iconomix

Schweizerische Nationalbank

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Mittwoch, 24. Februar 2010,
16:49

Macht Lotto süchtig?

Das staatlich garantierte Monopol auf Lotterien wird gemeinhin damit begründet, dass Glücksspiele süchtig machen können. Wird eine Lotterie von einer gewinnorientierten Unternehmung bereitgestellt, so bestehen Anreize, aus dem Suchtpotential des Glückspiels Kapital zu schlagen. Wird das Glücksspiel hingegen verboten, so droht die Abwanderung in die Illegalität.

Die gegenwärtige Ausgestaltung vieler staatlichen Lotterien ist aus ökonomischer Sicht dennoch kritisch zu beurteilen. Einerseits wird das Suchtpotential von Lotterien bestätigt.[1] Andererseits weist eine Vielzahl von Studien darauf hin, dass insbesondere Haushalte mit tiefen Einkommen überdurchschnittlich viel von ihrem Budget für Lotterien verwenden.[2]

Problematisch ist dies, weil ein Grossteil der Spieleinsätze nicht an die Spieler zurück fliesst, sondern an die öffentlichen Kassen verteilt wird. Würden solche Gelder ausschliesslich zur Deckung der von den Spielern verursachten gesellschaftlichen Kosten verwendet werden (den negativen Externalitäten), so wäre wenig dagegen einzuwenden.

Dies ist aber nicht der Fall.[3] Vielmehr besteht mit den Lotterien ein Modell, welches in seiner Wirkung den verbreiteten Gerechtigkeitsüberlegungen zuwider läuft. Weniger vermögende Haushalte zahlen relativ mehr für die daraus finanzierten Leistungen. Ähnlich kann bei der Tabaksteuer argumentiert werden. Auch hier werden die gesellschaftlichen Kosten mehrheitlich tiefer ausgewiesen, als die damit verbundenen Steuereinnahmen.[4]

Für hohe Tabaksteuern spricht hingegen die gut dokumentierte Verhaltensweise, dass der gegenwärtige Nutzen aus dem Konsum deutlich höher gewichtet wird als der zukünftige. So wird die Absicht, zum Neujahr mit dem Rauchen aufzuhören, nur selten umgesetzt. Am besagten Tag ist der erwartete Nutzen aus dem Konsum einer Zigarette deutlich höher, als man noch vor Monaten gedacht hatte. Hier soll eine Verteuerung der Tabakerzeugnisse dazu führen, dass eine alternative Verwendung des Geldes attraktiver erscheint. Die Steuer dient dazu, einem verbreiteten Selbstkontroll-Problem entgegen zu wirken.

Ein Mechanismus zum Selbstschutz findet sich auch bei der hiesigen Lotterie wieder. So soll das Ausschütten von nur 54% der Spieleinsätze zu einer verminderten Attraktivität des Glücksspiels führen. Das regelmässige Erreichen von Höchstständen in Millionenhöhe lässt hingegen an der Wirksamkeit des Mechanismus zweifeln.

Sinnvollerweise  beschränkt man daher den eigenen Lotto-Konsum auf jenen Geldbetrag, den man für gemeinnützige Projekte ohnehin auszugeben bereit wäre. Der zusätzliche Nervenkitzel ist der Lohn für die gute Tat.

Für das iconomix-Team,
Pascal Sulser

 

[1] Guryan und Kearney (2009): «Is Lottery Gambling Addictive?» Working Paper 14742, National Bureau of Economic Reserach.

[2] Bspw. Worthington (2001): «Implicit Finance in Gambling Expenditures,» Public Finance Review, 29, 326-342.

[3] Bspw. fliessen 30% der bei Swisslos gespielten Spieleinsätze in kantonale Fonds. 323 Mio. Franken waren es für das Jahr 2008. Die kantonalen Fonds unterstützen damit gemeinnützige Projekte in den Bereichen Kultur, Natur, Soziales und Entwicklungshilfe.

[4] Gruber und Köszegi (2001): «Is Addiction Rational? Theory And Evidence,» The Quarterly Journal of Economics, 116, 4, 1261-1303.

