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Der grosse Handelskollaps
In der zweiten Hälfte von 2008 erlitt der Welthandel einen plötzlichen, heftigen und überall gleichzeitigen Einbruch, was bereits in einem früheren Blogbeitrag am Beispiel des Aussenhandels auf dem Seeweg aufgezeigt wurde. Ein kürzlich veröffentlichtes Ebook, geschrieben für die Handelsminister aus aller Welt, fasst die Forschungsergebnisse von führenden Ökonomen zur Ursache dieses Kollapses, zu dessen Konsequenzen und den Aussichten auf eine Erholung zusammen.[1]
Die Autoren sind sich einig, dass die Ursache für den Handelskollaps auf der Nachfrageseite zu finden ist. Vor allem der Kauf von langlebigen Gebrauchs- und Investitionsgütern wurde in der grossen Vertrauenskrise nach dem Zusammenbruch von Lehman Brothers hinausgeschoben.
Der Konkurs von Lehman war der Höhepunkt von vielen Ereignissen, die für eine grosse Unsicherheit am Markt sorgten. Resultate aus der Verhaltensökonomie zeigen, dass sich die Menschen in der Angst vor dem Unbekannten extrem risikoavers verhalten (im Gegensatz zu einer Situation mit abschätzbarem Risiko, wenn alle unterschiedlich wahrscheinlichen Ergebnisse bekannt sind, wie z.B. im Casino). Im Herbst 2008 hatten Konsumenten, Unternehmen und Investoren weltweit in der Tat keine Ahnung, was auf sie zu kommen würde und übten sich deshalb in Zurückhaltung, bis das Ausmass der Krise besser abgeschätzt werden konnte.
Zwei Faktoren verstärkten den Nachfrageschock und sorgten dafür, dass der Handel viel stärker einbrach als das gesamte BIP.
1. Struktur-Effekt:
Der Nachfrageschock war zwar sehr gross, aber auf einen eher schmalen Wertschöpfungsbereich fokussiert – die langlebigen Gebrauchs- und Investitionsgüter. Dieser Bereich macht nur einen kleinen Teil des weltweiten BIPs aber den Hauptteil des weltweiten Handels aus.
2. Synchronitäts-Effekt:
Das Ausmass des Handelskollapses ist darauf zurückzuführen, dass die Importe und Exporte fast aller Länder gleichzeitig fielen. Am Ursprung dieser Entwicklung steht die Globalisierung mit der Internationalisierung der Lieferketten («supply chains»). Zögerliches Kaufverhalten wird sofort auf die ganze internationale Lieferkette übertragen, wodurch die Handelsaktivität fällt.
Im Unterschied zu früheren Krisen beeinflussten angebotsseitige Faktoren den Einbruch im Welthandel weniger stark. Selbst als die globalen Kreditmärkte einfroren, war der Rückgang in der Handelsfinanzierung relativ moderat und konnte den Handel nicht massiv schwächen, was laut den Autoren des Ebooks der raschen und massiven Unterstützung durch die Notenbanken zu verdanken ist.
Erstaunliche Einigkeit herrscht bei den Autoren bezüglich der Folgerungen aus dem grossen Handelskollaps: Globale Handelsungleichgewichte müssen bekämpft werden, indem unter anderem Wechselkurse neu ausgerichtet und Staatsdefizite reduziert werden, um einen protektionistischen Rückschlag zu verhindern.
Für das iconomix-Team
Marcel Stadelmann
[1] R. Baldwin (Ed.), 2009. The Great Trade Collapse: Causes, Consequences and Prospects. VoxEU.org Publication.
«Behavioral Finance»
Die Börse lebt von Erfolgsgeschichten. Geschichten von denen, die zum idealen Zeitpunkt ein- und ausgestiegen sind oder genau die richtige Aktie ausgewählt haben. Im Nachhinein denken viele: «Hätte ich damals doch bloss gekauft bzw. verkauft.» Doch rückblickend sehen wir nur die wenigen Gewinner - die zahllosen Verlierer blenden wir aus.
