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Würden Sie diese Maus töten?
Markt und Handel
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Würden Sie diese Maus töten?
Montag, 24. Februar 2014

Sie müssen sich entscheiden: Entweder Sie retten das Leben dieser Maus oder sie erhalten 10 Franken. Was uns ein Experiment mit Mäusen über Märkte und Moral erzählt.

Bild: Wikipedia

Es scheint paradox. Während sich die meisten Menschen in Umfragen gegen Kinderarbeit, Ausbeutung und Umweltverschmutzung aussprechen, scheinen diese Werte drastisch an Bedeutung zu verlieren, sobald die Suche nach dem günstigsten Produkt losgeht. Nicht erst seit dem tragischen Fabrikeinsturz in Bangladesch ist bekannt, dass andere darunter leiden, damit wir uns günstig mit Jeans und T-Shirts eindecken können.

Aber, würde das billige T-Shirt auch direkt ab Fabrikladen gekauft werden? Wo man womöglich einen Blick auf die menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen erhaschen könnte? Wohl kaum. Der Verdacht liegt daher nahe, dass eine durch den globalen Markt und Handel geschaffene Distanz unsere moralischen Werte verändert. Die Debatte ist nicht neu: Macht uns der Markt zu schlechteren Menschen?

Kassieren oder Maus retten

Vielleicht liefert ein Experiment der beiden deutschen Ökonomen Nora Szech und Armin Falk neue Erkenntnisse in dieser Debatte. Dabei wurden Versuchspersonen vor die Entscheidung gestellt, entweder das Leben einer Maus zu retten oder einen Geldbetrag zu erhalten.

Bei den Mäusen handelte es sich um gesunde aber überzählige Tiere. Sie wurden für Laborexperimente gezüchtet, konnten aus forschungstechnischen Gründen aber nicht mehr gebraucht werden und wären ohnehin getötet worden. Entschieden sich die Versuchspersonen aber für das Leben der Maus, so wurde die Maus gekauft und ihr ein erstklassiges Mauseleben unter besten Bedingungen ermöglicht.

Den Probanden wurde die Maus dazu auf Bildern präsentiert und in einem Video wurde gezeigt, wie die Maus getötet wird, falls die Entscheidung zu Gunsten des Geldes ausfallen sollte. Rund 45 Prozent der Versuchspersonen entschieden sich für die 10 Euro – und haben die Maus damit faktisch getötet.

Doch, was passiert, wenn man die Menschen über das Leben der Maus «handeln» lässt? Um dies herauszufinden, wurde in einer anderen Variante des Experiments je eine Käuferin und eine Verkäuferin bestimmt. Die Verkäuferin erhielt die Maus geschenkt. Anschliessend mussten die beiden um einen Preis feilschen.

Falls sie sich auf einen Preis einigen konnten, erhielt die Käuferin 20 Euro, musste den Verkaufspreis aber der Verkäuferin abgeben. Kam kein Handel zu Stande, überlebte zwar die Maus, aber Verkäuferin und Käuferin gingen leer aus. Das Resultat: Wesentlich mehr Mäuse, nämlich 72 Prozent, wurden in diesem «bilateralen Markt» getötet. In einer weiteren Version wurden mehrere Käuferinnen und Verkäuferinnen bestimmt um einen grösseren Markt zu simulieren. In diesem Falle starben gar noch mehr Mäuse – rund 75 Prozent.

Institutionen beeinflussen die Moral

Moralische Werte unterliegen zwar der jeweiligen Kultur und können sich über die Zeit verändern. Dennoch herrscht ein Grundkonsens: Anderen absichtlich und ungerechtfertigt Schaden zuzufügen wird von den meisten Menschen als unmoralisch betrachtet. Auch wenn man das Töten einer Maus nicht direkt mit Kinderarbeit oder Umweltverschmutzung gleichsetzen kann, so stellte die Entscheidungssituation im Experiment doch einen moralischen Konflikt dar: «Bin ich bereit, jemandem für einen persönlichen Gewinn einen Schaden zuzufügen?»

