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Elisabeth Tester, Sonntag, 20. März 2016, 00:03

In der Schule in Schanghai: Chinesisch, Militärtraining und Autofahrstunden

Ausbildung in China – Teil 1

Chinesische Schüler müssen extrem viel lernen. Doch für das Berufsleben und die Anforderungen einer innovativen Wirtschaft zum Teil das Falsche.

Chinesische Schulkinder in Fengcheng. Bild: Pixabay

Jiayu, die Tochter meiner chinesischen Freundin Huiqing, geht in die vierte Klasse einer öffentlichen Primarschule in Schanghai. Als sie vor drei Jahren eine frischgebackene Erstklässlerin war, inspizierte sie regelmässig meine Chinesischaufgaben – und ich die ihren. Zum Teil mussten wir ähnliche Schreib- und Leseübungen machen und die gleichen Schriftzeichen (汉字,Hanzi) üben, was wir beide sehr lustig fanden. Doch nach eineinhalb Jahren musste ich mich trotz intensiver Bemühungen geschlagen geben, Jiayu hatte mich bereits um Längen überholt, und zwar in Bezug auf Anzahl und Komplexität der Hanzi.

1. Klasse: 1'000 Schriftzeichen statt 26 Buchstaben

Während unsere Schulkinder in der ersten Klasse 26 Buchstaben lesen und schreiben lernen, waren es bei Jiayu bereits mehr als Tausend Schriftzeichen. Das ist eine für viele Schweizer Eltern fast unvorstellbare Leistung. Dass sie in der vierten Klasse bereits 3'500 Hanzi kennt – für das Lesen einer  Zeitung sind etwa 2'500 Zeichen nötig – kommt nicht von ungefähr. Der Stundenplan der Primarschüler ist extrem Chinesisch-lastig. Die offiziell 34 Wochenstunden der Unterstufe in Schanghai teilen sich wie folgt auf: Chinesisch 10, Mathematik 6, Englisch 5, Naturwissenschaften 2, Sport 5, sowie moralische Erziehung, Psychologie, Handarbeit, Musik, Zeichnen und Klassenstunde je 1. Jeden Morgen um 8.00 Uhr gibt es «Morgensport», und danach wird die Zeit bis zur ersten Lektion für Matheübungen oder Chinesisch genutzt. Von Montag bis Donnerstag ist um 15.15 Uhr Schulschluss, am Freitag um 14.30 Uhr. Die Kinder essen in der Schule.

Jiayu’s Schule gehört zum Mittelfeld in Schanghai, deshalb ist ihr Stundenplan für chinesische Verhältnisse relativ harmlos. Die besten öffentlichen Schulen und viele Privatschulen bieten neben den obligatorischen Stunden Ergänzungsunterricht an, was die Schulzeit um zwei Stunden pro Tag verlängert. Und dann gibt es noch mindestens zwei Stunden Hausaufgaben. Dass Jiayu am Wochenende Privatunterricht in Englisch, Mathematik und Kalligrafie hat, ist Standard.

Ohne Privatunterricht läuft gar nichts

Huiqing betont: «Ich wollte nie, dass Jiayu immer nur lernt und kein Wochenende frei hat. Aber mehr als zwei Drittel der Schüler in ihrer Klasse nehmen wochentags am Abend oder am Samstag und Sonntag Privatunterricht. Der in ein paar Jahren anstehende Übertritt in die Mittelschule setzt schon heute alle Schüler unter enormen Druck, und Jiayu will nicht schlechter sein als ihre Schulkameraden.» Allein für Jiayu’s Englischunterricht (vier Stunden pro Woche) gibt Huiqing 20'000 Yuan (etwa 3'000 Franken) pro Jahr aus. Im Vergleich: Das Durchschnittseinkommen in Schanghai beträgt rund 15'000 Franken pro Jahr, der landesweite Durchschnitt ist 8'000 Franken.

Huiqing regt sich aber nicht über diese sehr hohen Zusatzkosten für Jiayu’s Ausbildung auf. Worüber sie sich ärgert, ist die Art und Weise wie der Stoff in der öffentlichen Schule vermittelt wird: «Unsere Kinder lernen nicht zu denken, und der Grossteil des Stoffes, den sie auswendig lernen müssen, ist fürs spätere Leben völlig irrelevant.»

Und in der Mittelschule?

