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David Staubli, Sonntag, 28. Juni 2015, 00:06

80'000 Personen Nettozuwanderung pro Jahr – Fluch oder Segen?

Die Zuwanderung gefährde unsere Arbeitsplätze, sagen die einen. Sie sichere unseren Wohlstand, sagen die anderen. Ein Blick auf wissenschaftliche Untersuchungen zum Thema.

Quelle: Wikimedia - Tomas Castelazo

Dank der Personenfreizügigkeit können EU-Bürger ohne grosse bürokratische Hürden in der Schweiz eine Arbeitsstelle antreten (und umgekehrt). Die daraus resultierende Nettozuwanderung von rund 80'000 Personen pro Jahr hat das Thema wieder ganz oben auf die politischen Agenden und Sorgenbarometer gebracht.

Fehlen der Schweiz Arbeitskräfte?

Mangel an Arbeitskräften ist ein viel gehörtes Argument, welches in einem funktionierenden Arbeitsmarkt ökonomisch keinen Sinn macht. Wenn Unternehmen ihre offenen Stellen nicht besetzen können, dann spricht man von einem Nachfrageüberhang. Das heisst, dass zu den vorherrschenden Löhnen und Arbeitsbedingungen die Nachfrage nach Arbeit das Angebot übersteigt. Um den Arbeitsmarkt wieder ins Gleichgewicht zu bringen, müssen die Löhne entsprechend ansteigen. «Mangel an Arbeitskräften» heisst also auf ökonomisch übersetzt «Nachfrageüberhang nach Arbeit infolge zu tiefer Löhne».

Diese simple theoretische Basis reicht schon aus, um die von der Personenfreizügigkeit ausgelöste Dynamik im Grundsatz zu verstehen. Die nahezu unbegrenzte Verfügbarkeit von Arbeitskräften aus dem europäischen Ausland drückt in erster Linie auf die Löhne (oder bremst Lohnerhöhungen). Das gestiegene Angebot an Arbeitskräften erhöht aber gleichzeitig die Attraktivität der Schweiz als Investitionsstandort, was die Nachfrage nach Arbeit und damit die Löhne wieder erhöht. Diese Investitionen schaffen wieder Lücken im Arbeitsmarkt und lösen wiederum den Zustrom von neuen Arbeitskräften aus dem Ausland aus.

Angebot und Nachfrage von Arbeit steigen somit im Endeffekt gleichermassen an, es gibt mehr Arbeitsplätze aber auch mehr Arbeitssuchende. Die Bevölkerung, die Wirtschaft und der Arbeitsmarkt wachsen, ein positiver Effekt auf die Wirtschaftsleistung pro Kopf ist jedoch durch die Zuwanderung allein nicht zu erwarten.

Zur Wirkung der Zuwanderung in die Schweiz gibt es eine Reihe wissenschaftlicher Untersuchungen. Im Zentrum des Interesses stehen die Konsequenzen für die Löhne, die Arbeitslosigkeit und die Finanzierung der Sozialwerke und anderer staatlichen Leistungen (sogenannte Fiskalbilanz). Dabei müssen die Eigenheiten des Schweizer Arbeitsmarktes und die Zusammensetzung der Zuwanderung berücksichtigt werden.

Obigen theoretischen Ausführungen liegt die Annahme zugrunde, dass die Zuwanderung «mehr vom Gleichen» bringt. Sind jedoch die Zuwanderer besser qualifiziert als die Ansässigen, so können die Impulse für die hiesige Wirtschaft positiv sein. Bringt die Immigration hingegen mehr Nichtberufstätige und Niedrigqualifizierte, so leidet tendenziell die Wirtschaftsleistung pro Kopf.

Entwicklung der Wanderungszahlen in der Schweiz seit 1990. Quelle: Bundesamt für Statistik

Untersuchungen zu den Löhnen und zur Arbeitslosigkeit…

Die Arbeitsmarktökonomen der Universität Bern, Michael Gerfin und Boris Kaiser, schätzen mittels des sogenannten produktionstheoretischen Ansatzes den Effekt der Zuwanderung auf die Löhne (Studie aus dem Jahre 2010). Sie packen die Schweizer Wirtschaft in ein Modell und füttern dieses mit Zahlen zu ansässigen und zuwandernden Arbeitskräften unterschieden nach Qualifikationsstufen. Ihr Modell findet für Schweizer Arbeitnehmer kurzfristig einen negativen und langfristig einen schwach positiven Lohneffekt. Weil die Zuwanderer überdurchschnittlich qualifiziert sind, profitieren vor allem niedrig und mittelqualifizierte. Der Effekt auf die Löhne der hochqualifizierten Schweizer sei hingegen negativ.

