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Warum wir Steuern zahlen
Während man sich in den Steuerämtern und den Medien fragt, welche Leute am meisten Steuern hinterziehen, lautet die Frage unter Ökonomen genau andersrum: weshalb bezahlen die Leute überhaupt Steuern? Angesichts hoher Steuersätze, einer geringen Wahrscheinlichkeit, kontrolliert zu werden und geringen Strafen kommen zahlreiche ökonomische Studien zum Schluss: dass Bürger Steuern zahlen, ist ein Rätsel.
In der von der Psychologie inspirierten Verhaltensökonomie ist man dem Rätsel ein Stück weit auf die Spur gekommen. Hier geht man davon aus, dass der Mensch nicht immer nach dem Optimum sucht, sondern dass er sich auch mit einer befriedigenden Lösung begnügt, wenn sie ihm nahegelegt wird: ein vertretbares Mass an Steuern wird akzeptiert.
Weiter ist die subjektive Wahrnehmung der Steuerzahler mitunter verzerrt. So fanden Forscher heraus, dass Verluste aufgrund von Nachzahlungen schwerer wiegen als Gewinne aus Steuereinsparungen in gleicher Höhe, oder dass die geringe Eintrittswahrscheinlichkeit von Kontrollen systematisch überschätzt wird. Die Rationalität der Individuen ist also begrenzt.[1]
In sozialwissenschaftlich orientierten Studien wird demgegenüber der Steuermoral ein wichtiger Einfluss beigemessen. Die Steuermoral hängt zum einen von der Höhe der Besteuerung ab. Zum anderen spielen Faktoren wie Zufriedenheit mit der Politik, Beurteilung der Steuergerechtigkeit oder Vertrauen in die Ehrlichkeit anderer Leute eine Rolle. Es geht um die politische Mitbestimmung und um den Gemeinschaftssinn. In Bezug auf die Schweiz werden z.B. die ausgeprägten Volksrechte als förderlich für die Steuermoral angesehen.[2]
Der Einfluss der Moral auf das Steuerzahlungsverhalten ist also nicht zu unterschätzen, und die grosse Mehrheit der Bürger scheint sich ihrer Verantwortung für das Gemeinwesen bewusst zu sein. Im internationalen Vergleich schneidet die Schweiz gut ab: Das Ausmass der Schattenwirtschaft in Prozent des BIP – die Grösse korreliert negativ mit dem Mass der korrekten Steuerbezahlung – ist vergleichsweise gering, die Schweiz weist unter den OECD-Ländern den zweittiefsten Wert auf.[3]
Für das iconomix-Team
Simon Schmid
Vergleiche dazu den letzten Text- und Frageblock in den
Politics-Economics vom 21. März 2010http://www.iconomix.ch/de/alacarte/detail/a015/journal/politics-economics-21-maerz-2010/.
[1] W. Franzen (2008): «Was wissen wir über Steuerhinterziehung»
[2] L. P. Feld und B. S. Frey (2007): «Tax Evasion in Switzerland»
[3] F. Schneider, B. Torgler und C. A. Schaltegger (2008): «Kompaktwissen Schattenwirtschaft und Steuermoral in der Schweiz»
Das Handicap der CEOs
Einkommen und sozialer Status von Führungskräften sind sehr ungleich verteilt. Wenige CEOs teilen sich den Grossteil aller finanziellen Entschädigungen und geniessen eine ausgeprägte mediale Aufmerksamkeit. Diese Sonderstellung ist begründet durch den erzielten unternehmerischen Mehrwert und wird – vor allem in den USA – regelmässig mit prestigeträchtigen Auszeichnungen belohnt.
Häufig führt die öffentliche Ehrung eines CEO aber gerade nicht dazu, dass dieser den Unternehmenswert weiter zu steigern vermag.[1] Vielmehr fällt die Leistung in den Folgejahren kontinuierlich ab. Gleichzeitig verzeichnet eine solche Führungskraft einen sprunghaften Anstieg in der Entlohnung. Die Frage sei erlaubt: Was läuft hier falsch?
Vieles deutet darauf hin, dass öffentliche Auszeichnungen die internen Machtstrukturen zu Gunsten des Geschäftsführers verschieben. Dieser geht dann vermehrt Aktivitäten nach, die seinen privaten Nutzen steigern, nicht jedoch der Unternehmung zugute kommen. Beispielsweise häufen sich Verwaltungsratsmandate oder Buchpublikationen. Zudem mehren sich Hinweise auf eine «kreative Buchhaltung» und das Golf Handicap ist im Vergleich zu nicht-ausgezeichneten CEOs auffallend tief.