Die Strategie des erfolgreichen «Market Timing» (im richtigen Moment kaufen bzw. verkaufen) und «Stock Picking» (die «richtigen» Titel kaufen) taugt für den privaten Investor nicht. Zu diesem Schluss kommt die verhaltensorientierte Finanzmarkttheorie – auf Englisch «Behavioral Finance». Als Unterdisziplin der in einem früheren Blogbeitrag vorgestellten «Behavioral Economics» beschäftigt sie sich mit der Psychologie auf Aktienmärkten und proklamiert die Ineffizienz der Märkte auf Grund von irrationalem, emotionalem Verhalten der Investoren.
Besonders die kleineren Anleger riskieren oft viel zu viel, überschätzen sich selbst und lassen sich vom Herdenverhalten antreiben. Das hat zur Folge, dass laut Studien rund 80% der Anleger eine schlechtere Performance als der Gesamtmarkt ausweisen. Wer ständig versucht, schlauer zu sein als der Markt, verliert rund drei Prozent Rendite gegenüber dem Index – unter anderem durch anfallende Gebühren.[1] Eine alte Börsenweisheit besagt: «Hin und Her macht Taschen leer.»
Während Wertpapiere in der Gewinnzone tendenziell zu früh verkauft werden, halten die privaten Investoren zu lange an Titeln mit negativer Entwicklung fest. Solange die Aktien nicht mit Verlust verkauft werden, muss man nicht eingestehen, dass man sich geirrt hat. Stattdessen wird die ursprüngliche Kaufentscheidung verteidigt und das Wertpapier sogar nachgekauft. Es entsteht eine emotionale Bindung zu diesem Titel, «der nun sicher bald steigen wird» – aber ebenso gut weiter sinken kann. Anstatt die Wertschriften bei einer vorbestimmten Schmerzgrenze mit einem so genannten «Stop-Loss» (Verlustlimite) zu verkaufen, verstrickt sich der Anleger in einer fatalen Abwärtsspirale.
Um emotionsgeladene Entscheidungen der Investoren zu unterbinden, haben eine Bank und ein Elektronikkonzern aus den Niederlanden den «Rationalizer» entwickelt.[2] Der Prototyp besteht aus zwei Geräten: Einer Art Armband, dem «EmoBracelet» und einer kleinen Radarschüssel, der «EmoBowl». Das Armband misst die elektrische Spannung der Haut, die umso grösser ist, je stärker eine Person von Emotionen überwältigt wird. Beide Geräte geben die Heftigkeit der Emotionen durch unterschiedliche Farbschwingungen wieder. Sind die Emotionen stark, sollte der Anleger den Aktienhandel sofort einstellen.
Das Erfolgsrezept an der Börse soll nüchternes, rationales Verhalten mit langfristigem Horizont sein. Dass das Einhalten dieses Rezepts gar nicht so einfach ist, ist nicht erst seit der aktuellen Finanzkrise bekannt. Bereits Mitte des letzten Jahrhunderts stellte ein österreichischer Kabarettist (Karl Farkas) fest: «Beim Denken ans Vermögen leidet oft das Denkvermögen.»
Für das iconomix-Team
Marcel Stadelmann
[1] K. Lange, 2009. Behavioral Finance: Warum Aktienkurse dem Zufall gehorchen. Spiegel Online, 4. Juli.
[2] M.D. Meier, 2009. Elektronische Bremse für Anleger. Tages Anzeiger, 21. Oktober.
Von Herdenverhalten und Blasenbildung
Wie konnte es geschehen, dass sich im US-Häusermarkt über viele Jahre eine Spekulationsblase bildete, ohne dass dies Investoren und Experten bemerkten?
Der Ökonomieprofessor Robert Shiller lieferte in der New York Times vom 1. März 2008 eine mögliche Erklärung. Shiller verweist seinerseits auf einen Artikel dreier Ökonomen von 1992.[1] Demzufolge sind nicht Irrationalität oder Dummheit die Hauptursachen von Spekulationsblasen, sondern unvollständige Information und verhaltensökonomische Aspekte.