Und wie ist es in der Mittelschule? Meng’an, heute junge Inhaberin einer Sprachschule in Schanghai, erzählt. Sie besuchte eine der renommiertesten Mittelschulen der Stadt, die nur die besten Absolventen der stadtweiten Aufnahmeprüfung akzeptiert. Typischerweise sind die Schüler bei Eintritt 16 Jahre alt. «Wir waren 50 Schüler in jeder Klasse, pro Jahrgang gab es 12 Klassen. Jeweils vier Schüler bildeten eine Lern- und Diskussionsgruppe für gemeinsame Projekte, Experimente im Chemielabor und mündliche Englischprüfungen.» Doch bevor das erste Mittelschuljahr begann, mussten alle Schüler in den Sommerferien auf dem Schulgelände ein zweiwöchiges «Militärtraining» absolvieren. Unter Aufsicht lokaler Soldaten wurde Sport getrieben und Disziplin geübt. Und Disziplin war dann tatsächlich gefragt. Meng’an erklärt: «In den ersten zwei Jahren mussten wir jeden Tag um 06.30 Uhr zum Morgensport antreten, danach folgten fünf Lektionen mit Pflichtfächern. Am Nachmittag besuchten wir die Wahlfächer und verschiedene soziale Aktivitäten, von 19.00 bis 21.00 Uhr mussten wir im Klassenzimmer die Hausaufgaben lösen. Um 23.00 Uhr war im Wohnheim Lichterlöschen.»

Im zweiten Mittelschuljahr werden die Schüler aufgrund ihrer Leistungen in mehrstufige Klassen eingeteilt. Wer in Mathematik und Englisch bestimmte Prüfungen bestanden hat, wird vom obligatorischen Unterricht freigestellt und erhält Privatunterricht. Ebenso werden die Schüler bereits nach ihren Präferenzen und Fähigkeiten für die Zulassungsprüfung für die Universität (高考,Gaokao) eingeteilt. Dabei haben die naturwissenschaftlichen Fächer ein deutlich höheres Gewicht als die Humanwissenschaften.

Das Ranking entscheidet

«Im letzten Schuljahr hatten wir zusätzlich fünf halbe Tage Verkehrsschulung und Fahrstunden, sowie fünf halbe Tage Landwirtschaftsunterricht», betont Meng’an, «das war toll». Doch zugleich stand der ganze Schulbetrieb schon unter dem Zeichen des Gaokao: Jeden Monat musste in den vier Prüfungsfächern eine Probeprüfung absolviert werden. «Die Schüler werden jeweils persönlich über ihre Resultate informiert. Somit können sie frühzeitig sehen, wo sie stehen», sagt Meng’an. Aufgrund dieser Ranglisten reichen die Schüler schon vor dem Gaokao ihre Bewerbungen bei den jeweils «besseren» oder «schlechteren» Universitäten im ganzen Land ein.

Meine Tochter studiert in Zürich im 6. Semester Medizin. Sie hat den Numerus Clausus und alle Prüfungen bislang erfolgreich bestanden – und auch hart dafür gearbeitet. Aber sprechen mich Bekannte darauf an, wie anstrengend und kompetitiv so ein Medizinstudium doch sei, sage ich jeweils: «Ja, das stimmt. Aber im Vergleich zu jedem Schüler in China hatte meine Tochter bislang eine eher stressfreie und mit viel Freizeit befrachtete Ausbildungszeit.»

Elisabeth Tester,
Ökonomin, Journalistin
Ehem. Chinakorrespondentin von «Finanz und Wirtschaft», Wirtschaftspublizistin «From facts to stories», lebt in Schanghai und Zürich. Spezialistin China, makroökonomische Themen und Rohstoffe.

Dies ist ein Gastbeitrag. Inhaltlich verantwortlich ist der jeweilige Autor, die jeweilige Autorin.


Der zweite Teil zum Thema Ausbildung in China folgt im Mai und hat den Titel:

«Chinas Ausbildungssystem produziert am Arbeitsmarkt vorbei»

Thema: China
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281 Aufrufe, 2 Kommentare
 
Kommentare (2)Kommentar abgeben
Yoalnda vom Hagen
21. März 2016, 15:03
Druck

Da bekommt man beim lesen schon Druck! Sehr interessant und aufklärend! Danke.

Pascal Roth
21. März 2016, 13:03
mehr Praxisbezug

Auch in unseren Mittel- und Hochschulen wäre etwas mehr Praxisbezug wünschenswert. Was nützt das Rezitieren komplexer Formeln, wenn man keine Steuererklärung ausfüllen kann und gleich dem erstbesten Versicherungsmakler auf den Leim kriecht?

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