Wer nun daraus ableitet, dass die öffentliche Auszeichnung von CEOs für die betroffenen Unternehmen grundsätzlich schädlich ist, verwechselt jedoch Ursache und Wirkung. Eine Auszeichnung soll ja geradezu dazu Anreiz geben, sich durch Mehrleistung hervorzutun. Sie stellt nebst finanziellen Anreizen die wohl wichtigste, von aussen kommende Motivationsquelle dar.
Damit ein CEO nach Erhalt einer Auszeichnung die Unternehmensziele weiterhin prioritär behandelt, ist eine starke «
Corporate Governancede.wikipedia.org/...» nötig. Ist diese ausgeprägt, so treten die oben beschriebenen Auswüchse deutlich seltener auf. In diesem Sinne ist die
aktuelle Diskussion um die Stärkung der Aktionärsrechtewww.nzz.ch/... zu begrüssen.
Dass man allgemein gut daran tut, Führungskräften klare Leitplanken zu setzen, wird durch weitere Forschungsresultate gestützt.[2] Diese legen nahe, dass mächtige (oder sich mächtig fühlende) Personen zwar strenge Verhaltensnormen einfordern, selber aber relativ bereitwillig davon abweichen, sollte dies für sie förderlich sein. Ob dieses Verhalten –
wie der Economist vermutetwww.economist.com/... – den Preis darstellt, den eine Gesellschaft zu zahlen hat, will sie von Alpha-Tieren anstatt von Waschlappen geführt werden? Die Antwort darauf bleibt vorerst offen.
Für das iconomix-Team,
Pascal Sulser
Weiterführende Informationen:
-
Blogbeitrag zur Rolle von Auszeichnungen in Unternehmen, 23.10.2009http://www.iconomix.ch/de/service/blog/permalink/ausgezeichnet/
-
Blogbeitrag zu den Eskapaden von Tiger Woods, 29.01.2010http://www.iconomix.ch/de/service/blog/permalink/weshalb-weniger-mehr-sein-kann/
[1] Malmendier and Tate (2009): «Superstar CEOs», The Quarterly Journal of Economics, 124, 4.
[2] Lammers et al. (2010): «Power Increases Hypocrisy», Psychological Science, in press.
Der grosse Handelskollaps
In der zweiten Hälfte von 2008 erlitt der Welthandel einen plötzlichen, heftigen und überall gleichzeitigen Einbruch, was bereits in einem früheren Blogbeitrag am Beispiel des Aussenhandels auf dem Seeweg aufgezeigt wurde. Ein kürzlich veröffentlichtes Ebook, geschrieben für die Handelsminister aus aller Welt, fasst die Forschungsergebnisse von führenden Ökonomen zur Ursache dieses Kollapses, zu dessen Konsequenzen und den Aussichten auf eine Erholung zusammen.[1]
Die Autoren sind sich einig, dass die Ursache für den Handelskollaps auf der Nachfrageseite zu finden ist. Vor allem der Kauf von langlebigen Gebrauchs- und Investitionsgütern wurde in der grossen Vertrauenskrise nach dem Zusammenbruch von Lehman Brothers hinausgeschoben.
Der Konkurs von Lehman war der Höhepunkt von vielen Ereignissen, die für eine grosse Unsicherheit am Markt sorgten. Resultate aus der Verhaltensökonomie zeigen, dass sich die Menschen in der Angst vor dem Unbekannten extrem risikoavers verhalten (im Gegensatz zu einer Situation mit abschätzbarem Risiko, wenn alle unterschiedlich wahrscheinlichen Ergebnisse bekannt sind, wie z.B. im Casino). Im Herbst 2008 hatten Konsumenten, Unternehmen und Investoren weltweit in der Tat keine Ahnung, was auf sie zu kommen würde und übten sich deshalb in Zurückhaltung, bis das Ausmass der Krise besser abgeschätzt werden konnte.
Zwei Faktoren verstärkten den Nachfrageschock und sorgten dafür, dass der Handel viel stärker einbrach als das gesamte BIP.