Stellen Sie sich vor, Sie fahren in einer Autokolonne, welche dasselbe Ziel hat. Die Sicht reicht nicht weit, es ist neblig. An einer Kreuzung passiert es nun, dass die ersten drei Wagen die linke und somit falsche Abzweigung erwischen. Diese drei Lenker senden mit ihrer Wahl ein «Signal» an die Nachfolgenden aus. Möglicherweise glaubt der vierte Fahrer zwar, dass der andere Weg der richtige wäre. Er ist sich aber nicht sicher genug, um von den vorderen Autos abzuweichen – fahren diese doch alle in die andere Richtung.
Nun sind Sie an der Reihe. Auch Sie glauben zu «wissen», dass der rechte Weg der richtige ist. Aber alle Fahrer vor Ihnen sind offenbar anderer Ansicht. Wie entscheiden Sie sich? Dieselbe Geschichte lässt sich auf die Finanzmärkte übertragen. Ein Investor weiss nie über den genauen Wert eines Investments bescheid. Er muss also die zukünftigen Erträge abschätzen und auf dieser Basis entscheiden, ob er investiert oder nicht.
Mit dem Kauf einer Anlage offenbart er schliesslich seine Einschätzung und gibt damit den Hinweis für andere Investoren, dass sich die Investition lohnen könnte. Steigt der Preis dieser Anlage dann auch noch, so wird der Hinweis (vorerst) bestätigt! «Wenn es so viele Käufer gibt und die Preise tatsächlich steigen, so könnte meine eigene Einschätzung falsch sein» denken sich vielleicht andere Investoren, welche der Investition zuerst abgeneigt waren. So mehren sich die Kaufaufträge für ein Investment, das langfristig vielleicht gar kein lohnendes ist und es kann sich eine Spekulationsblase bilden. Dies obwohl jeder Investor rational – aber aufgrund unvollständiger Information – handelt.
Einzig die Investoren, welche sich ganz sicher sind, dass die andere Entscheidung die richtige ist, werden nicht mit der Masse mitgehen. Das Problem dabei: Über künftige Entwicklungen an Finanzmärkten gibt es nie absolute Sicherheit.
Für das iconomix-Team
Ronald Indergand
Vergleiche dazu die iconomix-Fragen in Politics-Economics vom 16. August 2009.
[1] S. Bikhchandani, D. Hirshleifer und I. Welch, 1992. A Theory of Fads, Fashion, Custom, and Cultural Change as Informational Cascades, The Journal of Political Economy, Vol. 100, No. 5, 992-1026.
Derivate
Komplizierte Finanzinstrumente geraten oft in die Kritik. Dies insbesondere dann, wenn die Finanzwelt «Kopf steht», wenn sich also Banken, Fonds und Privatanleger verspekuliert haben. Eine Sorte solcher Finanzinstrumente sind die Derivate.
Ein Derivat ist ein Vertrag, der den Inhaber berechtigt, einen «Basiswert» zu einem fixen Preis in der Zukunft zu kaufen oder zu verkaufen. Dieser «Basiswert» ist meist ein Wertpapier (z.B. Aktien oder Anleihen), ein Rohstoff oder eine Währung.
Ein Beispiel von Derivaten ist die Kaufoption auf eine Aktie. Sie gibt dem Optionsinhaber das Recht, aber nicht die Pflicht, ebendiese Aktie zu einem vorher festgelegten Preis zu kaufen. Für dieses Recht bezahlt der Optionsinhaber einen kleinen Betrag – den Optionspreis. Optionen können über die Börse jederzeit gekauft und verkauft werden.
Aus der Finanzwelt sind Derivate nicht mehr wegzudenken. Durch deren geschickten Einsatz lassen sich neue, massgeschneiderte Produkte entwickeln, die den individuellen Wünschen der Anleger entsprechen.
