, Manager des Julius Bär Luxury Brands Fund, erklärt: «Der Retailhandel verliert an Bedeutung. Wenn die Retail-Macht abnimmt, muss die Branding-Macht zunehmen. Besitzer starker Marken haben dabei einen Vorteil. Die Beziehung des Konsumenten zu der Marke ist übers Internet viel direkter als früher, als Produkte nur in speziellen Läden verfügbar waren.»

Im Medienbereich ist die mobile Revolution noch viel grösser. Gemäss Tencent-Manager S.Y. Lau ist das mobile Internet keine Erweiterung, sondern ein Zersprengen des Internets. Es gehe nun nicht mehr nur um Echtzeit-Medien, sondern um Allzeit-Medien. «Wechat ist auch ein Medienunternehmen, es erreicht unzählige Nutzer augenblicklich.»

Westliche Unternehmen, die im für fast alle Branchen grössten Wachstumsmarkt der Welt erfolgreich sein wollen, müssen reagieren. Denn die Sucht der Chinesen nach ihren Smartphones, hat sie zu äusserst anspruchsvollen Konsumenten gemacht. Und so schnell wie sie im Internet die Chat-Plattformen wechseln, so schnell wenden sie sich anderen Produkten zu.

Lesen Sie auch: Chinas Krux mit dem Privateigentum oder Dicke Luft in China

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Kommentare

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Kevin Wohriska - Wieso muss alles Online sein?

Ich finde in der Schweiz sieht das doch auch sehr ähnlich aus. Wenn ich mit dem ÖV unterwegs bin hat bestimmt auch jeder zweite oder dritte sein Mobiltelefon in der Hand und surft auf Facebook, schreibt Nachrichten in WhatsApp, hört Musik oder spielt irgendwelche Gratis-Spiele. In der Schweiz sind es definitv nicht soviel wie in China, doch auch hier denke ich werden es immer mehr und vielfach finde ich es auch etwas bedenklich. […] Das Smartphone bleibt für mich zumindest, immer noch ein Mobiltelefon mit dem ich SMS schreiben kann und auch Leute anrufen möchte, damit ich diese informieren kann oder sonst etwas mitteilen möchte. Aber auch ich werde mich hin und wieder mit einem Spiel auf meinem Smartphone beschäftigen und eine gewisse Zeit zu überbrücken. Das Smartphone soll aber nicht alles ersetzen können.

 

[Dieser Kommentar wurde vom iconomix-Team gekürzt. Die Maximallänge von 800 Zeichen wurde überschritten.]

 

30.03.2014 Antworten