Der springende Punkt des Modells ist die sogenannte Substitutionselastizität. Diese gibt Auskunft darüber, wie leicht sich in einem Betrieb bspw. ein hochqualifizierter Einheimischer durch einen gleich- oder niedriger qualifizierten Zuwanderer ersetzen lässt. Niedrig- und mittelqualifizierte Schweizer profitieren also deshalb, weil sie dank der Immigration von Hochqualifizierten mehr gefragt und nur schwer ersetzbar sind.

Die beiden Basler Ökonomen George Sheldon und Dominique Cueni (2011) gehen im Rahmen der Doktorarbeit des letzteren derselben Frage nach. Sie verzichten auf eine Modellierung der Schweizer Wirtschaft und stützen sich ausschliesslich auf eine Analyse der Daten. Im Unterschied zu den Berner Autoren finden sie positive Effekte bei hochqualifizierten Schweizern. Die hochqualifizierten Zuwanderer scheinen die ansässigen Arbeitskräfte zu ergänzen und ihre Produktivität zu steigern.

Bei den Niedrigqualifizierten sieht es hingegen weniger erfreulich aus. Hier sind ansässige und zuwandernde Arbeitskräfte eher Substitute als Komplemente. Entsprechend verschärft sich die Konkurrenzsituation, was sich neben Lohndruck auch in erhöhtem Arbeitslosigkeitsrisiko bei den ansässigen Arbeitskräften äussert. Stärker als die ansässigen Schweizer sind die früher zugewanderten niedrigqualifizierten Ausländer betroffen.

Schliesslich bestätigt eine Studie der Konjunkturforschungsstelle der ETH (2012) die einleitend beschriebene Intuition: Die Personenfreizügigkeit führt zu mehr Wirtschaftsleistung, die auf mehr Köpfe verteilt werden muss. Sie bringt aggregiertes Wirtschaftswachstum, aber nicht Wachstum pro Kopf.

…und zur Fiskalbilanz

Im Abstimmungsbüchlein des Bundesrates im Jahre 2009 wird dem Stimmbürger die Personenfreizügigkeit unter anderem mit dem Argument schmackhaft gemacht, dass die Ausländer deutlich mehr in AHV und IV einzahlen als sie daraus beziehen. Diese simple Rechnung greift in mindestens zwei Belangen zu kurz.

Erstens, Einwanderer kommen als Ausländer in die Schweiz und beginnen gleich Steuern zu zahlen und Sozialbeiträge zu leisten. Viele werden jedoch bis zum Pensionsalter eingebürgert und erscheinen dann als Schweizer Rentenbezüger in der Statistik. Es sind aber immer noch dieselben Leute. Zweitens zeigen die Zahlen, dass höher qualifizierte eine kürzere Verweildauer haben. Hochqualifizierte kommen und gehen, Niedrigqualifizierte kommen und bleiben. Sheldon und Ramel (2012) haben es unter Berücksichtigung dieser Vorbehalte genauer ausgerechnet.

Ihr Befund: Die Fiskalbilanz der Zuwanderer ist kurzfristig positiv. Insbesondere die Zuwanderer aus den nördlichen EU-Staaten leisten im Durchschnitt mehr Beiträge an den Staatshaushalt als sie Leistungen beanspruchen. In der längerfristigen Betrachtung kommen obige Vorbehalte ins Spiel: Weil auch die Zuwanderer älter werden und besonders diejenigen mit negativen Nettobeiträgen eine lange Verweildauer haben, rutscht die Fiskalbilanz langfristig ins Negative. Anders formuliert: Zuwanderung kann kurzfristig Finanzierungsprobleme lindern, das Problem wird aber lediglich in die Zukunft verschoben.

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Zum Thema:

David Staubli,
Ökonom, MSc der Universität Basel, Doktorand und Lehrassistent an der Universität Lausanne.

Dies ist ein Gastbeitrag. Inhaltlich verantwortlich ist der jeweilige Autor, die jeweilige Autorin.

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Kommentare (1)Kommentar abgeben
Jan Freulert
11. Dezember 2016, 17:12
Thema Steuern

Als Hinweis kann an dieser Stelle für deutsche Arbeitnehmer in der Schweiz, die dort ihren Wohnsitz haben, noch angemerkt werden, dass man darauf achten sollte, dass, auch wenn man nachweislich nicht in der Kirche ist, diese Steuer nicht belastet wird. Denn einige Kantone handhaben es nach meiner Erfahrung seit längerem so, dass diese Arbeitnehmer Kirchensteuer bezahlen und innerhalb der Quellensteuer es nicht direkt ersichtlich ist, dass sie sie zahlen!

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