iconomix

Schweizerische Nationalbank

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Donnerstag, 19. August 2010,
08:46

Studienwoche «Finanzplatz Schweiz»

Schweizer Jugend forscht führt dieses Jahr die zweite Studienwoche zum Thema «Finanzplatz Schweiz» durch, vom 13. bis 18. September 2010. Schweizer Jugend forscht will damit interessierten Jugendlichen einen Blick hinter die Kulissen des Finanzplatzes ermöglichen. Die Jugendlichen lernen anhand praxisbezogener Fragestellungen, wie man eine wirtschaftswissenschaftliche Projektarbeit aufbaut, durchführt und die Ergebnisse dokumentiert. Namhafte Akteure aus der Finanzbranche – darunter die Schweizerische Nationalbank, vertreten durch iconomix - öffnen während dieser fünf Tage ihre Tore und stellen die fachliche Betreuung der Teilnehmenden sicher.

iconomix bietet im Rahmen der Sonderwoche drei attraktive und brandaktuelle Themen zur Auswahl an:

Thema 1: Geldpolitische Entscheidung in ausserordentlichen Zeiten. Die SNB führt als unabhängige Zentralbank die Geld- und Währungspolitik der Schweiz. Sie muss sich gemäss Verfassung und Gesetz vom Gesamtinteresse des Landes leiten lassen, als vorrangiges Ziel die Preisstabilität gewährleisten und dabei die Konjunktur berücksichtigen. Die Jugendlichen versetzen sich in diesem Projekt in die Rolle der SNB und nehmen an, dass Sie heute einen Zinsentscheid treffen müssen. Sie entscheiden aufgrund der ihnen verfügbaren Informationen zur aktuellen Wirtschaftslage und begründen ihren Entscheid mit ökonomischen Überlegungen. Mit dem Projekt verbunden ist der Besuch bei einem Senior Researcher der SNB.

Thema 2: Umsetzung der Geldpolitik in ausserordentlichen Zeiten. Die SNB setzt ihre Geldpolitik u. a. mittels der Steuerung des Zinsniveaus auf dem Franken-Geldmarkt um. Als Referenzzinssatz dient der Dreimonats-Libor. Diesen beeinflusst die SNB indirekt über gesicherte Geldmarktgeschäfte, sogenannten Repogeschäften. Die Jugendlichen gehen in diesem Projekt folgenden Fragen nach: Wie wird Frankenliquidität geschaffen, wie wird sie wieder abgeschöpft? Was sind gegenwärtig, wo der Franken gegenüber dem Euro unter grossem Aufwertungsdruck steht, besondere Herausforderungen? Mit dem Projekt verbunden ist der Besuch bei einem Geldmarkt- und Devisenspezialisten.

Thema 3: Stabilität des Finanzsystems in der Schweiz. Die SNB hat den Auftrag, zur Stabilität des Finanzsystems beizutragen. Zudem spielt sie eine aktive Rolle bei der Schaffung stabilitätsfördernder regulatorischer Rahmenbedingungen. Dazu arbeitet sie eng mit der Eidgenössischen Finanzmarktaufsicht FINMA zusammen. Die Jugendlichen gehen in diesem Projekt folgenden Fragen nach: Was sind die gegenwärtigen Herausforderungen bei der Finanzmarktregulierung? Was ist unter der Too-big-to-fail-Problematik zu verstehen? Was sind diskutierte Ansätze, um die mit der Too-big-to-fail-Problematik verbundenen Risiken zu reduzieren? Mit dem Projekt verbunden ist der Besuch bei einem Spezialisten für Systemstabilität.

Die drei Workshops werden jeweils in den Sprachen Deutsch, Französisch und Englisch angeboten. Die Anforderungen an die Teilnehmenden sind ein Interesse an volkswirtschaftlichen Fragestellungen, Übung im Lesen längerer Texte, die Bereitschaft sich selbständig mit Fragestellungen auseinander zu setzen sowie Neugierde und Offenheit.

Die Struktur der Studienwoche orientiert sich an den traditionsreichen natur- und technikwissenschaftlichen Jugendförderwochen von Schweizer Jugend forscht. Junge Menschen aus der ganzen Schweiz (Sekundarstufe II) beschäftigen sich in kleinen Gruppen eine Woche lang unter fachlicher Anleitung mit einer gegebenen Fragestellung. Die Schlussveranstaltung findet im Beisein von Medien, Lehrpersonen, Familienangehörigen und Vertretern aus Wirtschaft und Wissenschaft statt. Ergebnis aus jedem Workshop ist ein Poster, das die Teilnehmenden an der Schlussveranstaltung präsentieren, und ein Schlussbericht, den die Jugendlichen bis 14 Tage nach der Sonderwoche fertigstellen müssen, um eine Urkunde für ihre Teilnahme zu erhalten, und der schliesslich im Internet publiziert wird.

Die Anmeldung erfolgt über die Website von Schweizer Jugend forschtwww.sjf.ch/.... Anmeldeschluss ist der 27. August 2010.

Für das iconomix-Team
Manuel Wält

Siehe auch den Artikel «Schweizer Jugend forscht wieder(478 KB)http://www.iconomix.ch/fileadmin/user_upload/iconomix/blog/icx/10/FuW_Schweizer-jugend-forscht.pdf» (Finanz und Wirtschaft, 12. Juni 2010).