Insbesondere ermöglichen Derivate die Absicherung gegenüber grossen Kursschwankungen des Basiswerts. Sinkt z.B. der Kurs einer Aktie stark und hat der Anleger vorgängig eine entsprechende Verkaufsoption erworben, so kann er die Aktie zu einem höheren Preis verkaufen, als wenn er direkt am Markt verkauft (d.h. ohne die Verkaufsoption).
Mittels eines solchen «Kaufs oder Verkaufs auf Termin» ist es also möglich, die Risiken einer Anlage drastisch zu reduzieren.
Umgekehrt ist jedoch eine direkte Anlage in Optionen, welche nicht aus Gründen der Absicherung erfolgt, sehr riskant, da der Optionspreis prozentual um ein Vielfaches stärker schwankt als der Aktienpreis. Aus diesem Grund sind Optionen oft ein beliebtes Spekulationsobjekt.
Für das iconomix-Team
Ronald Indergand
Volkswirtschaftliche Auswirkungen einer Pandemie
Mit dem Ausbruch der Schweinegrippe sieht sich die Welt der Gefahr einer Pandemie ausgesetzt, d.h. der kontinentübergreifenden Ausbreitung einer Infektionskrankheit. In einer 2008 veröffentlichten Analyse schätzte die Weltbank die ökonomischen Kosten einer Pandemie auf bis zu 3 Billionen US-Dollar, das entspricht beinahe 5 Prozent des weltweiten Bruttoinlandprodukts.
Was wären die wirtschaftlichen Konsequenzen, die zu Verlusten in dieser Höhe führen können? Zum Einen ergäben sich direkte Ausfälle von Arbeitskraft durch Todes- und Krankheitsfälle, welche grosse Produktionsrückgänge zur Folge hätten. Zum Anderen wären noch grössere Auswirkungen durch präventive Massnahmen von Regierung und Bevölkerung zu erwarten.
Die Regierungen würden versuchen, die weitere Ausbreitung der Krankheit zu verhindern. Dies könnte eine weitgehende Lahmlegung des öffentlichen Lebens bedeuten. Restaurants, Schulen und Universitäten, Vergnügungsanlagen und der öffentliche Verkehr (z.B. Flughäfen) müssten vorübergehend geschlossen werden. Reiseverbote würden die Tourismusbranche lahmlegen.
Privatpersonen würden alles vermeiden, was eine eigene Ansteckung begünstigt. Das öffentliche Leben würde nach Möglichkeit gemieden – allein der Gang in einen Laden würde ein Risiko darstellen. Der private Konsum und die Investitionstätigkeit der Unternehmen würden aufgrund der unsicheren Lage stark zurück gehen.
Auf der anderen Seite gäbe es auch Profiteure einer Pandemie. Die Gesundheitsbranche und alle, die mit dieser in Verbindung stehen, hätten Hochkonjunktur. Medikamentenhersteller, Apotheken, Spitäler, deren Zulieferbetriebe und Sicherheitskräfte wären gefragt wie nie.
Angesichts der gegenwärtigen Weltwirtschaftskrise käme eine Pandemie zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt. Es hoffen deshalb alle, dass die Schweinegrippe schnell eingedämmt werden kann.
Für das iconomix-Team
Ronald Indergand
Ökonomische Bildung - Teil 5: Tückische Faustregeln befolgen
Leute mit wenig Finanzkenntnissen investieren zuwenig in Aktienmärkte. Was angesichts der jüngeren Börsenereignisse wie ein schlechter Witz tönt, ist eine ernst gemeinte und relativ gut untersuchte These zur Wirkung ökonomischer Bildung. Langfristig sollten die höheren Risiken von Aktien – so die ökonomische Faustregel – mit höheren Erträgen belohnt werden als ein Bankkonto. Es ist bekannt, dass gebildete und vermögende Haushalte eher einen Vermögensanteil in Aktien anlegen.[1] Falls obige Faustregel zutrifft, verstärkt dies die Kluft zwischen ärmeren und reicheren Haushalten.