1. Struktur-Effekt:
Der Nachfrageschock war zwar sehr gross, aber auf einen eher schmalen Wertschöpfungsbereich fokussiert – die langlebigen Gebrauchs- und Investitionsgüter. Dieser Bereich macht nur einen kleinen Teil des weltweiten BIPs aber den Hauptteil des weltweiten Handels aus.
2. Synchronitäts-Effekt:
Das Ausmass des Handelskollapses ist darauf zurückzuführen, dass die Importe und Exporte fast aller Länder gleichzeitig fielen. Am Ursprung dieser Entwicklung steht die Globalisierung mit der Internationalisierung der Lieferketten («supply chains»). Zögerliches Kaufverhalten wird sofort auf die ganze internationale Lieferkette übertragen, wodurch die Handelsaktivität fällt.
Im Unterschied zu früheren Krisen beeinflussten angebotsseitige Faktoren den Einbruch im Welthandel weniger stark. Selbst als die globalen Kreditmärkte einfroren, war der Rückgang in der Handelsfinanzierung relativ moderat und konnte den Handel nicht massiv schwächen, was laut den Autoren des Ebooks der raschen und massiven Unterstützung durch die Notenbanken zu verdanken ist.
Erstaunliche Einigkeit herrscht bei den Autoren bezüglich der Folgerungen aus dem grossen Handelskollaps: Globale Handelsungleichgewichte müssen bekämpft werden, indem unter anderem Wechselkurse neu ausgerichtet und Staatsdefizite reduziert werden, um einen protektionistischen Rückschlag zu verhindern.
Für das iconomix-Team
Marcel Stadelmann
[1] R. Baldwin (Ed.), 2009. The Great Trade Collapse: Causes, Consequences and Prospects. VoxEU.org Publication.
«Behavioral Finance»
Die Börse lebt von Erfolgsgeschichten. Geschichten von denen, die zum idealen Zeitpunkt ein- und ausgestiegen sind oder genau die richtige Aktie ausgewählt haben. Im Nachhinein denken viele: «Hätte ich damals doch bloss gekauft bzw. verkauft.» Doch rückblickend sehen wir nur die wenigen Gewinner - die zahllosen Verlierer blenden wir aus.
Die Strategie des erfolgreichen «Market Timing» (im richtigen Moment kaufen bzw. verkaufen) und «Stock Picking» (die «richtigen» Titel kaufen) taugt für den privaten Investor nicht. Zu diesem Schluss kommt die verhaltensorientierte Finanzmarkttheorie – auf Englisch «Behavioral Finance». Als Unterdisziplin der in einem früheren Blogbeitrag vorgestellten «Behavioral Economics» beschäftigt sie sich mit der Psychologie auf Aktienmärkten und proklamiert die Ineffizienz der Märkte auf Grund von irrationalem, emotionalem Verhalten der Investoren.
Besonders die kleineren Anleger riskieren oft viel zu viel, überschätzen sich selbst und lassen sich vom Herdenverhalten antreiben. Das hat zur Folge, dass laut Studien rund 80% der Anleger eine schlechtere Performance als der Gesamtmarkt ausweisen. Wer ständig versucht, schlauer zu sein als der Markt, verliert rund drei Prozent Rendite gegenüber dem Index – unter anderem durch anfallende Gebühren.[1] Eine alte Börsenweisheit besagt: «Hin und Her macht Taschen leer.»
Während Wertpapiere in der Gewinnzone tendenziell zu früh verkauft werden, halten die privaten Investoren zu lange an Titeln mit negativer Entwicklung fest. Solange die Aktien nicht mit Verlust verkauft werden, muss man nicht eingestehen, dass man sich geirrt hat. Stattdessen wird die ursprüngliche Kaufentscheidung verteidigt und das Wertpapier sogar nachgekauft. Es entsteht eine emotionale Bindung zu diesem Titel, «der nun sicher bald steigen wird» – aber ebenso gut weiter sinken kann. Anstatt die Wertschriften bei einer vorbestimmten Schmerzgrenze mit einem so genannten «Stop-Loss» (Verlustlimite) zu verkaufen, verstrickt sich der Anleger in einer fatalen Abwärtsspirale.