Donnerstag, 01. Juli 2010,
16:31

Chile: der südamerikanische Tabellenführer

Lateinamerikanische Länder waren lange Zeit für ihre politische und wirtschaftliche Instabilität bekannt. Die jüngere Geschichte von Chile gibt dafür ein gutes Beispiel ab: nach einem sozialistischen Umschwung Ende der 1960er Jahre und einer radikal wirtschaftsliberalen Militärdiktatur in den 1970er und 1980er Jahren fand das Land erst in den 1990er Jahren den Weg zurück zur Demokratie.

Der Übergang zu Ordnung und Rechtsstaatlichkeit scheint dem Land dabei erstaunlich gut gelungen. Welche Indikatoren man auch betrachtet: mit wenigen Ausnahmen erscheint Chile unter den Ländern, welche die besten öffentlichen Institutionen aufweisen.

Zum Beispiel in der Statistik Governance Mattersinfo.worldbank.org/.... Diese Statistik wird von der Weltbank erstellt, um die Qualität öffentlicher Institutionen wie der Politik, der Verwaltung und des Rechtssystems zu messen. Das Ranking drückt dabei aus, auf welchem Platz das Land in einer Weltrangliste von 100 Ländern zu finden wäre – das schlechteste Land erhält auf dieser Skala den Wert 0, das beste Land den Wert 100:[1]

KategorieRanking Chile
Wirksamkeit des politischen Systems, Leistungsfähigkeit öffentlicher Dienste84,8
Kontrolle der Verwaltung, Eindämmung von Korruption87,0
Rechtsstaatlichkeit, Schutz von Verträgen und Eigentum, Zugang zum Rechtssystem88,0
Qualität und Zweckmässigkeit der wirtschaftlichen Regulierungen92,8
Meinungs- und Verbandsfreiheit, politische Partizipation, Rechenschaftspflicht der Regierung76,9
Politische Stabilität, friedliche Konfliktlösung, Gewaltfreiheit66,0

Gute Institutionen sind für die wirtschaftliche Entwicklung eines Landes von grossem Wert. Erstaunlicherweise wurde diese Erkenntnis jedoch lange Zeit vernachlässigt. Erst in den 1980er Jahren realisierte die Entwicklungsökonomie, dass gute Institutionen ein Schlüsselfaktor wirtschaftlicher Entwicklung sind: «governance matters», eben.[2]

Gute Institutionen verringern den Aufwand und die Unsicherheit, die mit einem wirtschaftlichen Unterfangen verbunden sind. Sie erhöhen die Bereitschaft von Privatpersonen oder Unternehmen, Ressourcen zu mobilisieren und ein Wagnis einzugehen. Gute Institutionen vereinfachen deshalb gewinnbringende Investitionen; sie führen dadurch zu effizienter Ressourcennutzung, zu höherem Wachstum und längerfristig zu höherem Wohlstand.

Umgekehrt sind schlechte Institutionen ein Hindernis für wirtschaftliche Tätigkeiten: Wer sich nicht auf das Rechtssystem eines Landes verlassen kann, der zögert, Verträge abzuschliessen und Investitionen zu tätigen. Wer sich im täglichen Geschäft mit ermüdenden Verwaltungsprozeduren und korrupten Beamten herumschlagen muss, verliert schnell seine Zeit, sein Geld und seine Nerven.

In der Forschung wurden diese Zusammenhänge empirisch untersucht. Eine wichtige Frage war dabei die Richtung der Wirkungskette: Führen gute Institutionen zu höheren Pro-Kopf-Einkommen? Oder verbessern sich Institutionen automatisch, wenn sich das Einkommen erhöht? Eine Studie der Weltbank-Ökonomen Daniel Kaufmann und Aart Kraay hat gezeigt, dass die Vermutungen dem ökonometrischen Test standhalten: gute Institutionen sind eine Ursache, und nicht nur eine Folge höheren Pro-Kopf-Einkommens.[3]

Zum Schluss eine Aufgabe: Finden Sie das andere südamerikanische Land, dessen Institutionen in den Statistiken ebenfalls gut abschneiden. Sie können dabei auf «Governance Mattersinfo.worldbank.org/...», auf die Statistiken von Transparency Internationalwww.transparency.org/..., auf den «Ease of doing businesswww.doingbusiness.org/...»-Bericht der Weltbank oder auf den «Global Competitiveness Reportwww.weforum.org/...» des World Economic Forum zurückgreifen. Ein kleiner Tipp: Das Land hat es an der Fussball-WM – im Gegensatz zu Chile – in die Viertelfinals geschafft!

Für das iconomix-Team
Simon Schmid

[1] World Bank (2009): «Governance Matters 2009http/...».

[2] Sinngemäss: «Auf gute Regierungsinstitutionen kommt es an».

[3] Daniel Kaufmann und Aart Kraay (2002): «Growth Without Governanceciteseerx.ist.psu.edu/...».

Freitag, 26. März 2010,
10:04

Tanz, Theater und Circus Knie

Dieses Wochenende lädt der Schweizer National-Circus zur Premiere des neuen Programms nach Rapperswil ein. Eine passende Gelegenheit, ökonomische Aspekte der darstellenden Kunst etwas genauer zu betrachten.

Die darstellende Kunst umfasst all jene Formen der Kunst, deren Darbietung vergänglich sind. Klassische Vertreter sind das Schauspiel, die Oper oder der Tanz. Aber auch der Zirkus zählt dazu. Im Gegensatz zu Theater und Tanz erhält der Zirkus aber keine finanziellen Zuwendungen von staatlicher Seite.