Eine Studie in den Niederlanden deutet auf eine zusätzliche Rolle von Finanzkenntnissen hin: Personen, die «Financial Literacy» – Fragen besser beantworteten, investierten häufiger in Aktien als andere mit gleichem Vermögen und gleicher übriger Bildung. Die Autoren folgern mittels diverser Schätzmethoden, dass die Wirkung vom Wissen zum Anlegen und nicht umgekehrt verläuft.[2]
Wie bereits angedeutet ist der untersuchte Bildungseffekt jedoch kritisch zu hinterfragen. Wer Aktien meidet, macht keinen offensichtlichen Fehler, denn diese sind mit Risiken behaftet (starke Kursschwankungen). Die erhoffte Rendite ist nicht garantiert...
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Die obige Grafik ist in der Tat ein Frust für alle «Faustregel-Befolger» und eine Augenweide für die Skeptiker: Seit Mai 2007 ist der SPI (ein Index für börsenkotierte Schweizer Aktien) um gut 45% gefallen. Dies spricht für sich. Es sei denn – das ist das Dumme bei diesen manipulierbaren Charts – man wählt einen anderen Zeitabschnitt. Über 20 Jahre sieht die Grafik wie folgt aus (rot umrandet der vorherige Ausschnitt):
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Trotz einer Finanzkrise historischen Ausmasses hat sich dieser Aktienindex über die letzten 20 Jahre immer noch vervierfacht. Das entspricht einer jährlichen Rendite von über 7%. Also haben die Ökonomen nochmals Glück gehabt: Die Faustregel erscheint doch nicht so dumm, zumindest bei dosiertem, gestaffeltem Einsteigen und über die sehr lange Frist (d.h. wenn man lange warten kann).
Wenig umstritten ist eine andere Regel: Wenn man in Aktien investiert, führt eine breite Diversifikation zum gleichen Ertrag bei weniger Risiken. Ob die Leute gut diversifizieren, wurde in Schweden untersucht.[1] Dort erleiden die Haushalte im Schnitt offenbar wenig Verluste aus mangelnder Diversifikation. Eine – wiederum weniger gebildete - Minderheit könnte jedoch dank Diversifizierung deutlich besser abschneiden. Inwiefern ökonomische Kenntnisse eine Rolle spielen, wurde nicht erfasst.
Für das iconomix-Team,
Michael Manz
[1] Vgl. Campell, J. 2006: Household Finance. Journal of Finance 61, SS. 1553-1604.
[2] Vgl. Lusardi, A., M. van Rooj und R. Alessie, 2007. Financial Literacy and Stock Market Participation, NBER Working Paper No. 13565.
Beispiel für schlechte Wirtschaftspolitik
Mit Holcim, dem weltgrössten Zementhersteller, ist ein Schweizer Grossunternehmen von Hugo Chavez Verstaatlichungs-programm betroffen. Im letzten Jahr musste Holcim mit der Regierung über den Verkauf aller Produktionsstätten in Venezuela verhandeln.
Die Verstaatlichung wurde von der venezolanischen Regierung mittlerweile vollzogen. Doch Holcim wartet noch immer auf die vereinbarte Entschädigung von 550 Mio. US Dollar. Nach erfolglosen Interventionen der Schweizer Behörden hat das Unternehmen bei der Weltbank nun ein Verfahren eingeleitet.
Mit staatlichen Massnahmen dieser Art wird in der Regel eine Umverteilung von Vermögenswerten angestrebt. Ausländer werden enteignet und deren Produktionsanlagen und Vermögenswerte dem venezolanischen Staat zugeführt. Kurzfristig scheint Venezuela davon zu profitieren.
Unter Ökonomen ist allerdings unbestritten, dass es sich dabei um ein Beispiel schlechter Wirtschaftspolitik handelt. Denn solche Massnahmen bedeuten langfristig für die venezolanische Bevölkerung nichts Gutes.