Freitag, 29. Januar 2010,
13:57

Weshalb weniger mehr sein kann

Je mehr, desto besser. Dieser Grundsatz ist fester Bestandteil der ökonomischen Theorie der Nutzenmaximierung. Eingeschränkt wird der individuelle Konsum – bzw. der Nutzen – von verschiedenen Limiten, namentlich in zeitlicher oder finanzieller Hinsicht. Weniger Beschränkung bedeutet mehr Konsum und damit auch mehr Nutzen – so die Theorie.

Ein Artikel des Ökonomie-Blogs «The Sports Economist» stellt diesen Ansatz in Frage.[1] Anlass dazu boten die Enthüllungen um das Privatleben von Golf-Superstar Tiger Woods. Woods dient als Fallstudie für das Thema, wie sich ein Mensch verhält, wenn die typischen Beschränkungen des Lebens verschwinden.

Die Erfahrung beschränkter Wahlmöglichkeiten sorgt für einen wichtigen Lernprozess und steigert das Bewusstsein über die Konsequenzen und Zielkonflikte einer Entscheidung. Wenn solche Beschränkungen entfallen – was bei Topverdienern für die finanziellen Limiten auf jeden Fall zutrifft – kann sich dieses Bewusstsein mit der Zeit abstumpfen.

Kommt hinzu, dass die Superstars der heutigen Zeit nicht nur alle finanziellen, sonder auch die sozialen Grenzen sprengen. Insbesondere Tiger Woods, der lange als meistrespektierter Athlet der Welt galt, musste sich kaum je ein kritisches Wort seiner ehrerbietigen Weggefährten anhören. Selbst der normalerweise omnipräsente prüfende Blick der Medien verwandelte sich eher in eine Werbeplattform für den Superstar.

In einer solchen Welt tendieren die Menschen teilweise zu extremem, ja selbst-zerstörerischem (finanziell, physisch, etc.) Verhalten. Ihre Entscheidungen reflektieren einen stark abgestumpften Sinn dafür, wo die Grenzen des moralisch erwünschten Verhaltens liegen und welche Konsequenzen ihre Handlungen haben.

Der «Sports Economist»-Beitrag liefert verschiedene Erklärungsversuche für das Verhalten von Tiger Woods: Entweder ist er schlicht dumm (was er nicht ist), er erfreut sich über grossen Einkommensverlust und öffentlichen Aufruhr (wenig überzeugend), er ist sexsüchtig (vielleicht, aber das ist wohl eher eine Folge, nicht die Ursache) oder aber eine Welt ohne Grenzen und voller Nachsicht animierte ihn zu unüberlegtem Verhalten (die plausibelste Erklärung).

Deshalb das Fazit mit Blick auf die ökonomische Theorie: Es gibt von allem ein optimales Mass – vielleicht sogar von Beschränkungen.

Für das iconomix-Team
Marcel Stadelmann

Vergleiche dazu den letzten Text- und Frageblock in den Politics-Economics vom 31. Januar 2010http://www.iconomix.ch/de/alacarte/detail/a015/journal/politics-economics-31-jan-2010/.

[1] B. Goff, 2010. Constraints a Good Thing?thesportseconomist.com/... The Sports Economist, 13. Januar.

Dienstag, 03. November 2009,
10:58

«Behavioral Finance»

Die Börse lebt von Erfolgsgeschichten. Geschichten von denen, die zum idealen Zeitpunkt ein- und ausgestiegen sind oder genau die richtige Aktie ausgewählt haben. Im Nachhinein denken viele: «Hätte ich damals doch bloss gekauft bzw. verkauft.» Doch rückblickend sehen wir nur die wenigen Gewinner - die zahllosen Verlierer blenden wir aus.

Die Strategie des erfolgreichen «Market Timing» (im richtigen Moment kaufen bzw. verkaufen) und «Stock Picking» (die «richtigen» Titel kaufen) taugt für den privaten Investor nicht. Zu diesem Schluss kommt die verhaltensorientierte Finanzmarkttheorie – auf Englisch «Behavioral Finance». Als Unterdisziplin der in einem früheren Blogbeitrag vorgestellten «Behavioral Economics» beschäftigt sie sich mit der Psychologie auf Aktienmärkten und proklamiert die Ineffizienz der Märkte auf Grund von irrationalem, emotionalem Verhalten der Investoren.

