Verwandte Blogs

 
 
Patrick Keller, Sonntag, 14. Mai 2017, 00:05

Was geschieht mit der amerikanischen Mittelklasse?

Die Lebenserwartung der weissen Arbeiterschicht in den USA sinkt. Was steckt hinter den gestiegenen Sterberaten?

Bild: wikimedia – Robert Lawton (CC)

Vor 100 Jahren wurden Menschen ungefähr gleich alt wie Schimpansen. Seither hat sich die Lebenserwartung in westlichen Ländern fast verdoppelt. Besserer Medizin und gestiegenem Wohlstand sei Dank. Jede Generation konnte damit rechnen, ein paar Jahre mehr im Diesseits zu verbringen.

Jedoch dürfen nicht alle Menschen damit rechnen, gleich alt zu werden. So beeinflusst unter anderem der sozioökonomische Hintergrund die Lebenserwartung. In den USA sterben Afroamerikaner früher als weisse Amerikaner. Doch die erfreuliche Nachricht lautet: Die Minderheiten holen auf. So ist die Lebenserwartung der Afroamerikaner in den USA in letzten Jahren stärker gestiegen, als diejenige der weissen Bevölkerung.

Gar nicht erfreulich ist eine andere Nachricht: Seit 1999 steigt die Sterberate der weissen Amerikaner im Alter von 45 bis 54 ohne Hochschulabschluss. Publik machten dies die beiden Ökonomen Ann Case und ihr Ehegatte und Nobelpreisträger Angus Deaton. «Unmöglich, es muss sich um einen Fehler handeln», dachten sie zunächst. Doch bald stand fest: Menschen der amerikanischen Arbeiterklasse im mittleren Alter sterben früher als die Jahrgänge zuvor. So etwas hat es ohne Krieg oder Epidemie noch nie geben.

Die Lebenserwartung gilt neben dem Bruttoinlandprodukt als wichtigste Messlatte für Fortschritt. Wohlstand und Gesundheit sind die Grundpfeiler der Wohlfahrt. Sinkt die Lebenserwartung einer Bevölkerungsgruppe, müssen alle Alarmglocken schlagen. «Eine sinkende Lebenserwartung, das gibt’s nur in Krisenzeiten», so Case und Deaton.

Wo ist also die Krise? Weshalb sterben diese Menschen trotz besserer medizinischer Versorgung früher? Das Rätsel der steigenden Sterberate ist nicht restlos geklärt. Case und Deaton sprechen in einer kürzlich erschienenen Publikation vom Tod durch Verzweiflung (Deaths of Despair): «Die Menschen sind verzweifelt; sie bringen sich um, trinken sich zu Tode oder nehmen zu viele Drogen und Tabletten.»

Tatsächlich sind viele dieser Todesfälle auf Suizid, Überdosen und Leberschäden infolge Alkoholmissbrauchs zurückzuführen. Seit 1999 hat sich die Zahl der Drogentoten vervierfacht. Brisant: Bei rund der Hälfte aller Überdosis-Toten war ein legales Schmerzmittel im Spiel. Die grosszügige Vergabe von Schmerzmitteln mit starkem Abhängigkeitspotential (Opioiden) wird seither in den USA heiss diskutiert.

Doch weshalb verhalten sich viele Amerikaner derart ungesund? Schliesslich ist bekannt, dass Opiate und starker Alkoholkonsum weniger gesund sind als Federkohl und Chia-Samen. Case und Deaton vermuten vor allem wirtschaftliche Gründe am Ursprung dieser Entwicklung.

Noch in den 1970er Jahren konnten Menschen aus der Arbeiterklasse sicher sein, dass es ihnen einst bessergehen würde als ihren Eltern. Jedes Jahr würden sie mit harter Arbeit und Fleiss etwas mehr verdienen. Schliesslich waren die Arbeiterinnen und Arbeiter gefragt, die Industrie brauchte sie. So die Erwartungen.

Doch der Arbeitsmarkt in den USA hat sich verändert. Technischer Wandel hat dazu beigetragen, dass Arbeiter durch Roboter ersetzt wurden. Im Zuge der Globalisierung wurden ausserdem Industrien ausgelagert oder sind ganz verschwunden - und mit ihnen die Arbeitsplätze. Viele Arbeiterinnen und Arbeiter werden nicht mehr gebraucht.

