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Schweizerische Nationalbank

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Freitag, 16. April 2010,
18:04

Der Preis frischer Luft

Es gibt Tätigkeiten, deren Auswirkungen auf Dritte im Preissystem nicht vollständig erfasst sind. In diesen Fällen reden Ökonomen von «Externalitäten» oder «externen Effekten». Solche externen Effekte führen dazu, dass Märkte nicht effizient funktionieren: Güter werden entweder in zu geringem Mass oder im Übermass bereit gestellt und verbraucht.[1]

Positive Externalitäten löst z.B. die Forschung aus. Neue Forschungsergebnisse erzeugen oftmals Nutzeneffekte, von denen viele – nicht nur die Wissenschaftler selbst – profitieren können. Forschung hat deshalb den Charakter eines öffentlichen Gutes, mit dem damit verbundenen Problem der Unterversorgung (vgl. das iconomix-Modul «Öffentliche Güterhttp://www.iconomix.ch/de/module/detail/m05/»).

Negative Externalitäten hingegen führen eher zu Übernutzung. Ein Beispiel ist das Rauchen in der Gegenwart anderer Menschen, insbesondere von Nichtrauchern: Müssten Raucher stets alle in einem Raum anwesenden Personen für das passive Mitrauchen entschädigen, würden vermutlich weniger Zigaretten geraucht.

Um Märkte effizient zu gestalten, ist es deshalb wichtig, den gesamten Nutzen bzw. sämtliche externen Kosten einer Tätigkeit in deren Preis mit einzubeziehen – zu «internalisieren», wie Ökonomen sagen. Welche Möglichkeiten dazu gibt es?

Ein möglicher Lösungsansatz sind sogenannte Lenkungsabgaben. Hier wird eine Steuer auf den Verbrauch eines Gutes erhoben, so dass der Verbrauch dieses Gutes sinkt (z.B. CO2-Abgabe). Ein anderer Ansatz ist die Einführung von Märkten für Verbrauchsrechte (z. B. Handel mit CO2-Emissionszertifikaten). Solche Märkte sorgen dafür, dass die Güter dort verbraucht werden, wo sie am meisten Wert sind. Beide Ansätze bedingen einen Eingriff des Staates.

Der Ökonom Ronald Coase brachte vor 50 Jahren einen weiteren Ansatz ins Spiel: Er behauptete, dass wir die Probleme, die aus der Existenz externer Effekte entstehen, auch ohne staatliche Hilfe lösen können.[2] Allerdings müssen dazu eindeutige Eigentumsrechte definiert sein; man müsste z. B. die Luft eines öffentlichen Raumes zum Eigentum der Nichtraucher erklären. Nichtraucher wären dann frei, eine gewisse Menge an Rauch gegen Bezahlung zuzulassen, oder das Rauchen auch ganz auszuschliessen, falls ihnen saubere Luft unbezahlbar viel Wert ist.

Der Nachteil dieser Lösung liegt darin, dass viel verhandelt werden muss. Raucher und Nichtraucher müssen sich immer wieder von neuem darüber einig werden, welches der Preis einer Zigarette ist – kein leichtes Unterfangen in einer gut gefüllten Bar an einem Samstagabend.

Ab dem 1. Mai gilt in öffentlichen Räumen ein schweizweites Rauchverbot. Aus ökonomischer Sicht ist ein solches Verbot alles andere als elegant; die Lösung ist dafür praktisch und umsetzbar.

Für das iconomix-Team
Simon Schmid

Vergleiche dazu den letzten Text- und Frageblock in den Politics-Iconomics vom 18. April 2010http://www.iconomix.ch/de/alacarte/detail/a015/journal/politics-economics-18-april-2010-1/.

[1] Siehe A. Brunetti: «Volkswirtschaftslehre» für eine gute Einführung in die Ökonomie externer Effekte
[2] R. Coase: «The problem of social costwww.econ.washington.edu/...»