Lässt sich diese Ungleichbehandlung ökonomisch rechtfertigen? Eine staatliche Bevorzugung ausgewählter Kunstformen müsste als unberechtigter Eingriff in den Freiheitsraum der Bürgerinnen und Bürger gewertet werden. Viel eher gilt es daher, die Frage nach einem möglichen Marktversagen zu stellen.

Gerne wird argumentiert, die darstellende Kunst müsse für die Inszenierung überaus viel Personal aufwenden. Ebenso können technologische Innovationen nur wenig zur Senkung der Kosten beitragen. In Verbindung mit einer begrenzten Anzahl Sitzplätze führe dies zu anhaltend steigenden Ausgaben. Für diese Argumentation zeigen sich viele empfänglich, wohl gerade weil die Feststellung an sich richtig ist. Eine rein kostenseitige Begründung für Subventionszahlungen ist aber nicht haltbar.

Entscheidend ist viel eher, dass die Konsumenten nicht ausschliesslich einen Nutzen aus dem direkten Konsum beziehen. Alleine schon die Aussicht, ein Kulturgut in der Zukunft selber geniessen zu können oder zumindest den folgenden Generationen die Möglichkeit dazu offen zu halten, erhöht dessen Nutzen. Nicht zu vernachlässigen ist zudem der Prestigewert oder ein identitätsstiftender Nutzen für die Gesellschaft. Folglich würde es bei einer alleinigen Bereitstellung durch den Markt zu einer Unterversorgung kommen.

Eine ökonomische Begründung für die Subventionszahlungen an Theater- und Opernhäuser ist demnach gegeben. Inwieweit die Höhe der Beiträge hingegen gerechtfertigt ist, ist schwierig abzuschätzen. Diesbezüglich relevant ist die Zusammensetzung der Nachfrage nach der darstellenden Kunst.

Mit Abstand am besten wird diese mit der Schulbildung erklärt. Je gebildeter, desto höher die Nachfrage. Ebenfalls aussagekräftig ist das Einkommen. Bei ansonsten gleichen Eigenschaften fragen hohe Einkommensbezüger mehr Kultur nach.[1] Dieser Sachverhalt ist als besonders kritisch einzustufen. So ist es aus volkswirtschaftlicher Sicht zentral, dass der Steuerzahler nicht für den Konsum derjenigen Personen aufkommt, die sich das Kulturangebot ohnehin leisten würden.

Erstrebenswert wäre daher eine Verschiebung in der Ertragsstruktur. Beiträge aus der öffentlichen Hand sollten abnehmen. Steigern könnte man hingegen die Werbeeinnahmen. Beispielsweise ist man es vom Kino gewohnt, vor Filmbeginn 15 Minuten Werbung über sich ergehen zu lassen. Eine bühnentaugliche Form von Werbung liesse sich problemlos einführen. Ebenso könnten Vorstellungen mit und ohne Werbung angeboten werden, zu entsprechend unterschiedlichen Preisen. Der Konsument hätte dann die freie Wahl.

Auf mehr Gegenliebe dürfte vermutlich eine Ausweitung des Konsumentenkreises stossen. Ein Fernsehkanal mit Videoaufzeichnungen aus dem Bereich Theater und Tanz würde die natürliche Sitzplatzbeschränkung umgehen und könnte zusätzlich bildungsferneren Schichten den Zugang erleichtern. Die Zuschauerzahl könnte gesteigert und die durchschnittlichen Kosten pro Kopf gesenkt werden. Vorausgesetzt natürlich, es besteht genügend Nachfrage.

Schliesslich bestünde die Möglichkeit, die Preisdiskriminierung weiter zu verschärfen. So bezahlt man bereits heute für bessere Sitzplätze höhere Preise. Zusätzlich könnte man die Eintrittspreise für Touristen erhöhen. Diese tragen naturgemäss wenig zur Finanzierung der öffentlichen Leistungen bei. Ausserdem sind sie meist wenig preissensitiv, da im Vergleich zu den Einheimischen weniger Alternativen zur Freizeitgestaltung bestehen. In welchem Mass diese Regelung auch aus gesamtwirtschaftlicher Sicht wünschenswert ist, hängt nicht zuletzt von der geminderten Anziehungskraft eines Ortes als Tourismus-Destination ab. Die im internationalen Vergleich ohnehin schon hohen Preise, machen diese Massnahme für die Schweiz eher unattraktiv.

Ob dereinst auch der Circus Knie in den Genuss von Subventionszahlungen gelangen wird, ist ungewiss. Aus theoretischer Sicht gäbe es wenig dagegen einzuwenden. Solange darf sich der National-Circus damit rühmen, dass die Konsumenten für das gebotene Programm vollständig zu zahlen bereit sind.

Für das iconomix-Team,
Pascal Sulser

[1] Hier gilt es anzumerken, dass mit steigendem Einkommen auch die Kosten der Freizeit steigen. Dies kann für einkommensstarke Personen bereits Grund genug sein, weniger Kultur nachzufragen.

Weiterführende Informationen:
- Ruth Towse (2010): «Textbook of Cultural Economics,» Cambridge University Press.
- Ginsburgh und Throsby (2006): «Handbook of the Economics of Art and Culture,» Elsevier.

Mittwoch, 24. März 2010,
16:04

Staatsverschuldung: Was uns die Geschichte lehrt

Gegenwärtig haben die Budgetdefizite und die Verschuldung einiger Industriestaaten historische Ausmasse angenommen. Und die Prognosen für die nächsten Jahre sehen kaum besser aus. Die Frage liegt nahe: Wie sollen diese Defizite finanziert und wieder reduziert werden?