Besonders die kleineren Anleger riskieren oft viel zu viel, überschätzen sich selbst und lassen sich vom Herdenverhalten antreiben. Das hat zur Folge, dass laut Studien rund 80% der Anleger eine schlechtere Performance als der Gesamtmarkt ausweisen. Wer ständig versucht, schlauer zu sein als der Markt, verliert rund drei Prozent Rendite gegenüber dem Index – unter anderem durch anfallende Gebühren.[1] Eine alte Börsenweisheit besagt: «Hin und Her macht Taschen leer.»

Während Wertpapiere in der Gewinnzone tendenziell zu früh verkauft werden, halten die privaten Investoren zu lange an Titeln mit negativer Entwicklung fest. Solange die Aktien nicht mit Verlust verkauft werden, muss man nicht eingestehen, dass man sich geirrt hat. Stattdessen wird die ursprüngliche Kaufentscheidung verteidigt und das Wertpapier sogar nachgekauft. Es entsteht eine emotionale Bindung zu diesem Titel, «der nun sicher bald steigen wird» – aber ebenso gut weiter sinken kann. Anstatt die Wertschriften bei einer vorbestimmten Schmerzgrenze mit einem so genannten «Stop-Loss» (Verlustlimite) zu verkaufen, verstrickt sich der Anleger in einer fatalen Abwärtsspirale.

Um emotionsgeladene Entscheidungen der Investoren zu unterbinden, haben eine Bank und ein Elektronikkonzern aus den Niederlanden den «Rationalizer» entwickelt.[2] Der Prototyp besteht aus zwei Geräten: Einer Art Armband, dem «EmoBracelet» und einer kleinen Radarschüssel, der «EmoBowl». Das Armband misst die elektrische Spannung der Haut, die umso grösser ist, je stärker eine Person von Emotionen überwältigt wird. Beide Geräte geben die Heftigkeit der Emotionen durch unterschiedliche Farbschwingungen wieder. Sind die Emotionen stark, sollte der Anleger den Aktienhandel sofort einstellen.

Das Erfolgsrezept an der Börse soll nüchternes, rationales Verhalten mit langfristigem Horizont sein. Dass das Einhalten dieses Rezepts gar nicht so einfach ist, ist nicht erst seit der aktuellen Finanzkrise bekannt. Bereits Mitte des letzten Jahrhunderts stellte ein österreichischer Kabarettist (Karl Farkas) fest: «Beim Denken ans Vermögen leidet oft das Denkvermögen.»

Für das iconomix-Team

Marcel Stadelmann

[1] K. Lange, 2009. Behavioral Finance: Warum Aktienkurse dem Zufall gehorchen. Spiegel Online, 4. Juli.

[2] M.D. Meier, 2009. Elektronische Bremse für Anleger. Tages Anzeiger, 21. Oktober.

Freitag, 23. Oktober 2009,
16:40

Ausgezeichnet

In der zuweilen hitzigen Debatte um Boni und Managerlöhne geht schnell vergessen, dass nebst finanziellen Anreizen ein weiteres Instrument zur Verfügung steht, ausserordentliche Arbeit zu würdigen: Auszeichnungen.

Nach Nobelpreis-Verleihung und Miss Schweiz Wahl mag dieser Befund etwas überraschen, ist doch die Ehrung von besonderen Leistungen weit verbreitet. Interessanterweise ist aber die vertiefte ökonomische Wirkungsweise von Auszeichnungen kaum erforscht.

Die meisten Auszeichnungen sind ihrer Natur nach nicht-materiell. Oft sind sie für den Geber beinahe kostenlos, für den Empfänger aber von hohem symbolischen Wert. Zwar können zusätzlich Geldbeträge gesprochen werden. Diese dienen aber primär dazu, die Bedeutung der Würdigung zu unterstreichen. Bezeichnend ist zudem der öffentliche Charakter der Verleihung. Erst durch eine bereitere Sichtbarmachung der Leistung entfaltet sich der mit dem Preis einhergehende Gewinn an Ansehen.