Freitag, 04. September 2009,
16:59

Ohne Markt kein Preis - Teil 2

 

Gut 70% des Schweizer Waldes sind in öffentlichem Besitz. Dabei ist der Wald nicht nur Lebensgrundlage für Mensch und Tier, sondern er erfüllt zusätzlich eine wichtige Funktion als Erholungsraum. Da es sich um frei zugängliche Wälder handelt, wird von einem «öffentlichen Gut» gesprochen.

Erinnern wir uns: Die Bewertung von öffentlichen Gütern fällt deshalb schwer, weil dafür kein eigentlicher Markt besteht. Ohne Markt fehlt es an Preisen. Preise aber dienen als Indikator für die Knappheit und somit den Wert eines Gutes. Der Wert eines öffentlichen Gutes muss daher über Umwege geschätzt werden.

Soll der reine Erholungswert des Waldes ermittelt werden, so bietet sich der Umweg über die Reisekosten an. Die Überlegung dabei: Ein Waldbesuch lohnt sich dann, wenn der erwartete Nutzen grösser ist als die erwarteten Kosten. Berechnen wir die anfallenden Kosten, so haben wir eine untere Schwelle für den individuellen Nutzen. Dabei fallen aber nicht nur Kosten für die Anfahrt und die Verpflegung an. Wirtschaftlich bedeutender ist meist der finanzielle Wert einer Stunden Freizeit. Dieser wird auf durchschnittlich 10 Franken pro Stunde geschätzt.

Fazit: Um die optimale Menge «Wald» bereitstellen zu können, muss der Staat dessen Erholungswert schätzen lassen. Aktuelle Zahlen dazu liefert eine Studie der «econcept» im Auftrag des BUWAL. Hier wird der reine Erholungswert des Schweizer Waldes auf 3,2 bis 10,5 Milliarden Franken bemessen. Die Schwankungsbreite entsteht, weil die Zeitkosten einmal ausschliesslich bei der Anfahrt, das andere Mal aber zusätzlich während des eigentlichen Aufenthalts berücksichtigt werden.

Für das iconomix-Team,
Pascal Sulser

Weiterführende Informationen:
- Econcept, 2004. Der monetäre Wert des Schweizer Waldes für Erholung.
- iconomix-Blog «Ohne Markt kein Preis - Teil 1»

 

Freitag, 28. August 2009,
11:59

«Peak Oil»

Die Schweiz und Libyen haben ihre diplomatischen Beziehungen wieder aufgenommen. Wird nun auch wieder libysches Erdöl zu uns fliessen?

Das schwarze Gold ist seit vielen Jahren nicht aus den Schlagzeilen wegzudenken und stets im Zentrum von Konflikten und hitzigen Debatten. Momentan steigt der Ölpreis in der Hoffnung auf eine rasche konjunkturelle Erholung wieder stark.

Diese Entwicklung nutzt die Internationale Energieagentur, um ihre früheren Warnungen zu verdringlichen: Aufgrund rückläufiger Reserven und ausbleibender Investitionen könnten die Ölförderkapazitäten nicht mehr mit der Nachfrage Schritt halten. Deshalb bestehe bereits in den nächsten fünf Jahren die Gefahr einer massiven Ölknappheit, was den wirtschaftlichen Erholungsprozess stark gefährden könnte.

Zudem prophezeit die Agentur das Erreichen von «Peak Oil», dem globalen Ölfördermaximum, bereits für das Jahr 2020. Die Hypothese versiegender Ölquellen stützt sich auf drei Argumente:

  • Pro vier produzierten Barrel wird nur ein Barrel entdeckt.
  • Die politische Instabilität der ölproduzierenden Länder birgt das Risiko, dass der Ölhahn plötzlich zugedreht wird. (siehe Libyen-Konflikt der Schweiz)
  • Rund die Hälfte der als förderwürdig angesehenen zwei Billionen Barrel Öl sind bereits verbraucht.

Diese Punkte sind für Energieberater Michael Lynch Unsinn, wie er in einem Artikel in der New York Times ausführt.[1] Für ihn ist die Diskussion um «Peak Oil» Energieverschwendung, ein Hirngespinst einer kleinen Gruppe von Wissenschaftlern und Laien, die ihre Schlüsse aus falschen Datenanalysen und der Fehlinterpretation von technischem Material ziehen.