Um emotionsgeladene Entscheidungen der Investoren zu unterbinden, haben eine Bank und ein Elektronikkonzern aus den Niederlanden den «Rationalizer» entwickelt.[2] Der Prototyp besteht aus zwei Geräten: Einer Art Armband, dem «EmoBracelet» und einer kleinen Radarschüssel, der «EmoBowl». Das Armband misst die elektrische Spannung der Haut, die umso grösser ist, je stärker eine Person von Emotionen überwältigt wird. Beide Geräte geben die Heftigkeit der Emotionen durch unterschiedliche Farbschwingungen wieder. Sind die Emotionen stark, sollte der Anleger den Aktienhandel sofort einstellen.
Das Erfolgsrezept an der Börse soll nüchternes, rationales Verhalten mit langfristigem Horizont sein. Dass das Einhalten dieses Rezepts gar nicht so einfach ist, ist nicht erst seit der aktuellen Finanzkrise bekannt. Bereits Mitte des letzten Jahrhunderts stellte ein österreichischer Kabarettist (Karl Farkas) fest: «Beim Denken ans Vermögen leidet oft das Denkvermögen.»
Für das iconomix-Team
Marcel Stadelmann
[1] K. Lange, 2009. Behavioral Finance: Warum Aktienkurse dem Zufall gehorchen. Spiegel Online, 4. Juli.
[2] M.D. Meier, 2009. Elektronische Bremse für Anleger. Tages Anzeiger, 21. Oktober.
Lehren aus der Krise – Teil 1: Regulierungen
Der Schock der gegenwärtigen Wirtschaftskrise sitzt nachwievor tief. Weltweit wird nach den Ursachen des beinahe-Kollapses des globalen Finanzsystems gesucht. Der Tenor lautet: Der (zu) freie Markt ist schuld an der Krise und muss vom Staat wieder näher an die Zügel genommen – sprich: besser reguliert – werden.
Dazu stehen dem Staat präventive (risikobegrenzende) sowie kurative (schadensbegrenzende) Massnahmen zur Verfügung. Die ersteren sollen durch die Schaffung passender Anreize und Vorschriften die Gefahr mindern, dass Probleme überhaupt erst entstehen. Letztere sorgen für eine möglichst reibungslose Bewältigung von Problemsituationen.
Finanzsysteme sind grundsätzlich fragil und mit potentiellen Erschütterungen verbunden. Regulierungen sollen dazu dienen, die Wahrscheinlichkeit solcher Erschütterungen möglichst klein zu halten. Sie ganz zu verhindern ist allerdings utopisch.
Trotzdem wird vor allem das Ausmass der aktuellen Finanzkrise auf fehlende oder Fehl-Regulierungen zurückgeführt. Diese Schlussfolgerung irritiert, wurden doch die Vorschriften für den stark regulierten Banken- und Finanzsektor erst 2004 im Rahmen von «Basel II» überarbeitet und die Experten waren sich einig, eine stark verbesserte Lösung gefunden zu haben. Müssen sie sich auf Grund der Entwicklung seither Inkompetenz vorwerfen lassen?
Der Autor dieses Beitrags meint nein, denn nicht nur der Markt ist fehlbar, sondern auch die Regulatoren, wie uns die Verhaltensökonomie lehrt. Die Arbeit in Gremien ist besonders anfällig für voreingenommene Verhaltensneigungen, Lobby-Einflüsse sowie politisch verzerrte Anreize. Verbunden mit Unsicherheit und unvollkommenem Wissensstand ergibt sich daraus fast zwangsweise eine suboptimale Regulierung.
Wenn Regulierungen sowieso fehlbar sind und für Marktversagen sorgen, weshalb lässt man sie nicht ganz weg? Gegen diese Argumentation von Markt-Fundamentalisten wehrt sich Hedge-Fonds-Legende George Soros in seinem neusten Buch vehement.[1] Sie ist die Umkehrung der kommunistischen Forderung, die Märkte wegen ihrer Fehlbarkeit abzuschaffen. Beide diese Extreme verkörpern laut Soros gefährliche Ideologien.
Um die Realität besser zu verstehen, müssen wir die Fehlbarkeit von Markt und Regulatoren akzeptieren und lernen, mit ihr umzugehen. Ohne Überwachung wären die Finanzmärkte dem Untergang geweiht, mit Überwachung kann diese Gefahr auch nicht komplett ausgeschlossen werden. Deshalb verlangt Soros in erster Linie ein neues Paradigma – ein Umdenken – für die Finanzmärkte, in dem sich alle Beteiligten der Fehlbarkeit des Systems bewusst sind und diese in ihrem Entscheidungsprozess einkalkulieren.