Ein Blick in die Geschichte zeigt immerhin, wie man es nicht machen sollte. In seinem Buch «Die Herren des Geldes» analysiert Liaquat Ahamed die Wirtschaft der 20er Jahre und die anschliessende grosse Depression.


Der 1. Weltkrieg markierte nicht nur grosse politische, sondern auch wirtschaftliche Umbrüche
. Kriegsfinanzierung war das zentrale ökonomische Thema. Hierzu verliessen praktisch alle Staaten den damaligen Goldstandard, um ihn rund zehn Jahre später wieder einzuführen. Beide Entscheide waren fatal.

Die Loslösung der Währungen von der Bindung zum Gold erlaubte es den Regierungen zwar, die Defizite teilweise über die Notenpresse zu finanzieren. Trotzdem waren nach dem Krieg die meisten europäischen Staaten hoffnungslos im In- und Ausland verschuldet.

Erdrückt von den Reparationsforderungen, wählte Deutschland den Weg über die Hyperinflation. Eine ökonomische (und später auch politische) Katastrophe war die Folge. Frankreich gelang es zwar, ab 1920 die scharfe Inflation zu beenden. Wie man 1925 aber erfuhr, wurden Teile der Staatsausgaben anschliessend über «kreative Buchhaltung» der Zentralbank finanziert.

Dem Vereinigten Königreich, wie auch den meisten anderen Staaten, gelang es schliesslich, durch substantielle Schuldenerlasse der USA finanziell wieder auf die Beine zu kommen.  1925 beschloss die britische Regierung unter Churchill die Rückkehr zum Goldstandard – zum Vorkriegskurs. Was nichts anderes bedeutete, als dass die Inflation der Kriegsjahre mittels restriktiver Geldpolitik rückgängig gemacht werden musste.

Die Konsequenz waren nicht nur unmittelbare wirtschaftliche Schwierigkeiten. Die mehr oder weniger willkürliche Fixierung vieler Währungen zum Gold führte zu massiven globalen Ungleichgewichten, was als eine der Ursachen für die grosse Depression der 30er Jahre gilt.

Ahameds Analyse der wirtschaftlichen Zusammenhänge und Entwicklungen der 20er Jahre, welche schliesslich zur grossen Depression führten, erscheint fundiert und umfassend. Wenn auch teilweise etwas langatmig erzählt, ist es eine spannende Geschichte, die zum Allgemeinwissen eines jeden Ökonomen gehören sollte.

Für das iconomix-Team
Ronald Indergand

Montag, 15. März 2010,
15:50

Ökonomik der Frauenquote

Eine gezielte Förderung von gesellschaftlich benachteiligten Gruppen ist weithin akzeptiert. Ob hingegen eine Quotenregelung dazu das richtige Mittel ist, bleibt umstritten. Dies liegt mitunter daran, dass wenig über deren Wirksamkeit bekannt ist.

Nun aber liefern eine handvoll Ökonomen eine erste umfassende Analyse zur Effektivität einer Frauenquote.[1] Dabei wurde das Wahlverhalten und die Wertvorstellungen indischer Bürgerinnen und Bürger untersucht.[2] Zu Nutzen machten sich die Autoren den Umstand, dass nur ein Teil der untersuchten Gemeinden erste Erfahrungen mit einer Quotenregelung machen konnten.

Grundsätzlich bescheinigen die Autoren dem Quotensystem gute Resultate. Die Anzahl der Frauen, die sich für ein politisches Amt bewarben und gewannen, verdoppelte sich beinahe, wenn in den zwei vorhergehenden Wahljahren eine Frauenquote galt. Das erfreuliche Resultat wird damit begründet, dass die Wählerinnen und Wähler ihre Unsicherheiten und Vorurteile gegenüber Frauen in politischen Funktionen mit zunehmender Erfahrung wirksam abbauen konnten.

Diese Sichtweise deckt sich auch mit der Beurteilung der Leistungsbilanz von politisch aktiven Frauen. Weibliche Ratsmitglieder wurden zwar deutlich schlechter eingestuft, falls sie ihre Position aufgrund der Quotenregelung erhielten. Erfreulicherweise gilt dieser Befund jedoch nur bei einer erstmaligen Anwendung der Frauenquote. Dies lässt darauf schliessen, dass die Parteien einerseits im Selektionsprozess der Kandidatinnen messbare Fortschritte erzielen, andererseits wird auch darauf hingewiesen, dass Frauen andere politische Schwerpunkte setzen, was wiederum zu anfänglichen Spannungen führen kann.

Um die herrschenden Vorurteilen noch deutlicher sichtbar zu machen, wurde eine Umfrage mit fiktiven Kandidaten durchgeführt, die sich einzig in ihrem Geschlecht unterschieden. Die Befragten studierten das politische Programm der Kandidaten und erteilten dann Auskunft über die erwartete Leistungsfähigkeit der fiktiven Bewerber. Bei der Auswertung der Daten zeigte sich, dass Vorurteile gegenüber den Frauen beinahe vollständig beseitigt werden konnten, wenn die Befragten aufgrund der Quotenregelung bereits erste Erfahrungen mit weiblichen Vertretern machen konnten.