Und genau dieser Zugewinn an Reputation verpflichtet, wie eine der wenigen zu diesem Thema erschienenen Studien aufzeigt.[1] So scheint eine Auszeichnung dazu zu führen, dass die Geehrten bewusst oder unbewusst danach streben, nachträglich die Belohnung zu rechtfertigen. Dies führt im Falle der hier untersuchten Unternehmung zu einer kurzfristig markant höheren Leistung der betroffenen Arbeitskräfte von durchschnittlich 7,5% gegenüber den nicht berücksichtigten Kollegen.

Natürlich kann auch die Vergabe von Auszeichnungen ganz unterschiedlich ausgestaltet werden. Sie kann an direkt messbare Leistungen, aber auch an besonders hervorzuhebende allgemeine Verhaltensweisen geknüpft werden (z.B. das Teilen von Wissen, Hilfsbereitschaft etc.).

Für Unternehmen, in denen der Beitrag einer einzelnen Arbeitskraft zur gesamten Wertschöpfung nur schwer ermittelbar ist, bietet sich die Würdigung von allgemeinen Verhaltensweisen besonders an. So kann der Einsatz für den Gesamterfolg einer Unternehmung anerkannt werden, ohne auf komplexe finanzielle Anreizsysteme zurückgreifen zu müssen. Zudem können Würdigungen die Bereitschaft der nicht ausgezeichneten Mitarbeiter erhöhen, sich in gleicher Weise für das Unternehmen einzusetzen.

Betrachtet man die heutigen global tätigen Unternehmen, so scheint es nur schwer vorstellbar, dass einen Abkehr von überwiegend finanziellen Anreizsystemen möglich ist. Dabei ist eine ertragssteigernde Wirkung der leistungsorientierten Managerlöhne wissenschaftlich sehr umstritten.[2]

Rückblickend hat sich mehrfach gezeigt, dass das Zustandekommen von Managersalären viel eher mit opportunistischem Gewinnstreben zu tun hat als mit der Entlohnung von konkret vorweisbaren Leistungen. Eine zu starke Weitung der Lohnschere führt zudem nachweislich zu sozialen Spannungen. Nicht nur, aber auch aus diesem Grund sollte den nichtfinanziellen Anreizsystemen vermehrt Beachtung geschenkt werden.

Für das iconomix-Team,
Pascal Sulser

[1] Neckermann, Cueni et al. (2009): «What is an Award Worth?» IEW Working Paper 411, University of Zurich.

[2] Weitere Blogbeiträge zum Thema «Managerlöhne» werden folgen. Als interessanter Einstieg bietet sich folgende Studie an: Hall and Liebman (1998): «Are CEOs Really Paid Like Bureaucrats?» Quarterly Journal of Economics, 113, 653-691.

Weiterführende Informationen:
Bruno S. Frey (21.10.2009): «Auszeichnungen als Anreize», NZZ, Printausgabe, Seite 32.

Dienstag, 13. Oktober 2009,
08:09

Nobelpreis für Wirtschaft: Ostrom

 

Die Vergabe des Nobelpreis für Wirtschaft an die Politologin Elinor Ostrom mag dem einen oder anderen politisch motiviert erscheinen. Ihre zahlreichen Feldstudien zur Nutzung von öffentlich zugänglichen Naturressourcen – auch «Allmendegüter» genannt - sind aber zweifelsfrei bedeutend.

Noch heute prognostizieren viele Lehrbücher fast reflexartig eine Übernutzung von frei zugänglichen Ressourcen, wenn diese in beschränktem Umfang verfügbar sind. Die Argumentation ist intuitiv, wie dies anhand der Überfischung treffend illustriert werden kann:

Jeder einzelne Fischer hat einen ökonomischen Anreiz, möglichst viele Fische aus einem gemeinschaftlich genutzten Gewässer zu fangen. Denn die Mehreinnahmen fliessen jedem Fischer direkt zu, die entstehenden Kosten werden aber in Form von abnehmenden Fischbeständen auf alle Fischer gleichmässig verteilt. Bleiben regulierende Eingriffe wie bspw. staatlich verordnete Fangquoten oder gar eine Privatisierung der öffentlichen Ressource aus, so führen diese Anreize zu einer übermässigen Nutzung der Fischgründe und schliesslich zu einem Kollaps der Fischbestände.