Für das iconomix-Team
Marcel Stadelmann
Vergleiche dazu die iconomix-Fragen in Politics-Economics vom 18. Oktober 2009.
[1] G. Soros, 2008. Das Ende der Finanzmärkte – und deren Zukunft: Die heutige Finanzkrise und was sie bedeutet, FinanzBuch Verlag.
Der Preis der Bestrafung
Das erklärte Ziel einer Bestrafung ist es, unerwünschtes Verhalten in Zukunft zu unterbinden. Dass hier aber durchaus mit Bedacht vorgegangen werden soll, zeigt eine der wohl schönsten verhaltensökonomischen Studien der letzten Jahre.
Gegenstand dieser Untersuchung waren Kindertagesstätten in Israel. Eines hatten sie alle gemein: Die Eltern erschienen chronisch zu spät um Ihre Sprösslinge nach der Arbeit abzuholen. Diese erste Feststellung rief die Ökonomen Uri Gneezy und Aldo Rustichini auf den Plan.[*]
Doch bevor wir uns den Resultaten ihrer Studie zuwenden, lohnt es sich, den Blick auf einen verwandten wissenschaftlichen Bereich zu lenken - die Psychologie. Diese vertritt (mehrheitlich) die Sichtweise, dass ein unerwünschtes Verhalten weniger oft in Erscheinung tritt, wenn eine Bestrafung eingeführt wird. Wird diese wieder aufgehoben, so stellt sich das ursprüngliche Verhalten von neuem ein.
Exakt so sollte das hier besprochene Experiment verlaufen. In sechs von zehn Tagesstätten wurde nach fünf Wochen eine Busse fürs Zuspätkommen eingeführt. Die restlichen vier Tagesstätten dienten als Kontrollgruppe. Da das Zuspätkommen nun mit Kosten verbunden war, erwarteten die Experimentatoren eine messbare Besserung der Situation. Das beobachtete Verhalten aber verblüffte die Wissenschaftler.
Nach der Einführung des Bussensystems stiegen die Vorfälle von Zuspätkommen in den betroffenen Tagesstätten markant an, bis diese im Vergleich zur Kontrollgruppe fast die doppelte Häufigkeit aufwiesen. Nach siebzehn erfolglosen Wochen wurde die Bestrafung wieder abgeschafft. Ein Rückgang auf das ursprüngliche Niveau konnte aber nicht beobachtet werden. Die Beseitigung des Bussensystems führte zu keiner sichtbaren Veränderung im Verhalten der Eltern.
Wie ist dieses Experiment zu bewerten? Gewichtig scheint der Einfluss von sozialen Normen. Kommt man zu spät, so fühlt man sich deswegen schlecht. Der Aufsichtsperson entstehen Kosten in Form von Wartezeit, für die sie nicht kompensiert wird. Mit der Einführung einer Busse aber hat das Zuspätkommen einen konkreten Preis erhalten. Und ein Grossteil der Eltern war bereit, diesen anstandslos zu bezahlen.
Wieso aber blieb das nachträgliche Streichen der Busse ohne Auswirkung? Waren vielleicht die zuvor empfundenen moralischen Kosten höher als die tatsächlich von der Kinderstätte verrechnete Busse? Wird jetzt das Gut «Zuspätkommen» nicht etwa gratis angeboten und genau daher so rege nachgefragt?
Aber auch weitere Überlegungen sind denkbar. Was meinen Sie? Wieso nimmt das Zuspätkommen mit der Einführung einer Busse zu? Und, wieso nähert sich das Verhalten nach der Abschaffung der Busse nicht wieder dem Ausgangszustand an?
Für das iconomix-Team,
Pascal Sulser
[*]Uri Gneezy and Aldo Rustichini, 2000. A Fine is a Price, Journal of legal Studies, vol. XXIX (January 2000).
Weniger Konkurrenz für mehr Wettbewerb
Stellen Sie sich vor, Sie würden an einem 5-Kilometer-Lauf teilnehmen. Dabei erhalten die schnellsten 10% der Läufer eine Preissumme von 1000 Franken ausbezahlt. Alle anderen Teilnehmer gehen leer aus. Frage: Würden Sie sich mehr anstrengen, wenn die Anzahl Teilnehmer halbiert würde?