Die Argumente von Lynch lauten:

  • Über die Jahre hinweg werden die meisten Ölreserve-Schätzungen nach oben korrigiert, wegen weiteren Entdeckungen und neuen Fördertechnologien.
  • Das politische Risiko ist kein neues Phänomen. Ein gewisser Josef Stalin z.B. war bereits anfangs des letzten Jahrhunderts Anführer der Ölarbeiter von Baku…
  • Geologen sind sich einig, dass bis zu 10 Billionen Barrel Öl vorhanden sind. Durch technischen Fortschritt können gegen 35% – also weitere 2,5 Billionen Barrel – gefördert werden.

Ich kann dieser Argumentation nur bedingt folgen. Kann man sich auf Dauer darauf verlassen, dass Schätzungen zu tief ausfallen? Zudem: Nur weil das geopolitische Risiko länger schon existiert, wird es nicht kleiner. Zu guter letzt frage ich mich, ob die Menschheit das Verbrennen von noch mehr Billionen Barrel Öl nicht aus anderen Gründen besser lassen sollte.

Für das iconomix-Team

Marcel Stadelmann

Vergleiche dazu die iconomix-Fragen in Politics-Economics vom 30. August 2009.

[1] M. Lynch, 2009. ‚Peak Oil‘ Is a Waste of Energy, The New York Times, 25. August.

Mittwoch, 22. Juli 2009,
07:53

Ohne Markt kein Preis - Teil 1

 

Stellen Sie sich vor, die Anflugsrouten auf den Flughafen Zürich würden geändert. Neu leiden zuvor verschont gebliebene Wohngebiete unter erhöhter Lärmbelastung. Frage: Wie kann der entstandene Schaden für die betroffenen Bürger in Franken und Rappen berechnet werden?

 

 

Flugzeug

Eine Möglichkeit ist die Betrachtung der Häuserpreise vor und nach der Änderung der Anflugsroute. Alternativ können die Preise von gleichartigen Wohnobjekten, die vom neuen Anflugsregime nicht betroffen sind, zum Vergleich herangezogen werden. Die Idee dabei: Der entstandene Schaden wird durch sinkende Häuserpreise kompensiert. Der Häusermarkt dient so als Annäherung an den nicht vorhandenen Markt für das Umweltgut «Ruhe».

Dem sogenannten «Marktpreisansatz» sind allerdings Grenzen gesetzt. Der Wohnungs- und Häusermarkt ist nur selten im Gleichgewicht. Unzählige Vorschriften verhindern eine freie Preisbildung. Zudem investieren die Bewohner in ihr soziales Umfeld, z. B. in nachbarschaftliche Beziehungen. Sie sind folglich bis zu einem gewissen Grad lokal gebunden. Legt man sich einzig auf den «Marktpreisansatz» fest, so werden die Schäden der Lärmbelastung unterschätzt.

Einen Ausweg bietet der «Life Satisfaction»-Ansatz. Typischerweise basieren solche Analysen in der Schweiz auf Angaben aus dem «Schweizer Haushalt-Panel». In unserem Fall bedeutet dies, dass die Antwort auf die Frage «Ganz allgemein gefragt - wie zufrieden sind Sie mit Ihrem Leben?» verwendet wird, um die individuelle Einbusse an Lebensqualität bemessen zu können. Da sowohl das verfügbare Einkommen wie auch die Lärmbelastung das subjektive Wohlbefinden beeinflussen, ist es möglich, den empfundenen Schaden in Geldeinheiten umzurechnen.

