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Ende des Wachstums?
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Ende des Wachstums?
Mittwoch, 09. Oktober 2013

«Worauf würden Sie lieber verzichten: Auf das iPhone oder die Toilette?» so der Ökonom Robert J. Gordon letzten Monat in Zürich. Seine provokative These: Das Wachstum in den USA ist bald zu Ende.

Bild: GDI

«Herr Gordon, warum brauchen wir Wachstum?»

«Damit wir die Ressourcen haben, neue Probleme anzugehen. Ohne Wirtschaftswachstum kann man sich Neues nur leisten, wenn man auf etwas Bisheriges verzichtet», so Robert Gordon auf die Frage eines Zuhörers am Gottlieb Duttweiler Institut in Zürich am 11. September.

Doch genau an dieses wichtige Wirtschaftswachstum glaubt der amerikanische Wirtschaftsprofessor nicht mehr so recht. Die Wachstumsperiode der USA in den letzten 200 Jahren ist in seinen Augen eine Ausnahmeerscheinung.

Es ist unwahrscheinlich, dass in den nächsten Jahren nochmals Innovationen getätigt werden, die die gleichen Wohlstandsgewinne wie die Elektrizität, die Kanalisation oder die Waschmaschine hervorbringen, so Gordon. Neben dem Abflauen der Innovationswelle, wehen dem Wirtschaftswachstum zusätzlich raue Winde entgegen. Die demographische Entwicklung oder die anhaltende Ungleichheit in den USA zählen dazu.

Wie der Wohlstand steigt

Um seine Argumente verständlich zu machen, bringt Gordon eine kurze Einführung in die Wachstumstheorie. Ein guter – wenn auch nicht perfekter – Indikator für den Wohlstand ist das Pro-Kopf-Einkommen bzw. das Bruttoinlandprodukt pro Kopf. Das Pro-Kopf-Einkommen  steigt, wenn Menschen in einer Gesellschaft mehr arbeiten oder wenn wir produktiver werden.

Mehr Arbeitsstunden pro Einwohner heisst, dass entweder jeder Mensch mehr Stunden arbeitet oder dass der Anteil an arbeitenden Menschen in einer Gesellschaft steigt. Letzteres war beispielsweise mit dem Eintritt der Frauen in die vom Bruttoinlandprodukt erfasste Arbeitswelt der Fall.

Doch Menschen verbringen heute weniger Stunden pro Tag mit Arbeiten. Der Wohlstandsgewinn der vergangenen Jahrzehnte beruht also nicht darauf, dass wir mehr arbeiten. Entscheidend für das Pro-Kopf-Wachstum der letzten zwei Jahrhunderte war das Produktivitätswachstum.

Produktivität sagt aus, wie viel pro eingesetzte Arbeitsstunde produziert wird. Produktivität kann erhöht werden, indem man Maschinen einsetzt (Realkapital), Menschen besser ausbildet (Humankapital) oder produktivitätssteigernde Innovationen erzeugt (technischer Fortschritt).

Toilette oder Smartphone?

Die Produktivitätsfortschritte der letzten 200 Jahre waren einzigartig. Eisenbahnen und Autos vervielfachten die Transportgeschwindigkeit und befreiten die Strassen von Unmengen an Pferdemist. Wasserversorgung und Kanalisation erlösten die Frauen von stundenlangem Wasser schleppen und ebneten dadurch den Weg für produktivere Arbeiten.

Über den Zeitraum von 1891 bis 1972 stieg die Arbeitsproduktivität in den USA um durchschnittlich 2,3 Prozent pro Jahr. Danach ging das Wachstum deutlich zurück auf 1,4 Prozent zwischen 1972 und 1996. Der Hauptgrund für diese Abnahme beruht gemäss Gordon darauf, dass die in dieser Zeit getätigten Innovationen weniger produktivitätsfördernd waren.

Wenn man den Wert von Innovation daran misst, wie sehr sie zur Erhöhung der Arbeitsproduktivität beitragen, dann sind neuere Erfindungen wie Computer oder Internet weit weniger wertvoll als Dampfkraft oder Elektrizität. «Worauf würden Sie lieber verzichten», fragt Gordon,  «auf ein funktionierendes Kanalisationssystem oder auf ihr Smartphone?» Viele Erfindungen der letzten Jahre dienen in erster Linie der Unterhaltung. Es geht jedoch kaum eine produktivitätssteigernde Wirkung von ihnen aus.

Innovationen wie Smartphones sind unterhaltsam, bringen aber keine Produktivitätsgewinne, so Gordon. (Bild: Wikipedia)

Raue Gegenwinde

Produktivitätssteigernde Innovationen wären aber dringend nötig. Denn dem Wachstum des Pro-Kopf-Einkommens wehen in den USA eiskalte Winde entgegen:

So führt die demographische Entwicklung dazu, dass der Anteil an arbeitsfähigen Menschen in der Gesellschaft immer kleiner wird. Dies hat zur Folge, dass weniger Arbeitsstunden pro Einwohner geleistet werden, mit dem negativen Effekt auf das Pro-Kopf-Einkommen.

