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iconomix-Team, Sonntag, 16. April 2017, 00:04

Wie ein Rohstoff die Welt eroberte

Der Harvard-Historiker Sven Beckert beleuchtet im Buch «King Cotton» die düstere Geschichte der Baumwolle.

Bild: wikimedia – Edward (CC)

Kaum ein Rohstoff steht derart symbolisch für die industrielle Revolution und die Entwicklung des modernen Kapitalismus wie die Baumwolle. Es ist deshalb kein Zufall, dass Sven Beckert in seinem Buch «King Cotton» die Globalgeschichte des Kapitalismus anhand der Baumwolle erzählt. Obwohl die Baumwolle den roten Faden des Buches bildet, beschränkt sich Beckert nicht auf eine Erzählung der Geschichte der Baumwolle, sondern ordnet den Aufstieg der Baumwollindustrie in den Kontext der Entwicklung des globalen Kapitalismus ein.

Wie entstand die Baumwollindustrie in den verschiedenen Ländern? Welche Rolle spielten die Nationalstaaten, deren politischen Interventionen und der europäische Imperialismus bei dieser Entwicklung? Welche Länder profitierten vom Baumwollhandel, welche gehörten zu den Verlierern? Das sind die Leitfragen, denen Beckert in seinem Buch auf gefüllten 525 Seiten nachgeht.

Die Geschichte der Baumwolle beginnt nicht etwa im industrialisierten Grossbritannien, sondern in Indien: Hier wurde schon Jahrzehnte vor der Ankunft der Briten Baumwolle angebaut. In Europa war die Baumwolle zu dieser Zeit noch ein Exotikum. Die Kleider der Leute bestanden vorwiegend aus Wolle. Baumwolle galt – ähnlich wie die Seide – als Luxusgut, da ihre Produktion sehr arbeitsintensiv war. Erst die technologischen Neuerungen der industriellen Revolution machten die Produktion von Baumwolltextilien im grösseren Stil möglich.

Eine Baumwollspinnerei in Magnolia, Mississippi (1911). Bild: wikimedia – US National Archives

Die «innere» und die «äussere» Welt

Der Gegensatz zwischen Europa und seinen Kolonien ist ein zentrales Thema des Buches: Blühender Industriekapitalismus in Europa und katastrophaler «Kriegskapitalismus» in Europas Kolonien, geprägt von Enteignung und Ausbeutung, waren zwei Seiten derselben Medaille. So war beispielsweise die Ausbreitung von Baumwollplantagen und Sklaverei im Süden der USA eine Folge der immens gestiegenen Nachfrage nach Baumwolle aus dem industrialisierten Europa.

Beckert fasst diesen Umstand folgendermassen zusammen: «Die ‹innere Welt› beruhte auf den Gesetzen, Institutionen und Regeln des Heimatlandes, die von einem mächtigen Staat durchgesetzt wurden. Die ‹äußere Welt› dagegen war gekennzeichnet von imperialer Herrschaft, ungestrafter Enteignung riesiger Gebiete und unzähliger Menschen, von der Dezimierung einheimischer Völker, die ihrer Rohstoffe beraubt wurden, der Sklaverei und der Kontrolle breiter Landstriche durch private Kapitaleigner.» (S. 51)

Die imperialistischen Betreibungen der europäischen Nationalstaaten waren dabei eine Bedingung für die Entwicklung des europäischen Industriekapitalismus. So wurde die Baumwollindustrie in den Kolonien massgeblich umgekrempelt: Die Verarbeitung der Baumwolle wurde nach Europa verlagert, die Bauern in den Kolonien wurden zur Rohstoffgewinnung genötigt und schliesslich mussten sie die Fertigwaren (v.a. Kleider) aus Europa importieren. Beckert spricht von der «Gewalt der Markterzeugung» (S. 397).

Diese Handelsstrategie war staatlich abgesegnet – oder besser gesagt: Sie wurde vom Staat gefördert. Gewalt und Ausbeutung ausserhalb der Grenzen wurde gebilligt, um im Inland den Wohlstand der Kapitaleigner und Produzenten auszudehnen. Die europäischen Unternehmer und Kaufleute verschafften sich durch die politischen Interventionen der Staaten einen grossen Wettbewerbsvorteil: Der Staat agierte gewissermassen als vierter Produktionsfaktor. So belegte beispielsweise Grossbritannien 1726 den Import von verarbeiteter Baumwolle mit der Todesstrafe, um die einheimische Produktion vor Konkurrenz abzuschirmen.

Es gilt jedoch hervorzuheben, dass Beckert den Fokus auf ein besonders blutiges Kapitel der Kapitalismusgeschichte legt und es durchaus Nationen gab – wie beispielsweise die Schweiz –, die es ohne die Ausübung imperialistischer Gewalt zu ökonomischem Wohlstand brachten. So kann man zusammenfassend sagen, dass rücksichtsloser Kolonialismus die Entwicklung des Kapitalismus zwar stellenweise gefördert oder beschleunigt hat, er aber nicht zwingend Bedingung dafür ist.

Ein Buch für Ökonomen oder Historiker?

Beckerts Buch ist für Ökonomen gleichermassen lesenswert wie für Historiker. Es bietet eine grossartige Verknüpfung von ökonomischer Analyse und Geschichte: Der Autor versteht es gekonnt, die wirtschaftshistorischen Fakten in einen theoretischen Rahmen einzubetten, anstatt sie monoton aneinander zu reihen (wie es für mittelmässige wirtschaftshistorische Bücher bisweilen typisch ist). – Die mediale Aufmerksamkeit, die dem Buch zuteilwurde, scheint durchaus gerechtfertigt: «King Cotton» ist ein sehr gutes Buch.

Der Historiker Sven Beckert wurde 1965 in Deutschland geboren. Er studierte an der Universität Hamburg und an der Columbia University in New York. Seit 2008 ist er «Laird Bell Professor of History» an der Harvard University. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen amerikanische Geschichte und Geschichte des Kapitalismus. Sein Buch «King Cotton» wurde 2015 mit dem prestigeträchtigen «Bancroft Prize» ausgezeichnet.

Sven Beckert (2014): King Cotton. Eine Geschichte des globalen Kapitalismus, C.H. Beck, München

 

 

 

 


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Für das iconomix-Team,
Jan Egger

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