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Wohlstand macht gross
Entwicklung, Wachstum, Umwelt
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Wohlstand macht gross
Donnerstag, 15. August 2013

«Iss, dann wirst du gross und stark!» Wie wirtschaftlicher Wohlstand die Menschen wachsen lässt und weshalb Holländer heute grösser sind als Amerikaner.

 

Bild: Wikipedia

In alten Häusern stösst man sich oft den Kopf am Türrahmen an. Grund dafür ist nicht etwa das Unvermögen der damaligen Architekten, sondern der Umstand, dass die Menschen früher kleiner waren. Die Durchschnittsgrösse der männlichen Schweizer nahm seit 1875 um rund 15 Zentimeter zu.

Der Grund für diese Zunahme liegt nicht in den Genen. Das Erbgut kann sich in dieser kurzen Zeit nicht verändern. Die Ursache dieses Körperwachstums liegt in den veränderten Umweltbedingungen.

Wie wir wachsen

Unser Erbgut ist für rund 80 Prozent der Unterschiede in den Körpergrössen zwischen Menschen verantwortlich. Die restlichen 20 Prozent können unterschiedliche Umweltbedingungen erklären. Zwar geht man davon aus, dass eine maximale Körpergrösse genetisch vorbestimmt ist. Damit dieses genetische Potential aber ausgeschöpft werden kann, braucht es förderliche Umweltbedingungen.

Die wohl wichtigste Umweltbedingung ist die Ernährung. Dabei ist die Balance aus In- und Output entscheidend. Die Nährstoffaufnahme sollte das Nährstoffbedürfnis – z.B. durch körperliche Arbeit oder Bekämpfung von Krankheiten und Stress – überwiegen. Bei Mangelernährung, Krankheit oder übermässiger Arbeitsbelastung wird das Wachstum gehemmt oder gar gestoppt.

Körpergrösse als Wohlstandsindikator

Der menschliche Körper wächst ungefähr bis zum 20. Lebensjahr – unregelmässig und in Schüben. Dann ist das Knochenwachstum abgeschlossen. Die Körpergrösse eines erwachsenen Menschen enthält daher Informationen über die Umweltbedingungen in seinen ersten 20 Lebensjahren.

Gute Lebensbedingungen zeichnen sich aber nicht nur durch genügend gute Nahrung aus. Auch wenig psychischer Stress, gute hygienische Umstände und eine fortschrittliche medizinische Versorgung wirken sich positiv auf das Höhenwachstum aus. Ist der Lebensstandard in der Kindheit und Jugend gut, wachsen die Menschen näher an ihr genetisches Potential. Die Gesamtheit dieser Lebensumstände wird als biologischer Lebensstandard bezeichnet.

Dies heisst aber nicht, dass der kleine Peter in jungen Jahren weniger zu Essen hatte, als der grosse Paul. Es ist wahrscheinlicher, dass Gene für diesen Unterschied verantwortlich sind. Erst wenn man die durchschnittliche Körpergrösse von Menschengruppen vergleicht, kann man Aussagen über den Lebensstandard verschiedener Gruppen treffen.

Die Ernährung eines Menschen wird – oder wurde über lange Zeit – in erster Linie durch sein Einkommen bestimmt. Das Einkommen beeinflusst daher die Körpergrösse. Mehr Einkommen erlaubt mehr und bessere Ernährung, aber auch bessere medizinische und hygienische Versorgung und ein besseres Wohnumfeld. Mit der Körpergrösse lassen sich daher Rückschlüsse auf das wirtschaftliche Umfeld von Menschen in ihrer Kindheit und Jungend ziehen. Die durchschnittliche Körpergrösse kann somit, wie das Bruttoinlandprodukt, als ein Indikator für wirtschaftlichen Wohlstand verwendet werden.

Mehr Geld für Eier und Speck

Der Anstieg des Körperwachstums in der Schweiz der letzten 130 Jahre ist auf den gestiegenen wirtschaftlichen Wohlstand zurückzuführen. Indem die Schweiz 1870 den Anschluss an das internationale Eisenbahnnetz fand, wurde der preisgünstige Massenimport von Nahrungsmitteln (v.a. Getreide) möglich. Die Zeit der Agrargesellschaft ging zu Ende und die Industrialisierung setzte ein. Durch die gesunkenen Preise und die gleichzeitig gestiegenen Löhne verbesserte sich auch die Einkommenssituation der breiten Bevölkerung. Menschen konnten sich so mehr und qualitativ hochwertigere Nahrungsmittel leisten.