Das Ergebnis des Experiments deutet darauf hin, dass durch Interaktionen auf Märkten Menschen eher dazu neigen, negative Konsequenzen (in Ökonomendeutsch: negative externe Effekte) für eine Drittpartei zu akzeptieren. Es scheint, als erodieren moralische Standards durch die Marktätigkeit. Weshalb?

Schuld daran können gemäss Szech und Falk verschiedene Effekte sein. Einigen sich zwei Menschen auf einen Handel, so wird dadurch auch die Verantwortung und allfällige Schuldgefühle durch zwei geteilt und somit für den Einzelnen verringert. In einem Markt mit vielen Käufern und Verkäufern sieht sich der Einzelne zudem weniger moralisch in der Pflicht, weil er sich damit rechtfertigen kann, ohnehin nur einen geringen Einfluss auf das Geschehen zu haben. Sieht man andere das Gleiche tun, so impliziert dies, dass es wohl gesellschaftlich akzeptiert ist: «Wenn ich nicht kaufe, tut’s sonst jemand». Ausserdem zieht die Tätigkeit des Handelns, das Suchen nach dem günstigsten Produkt oder das Feilschen um den besten Preis schlicht einen grossen Teil der Aufmerksamkeit auf sich, wodurch allfällige Konsequenzen für Drittpersonen weniger bedacht werden.

Institutionen, wie das Rechtssystem oder eben der Markt, bestimmen wie Menschen handeln. Und sie können auch dazu verleiten, nach anderen moralischen Wertmassstäben zu agieren.

Sind Märkte also des Teufels? 

Am «Forum for Economic Dialog 2013» in Zürich wurde über Fairness und Effizienz von Märkten diskutiert. Das eben beschrieben Experiment war ebenfalls ein Thema. Der Studienautor Armin Falk wies darauf hin, dass es ihm nicht darum geht, Märkte an sich zu kritisieren. Die Vorteile, die Handel mit sich bringt, sind gewaltig. Es gibt wahrscheinlich keine andere Organisationsform, die gerechter und effizienter ist, als diejenige der Marktwirtschaft.

Aber Kampagnen, die an die Moral von Marktakteuren appellieren, werden kaum verhindern, dass die Umwelt verschmutzt wird oder Kinder in brüchigen Gebäude zehn Stunden am Tag T-Shirts nähen müssen – weil eben die moralischen Werte durch den Marktmechanismus in den Hintergrund treten. Falk plädiert deshalb dafür, gewisse schädliche Aktivitäten gesetzlich zu unterbinden, beispielsweise mit einem Importverbot für bestimmte Textilien.

Er verweist dabei auf den Sklavenhandel in der Geschichte der USA. Auch dabei profitierten Käufer und Verkäufer – auf Kosten der Sklaven. Erst als den Südstaaten ein Verbot auferlegt wurde, kam die Sklaverei zu einem Ende. «Eine Gesellschaft muss sich die Frage stellen, wo Märkte angebracht sind und wo nicht», so Falk.

Saint-Paul Gilles, ein Wirtschaftsprofessor aus Paris, wies in der Diskussion Armin Falk darauf hin, dass es nicht immer ganz einfach ist, zu bestimmen, wann eine Handlung moralisch korrekt ist. «Wenn wir keine T-Shirts aus Bangladesch mehr kaufen, weil wir Kinderarbeit nicht unterstützen wollen, könnte die Firma dort Konkurs gehen. Firmenarbeiter könnten ihre Kinder nicht mehr ernähren und der Firmenbesitzer beginge womöglich Selbstmord. Ein regulatorischer Eingriff der zwar gut gemeint ist, kann auch schlechte Folgen haben.»

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Für das iconomix-Team
Patrick Keller

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