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Elisabeth Tester, Freitag, 3. Juli 2015, 16:07

Kaufst du auch Xuequfang?

In China herrscht Goldgräberstimmung. Grund dafür sind der Aktien- und der Immobilienmarkt. Besonders Wohnungen in der Nähe guter Schulen sind begehrte Spekulationsobjekte. Das Ausmass dieser Euphorie ist beängstigend.

Blick von Pudong auf den Stadtbezirk Huangpu. Wohnungen in der Nähe guter Schulen sind in Schanghai extrem teuer. Bild: E. Tester

Xuequfang (学区房) ist einer der zurzeit am häufigsten gehörten Begriffe in Schanghai. Xuequ bedeutet Schulamtsbezirk, Fang heisst Haus oder Wohnung. Ein anderes Wort, das inflationär gebraucht und viel diskutiert wird, ist Huma (虎妈 ) – Tigermutter.  Tigermütter sind die asiatischen Mütter, die ihre Kinder zu Höchstleistungen treiben und wenig Verständnis für den westlichen Erziehungsansatz haben, dass Kinder vor allem glücklich sein und ihre eigenen Interessen verfolgen sollen. Immobilien und Erziehung beschäftigen in China nicht nur junge Familien, sondern sind gleichzeitig zwei der grossen Megatrends. Und kaum etwas verbindet die wirtschaftliche Dynamik des Real-Estate-Sektors und das Thema Ausbildung so stark wie Xuequfang.

Hinter Xuequfang steht die Tatsache, dass es in China viel zu wenig gute Schulen gibt, und dass alle Chinesen ihre Kinder in möglichst gute Schulen schicken wollen. Wer den Wohnsitz – den sogenannten Hukou – in Schanghai hat, darf die Kinder (oder meistens das Kind) in eine Schule in Schanghai schicken. Das ist schon einmal sehr gut, denn die Schulen Schanghais gehören zu den besten Chinas. Primarschulkinder haben in Schanghai in vielen Schulen jeden Tag eine Englischstunde, in Xiamen, einer Küstenstadt im Süden, sind es bloss zwei Stunden pro Woche. Auch wird in Schanghai mehr Wert auf das Verstehen und das eigene Interpretieren des Schulstoffes gelegt als auf das reine Repetieren und Auswendiglernen, wie es sonst in China noch gang und gäbe ist.

Auf die besten Schulen spekulieren

Doch auch innerhalb Schanghais – und das trifft natürlich auch für alle anderen grossen Städte zu – gibt es riesige Qualitätsunterschiede. Das weiss jedermann ganz genau, denn einerseits gibt es für jeden der 16 Stadtbezirke eine Rangliste der besten Schulen, und anderseits veröffentlicht die Stadtregierung auch ein Ranking für ganz Schanghai. Als gute Schule gilt, was möglichst viele Schüler mit möglichst hohen Punktzahlen bei den standardisierten Abschlussprüfungen hervorbringt. Da gilt es natürlich, die Kinder schon in den richtigen Kindergarten zu stecken, auf den dann die richtige Primarschule folgt.

Und wie funktioniert das? Um in die besten Schulen zu kommen, muss ein Kind – respektive seine Eltern – also nicht nur den Hukou in Schanghai haben, sondern auch noch im richtigen Stadtbezirk und Schulamtsbezirk (Xuequ) wohnen. Deshalb sind Wohnungen in Xuequ mit guten Schulen extrem begehrt und entsprechend teuer.

Junge Familien kaufen Wohnungen in den Bezirken mit den besten Schulen schon kurz nach der Geburt des Kindes, manche sogar schon vorher. Das treibt die Preise der Xuequfang in horrende Höhen. Im Stadtbezirk Pudong in Schanghai zum Beispiel kostet eine Xuequwohnung in sehr guter Lage schnell einmal 50 000 Yuan (7500 Fr.) pro Quadratmeter – und das für eine kleine und relativ bescheidene Wohnung. Im Vergleich: Das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen in Schanghai betrug im letzten Jahr 47 700 Yuan (7200 Fr.). Das ist mehr als doppelt so viel wie der nationale Durchschnitt in China. Im internationalen Vergleich ist das jedoch so, wie wenn der Durchschnittsschweizer für eine Viereinhalb-Zimmer-Wohnung von 130 Quadratmetern 5 Millionen Franken zahlen müsste, damit seine Kinder in eine gute Schule gehen können.

Auch ohne Kinder wird investiert

Der Handel mit Xuequfang hat ein unglaubliches Ausmass angenommen. Manche Wohnungen wurden gekauft, das Kind in der begehrte Schule registriert, dann wurde die Wohnung mit stolzem Gewinn wieder verkauft, und die Familie zog in eine günstigere Gegend. Ein langer Schulweg wird da gerne in Kauf genommen. Diesen Praktiken hat die Stadtregierung nun einen Riegel geschoben. Pro Xuequfang kann in einem Zeitraum von drei oder fünf Jahren nur ein Kind in der begehrten Schule registriert werden. Dass soll nicht nur den Preisanstieg der Immobilien bremsen, sondern auch das Problem lösen, dass es in bestimmten Schulbezirken viel zu viele Kinder hat.

Aber auch Familien ohne kleine Kinder kaufen und verkaufen Xuequfang. Wohnungen in den entsprechenden Bezirken gelten als die beste Investition überhaupt. Während meines Aufenthalts in Schanghai im Juni wurde ich gleich drei Mal gefragt: «Kaufst du auch Xuequfang?» Auf die Frage, ob denn niemand Angst vor einer Korrektur der Wohnungspreise habe, wird mit fröhlichem Gelächter reagiert: «Nein, in Schanghai und Peking ganz bestimmt nicht!»

Nicht nur am Markt für Wohnungen in guten Schulbezirken herrscht Goldgräberstimmung. Auch in Bezug auf die Aktienbörsen ist die Stimmung fiebrig. Die enormen Kursavancen der letzten Monate haben vielen Investoren ein Gefühl von Reichtum  – zumindest auf Papier – gegeben. Der Verschuldungsgrad in Form von Margin Lending ist hoch, Börsengänge mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von 100 bis 200 sind keine Seltenheit, was die Stimmung zusätzlich befeuert. Auf die Frage nach einem Crash der Aktienbörsen, fällt die Reaktion etwas weniger euphorisch aus als bei Xuequfang. Doch es herrscht auch dort über alle Anlegerschichten hinweg die feste Überzeugung: «Peking lässt keinen Börsencrash zu und manipuliert die Märkte, zumindest bis Präsident Xi Jinping sich in seiner zweiten Amtszeit befindet.» Das alles ist trotz festem Glauben an die unglaubliche Wirtschaftskraft Chinas doch etwas beängstigend. Viele Anleger haben in den letzten Wochen einen heftigen Dämpfer erlitten – und die Preise für Xuequfang sind weiter gestiegen.

Elisabeth Tester,
Ökonomin, Journalistin
Ehem. Chinakorrespondentin von «Finanz und Wirtschaft», Wirtschaftspublizistin «From facts to stories», lebt in Schanghai und Zürich. Spezialistin China, makroökonomische Themen und Rohstoffe.

Dies ist ein Gastbeitrag. Inhaltlich verantwortlich ist der jeweilige Autor, die jeweilige Autorin.

Thema: China
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