Ostroms Leistung liegt darin begründet, aufzuzeigen, dass das Vorhandensein von frei zugänglichen Ressourcen nicht zwangsläufig zu einer Übernutzung führt. Insbesondere ihr viel beachtetes Werk «Governing the Commons» birgt eine Fülle von detailiert recherchierten Fallbeispielen, welche die Diskussion um ein wichtiges Argument erweitert: Die Effektivität der kollektiven Selbstverwaltung von öffentlichen Naturressourcen.

Dabei ist die zugrunde liegende Idee bestechend simpel: Eine Gemeinschaft ist häufig von sich aus an einer dauerhaften Verfügbarkeit der Ressource interessiert, ist diese doch oftmals Grundlage für zukünftiges Einkommen. Es besteht daher ein ausgeprägtes Motiv, eine Übernutzung effektiv zu unterbinden.

Daraus kann jedoch nicht abgeleitet werden, dass in jedem Fall eine funktionierende Regelung erarbeitet und auch durchgesetzt werden kann. Denn je grösser und unterschiedlicher eine Gemeinschaft und ihre Interessen sind, desto schwieriger wird es, eine Einigung zu erzielen. Staatliche Eingriffe können also durchaus angezeigt sein, wobei sich auch Ostrom nicht grundsätzlich gegen diese ausspricht. Nur stellt sie deren uneingeschränkte Nützlichkeit in Frage.

Unabhängig vom gewählten Lösungsansatz – staatlicher Eingriff, Privatisierung oder kollektive Selbstverwaltung - kann aber von einer besseren Akzeptanz der vereinbarten Regeln ausgegangen werden, wo immer die betroffene Bevölkerung in den Entscheidungsprozess mit eingebunden wird. Auch in diesem Bereich setzt Ostrom wichtige Akzente.

Verdienstreich ist Ostroms Forschungsbeitrag schliesslich auch daher, weil sie den Fokus auf die im konkreten Fall herrschenden Anreizstrukturen legt. Jede Form von Eingriff in ein bestehendes System führt zu einer Veränderung der Rahmenbedingungen und schliesslich zu einer Anpassung im Verhalten der verschiedenen Interessengruppen.

Mit Sicherheit lässt sich daher eines festhalten: Wann immer einfache Lösungsansätze im Umgang mit öffentlichen Naturressourcen offeriert werden, ist eine gute Portion Skepsis angebracht.

Für das iconomix-Team,
Pascal Sulser

Weiterführende Informationen:
- iconomix-Modul «Allmendegüter»
- iconomix-Blog (22.09.09): «Die Effektivität der Gemeinschaft»

 

Freitag, 02. Oktober 2009,
13:16

Gewalt im Kinosaal

Der Film «Inglourious Basterds» ist ein Erfolg an den Schweizer Kinokassen. Über 80‘000 Besucher haben sich das Werk bisher angeschaut. Einige Zeit lag der neue Tarantino-Streifen gar an der Spitze der Kinocharts.


Der Film zeichnet sich u. a. durch die explizite Darstellung von Gewalt aus. In den USA darf der Film von Jugendlichen nur unter Begleitung eines Erwachsenen besucht werden. Die Datenbank «Kids in Mind» vergibt die maximale Punktzahl für das Mass an Gewaltdarstellung.


Exakt hier setzen die Ökonomen Dahl und DellaVigna an.[1] In einer kürzlich publizierten Studie verwenden sie Angaben aus obiger Datenbank um die Wirkung der Gewaltdarstellung in Kinofilmen auf die Anzahl verübter Gewaltverbrechen zu untersuchen.


