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Gute und schlechte Ungleichheit
Entwicklung, Wachstum, Umwelt
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Gute und schlechte Ungleichheit
Dienstag, 12. November 2013

Für viele ist sie ein Dorn im Auge. Mit diversen Initiativen soll sie bekämpft werden: die ungleiche Verteilung von Vermögen und Einkommen. Doch wann ist Ungleichheit wirklich schlecht und wie wirkt man ihr am besten entgegen?

Bild: P. Keller

«Die ungleiche Verteilung von Einkommen und Vermögen ist zwar nicht schön, aber wir brauchen sie, damit die Wirtschaft wächst». Dies war die dominierende Ansicht in der Ökonomie im letzten Jahrhundert. Man musste sich zwischen zwei Übeln entscheiden: Ungleichheit oder tieferes Wirtschaftswachstum.

Diejenigen die sich bei dieser Frage für mehr Ungleichheit entschieden, argumentieren, dass es mit Ungleichheit auch den Ärmsten in der Gesellschaft besser geht, als ohne Ungleichheit. Denn: Ungleichheit kurbelt das Wachstum an. Und davon profitieren  auch die Ärmsten in einer Gesellschaft. Soviel steht fest: Wirtschaftswachstum vermindert die Armut.

Wie kann Ungleichheit zu mehr Wachstum führen?

Eine Theorie, wie Ungleichheit zu mehr Wachstum führen kann, stammt von Milton Friedman. In ungleichen Gesellschaften haben Menschen stärkere Anreize, sich anzustrengen. Wer fleissig ist und etwas wagt, wird durch ein höheres Einkommen belohnt. Dadurch steigt die Produktivität und die Innovationsrate. Die Wirtschaft wächst.

Wird die Ungleichheit jedoch durch Steuern verringert, also Einkommen und Vermögen umverteilt, werden Anreize zerstört. Weshalb soll Paula jeden morgen früh aufstehen, sich ausbilden oder ein riskantes Unternehmen wagen, wenn ihre Anstrengung am Schluss gar nicht belohnt wird?

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde Ungleichheit auch mit einem anderen Argument verteidigt: «Wir brauchen ein paar Reiche die Kapital zur Verfügung stellen.» Menschen die über ein sehr hohes Einkommen verfügen, können nicht alles davon konsumieren. Spätestens nach dem dritten Hummer und der fünften Flasche Champagner vergeht auch den Superreichen die Lust daran.

Den Teil ihres Einkommens, den sie nicht konsumieren, können sie investieren. In Strassen, Maschinen, Unternehmungen oder auch philanthropische Anliegen. Dies ist vor allem am Anfang der wirtschaftlichen Entwicklung wichtig, weil dann physisches Kapital noch relativ rar ist.

Gute und schlechte Ungleichheit

Seit geraumer Zeit wird das Thema Ungleichheit und Wachstum aber auch in der Ökonomie differenzierter betrachtet. Vermehrt werden Stimmen laut, dass sich eine gleichmässigere Verteilung von Vermögen und Einkommen und Wirtschaftswachstum nicht zwangsläufig widersprechen müssen.

«Wie es gutes und schlechtes Cholesterin gibt, gibt es auch gute und schlechte Ungleichheit», schreibt Branko Milanovic in seinem Buch «The Have and the Have-Nots». Gute Ungleichheit gibt den Menschen Anreize, sich auszubilden, hart zu arbeiten oder riskante Unternehmen zu wagen. Von schlechter Ungleichheit spricht Milanovic, wenn die Ungleichheit ein Ausmass erreicht hat, die nicht mehr dazu führt, dass man sich anstrengt, sondern vor allem hilft, erlangte Positionen zu erhalten.

Dies ist zum Beispiel der Fall, wenn Reiche die Mittel haben, die Politik so zu beeinflussen, dass Rahmenbedingungen geschafft werden, die für sie vorteilhaft und für die Allgemeinheit schädlich sind. In diesem Zusammenhang spricht man von «rent-seeking». Damit ist das Streben nach Vorteilen gemeint, die man auf Kosten der restlichen Bevölkerung, unter Beihilfe des Staates, erhält. Typisches Beispiel dafür sind wohlfahrtsschädliche Monopole, die staatlich geschützt werden.

Ungleichheit ist aber vor allem schlecht, wenn sie den Bildungsstand, oder anders gesagt das Humankapital, einer Volkswirtschaft beeinträchtigt. Dies ist in Ländern wie den USA problematisch, in denen gute Bildungseinrichtungen in erster Linie Kindern von reichen Eltern zur Verfügung stehen. Da das zukünftige Einkommen in hohem Grad vom Ausbildungsstand abhängt, bleiben so Kinder von reichen Eltern reich, während Kinder aus armen Familien arm bleiben.