Diese Feststellung galt jedoch ausschliesslich für Männer. Frauen beurteilten den Leistungsausweis der fiktiven Kandidatinnen weiterhin schlechter als jenen der männlichen Bewerber, was auf eine weniger aktive Teilnahme am politischen Geschehen aber auch auf eine Ablehnung des modernen Rollenverständnisses zurückgeführt wird. Davon unbeeinflusst bevorzugten beide Geschlechter weiterhin männliche Politiker, unabhängig davon, ob aufgrund der Quotenregelung bereits politische Erfahrungen mit einer Frau gesammelt werden konnten.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die Quotenregelung in Indien zu einer positiveren Einschätzung der Leistungsfähigkeit der Frauen führte, was wiederum die Wahlchancen von weiblichen Kandidaten zu steigern vermochte. Grundlegende Normvorstellungen konnten aber nur wenig beeinflusst werden.

Für das iconomix-Team,
Pascal Sulser

 

[1] Beaman et. al (2009): «Powerful Women: Does Exposure Reduce Bias?» The Quarterly Journal of Economics, 124, 4, 1497–1540.

[2] In der Vergangenheit haben bereits viele Studien auf den kritischen Zustand der Frauenrechte in Indien hingewiesen. Berichtet wird bspw. von einer geschlechterspezifischen Diskriminierung im Bereich der Ernährung, der medizinischen Betreuung oder der Bildung.

Dienstag, 09. März 2010,
19:25

Wahlfreiheit in der 2. Säule

Nach verlorenem Abstimmungskampf scheint für viele eine grundlegende Reform der 2. Säule nicht mehr ausgeschlossen. Wie aber könnte eine optimale Ausgestaltung der Pensionskasse aussehen?

Betrachtet man die berufliche Vorsorge, so gilt es als erstes festzuhalten, dass aus Sicht der klassischen Ökonomie für ein solches System gar keine Notwendigkeit besteht. Gegen altersbedingte Einkommensausfälle kann sich jede Person privat auf dem Kapitalmarkt  absichern.

Da der Mensch aber weit weniger dem Bild eines perfekt informierten und vollständig rationalen Wesen entspricht, wie dies gemeinhin von der Ökonomie angenommen wurde, kommt der 2. Säule aus volkswirtschaftlicher Sicht vor allem die Bedeutung des Zwangssparens zu. Die Altersvorsorge bewahrt den einzelnen davor, nach dem Ausscheiden aus dem Erwerbsleben zu wenig finanzielle Mittel angespart zu haben.

Die Frage, wie der Staat die Altersvorsorge regeln soll, ist damit aber noch nicht beantwortet. Zwei grundsätzliche Aspekte sind zu beachten. Soll Wahlfreiheit zwischen den einzelnen Pensionskassen herrschen? Und wenn ja, in welcher Form? Und zweitens: Soll der einzelne Anleger zwischen verschiedenen Anlagestrategien entscheiden dürfen?

Ob mehr Entscheidungsfreiheit zu einer besseren Portfolio-Allokation führt,  wird in der Literatur zur «Economic Literacyhttp://www.iconomix.ch/de/service/blog/category/economic-literacy-de/» ausgiebig abgehandelt. Hier sprechen die Forschungsresultate mehrheitlich für eine moderate Wahlfreiheit.  

Eine Auswahl von bspw. fünf sich im Aktienanteil unterscheidenden Fonds dürfte bereits reichen. Eine grössere Wahlfreiheit führt erfahrungsgemäss zu hohen Informationskosten. Der Entscheid für oder gegen ein bestimmtes Modell wird dadurch hinausgezögert oder bleibt gänzlich aus.[1]

Sinnvoll erscheint daher ein automatischer Beitritt zu einem Fonds mit ausgewogenem Risikoprofil, wobei jedem frei gestellt ist, nachträglich einen höheren oder tieferen Aktienanteil auszuwählen.

Die Frage nach der freien Wahl der Pensionskasse kann ebenfalls relativ klar beantwortet werden. So führt diese Form von Wahlfreiheit prinzipiell zu mehr Wettbewerb zwischen den Pensionskassen, da jeder einzelne Arbeitnehmer ein potenzieller Kunde ist. Daraus können Effizienzgewinne entstehen, welche wiederum den Versicherten zu Gute kommen. Empirische Studien belegen allerdings eindrücklich, dass die freie Wahl der Pensionskasse zu deutlich steigenden Marketingkosten führt.

Der Fall Chile bleibt hier bis heute unerreicht.[2] Potentielle Kunden werden mit Mobiltelefonen und Fahrrädern geködert, um einen Versicherungsabschluss zu erzielen. Der Marketingaufwand wird im Jahre 1998 auf gut 45% der jährlichen Gesamtkosten veranschlagt, was 17% des bei Renteneintritt angesparten Alterskapitals entspricht. Zum Vergleich: In der Schweiz beträgt dieser Wert ca. 6-8%.[3] Von einer vollständigen Wahlfreiheit ist folglich eher abzusehen.

Vorteile durch eine indirekte Wahlfreiheit können dadurch aber nicht ausgeschlossen werden. Stärken zeigt hier das schweizerische System. Da die Arbeitgeber direkt mit den Versicherungsanbietern verhandeln, können sie für die eigenen Mitarbeiter bessere Konditionen herausschlagen als wenn diese einzeln Verträge abschliessen müssten. Der Anreiz, Gelder für Werbezwecke aufzuwenden, fällt ebenfalls dahin. Die Freiheit des Arbeitnehmers liegt in der Wahl des Arbeitgebers.