Unter der Annahme, dass alle Läufer vergleichbare Fähigkeiten aufweisen, müsste die Antwort eigentlich lauten: Nein. Ob 50 oder 100 Teilnehmer, die Chance auf die Preissumme ist immer 10%.
Interessanterweise zeigt eine Serie von Experimenten aus der Verhaltensökonomie, dass die Gruppengrösse sehr wohl einen Effekt auf die individuelle Leistungsbereitschaft hat. Was aber führt zu diesem Verhalten?
Stephen Garcia und Avishalom Tor sind dieser Frage nachgegangen.[*] Ihre Feststellung: Schüler schreiben weniger gute Noten, wenn die Anzahl Mitschüler im Prüfungssaal erhöht wird. Um ausschliessen zu können, dass dieser Effekt auf ein erhöhtes Mass an Ablenkung zurückzuführen ist, haben Sie folgendes Experiment durchgeführt:
Studenten einer Universität wurden gebeten, ein einfaches Quiz in möglichst kurzer Zeit zu lösen. Dabei war jeder der Teilnehmer alleine in einem Raum. Nun wurde den Kandidaten abwechselnd mitgeteilt, sie würden A) im Wettbewerb mit 10 weiteren Studenten oder B) im Wettbewerb mit 100 weiteren Studenten stehen. Die schnellsten 20% würden anschliessend einen Geldbetrag von 5 Dollar erhalten. Das Resultat: Die erste Gruppe war um gut 15% schneller als die zweite!
In weiterführenden Experimenten konnte der Ursache mehr und mehr auf den Grund gegangen werden. Der beobachtete Effekt scheint psychologisch motiviert: Je kleiner eine Bezugsgruppe, desto stärker wirkt der Drang, sich mit anderen zu messen. Wird die Gruppengrösse erhöht, so reduzieren exakt jene Individuen ihren Leistungseinsatz am meisten, welche die ausgeprägteste Neigung haben, sich mit ihren Mitstreitern zu vergleichen.
Bestätigt sich dieser Befund in weiteren Studien, so ergeben sich daraus interessante Anknüpfungspunkte im Bereich der Organisation von miteinander im Wettbewerb stehenden Individuen. Konkret kann dies beispielsweise zu einer Neugestaltung der Arbeitsplatzbedingungen führen. Aber auch die Diskussion um die optimale Klassengrösse ist um ein Argument reicher und darf wieder neu belebt werden.
Für das iconomix-Team,
Pascal Sulser
[*] S.M. Garcia and A. Tor, 2009. The N-Effect: More Competitors, Less Competition, Psychological Science, 20, 871-877.
Die Verpackungsfrage
Sie stehen im Foyer Ihres Lieblingskinos. Der Film läuft in wenigen Minuten an. Beim Verpflegungsstand bestellen Sie sich eine grosse Packung Popcorn und ein eisgekühltes Getränk. Dem Verkäufer aber sind die grossen Verpackungstüten ausgegangen. Daraufhin offeriert er Ihnen, die Menge einer grossen Tüte auf drei kleine Tüten aufzuteilen – zum selben Preis. Frage: Werden Sie nun mehr, weniger oder gleichviel Popcorn essen?
Nehmen wir an, Sie wären theoretisch nach dem Konsum von zwei Drittel der gesamten Popcorn-Menge satt. Ob Sie nun drei kleine oder aber eine grosse Popcorn-Tüte vor sich stehen haben, sollte Sie nicht daran hindern, die optimale Menge zu konsumieren.
Interessanterweise ist es aber viel wahrscheinlicher, dass Sie bei einer grossen Tüte den gesamten Inhalt verzehren. Denn der Entscheid, Popcorn zu essen, wird während dem Konsum nur selten hinterfragt. Haben Sie hingegen drei Tüten vor sich liegen, so muss das Öffnen jeder weiteren Packung bewusst entschieden werden. Der Verzehr der dritten Tüte wird daher viel eher aufgeschoben.
Dass dieses Verhalten nicht auf einen höheren Aufwand beim Öffnen der Verpackung zurückzuführen ist, konnte anhand eines Vergleichs des Konsumverhalten von Süssigkeiten nachgewiesen werden. Hier wurden die einzelnen Süssigkeiten einmal ausschliesslich in weisses, ein anderes Mal aber in unterschiedlich farbiges Verpackungsmaterial eingerollt.