Wenn ausländische Unternehmen der Willkür des Staates ausgesetzt sind, so steigt damit für sie die Unsicherheit. Sie werden es sich künftig zweimal überlegen, ob sie in Venezuela investieren und damit u.a. Arbeitsplätze schaffen wollen. Wer sicher gehen will, entscheidet sich dafür, das Land zu verlassen und dabei möglichst viel Know-How und Kapital mitzunehmen.
Für die langfristige wirtschaftliche Entwicklung des Landes verheisst die de facto Enteignung von Holcim also nichts Gutes.
Für das iconomix-Team
Ronald Indergand
Finanzkrise im Klartext III
Ein kürzlich auf YouTube erschienenes Video erklärt in wenigen Minuten die Entstehung der gegenwärtigen Finanzkrise.
Produzent Jonathan Jarvis zeigt modellartig die Entwicklungen im US-amerikanischen Häuser- und Finanzmarkt auf, welche zur Krise geführt haben, in deren Folge namhafte Investmentbanken in den Abgrund gerieten. Begriffe wie «Leverage», «Credit Debt Obligation» und «Subprime Mortgage» werden gut veranschaulicht. Layout und Art der Präsentation mögen etwas gewöhnungsbedürftig sein, ausserdem ist bei dem hohen Tempo Aufmerksamkeit angesagt!
Für das iconomix-Team
Ronald Indergand
Spekulationsblasen
Die gegenwärtige Finanzkrise gründet zu einem grossen Teil in Fehlentwicklungen im US-amerikanischen Häusermarkt. Nach einem starken Anstieg der Häuserpreise in nur wenigen Jahren hat der Trend Mitte 2006 plötzlich gekehrt. Seit zwei Jahren sinken die Preise ziemlich rasch; ein Ende der Talfahrt ist nicht abzusehen.
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Bei der Frage nach den Ursachen für diese Entwicklung ist oft von «Spekulationsblase» die Rede. Was steckt hinter diesem Begriff?
In den Augen von Ökonomen sind Immobilien vergleichbar mit anderen Vermögensanlagen wie Obligationen oder Aktien. Der Marktpreis einer solchen Anlage wiederspiegelt die Erwartungen der Investoren über die zukünftigen Vermögensströme (Dividenden, Zinszahlungen, Wertsteigerungen etc.). Verschlechtern sich die realwirtschaftlichen Aussichten, so sinkt in der Regel der Kurs und umgekehrt.
Neben dem Marktpreis kennen Ökonomen das Konzept des Fundamentalwerts. Dieser stellt den «wahren, realistischen Wert» einer Anlage dar, welcher dem Wertpapier aus gegenwärtiger Sicht unterliegt. Im Unterschied zum Marktpreis kann dieser aber nirgends abgelesen, sondern muss von Analysten und Investoren geschätzt werden.
Sind die Erwartungen der Investoren spekulativ und überoptimistisch (oder umgekehrt, übermässig pessimistisch), so können sich der Marktpreis eines Wertpapiers und dessen Fundamentalwert für längere Zeit voneinander entkoppeln. Ökonomen sprechen in diesem Fall von einem «Bubble».
Obwohl diese Abweichung durchaus gross sein kann und oft von psychologischen Faktoren abhängt, kann sich der Marktpreis nicht beliebig weit und beliebig lang vom Fundamentalwert entfernen, sondern muss sich längerfristig wieder an diesen anpassen. Typischerweise erfolgt die Korrektur sehr abrupt.
Denn nachdem sich im Markt die Erkenntnis einmal durchgesetzt hat, dass eine bestimmte Klasse von Vermögensanlagen überbewertet ist, versuchen sehr viele Marktteilnehmer gleichzeitig, die betreffenden Wertpapiere zu verkaufen. Es kommt zum Crash.
