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Donnerstag, 29. August 2013

Cremeschnitte oder Strandfigur? Party machen oder lernen? Wieso wir oftmals ungeduldiger sind, als wir denken und wie dies unsere wirtschaftlichen Entscheidungen beeinflusst.

Bei Kindern sind die Hirnregionen, die für Belohnungsaufschub zuständig sind, oft noch nicht entwickelt. (Bild: Wikipedia)

Stellen Sie sich vor, Sie werden auf der Strasse angesprochen und man macht ihnen jeweils zwei Angebote. Für welches würden Sie sich entscheiden?

Situation 1:

Angebot 1: Sie erhalten jetzt 50 Franken geschenkt.

Angebot 2: Sie erhalten 100 Franken in einem Jahr geschenkt.

Wie sich in Experimenten herausgestellt hat, entscheiden sich die meisten Menschen für das erste Angebot.

Situation 2:

Angebot 1: Sie erhalten 50 Franken in einem Jahr geschenkt.

Angebot 2: Sie erhalten 100 Franken in zwei Jahren geschenkt.

In dieser Situation entscheiden sich die meisten Menschen für das zweite Angebot – obwohl die Ausgangslage gleich ist wie in der ersten Situation. Sie müssen sich entscheiden, ob sie für 50 zusätzliche Franken die «Belohnung» um ein Jahr aufschieben wollen.

Ein Jahr später fragt man die Versuchspersonen, die sich für das zweite Angebot entschieden haben nochmals, ob sie doch lieber die 50 Franken sofort, anstelle der 100 Franken in einem Jahr haben möchten. Die meisten Menschen entscheiden sich nun doch wieder für die sofortigen 50 Franken. Die Versuchspersonen haben ihre Entscheidung über die Zeit zugunsten der sofortigen Belohnung revidiert: Sie verzichten für das sofortige Geschenk – wie in der ersten Situation – auf einen äusserst lukrativen Zinssatz von 100 Prozent.

Geduld wird überschätzt

Oft müssen wir uns zwischen einer sofortigen kleinen Belohnung und einer späteren grösseren Belohnung entscheiden. Wer eine Ausbildung macht, verzichtet für die nähere Zukunft auf ein gewisses Einkommen. Dafür kann er in Zukunft ein höheres Einkommen erwarten. Die Belohnung, in Form von Konsum, wird aufgeschoben.

Menschen und Tiere bevorzugen jedoch oftmals eine unmittelbare kleine Belohnung gegenüber dem grossen zukünftigen Gewinn. Es ist sogar so, dass sich die Präferenzen für eine sofortige kleinere oder eine spätere grössere Belohnung über die Zeit verändern. Wie im obigen Experiment gezeigt, überschätzen Menschen ihre Geduld in der Zukunft. Sie denken: «In einem Jahr werde ich schon noch ein Jahr ausharren können.» Je unmittelbarer aber eine Belohnung bevorsteht, desto eher verhalten wir uns impulsiv.

Der Reiz der sofortigen Belohnung

Menschen verspüren gemeinhin den Impuls, sich den kurzfristigen, schnellen Gewinn zu sichern. Besonders ausgeprägt ist dieses Verhalten bei Kindern. Sie haben noch grosse Mühe mit Belohnungsaufschub, weil sich die zuständigen Hirnareale erst durch Lernen entwickeln müssen. Amüsant und aufschlussreich ist dazu ein kurzes Video zum Marshmallow-Experiment.

Doch nicht nur Kinder, auch Erwachsene haben häufig Probleme mit Belohnungsaufschub. Heute fällt es uns leicht, zu sagen, morgen auf die ach so feine Cremeschnitte zugunsten der Strandfigur im nächsten Sommer zu verzichten. Sobald aber aus dem «morgen» «heute» wird, ist die Strandfigur oftmals nicht mehr ganz so wichtig und sie muss dem sofortigen Genuss weichen.  

Der Neandertaler im Gehirn

Diese Tendenz zu impulsivem Verhalten scheint ein stammesgeschichtliches Überbleibsel zu sein. Unsere Vorfahren konnten viel eher überleben, wenn sie das erspähte Mammut sofort erlegten und nicht auf ein noch grösseres warteten – das vielleicht gar nie kommen würde.

Studien haben gezeigt, dass es in unserem Gehirn unterschiedliche Systeme gibt. Während die jüngeren, komplexen Teile des Gehirns uns helfen, die Zukunft zu planen und zu analysieren, sind die älteren eher für emotionale und impulsive Prozesse zuständig. Die alten Hirnregionen sind also die Übeltäter, die uns zur Cremeschnitte verführen.

Auch individuelle Eigenschaften spielen eine Rolle, wie stark die Präferenz für sofortigen Konsum ausgeprägt ist. So hat man herausgefunden, dass süchtige Menschen – wie Raucher, Alkoholkranke, Kokain- und Heroinabhängige – die Gegenwart insgesamt höher gewichten als Menschen ohne Suchterkrankung. Das heisst, Menschen mit einer Suchterkrankung treffen auch in finanzieller Hinsicht mehr impulsive Entscheidungen.

Update für das 21. Jahrhundert

Weil Entscheidungen zum Belohnungsaufschub in den neueren, komplexeren Hirnregionen stattfinden, brauchen sie mehr Energie. Sinkt der Blutzuckerspiegel, so entscheiden wir uns daher eher impulsiv. Für das rationale und zukunftsbezogene Denken bleibt schlicht zu wenig Energie übrig.

Hungrige Menschen fällen daher eher impulsive Entscheidungen. Ein Problem, das man auch aus Entwicklungsländern kennt. Wo Hunger herrscht, ist Geduld nur spärlich gesät. So denken viele afrikanische Bauern zu wenig zukunftsbezogen: Sie konsumieren zu viel ihrer Ernte, anstatt einen Teil als Saatgut aufzusparen.

Ebenfalls ein Problem in Entwicklungsländern – aber nicht nur dort – ist, dass psychischer Stress ungeduldig macht. Menschen mit finanziellen Problemen sind häufig gestresst. Was wiederum dazu führt, dass sie impulsive Entscheidungen treffen, die ihre finanzielle Lage noch verschlechtern. Ein Teufelskreis.

Gewisse Situationen oder persönliche Eigenschaften führen also zu einer starken Gegenwartspräferenz. Dadurch leuchtet es auch ein, weshalb der Staat Menschen zum Zwangssparen für das Alter verpflichtet. So kommen Menschen gar nicht erst in Versuchung, ihr gesamtes Einkommen während ihrer Arbeitstätigkeit auszugeben.

Impulsives Verhalten war früher lebenswichtig. Ohne diese Eigenschaft würde unsere Art heute kaum noch existieren. Aber unsere Umwelt hat sich in biologischen Zeitmassstäben innerhalb kurzer Zeit rasant verändert. Die Zukunft in unseren Breitengraden ist – allen Krisenherden zum Trotz – deutlich planbarer geworden als früher. Die früher lebenswichtige Fähigkeit zu impulsivem Verhalten führt heute oft dazu, dass wir Entscheidungen treffen, die nachteilig für unsere Zukunft sind.

Unser Gehirn bräuchte dringend ein «Zivilisations–Update», damit wir uns auch intuitiv besser entscheiden. Leider lässt sich die Entwicklungsabteilung «Evolution» dazu in der Regel mehrere Jahrtausende Zeit.

Lesen Sie auch: Mein, mein, mein! oder Wie man Menschen beeinflusst 

Zum Thema:

Für das iconomix-Team
Patrick Keller

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