Die erste Versuchsgruppe konsumierte die Süssigkeiten dabei schneller als die zweite und beschleunigte den Konsum über die Dauer des Experiments zusehends. Die zweite Gruppe konsumierte die Süssigkeiten relativ gleichmässig über die Dauer des Experimentes. Beide Gruppen aber konsumierten bedeutend langsamer als die Kontrollgruppe, bei welcher die Süssigkeiten unverpackt bereitgestellt wurde.
Fazit: Das absichtliche Aufteilen von Ressourcen auf kleinere Gefässe kann helfen, ein gewisses Selbstkontroll-Problem in den Griff zu bekommen. Wichtig dabei ist, dass die eingebauten Schwellen zu einem echten Hinterfragen der eigenen Handlung führen. Gewöhnen wir uns zu stark an diese Schwellen, so wird der Entscheid abermals instinktiv gefällt. Der Mechanismus verliert dann seine Effektivität.
Dieselbe Idee kann problemlos auf weitere Bereiche angewendet werden. Beispielsweise könnte ein Umstieg auf Drehtabak den Zigarettenkonsum senken. Oder aber es werden separate Bankkonten für verschiedene Ausgabenbereiche geführt. Insbesondere Entwicklungs- und Schwellenländern ohne staatlich gefördertes Vorsorgesparen oder Personen mit unregelmässigem Einkommen könnten von dieser einfachen Feststellung profitieren.
Für das iconomix-Team,
Pascal Sulser
Quelle: Amar Cheema and Dilip Soman, 2008. Journal of Marketing Research, Vol. XLV (December 2008), 665–675.
Von Herdenverhalten und Blasenbildung
Wie konnte es geschehen, dass sich im US-Häusermarkt über viele Jahre eine Spekulationsblase bildete, ohne dass dies Investoren und Experten bemerkten?
Der Ökonomieprofessor Robert Shiller lieferte in der New York Times vom 1. März 2008 eine mögliche Erklärung. Shiller verweist seinerseits auf einen Artikel dreier Ökonomen von 1992.[1] Demzufolge sind nicht Irrationalität oder Dummheit die Hauptursachen von Spekulationsblasen, sondern unvollständige Information und verhaltensökonomische Aspekte.
Stellen Sie sich vor, Sie fahren in einer Autokolonne, welche dasselbe Ziel hat. Die Sicht reicht nicht weit, es ist neblig. An einer Kreuzung passiert es nun, dass die ersten drei Wagen die linke und somit falsche Abzweigung erwischen. Diese drei Lenker senden mit ihrer Wahl ein «Signal» an die Nachfolgenden aus. Möglicherweise glaubt der vierte Fahrer zwar, dass der andere Weg der richtige wäre. Er ist sich aber nicht sicher genug, um von den vorderen Autos abzuweichen – fahren diese doch alle in die andere Richtung.
Nun sind Sie an der Reihe. Auch Sie glauben zu «wissen», dass der rechte Weg der richtige ist. Aber alle Fahrer vor Ihnen sind offenbar anderer Ansicht. Wie entscheiden Sie sich? Dieselbe Geschichte lässt sich auf die Finanzmärkte übertragen. Ein Investor weiss nie über den genauen Wert eines Investments bescheid. Er muss also die zukünftigen Erträge abschätzen und auf dieser Basis entscheiden, ob er investiert oder nicht.
Mit dem Kauf einer Anlage offenbart er schliesslich seine Einschätzung und gibt damit den Hinweis für andere Investoren, dass sich die Investition lohnen könnte. Steigt der Preis dieser Anlage dann auch noch, so wird der Hinweis (vorerst) bestätigt! «Wenn es so viele Käufer gibt und die Preise tatsächlich steigen, so könnte meine eigene Einschätzung falsch sein» denken sich vielleicht andere Investoren, welche der Investition zuerst abgeneigt waren. So mehren sich die Kaufaufträge für ein Investment, das langfristig vielleicht gar kein lohnendes ist und es kann sich eine Spekulationsblase bilden. Dies obwohl jeder Investor rational – aber aufgrund unvollständiger Information – handelt.
Einzig die Investoren, welche sich ganz sicher sind, dass die andere Entscheidung die richtige ist, werden nicht mit der Masse mitgehen. Das Problem dabei: Über künftige Entwicklungen an Finanzmärkten gibt es nie absolute Sicherheit.