Manchmal werden Forderungen laut, die Geldpolitik solle versuchen, solche Szenarien aktiv zu bekämpfen. Was sich theoretisch gut anhört, ist in der Praxis ein schwieriges Unterfangen. Denn von einem Preisanstieg bestimmter Vermögenswerte mit Sicherheit zu sagen, dass es sich um eine spekulative Blase handelt, ist erst möglich, nachdem die Blase geplatzt ist. Grund dafür sind die oben beschriebenen Unsicherheiten bezüglich Fundamentalwert.
Und selbst wenn sich eine Spekulationsblase im Voraus als solche erkennen liesse, ist unklar, wie die Geldpolitik darauf reagieren sollte. Erst eine massive Intervention der Zentralbank (mittels markanter Leitzinserhöhung) dürfte eine Blase zum Platzen bringen. Dies hätte jedoch stark negative Auswirkungen auf die Realwirtschaft (massiver Konjunktureinbruch). Daher ist die Gefahr gross, dass eine solche Politik mehr Schaden anrichtet als Nutzen stiftet.
Die Geldpolitik kann Spekulationsblasen also kaum bekämpfen. Aber sie kann einen Beitrag dazu leisten, die Widerstandsfähigkeit des Finanzsystems zu erhöhen, damit die Konsequenzen geplatzter Spekulationsblasen milder ausfallen. Mehr dazu in einem der nächsten Blogbeiträge.
Für das iconomix-Team
Ronald Indergand
Erneute Gefahr für die Banken
Ökonomen und Banker warnen vor Milliardenabschreibern im Kreditgeschäft der Banken. Die Ausfallraten von Unternehmensanleihen sind in den letzten Monaten stark gestiegen und werden womöglich weiter ansteigen.
Einen wichtigen Indikator dafür stellen die Risikoaufschläge auf Unternehmensanleihen («Spreads») dar. Sie berechnen sich aus der Differenz zwischen den Zinssätzen von Unternehmensanleihen und den Zinssätzen von (nahezu risikolosen) Staatsanleihen. Die Spreads stehen derzeit in praktisch allen Industrieländern auf dem höchsten Stand der letzten 10 Jahre:
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Wieso sind die Gefahren im traditionellen Kreditgeschäft angestiegen, wo es doch im Gegensatz zu anderen Geschäftsbereichen lange als solider Pfeiler des Bankgeschäfts galt?
Nachdem die Finanzkrise zu Beginn vor allem Banken und Versicherungen getroffen hat, wird zusehends die Realwirtschaft in Mitleidenschaft gezogen (siehe Blog-Beiträge «Das Schlimmste kommt erst noch» (26.11.2008) und «Trübe Konjunkturaussichten» (06.11.2008)). Viele Unternehmen sehen sich mit massiven Umsatz- und Gewinnrückgängen konfrontiert.
Deshalb hat eine steigende Zahl von Unternehmen Schwierigkeiten, ihre Schuldzinsen zu begleichen und Kredite zurückzubezahlen. Je tiefer die Rezession ist und je länger sie dauert, desto höher sind die Zahlungsausfälle bei Bankkrediten. Wenn sich diese Situation weiter verschärft, werden sich die Banken mit einer weiteren Welle an Wertberichtigungen und Verlusten abfinden müssen.
Als Folge der steigenden Kreditausfallraten nimmt das Risiko im Kreditgeschäft zu. Die Banken werden zurückhaltender bei der Kreditvergabe und verlangen höhere Zinsen als Entschädigung für das gestiegene Risiko.
Dies wiederum bedeutet für die Unternehmen höhere Finanzierungskosten wegen höherer Schuldzinsen und allenfalls sogar Schwierigkeiten, frisches Kapital zu beschaffen. Insbesondere Unternehmen mit geringer Kreditwürdigkeit (Bonität) sind von einer Kreditklemme bedroht.
Für das iconomix-Team
Ronald Indergand und Boris Kaiser
Vergleiche dazu die iconomix-Fragen in Politics-Economics vom 22. Februar 2009.
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