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Wieso Knappheit dumm macht
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Wieso Knappheit dumm macht
Donnerstag, 16. Januar 2014

Zu wenig Zeit, zu wenig Geld, zu wenig Liebe. Wer an Knappheit leidet, trifft schlechtere Entscheidungen. Weshalb ist das so und was kann man dagegen tun?

Bild: Amazon

Gegen Ende des 2. Weltkrieges rechneten die Alliierten damit, dass sie in Europa auf viele ausgehungerte Menschen stossen werden. Wie sollten sie diese ernähren? Sollten sie ihnen so viel wie möglich zu essen geben, oder eher wenig, weil zu grosse Portionen gar schädlich sind?

Um dies herauszufinden, führte die Universität Minnesota Experimente durch. Freiwilligen Versuchspersonen wurde die Kalorienzufuhr stark reduziert. Das interessanteste Ergebnis dieser Studie: Die Menschen wurden nicht nur hungrig, sondern vor allem total fokussiert auf Nahrung.

Dies nahm skurrile Ausmasse an. So konnten einige Menschen Stunden damit verbringen, Preise von Früchten und Gemüse zu vergleichen. Andere träumten plötzlich von einer Karriere im Gastronomiegeschäft, während wieder andere sich in Filmen nur noch an Szenen mit Essen erinnern konnten. Ein Versuchsteilnehmer erklärte später, dass das Schlimmste nicht etwa die reduzierte Nahrungsaufnahme war, sondern dass sich ihr ganzes Leben nur noch um Nahrung drehte.

Für die beiden Ökonomen Sendhil Mullainathan und Eldar Shafir ist klar: Knappheit vereinnahmt das Denken. Ob knapp an Geld, knapp an Zeit oder knapp an Freunden – Knappheit zehrt an der Selbstdisziplin, führt zu einem Tunnelblick und macht uns zu schlechten langfristigen Planern, so die beiden Ökonomen der Harvard University in ihrem Buch «Scarcity – Why having too little means so much.»

Geldknappheit ist anstrengend

Fakt ist: Arme Menschen haben Mühe, Versuchungen zu widerstehen, kaufen sich Dinge, die sie sich eigentlich nicht leisten können, treffen schlechtere finanzielle Entscheidungen oder nehmen lebensnotwendige Medikamente nicht rechtzeitig ein. Was man gemeinhin als Charakterfehler bezeichnen könnte, ist gemäss den Autoren schlicht eine Folge der Geldknappheit.

Oder anders gesagt: Würde man eine reiche Person in dieselben Lebensumstände bringen – sprich, sie auch der Geldknappheit aussetzen – würde auch sie schlechte Entscheidungen treffen. Grund dafür ist, dass die Knappheit einen beachtlichen Teil der Kapazität des Gehirns in Beschlag nimmt.

Konkret müssen arme Menschen viel mehr bewusste Entscheidungen treffen – über Dinge, die für nicht-arme Menschen belanglos sind. Reicht es noch für einen Kaffee? Kann ich die Miete noch bezahlen, wenn eine unerwartete Autoreparatur kommt? Das ist anstrengend und führt dazu, dass im Gehirn für andere Aufgaben, wie die Impulsunterdrückung, schlicht weniger Energie vorhanden ist. Ähnlich einem Computer, der zu langsam arbeitet, weil im Hintergrund viele Programme laufen.

Das belegen Experimente. Zuckerohrbauern schneiden vor der Ernte in Intelligenztests wesentlich schlechter ab, als nach der Ernte. Grund: Das Geld ist vor der Ernte knapp. Und schon nur wenn man arme Menschen fragt, wie sie eine hypothetische 1000 Dollar Reparatur ihres Autos finanzieren würden, sinkt ihr anschliessend gemessenerer Intelligenzquotient um ungefähr 14 Punkte. Vom Ausmass her entspricht dieser Rückgang ungefähr einer durchzechten Nacht.

Ein Teufelkreis

Arme Menschen sitzen also in einem Teufelskreis. Die Armut vereinnahmt ihr Denken, das sie eigentlich dringend nötig hätten, um der Armut zu entkommen. Was kann man dagegen tun? Oder, wie schafft man es, dass Menschen gar nicht erst in die Versuchung kommen, schlechte Entscheidungen zu treffen?

Systeme sollten so gestaltet sein, dass Menschen auch ohne kognitive Anstrengung keine für sie schlechten Entscheidungen treffen. Die Autoren schlagen hier vor möglichst viel zu automatisieren. Nur schon Erinnerungen, dass gewisse Dinge noch bezahlt werden müssen, können helfen. Helfen würde auch, wenn zum Beispiel die Steuern direkt vom Lohn abgezogen würden oder wenn Pre-Paid-Kreditkarten anstelle von normalen Kreditkarten verwendet werden müssten.

Stress oder Knappheit?

Cass R. Sunstein, Co-Autor des Bestsellers «Nudge», schreibt in einer Buchkritik, dass vielleicht weniger das Gefühl der «Knappheit» ausschlaggebend ist, sondern vielmehr generell Stress. Knappheit und Stress gehen zwar oft Hand in Hand, können aber doch auch unabhängig voneinander auftreten.

Ein kleiner Trost bleibt: Knappheit hat auch gute Seiten. Einsame Menschen können Gesichtsausdrücke von anderen Menschen besser interpretieren, und Zeitknappheit hilft oftmals, eine Aufgabe so schnell wie möglich zu erledigen.

Lesen Sie auch: Armut in der Schweiz, Wirkt Schuldenprävention? oder Wie man Menschen beeinflusst

Für das iconomix-Team
Patrick Keller

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