Dennoch führt die hiesige Regelung eindeutig zu einer Verteuerung der Verwaltungskosten pro Kopf. Gemäss Bundesamt für Sozialversicherungen betragen diese aktuell 360.- gegenüber 126.- Franken in der 1. Säule. Wie also können die Verwaltungskosten weiter gesenkt werden?

Das Schlüsselwort heisst… mehr Wettbewerb! Die wohl günstigste Ausgestaltung der 2. Säule würde erreicht werden, wenn ein eindeutig definierter Leistungsauftrag an eine begrenzte Anzahl Versicherer meistbietend verkauft würde. Dies sollte dazu führen, dass sich jene Anbieter durchsetzen, die den Leistungsauftrag bei geringsten Kosten zu erfüllen vermögen.

Für das iconomix-Team,
Pascal Sulser

[1] Cronqvist und Thaler (2004): «Design choices in Privatized Social-Security Systems: Learning from the Swedish Experience», American Economic Review, 94, 2, 424-428.

[2] Bateman et al. (2001): «Forced Saving: Mandating Private Retirement Incomes», Cambridge University Press.

[3] Queisser und Vittas (2000): «The Swiss Multi-Pillar Pension System: Triumph of Common Sense?» Working Paper No. 2416, World Bank.

Samstag, 06. März 2010,
14:19

Freie Schulwahl für alle

Wer mit der öffentlichen Schule am eigenen Wohnort nicht einverstanden ist, hat zwei Möglichkeiten: Wechsel des Wohnortes oder Privatschule auf eigene Kosten.

Eine Initiative, über die dieses Wochenende im Kanton Thurgau abgestimmt wird, fordert, dass sich dies ändert: Unabhängig von Wohnort oder Trägerschaft sollen Eltern die Schule ihrer Kinder frei wählen können.[1] Zwischen öffentlichen und privaten Schulen sollen gleich lange Spiesse herrschen.

Vorschläge zur freien Schulwahl rütteln am System, denn sie stützen sich auf einen liberalen Kerngedanken: Nicht über die staatliche Zuteilung, sondern über einen Markt soll von der Primarstufe an geregelt werden, welche Kinder an welcher Schule ihre Bildung erhalten. Mehr Wahlfreiheit soll also mehr Wettbewerb und damit auch mehr Ansporn, Transparenz und Bildungsqualität bringen.

Damit ein Markt optimal funktionieren kann, ist die vollständige Information der Marktteilnehmer eine wichtige Voraussetzung. Nur Eltern, die über die Angebote Bescheid wissen, werden für ihre Kinder die richtige Schule auswählen. Die objektive Messung von Schulqualität ist bereits heute ein Forschungsthema. Allerdings gibt es noch keinen Konsens über die richtigen Indikatoren. Werden vielleicht Internet-Vergleichsdienste eines Tages die Sparte „Primarschule“ führen?

Damit ein Markt überdies die richtigen Ergebnisse herbeiführt, sollten die Zugangsbarrieren für alle Marktteilnehmer möglichst tief sein. Noch ist es fraglich, ob bei einer freien Schulwahl dieses Kriterium gegeben wäre, denn: Wohlhabende und besser gebildete Eltern haben weniger Mühe, gute Schulen für ihre Kinder auszuwählen. Deshalb garantieren auch staatliche Bildungsgutscheine und Kostenbeschränkungen für Privatschulen noch nicht, dass Kinder aus bildungsfernen Schichten vom Bildungswettbewerb wirklich profitieren können.[2]

Freie Schulwahl gibt es heute schon, doch ist sie tendenziell höheren Einkommensschichten vorbehalten. Die Folge: Soziale Segregation nach Schichten, Quartieren und Wohnorten sind eine Realität. Die freie Schulwahl möchte den Bildungs- vom Wohnortwettbewerb entkoppeln. Führt sie damit Chancengleichheit herbei oder akzentuiert sie Ungleichheiten?

Für das iconomix-Team
Simon Schmid

Vergleiche dazu den letzten Text- und Frageblock in den Politics-Economics vom 7. März 2010http://www.iconomix.ch/de/alacarte/detail/a015/journal/politics-economics-7-maerz-2010/

[1] Vgl. Botschaft zur Volkinitiative «Ja! Freie Schulwahl für allewww.tg.ch/....» Am 7. März 2010 im Kanton TG.

[2] Vgl. Vimentis-Dossier «Freie Schulwahl in der Schweizwww.vimentis.ch/...»

Freitag, 19. Februar 2010,
17:49

Wie viel Ordnung ist gesund?

Das Gesundheitswesen sorgt regelmässig für Schlagzeilen. Zuletzt lösten die Prämienerhöhungen bei der obligatorischen Grundversicherung Diskussionen aus. Im Bundesrat wurden dringende Massnahmen beraten, wie zum Beispiel die Einführung einer Praxisgebühr.[1]

Warum befasst sich die Politik so intensiv mit dem Gesundheitswesen? Eine Erklärung ist die Wirtschaftsordnung im Gesundheitssektor.

Unter einer Wirtschaftsordnung versteht man die Gestaltung der Wirtschaft durch die Politik, im Fokus steht dabei die Regulierung von Märkten. Staatliche Behörden können den Zugang zu gewissen Märkten sowohl für Anbieter wie auch für Nachfrager reglementieren. Preise für die Güter und Dienstleistungen können festgelegt oder Qualitätsvorschriften erlassen werden.