Für das iconomix-Team
Ronald Indergand
Vergleiche dazu die iconomix-Fragen in Politics-Economics vom 16. August 2009.
[1] S. Bikhchandani, D. Hirshleifer und I. Welch, 1992. A Theory of Fads, Fashion, Custom, and Cultural Change as Informational Cascades, The Journal of Political Economy, Vol. 100, No. 5, 992-1026.
Ehrliches Geld
Finden Sie es unmoralisch, für private Zwecke einen Kugelschreiber aus dem Büro zu entwenden? Und, ist die Entwendung einer entsprechenden Geldsumme aus der Kaffeekasse dasselbe?
Die neoklassische Theorie ist hier eindeutig: Der erwartete Nutzen eines Diebstahls muss die erwarteten Kosten übersteigen. Je wertvoller der Gegenstand eingeschätzt wird, desto attraktiver erscheint der Diebstahl (erwarteter Nutzen). Wird der Diebstahl aber mit einer hohen Wahrscheinlichkeit bemerkt oder müssen Sie mit einer schmerzvollen Bestrafung rechnen, so sinkt Ihre Bereitschaft, den Gegenstand zu entwenden (erwartete Kosten). Der Gegenstand an sich sollte aber keinen Einfluss auf Ihr Verhalten haben.
Zu einem ganz anderen Schluss kommt die psychologisch fundierte Ökonomie («Behavioral Economics»). Hier hilft ein Beispiel aus der Forschung, die Rolle des Bargeldes auf anschauliche Weise zu verdeutlichen.[1]
Studenten werden für ein einfaches Experiment aufgeboten. Dabei werden sie in drei von einander getrennte Gruppen eingeteilt. Nun müssen während exakt fünf Minuten möglichst viele mathematische Aufgaben gelöst werden. Pro richtiger Antwort erhalten sie jeweils einen fixen Geldbetrag ausbezahlt.
Die Studenten der ersten Gruppe lösen die Fragen und lassen nach Ablauf der Zeit die Antworten von einer Aufsichtsperson auswerten. Im Durchschnitt werden dabei 3.5 Fragen richtig beantwortet.
Die Studenten der zweiten Gruppe lösen dieselben Fragen, müssen aber nach Ablauf der Zeit den Fragebogen zerreissen und die Anzahl der richtigen Antworten mündlich mitteilen. Im Gegensatz zur ersten Gruppe besteht hier also eine relativ einfache Möglichkeit zu betrügen. Dies bestätigen auch die Resultate. Die zweite Gruppe hat durchschnittlich 6.2 Fragen «richtig» beantwortet.
Die Studenten der dritten Gruppe müssen ebenfalls den Fragebogen zerreissen und das Resultat mündlich mitteilen. Neu aber erhalten sie pro richtiger Antwort einen Spielstein ausgehändigt. Anschliessend können die Spielsteine gegen Bargeld eingetauscht werden. Durchschnittlich ganze 9.4 Aufgaben wurden von dieser Gruppe «korrekt» gelöst!
Das Experiment zeigt eindrücklich: Je distanzierter der Bezug zu physischem Geld ist, desto weniger Unrecht empfinden wir bei einem moralischen Fehlverhalten. Diese Einsicht hat weitreichende Konsequenzen im Alltag und hilft beispielsweise zu erklären, weshalb die Hemmschwelle beim illegalen Download von Musiktiteln so gering ausfällt.
Nun kann auch die eingangs gestellte Frage beantwortet werden. Die neoklassische Theorie würde voraussagen, dass Ihre Bereitschaft einen Diebstahl zu begehen unabhängig vom Gegenstand ist. Ob Kugelschreiber oder Kaffeekasse spielt somit keine Rolle. Dagegen schätzt die Verhaltensökonomie das Unrechtsempfinden beim Diebstahl von Bargeld höher ein. Es ist daher wahrscheinlicher, dass der Kugelschreiber fehlt.
Für das iconomix-Team,
Pascal Sulser
[1] Dan Ariely, 2008. Predictably Irrational: The Hidden Forces that Shape Our Decisions, Kapitel 12.
Weiterführende Informationen:
- Videobeitrag von Dan Ariely auf TED.COM
- iconomix Blog zu «Behavioral Economics»
Bildquelle: FreeDigitalPhotos.net
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