Fazit: Umweltgüter wie beispielsweise «Ruhe» werden nicht gehandelt und haben daher keinen direkt messbaren Preis. Der ökonomische Wert von Umweltschäden kann deshalb nur näherungsweise geschätzt werden. Im konkreten Fall der Lärmbelastung durch ein neues Anflugsregime gibt es dafür zwei Möglichkeiten: der «Marktpreisansatz» und der «Life Satisfaction»-Ansatz. Ersterer beziffert den Effekt der erhöhten Lärmbelastung indirekt anhand von Veränderungen bei den Häuserpreisen, Letzterer ermöglicht zusätzlich eine Bewertung der nicht über den Häusermarkt erfassbaren Effekte der Lärmbelastung.

Für das iconomix-Team,
Pascal Sulser

Aktuell:
- Artikel auf 20min.ch
- Artikel auf NZZ.ch

Weiterführende Informationen:
- René L. Frey, Elke Staehelin-Witt und Hansjörg Blöchliger (Hrsg.), 1993. Mit Ökonomie zur Ökologie, Kapitel 10.
- Bruno S. Frey, Simon Luechinger and Alois Stutzer, 2004. Valuing Pubic Goods: The Life Satisfaction Approach, IEW Working Paper No. 184.
- Simon Luechinger, 2009. Valuing Air Quality Using The Life Satisfaction Approach, The Economic Journal, 119, 482-515.

Bildquelle: FreeDigitalPhotos.net

 

Freitag, 19. Juni 2009,
13:29

Die Allmenden liegen in Brasilien

 

Wälder lagern grosse Mengen an Kohlendioxid ein. Deren Abholzung trägt zu gut einem Fünftel der weltweiten Treibhausgas-Emissionen bei. Insbesondere die Brandrodung, aber auch der natürliche Zersetzungsprozess von Restholz sind hier als Gründe zu nennen. Was aber hindert die Weltgemeinschaft daran, in einem koordinierten Vorgehen bestehende Wälder zu schützen?

image

 

 

Im Falle des Amazonas ist die fehlende Durchsetzbarkeit von Eigentumsrechten als Erklärungsansatz entscheidend. Waldflächen sind hier nur selten in privatem Besitz. Gleichzeitig fehlen dem Staat wirkungsvolle Mechanismen, eine unbefugte Nutzung zu verhindern. Der Urwald weist folglich typische Züge eines Allmendegutes auf.

Vielfach hat sogar der Staat selber nur wenig Interesse daran, seine Eigentumsrechte durchzusetzen. Wirtschaftliche Aktivität im Amazonas schafft Arbeitsplätze und Einkommen. Die dabei anfallenden Umweltschäden (Externalitäten) können meist problemlos auf die Allgemeinheit abgewälzt werden, ohne negative Konsequenzen für die amtierende Regierung.

Was bleibt zu tun? Um eine Besserung der Lage erzielen zu können, müssen zwingend Eigentumsrechte (neu) definiert und wirkungsvolle Ausschlussmechanismen gefunden werden.

Erfreulicherweise wurde ein vergleichbarer Versuch erst kürzlich von der brasilianischen Regierung unternommen. Einerseits wurden gesetzliche Richtlinien erlassen, welche für mehr Klarheit in den Besitzverhältnissen sorgen, und andererseits bietet ein satellitengestütztes Überwachungssystem bessere Kontrollmöglichkeiten als zuvor.

Zu beantworten bleibt die Frage, wie die verschiedenen lokalen, nationalen und internationalen Interessen zur Nutzung des Amazonas in Einklang gebracht werden können. Braucht es gar finanzielle Anreize, damit Waldflächen nicht der Viehzucht oder dem Abbau von Bodenschätzen weichen müssen?

Exakt dieser Vorschlag wird von Ecuador eingebracht. Auf die kommerzielle Ausbeutung von Ölvorkommen soll verzichtet werden, wenn sich im Gegenzug die internationale Staatengemeinschaft dazu durchringen kann, entsprechende Kompensationszahlungen zu leisten.

Für das iconomix-Team,
Pascal Sulser

Weiterführendes Material:
- iconomix Modul «Allmendegüter»
- Artikel «Seeing REDD in the Amazon», The Economist
- Artikel «Wald statt Öl», Süddeutsche Zeitung

Bildquelle: FreeDigitalPhotos.net

 

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