Der amerikanische Traum ist geplatzt. Die Erwartungen der weissen Arbeiterklasse haben sich nicht erfüllt. Viele stecken in finanziellen Schwierigkeiten und schlagen sich mit Gelegenheitsjobs durch. Die Zukunft scheint ungewiss; ihr Stolz ist geknickt. Eine Atmosphäre der Hoffnungslosigkeit und Abstiegsangst macht sich breit, was wiederum destruktives Verhalten fördert. Eine Flucht in Alkohol und Betäubungsmittel liegt nahe. Die physische und psychische Gesundheit leidet, was die Chancen auf eine bessere Arbeitsstelle weiter verschlechtert. Es ist ein Teufelskreis.

Zwar haben auch andere Minderheiten in den USA schlechte Karten auf dem Arbeitsmarkt – doch diese hatten gar nie grosse Erwartungen geschürt. Ihre Enttäuschung blieb aus, mutmassen Case und Deaton.

Auf die Frage eines Reporters, ob es der Mittelklasse in den USA wirklich so schlecht geht, antwortet Deaton lakonisch: 

«Sie stirbt. »
«Ökonomisch? »
«Nein, wortwörtlich. »

Es überrascht wenig, dass Menschen in Gebieten mit gestiegenen Sterberaten anfällig auf ein Versprechen nach dem «alten Amerika» sind und Donald Trump gewählt haben. Der technische Fortschritt und die Globalisierung haben neben zahlreichen Gewinnern eben auch Verlierer hervorgebracht. Wie genau die Verlierer zu Gewinnern gemacht werden können, dafür haben aber bisher weder Donald Trump noch Angus Deaton einen überzeugenden Vorschlag geliefert.

Aber Achtung! Oftmals neigen wir dazu, negativen Nachrichten mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Die Entwicklung dieser einen Bevölkerungsgruppe – so traurig sie auch sein mag – darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Lebenserwartung der meisten Menschen fast rund um den Globus steigt und dies nicht zuletzt dank Handel und technischem Fortschritt.


Lesen Sie auch:

Zum Thema:


Patrick Keller,
M.A. in Volkswirtschaftslehre der Universität Zürich, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Winterthurer Institut für Gesundheitsökonomie, ehemaliger Praktikant bei iconomix.

Dies ist ein Gastbeitrag. Inhaltlich verantwortlich ist der jeweilige Autor, die jeweilige Autorin.

Dieser Artikel wurde am 15.05.2017 aktualisiert.

entry tx_cabagblog_domain_model_entry Multi 912 24 1448
(0)
(0)
 
76 Aufrufe, 2 Kommentare
 
Kommentare (2)Kommentar abgeben
Patrick Keller
15. Mai 2017, 15:05
Re: Reisserisch, in Aufmache und Inhalt

Vielen Dank für ihren wertvollen Kommentar und den interessanten Artikel, Herr Salvi. Wie so oft in den Sozialwissenschaften gibt es wohl auch hier verschiedene Ansichten und Methoden für die gleiche Frage. Auf alle Aspekte und Ansichten vertieft einzugehen, würde den (bewusst kurz gehaltenen) Umfang eines Blogartikels sprengen. Zum Glück gibt es für solche Hinweise die Kommentarfunktion!

Marco Salvi
14. Mai 2017, 12:05
Reisserisch, in Aufmache und Inhalt

Ich finde diesen Artikel reisserisch, in Aufmache und Inhalt. Er präsentiert nur die eine Seite der Geschichte. Deaton mag Nobelpreis sein, doch ist er weder Demograf noch Aktuar. Seine Analyse ist umstritten (siehe ua https://psmag.com/news/the-death-of-the-white-working-class-has-been-greatly-exaggerated ). Im Artikel ist davon keine Rede. Die Pirouette im letzten Absatz ist dafür keine Entschuldigung.

Kommentar hinzufügen


*

Geben Sie die Zeichenfolge links ins untenstehende Feld ein.

Bitte füllen Sie alle mit * markierten Felder aus.

Hinweis: Wir sind sehr an einer offenen Diskussion interessiert, behalten uns aber vor, beleidigende Kommentare zu löschen. Mehr dazu in unseren Kommentarregeln

 

Abbrechen