Auch das Bildungssystem der USA trägt nicht mehr in dem Ausmass zu Produktivitätsgewinnen bei, wie dies im letzten Jahrhundert der Fall war. Die heutige Generation ist erstmals ungefähr gleich gut ausgebildet wie diejenige der 1960er Jahre. Kommt hinzu, dass das Kosten-Nutzen-Verhältnis schlecht ist. Die Kosten im Bildungsbereich sind in den USA förmlich explodiert. Dem stehen die für westliche Verhältnisse schlechten PISA-Werte gegenüber. Zwar gibt es heute mehr Universitätsabgänger als früher, aber viele erledigen nach der Ausbildung niedrigqualifizierte Arbeiten, wofür ihre Ausbildungskosten eigentlich zu hoch sind.

Der orkanartigste Gegenwind ist gemässe Gordon aber die frappierende Ungleichheit in den USA. Von 1993 bis 2008 wuchs das Pro-Kopf-Einkommen der gesamten Bevölkerung um 1,3 Prozent pro Jahr. Aber: Für die einkommensmässig unteren 99 Prozent der Menschen lag das Wachstum lediglich bei 0,75 Prozent pro Jahr. Für den grössten Teil der Bevölkerung wächst das Einkommen also weit weniger, als die Statistik im ersten Moment zu meinen vermag.

Peter Zweifel, Wirtschaftsprofessor an der Universität Zürich, stellte Gordon die Frage: «Was ist denn eigentlich so schlecht an Ungleichheit? Kann es nicht sein, dass Menschen in ungleichen Gesellschaften einen Anreiz haben nach oben zu kommen und so mehr zu leisten?»

Eine gewisse Ungleichheit ist an sich kein Problem, antwortete Gordon in der Diskussion. Aber in den USA hat sie ein Ausmass erreicht, dass schädlich ist, weil die Aufstiegschancen schlicht zu klein sind, um Anreize zu schaffen.

Auch die starke Verschuldung der amerikanischen Haushalte und des amerikanischen Staates werden das Wachstum des Pro-Kopf-Einkommens auf absehbare Zeit beeinträchtigen. Die Schulden müssen – zumindest teilweise – zurückbezahlt werden. Das verfügbare Pro-Kopf-Einkommen nach Rückzahlung der Schulden wird daher kleiner.

Wie sieht die Situation ausserhalb der USA aus? In Europa, insbesondere den nordischen Ländern und der Schweiz wehen die Gegenwinde etwas schwächer: Das Bildungssystem ist effizienter, die Schuldenlast und Ungleichheit vergleichsweise gering. Dennoch wird auch Europa unter dem Mangel an neuen produktivitätsfördernden Innovationen leiden.

Andere Pessimisten und Kritiker

In eine ähnliche Richtung wie Gordon argumentiert der Ökonomieprofessor und Kolumnist Tyler Cowen in seinem 2011 erschienen Buch «The Great Stagnation». Gemäss Cowen lässt sich die Stagnation des mittleren Einkommens seit den 70er Jahren in den USA damit erklären, dass in den Perioden davor «tiefhängende Früchte» geerntet werden konnten.  Damit meint er z. B. die Kultivierung von unberührtem Land, die Verbreitung von technologischen Durchbrüchen oder die Ausbildung breiter Bevölkerungsschichten. Die Zeit der revolutionären Erfindungen und Entdeckungen ist aber endgültig vorbei und wir leben auf einem technologischen Plateau.

Es ist wenig erstaunlich, dass Gordons und Cowens pessimistische Zukunftsaussichten auch Kritiker auf den Plan rufen. So z. B. den Ökonomen Erik Brynjolfsonn des renommierten Massachusetts Institute of Technology (MIT). In einem Ted-Talk kritisiert er z. B. das Festhalten an der Wohlstandmessgrösse «Bruttoinlandprodukt». Dieses unterschätze viele der in den letzten Jahrzehnten entstandenen frei zugänglichen Innovation wie Wikipedia oder Google. Diese sind kostenlos und fliessen daher nicht in die Wohlstandsstatistik ein. Zudem sind für Brynjolfsonn die Produktivitätsgewinne aus der digitalen Revolution noch lange nicht ausgeschöpft.

Lesen Sie auch: Der Preis der Ungleichheit oder Die Gatsby-Kurve

Zum Thema:

Für das iconomix-Team
Patrick Keller

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Kommentare

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Tim Tim - Ganz im Gegenteil ...

... denn die entscheidenden Produktivitätsfortschritte stehen der Menschheit noch bevor. Durch Bioengineering werden sich Landwirtschaft und Energieerzeugung enorm verändern, 3D-Printing hat schon jetzt einen spürbaren Einfluß auf industrielle Prozesse. Um Produktivitätsgewinne muß man sich in den nächsten 50 Jahren keine Sorgen machen.

10.10.2013 Antworten