Während im Jahr 1870 noch durchschnittlich 2600 Kalorien aufgenommen wurden, waren es 1912 bereits 3040. Aber auch die Zusammensetzung der Ernährung veränderte sich. Es kam zu einer Umstellung der Landwirtschaft auf Vieh- und Milchwirtschaft. Mehr Fleisch, Milch und Eier fanden den Weg auf die Teller. Diese Nahrungsmittel enthalten tierische Proteine, welche für das Körperwachstum wichtig sind.

Ungleichheit lässt klein bleiben

Da das Einkommen die Körpergrösse beeinflusst, erlaubt der Vergleich der mittleren Körpergrössen verschiedener sozialer Gruppen auch Aussagen über die Einkommens- bzw. Vermögensverteilung in einer Gesellschaft.

So war die Oberschicht in Basel zwischen 1875 und 1940 rund 6 Zentimeter grösser als die Unterschicht. Zudem reagierte die Körpergrösse der Unterschicht stärker in schwierigen Zeiten. In ökonomischen Stresssituationen – z.B. während den Weltkriegen oder der Grossen Depression – büsste sie mehr an Körperwachstum ein als die Oberschicht. Dies lag vor allem daran, dass Menschen aus tieferen sozialen Schichten einen grösseren Anteil ihres Einkommens für Nahrungsmittel ausgeben. Fällt ein Teil des Einkommens weg, so haben tiefere soziale Schichten weniger Spielraum bis es ans Eingemachte geht. 

In diesem Zusammenhang ist auch ein Blick über die Grenzen interessant. Seit dem 18. bis Mitte des 20. Jahrhunderts überragten die US-Amerikaner alle anderen Nationen. Doch seit 1950 wächst ihre Durchschnittsgrösse nicht mehr. Rund 12 europäische Nationen haben die Amerikaner seither überholt. Allen voran die Holländer. Die Schweiz liegt ungefähr im Mittelfeld. Wir sind damit etwas kleiner als unsere deutschen Nachbarn.

Restlos geklärt ist die Stagnation der Körpergrösse in den USA nicht. Eine mögliche Erklärung könnte die Ungleichheit in der Bevölkerung sein. Das Bruttoinlandprodukt pro Kopf (BIP / Einwohner) ist in den USA zwar vergleichsweise hoch, Vermögen und Einkommen sind aber sehr ungleich verteilt. Das drückt sich u.a. dadurch aus, dass der Zugang zum Gesundheitssystem für gewisse Bevölkerungsteile nur eingeschränkt möglich ist. Auch ist psychischer Stress und qualitativ schlechte Ernährung in tieferen Schichten allgegenwärtig. Die Folge: Während ein eher kleiner, wohlhabender Teil der Bevölkerung auch in den USA weiter gewachsen ist, hat das Wachstum des grösseren Teils der US-Amerikaner in den letzten Jahren nicht mehr zugenommen.

Das neue Breitenwachstum

Das genetisch mögliche Maximum der Körperhöhe scheint in der Schweiz nun erreicht zu sein: Seit Ende der 80er Jahre wachsen die Schweizer – wie viele andere westliche Länder – nicht mehr in die Höhe, sondern eher in die Breite. Körperliche Reserven zu speichern war aus evolutionärer Sicht lange ein Überlebensvorteil. Die Zeiten in der Agrargesellschaft waren von Schwankungen geprägt. Die Fähigkeit des Körpers Fett in guten Zeiten für schlechte zu speichern war essentiell.

Dieser ehemalige Überlebensvorteil ist in der heutigen Konsumgesellschaft zum Nachteil geworden. Die mit Überernährung verbundenen Zivilisationskrankheiten, wie Herz- und Gefässerkrankungen, Adipositas oder Diabetes mellitus führen dazu, dass die Lebensqualität oder der Lebensstandard für viele Menschen wieder rückläufig wird.

Zum Thema:

Für das iconomix-Team
Patrick Keller

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