Im Gesundheitswesen findet sich eine Vielzahl derartiger Regulierungen, beispielsweise auf Seite der Nachfrage: prinzipiell dürfen sich Patienten im Rahmen der obligatorischen Krankenpflegeversicherung (OKP) zwar entscheiden, von welchem Arzt sie sich behandeln lassen wollen. Bei der Wahl eines Spitals werden ihnen jedoch – je nach Versicherungsmodell – kantonale Grenzen gesetzt.

Auch angebotsseitig ist der Markt für medizinische Behandlungen im Rahmen der OKP reguliert. Zwar sind Arztpraxen und Spitäler privatwirtschaftliche oder öffentliche Unternehmen und können bei gutem Geschäftsgang einen Gewinn erwirtschaften. Doch übt der Staat auch hier einen grossen Einfluss aus indem er über die Anzahl der zugelassenen Praxen und den Leistungsumfang der Spitäler entscheidet.

Schliesslich unterliegen auch die Preise der aus der OKP bezahlten Gesundheitssleistungen einer Reihe von Tarif- und Regelwerken, so dass ihre Höhe in der ganzen Schweiz beinahe gleich ist: unabhängig davon, bei welchem Arzt eine 15-minütige Konsultation stattfindet, wird sie zum gleichen Preis abgerechnet.

Ein solches System hat Vor- und Nachteile, doch darauf einzugehen würde den Rahmen dieses Beitrags sprengen. Die Beispiele mögen aber doch immerhin illustrieren, warum sich die beteiligten Akteure regelmässig in den Haaren liegen: wo es über Regulierungen zu bestimmen gilt, gibt es viele Gelegenheiten, diese zu den eigenen Gunsten zu beeinflussen.

Dazu ein Beispiel: Während Arztpraxen, Spitäler und private Laboratorien an hohen Tarifen interessiert sind, müssen die Versicherungen mit ihren Prämieneinnahmen haushälterisch umgehen und befürworten knapp bemessene Tarife.[2]

In einem nächsten Beitrag werde ich folgenden zwei Fragen nachgehen: Welche der involvierten Akteure haben eigentlich ein langfristiges Interesse, das Ausgabenwachstum im Gesundheitswesen einzudämmen? Und, besteht dazu überhaupt ein Anlass?

Für das iconomix-Team
Simon Schmid

 

Vergleiche dazu den letzten Text- und Frageblock in den Politics-Economics vom 21. Februar 2010http://www.iconomix.ch/de/alacarte/detail/a015/journal/politics-economics-21-feb-2010/.

[1] Tages-Anzeiger Online, 29.5.2009: «Bundesrat will Praxisgebühren durchdrückenwww.tagesanzeiger.ch/...»

[2] NZZ-Online, 1.4.2009: «Die Hausärzte schlagen Alarmwww.nzz.ch/...»

Dienstag, 12. Januar 2010,
13:15

Yin und Yang

Konjunkturprogramme und eine expansive Geldpolitik haben weltweit dazu beigetragen, dass die «grosse Rezession» nach der gängigen Definition des Begriffs zu Ende ist. Der Gipfel der Intervention ist erklommen, doch wie beim Bergsteigen kann der Abstieg – die Normalisierung von Geld- und Fiskalpolitik – genau so gefährlich sein wie der Aufstieg.

Die Geister der Experten scheiden sich bei der Frage, wo die grössten Gefahren auf dem Weg zurück zur Normalität liegen. Anhand der Medienberichterstattung der letzten Monate drängen sich folgende zwei pessimistischen Szenarien in den Vordergrund:

1. Die Trendwende der Zentralbanken zu einer restriktiveren Geldpolitik kommt zu früh und würgt den konjunkturellen Aufschwung ab.

2. Der verbreitet massive Anstieg der Staatsschulden führt zu vereinzelten Staatsbankrotten, was erneut einen Dominoeffekt für das gesamte Finanzsystem auslöst.

Besonders die grosse Angst vor den steigenden Staatsschulden bereitet auf der anderen Seite Richard C. Koo, Autor von «The Holy Grail of Macroeconomics: Lessons from Japan’s Great Recession», Sorgen. In seinem Buch präsentiert er die Ergebnisse seiner Untersuchung zum «verlorenen Jahrzehnt» der japanischen Wirtschafthttp://www.iconomix.ch/Blog (ab 1991) und der Analyse, welche Massnahmen gegen die Rezession wirksam waren. Dabei kommt er zum Schluss, dass in der damaligen sowie der aktuellen Situationen staatliche Stimulusprogramme die einzige Möglichkeit zur Verhinderung einer Depression sind.[1]

Diesen Befund begründet Koo mit der Unterscheidung zweier sehr unterschiedlicher Typen von Rezessionen.[2] Die «normale» Yang*-Rezession, wie sie im Rahmen des normalen Wirtschaftszyklus wiederholt auftritt, kann mit einer expansiven Geldpolitik relativ leicht bekämpft werden, während staatliche Konjunkturprogramme auf Grund des «crowding out»-Effektshttp://www.iconomix.ch/Blog und des schlechten Timings eher kontraproduktiv sind.

Die gefährlichere Yin*-Rezession hingegen folgt in der Regel einer von Kreditexzessen getriebenen Vermögenswertblase und tritt sehr selten auf – so geschehen in den 30er Jahren in den USA, in den 90er Jahren in Japan sowie im Fall der aktuellen Krise. Diese Art von Rezession nennt der japanische Ökonom «Bilanzrezession», da die privaten Wirtschaftsakteure nach den massiven Vermögenseinbussen auf überschuldeten Bilanzen sitzen. Die einzige rationale Lösung für jeden Akteur ist der Abbau von Schulden – so genanntes «Deleveraging» – durch den Verkauf von Vermögenswerten, worauf die Wirtschaft und die Vermögenspreise immer weiter einbrechen.