Abgesehen davon, dass diese mangelnde Chancengleichheit von den meisten Menschen als unfair empfunden wird, führt dies auch zu wirtschaftlicher Ineffizienz. Ein grosser Teil der Bevölkerung wird von der Möglichkeit, eine gute Ausbildung zu absolvieren, ausgeschlossen. Ein grosses volkswirtschaftliches Potential, nämlich höheres Humankapital, liegt brach. Dies ist vor allem in hochentwickelten Volkswirtschaften schädlich. Dort können Wachstumsgewinne nicht mehr in erster Linie durch mehr Maschinen, also zusätzliches Kapital, getätigt werden, sondern vor allem durch Innovationen. Und um Innovation zu erzeugen, braucht eine Volkswirtschaft möglichst viele schlaue Köpfe.

Ein Punkt der nicht unterschätzt werden darf, ist der soziale Frieden. Länder mit sehr hoher Ungleichheit laufen Gefahr, soziale Unruhen und Konflikte zu provozieren. Dies führt einerseits zu einem Verlust von produktiven Ressourcen, indem zum Beispiel Menschen kriminell werden oder demonstrieren anstatt zu arbeiten. Andererseits schürt dies aber auch Unsicherheit, was sich in zurückhaltenden Investitionstätigkeit äussern wird. Beides beeinträchtigt das Wachstum.

Ein weiterer Grund, weshalb Ungleichheit einen negativen Effekt auf das Wachstum haben kann, liegt im politischen Geschehen. Was passiert in einer Demokratie in der Vermögen und Einkommen ungleich verteilt sind? Die Mehrheit der Bevölkerung wird dann hohe Steuern und Umverteilung befürworten. Schliesslich profitiert sie davon. Hohe Steuern auf Kapitaleinkommen führen aber dazu, dass Investitionen gehemmt werden, was wiederum wachstumsschädlich ist.

Was tun?

Empirisch lässt sich nicht klar festlegen, ob Ungleichheit einen positiven oder negativen Effekt auf die Wachstumsrate ausweist. Die wissenschaftliche Literatur ist widersprüchlich. Es gibt aber heute durchaus Anzeichen dafür, dass weniger – nicht keine (!) – Ungleichheit gut für das Wirtschaftswachstum ist. Es ist aber schwer zu sagen, bis wann gute und ab wann schlechte Ungleichheit vorliegt.

Daneben gibt es auch nichtökonomische Aspekte, die für eine geringere Ungleichheit sprechen. Ist doch soziale Gerechtigkeit ein Anliegen, dass die meisten Menschen befürworten. Die Verhaltensökonomie konnte in Experimenten gar beweisen, dass die meisten Menschen eine Präferenz für Fairness haben.

Die entscheidende Frage ist jedoch: Kann man die Ungleichheit reduzieren, ohne andere Variablen wie Investitionen, Innovation, Risikowagnis und im Endeffekt die Produktivität zu beeinflussen?

Umverteilung ist eine Möglichkeit, Ungleichheit zu reduzieren. Sie wirkt schnell, bringt aber hohe Kosten und Ineffizienzen mit sich. Viel effektiver ist es, bei der Wurzel der Ungleichheit anzusetzen und allen Menschen den Zugang zu einer hochwertigen Ausbildung zu ermöglichen. Schliesslich wirkt sich diese stark auf das zukünftige Einkommen aus.

In jüngster Zeit gewinnt die Auffassung Raum, dass der freie Zugang zu Bildungseinrichtungen alleine nicht ausreicht: «50 Prozent der Einkommensunterschiede lassen sich durch Faktoren erklären, die vor dem 18. Lebensjahr festgelegt werden», erklärt James Heckmann, Wirtschaftsnobelpreisträger und prominentester Advokat der Frühförderung, in einem Interview.

Fähigkeiten wie Selbstkontrolle oder Durchhaltevermögen, die im späteren Leben entscheidend für ein gutes Einkommen sind, werden durch das familiäre Umfeld der Kinder geprägt. Kinder aus armen Familien sind häufig grossem Stress ausgesetzt und können weniger durch ihre Eltern schulisch und seelisch unterstützt werden. Sie starten ihre Ausbildungskarriere bereits mit viel schlechteren Karten.

Nicht nur Ökonominnen und Ökonomen, sondern auch Pädagoginnen und Pädagogen plädieren daher für eine Frühförderung von Kindern aus bildungsfernen Familien. Studien haben gezeigt, dass nur schon ein wöchentlicher Besuch einer Betreuerin einen grossen Effekt auf die schulische und soziale Entwicklung von Kindern haben kann. Womöglich ist dies das effizienteste Mittel gegen Ungleichheit. Und, weil sich dadurch auch das Bildungsniveau der Bevölkerung erhöht, kann sich dies auch positiv auf das Wirtschaftswachstum auswirken.

Lesen Sie auch: Der Preis der Ungleichheit, Fehler machen erfolgreich oder die Great-Gatsby-Kurve

Zum Thema:

Für das iconomix-Team
Patrick Keller

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