Dieser Prozess kann laut Koo nicht mit einer expansiven Geldpolitik gestoppt werden – die Akteure wollen ja Schulden abbauen, nicht neue aufnehmen. Stattdessen muss der Staat während der Dauer des Entschuldungsprozesses in die wirtschaftliche Nachfragelücke springen, damit das Wirtschaftswachstum nicht implodiert, was für den Staat letztlich das grössere Übel wäre.

Konkret empfiehlt Koo deshalb, dass in den nächsten drei bis fünf Jahren weiterhin staatliche Stimulusprogramme im grossen Stil laufen müssen. Ansonsten läuft die Welt Gefahr, Japan den 1. Rang des «verlorenen Jahrzehnts» abzulaufen.

Für das iconomix-Team
Marcel Stadelmann

 

*«Yang» ist das chinesische Wort für Sonne oder Licht, «Yin» für Mond oder Schatten.

[1] R. C. Koo, 2008. The Holy Grail of Macroeconomics: Lessons from Japan’s Great Recession. Singapore: Wiley.

[2] M. Dittli, 2009. «Die Stimulusprogramme reichen noch nicht». Finanz und Wirtschaft, 23. Dezember.

Montag, 07. Dezember 2009,
08:00

Lehren aus der Krise – Teil 4: Vorreiterrolle der Schweiz

Während in der EU und den USA bisher vor allem viel diskutiert wurde, hat die Schweiz in verschiedenen Bereichen der Finanzmarkt-Regulierung schon konkrete Lösungen erarbeitet: Bereits im Dezember 2008 wurde ein neues Regelwerk über Eigenkapitalvorschriften (verlangt wird das Doppelte der bislang gültigen internationalen Eigenkapitalvorgaben von 8%) und Verschuldungsobergrenzen (so genannte «Leverage Ratios») erlassen und auf den 1. Januar 2010 treten die verschärften Lohnregulierungen und Liquiditätsvorschriften in Kraft.

Diese Massnahmen sollen die Schweizer Finanzinstitute krisenresistenter machen und die Wahrscheinlichkeit von Liquiditäts- und Kapitalengpässen vermindern. Was noch fehlt ist ein Ausweg für die Situation, wenn eine systemrelevantehttp://www.iconomix.ch/Blog Grossbank trotzdem wieder in Zahlungsschwierigkeiten gerät. So lange eine Bank «too big to fail» ist und vom Staat im Notfall vor dem Untergang gerettet werden muss, profitiert sie von einer faktischen Staatsgarantie, gleichbedeutend mit einem kostenlosen Wettbewerbsvorteil gegenüber allen anderen Banken. Dieser Zustand ist aus marktwirtschaftlicher Sicht unhaltbar, denn die Gesetze des Marktes verlangen, dass ein Unternehmen bei schlechter Führung untergehen kann.

Ein viel diskutierter Lösungsansatz für dieses Problem ist die Etablierung eines geordneten Insolvenzverfahrens für die Banken. Ziel eines solchen Verfahrens müsste sein, Restrukturierungen in geordneten Bahnen und ohne übermässigen Zeitdruck zu ermöglich, wie Professor Ernst Baltensperger in seinem Referat an der iconomix-Fachtagung(63 KB)http://www.iconomix.ch/fileadmin/docs/agenda/090905/finanzkrise_referat_baltensperger.pdf vom 5. September 2009 in Bern erklärte. Dadurch können Notverkäufe mit dem Resultat eines Zusammenbruchs der Vermögensmärkte vermieden werden. Gleichzeitig müssen die systemisch relevanten Funktionen einer Bank wie das Einlage- und Kreditgeschäft erhalten bleiben, um eine Ansteckung der gesamten Wirtschaft zu verhindern.

Zentral ist für Baltensperger, dass die Bedingungen für ein solches Verfahren bereits im Vorhinein glaubwürdig festgelegt werden, damit die Massnahme die Anreize für die Unternehmen verändert und somit bereits präventiven Charakter entfalten kann. Eine Möglichkeit sind die in Fachwelt und Politik vielfach erwähnten «living wills» – eine Art Testament, in dem das Unternehmen im Voraus selbst festhält, wie es im Konkursfall geordnet abgewickelt werden kann, ohne einen Dominoeffekt auszulösen.

Eine anderer Vorschlag, der vor kurzem erneut für Aufsehen gesorgt hat[1], verlangt von internationalen Banken, sich als Holding zu organisieren. Durch die Aufteilung in völlig unabhängige Tochtergesellschaften können diese bei Zahlungsunfähigkeit einzeln unter gehen, ohne die anderen Geschäftseinheiten wie das systemrelevante Einlage- und Kreditgeschäft mitzureissen.

Die langwierige Diskussion in Fachwelt und Politik zeigt, dass es kein magisches Rezept zur Bewältigung der «too big to fail»-Problematik gibt – alle Lösungen wären einschneidend. Trotzdem scheint die Schweiz mit ihrem vergleichsweise sehr grossen Bankensektor bereit, in dieser Frage – wie auch schon in den eingangs erwähnten – eine Vorreiterrolle einzunehmen und notfalls den Alleingang zu wagen.

Für das iconomix-Team
Marcel Stadelmann

 

[1] A. Rutishauser, 2009. Grübel warnt vor zu vielen Vorschriften. Sonntag, 29. November.

 

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