Der Befund scheint nicht intuitiv: Die Anzahl der Gewalttaten sinkt, wenn der Konsum von gewaltdarstellenden Filmen hoch ist.[2] Dies steht jedoch nur vermeintlich im Widerspruch mit Resultaten aus der Psychologie, welche der medialen Gewaltdarstellung aggressionsfördernde Tendenzen zuschreiben.


Die Erklärung der Autoren: Kinogänger beschränken sich freiwillig in ihren Möglichkeiten, Gewaltakte zu verüben, gerade weil sie sich einen Film ansehen. Dieser Effekt wird verstärkt, indem Personen mit einem hohen Gewaltpotential den Konsum von gewaltdarstellenden Filmen vermehrt nachfragen und somit im Publikum übervertreten sind.


Interessanterweise fällt aber auch die Anzahl verübter Gewalttaten nach der eigentlichen Filmvorführung. Dies ist keine triviale Feststellung. Denn nach der Vorführung konzentriert sich die Anzahl potentieller Gewalttäter vor den Kinos. Die Chance, in eine Auseinandersetzung zu geraten, ist daher vergleichsweise hoch. Dass dem nicht so ist, wird massgeblich auf eine Veränderung im Konsum von Alkohol zurückgeführt. Der Konsum von Alkohol ist in den meisten amerikanischen Kinos verboten.


Es gilt jedoch zu beachten, dass diese Studie nichts über die gesellschaftlich optimale Höhe der Gewaltdarstellung in Filmen aussagt. Vielmehr weist sie auf zwei bis anhin in der ökonomischen Forschung vernachlässigte Mechanismen hin: die freiwillige Selbstbeschränkung und das daraus resultierende veränderte Konsumverhalten.


In diesem Zusammenhang ist auch das in der Schweiz beheimatete Projekt «Midnight Sports» zu erwähnen. Hier werden öffentliche Turnhallen von 23 Uhr bis 1 Uhr geöffnet, damit die Jugendlichen an Wochenenden einen für sie stimmigen Begegnungsort erhalten.


Das offerierte Sport- und Freizeitangebot stösst bei den Jugendlichen auf Interesse. Durchschnittlich finden sich über 40 TeilnehmerInnen pro Wochenende ein. Bewahrheiten sich die Befunde der eingangs erwähnten Studie, so müsste die Jugendgewalt in Ortschaften ohne solche Strukturen höher sein als in jenen mit. Hinzu käme die integrationsfördernde Wirkung. Eine interessante Forschungsfrage und ein Projekt mit Potential.


Für das iconomix-Team,

Pascal Sulser


[1] Dahl and DellaVigna (2009): «Does Movie Violence Increase Violent Crime?» Quarterly Journal of Economics, 124, 2, 677-734.


[2] Eine Zunahme um 1 Million Zuschauer senkt die Rate der Gewalttaten um 1,1 bis 2,05 Prozent, je nach Tageszeit und dargestellter Gewalt. Zum Vergleich: Ein unüblich kalter Tag (-6,5 bis 0 Grad) reduziert die Anzahl Gewalttaten um 8 bis 11 Prozent, wohingegen ein Film wie «Inglourious Basterds» diese um 4,4 bis 6,5 Prozent senkt.


Weiterführende Informationen:

- SF Tagesschau (24.08.09): «Studie über Jugendgewalt zeigt Beunruhigendes»

Mittwoch, 16. September 2009,
08:02

Der Preis der Bestrafung

Das erklärte Ziel einer Bestrafung ist es, unerwünschtes Verhalten in Zukunft zu unterbinden. Dass hier aber durchaus mit Bedacht vorgegangen werden soll, zeigt eine der wohl schönsten verhaltensökonomischen Studien der letzten Jahre.


Gegenstand dieser Untersuchung waren Kindertagesstätten in Israel. Eines hatten sie alle gemein: Die Eltern erschienen chronisch zu spät um Ihre Sprösslinge nach der Arbeit abzuholen. Diese erste Feststellung rief die Ökonomen Uri Gneezy und Aldo Rustichini auf den Plan.[*]


Doch bevor wir uns den Resultaten ihrer Studie zuwenden, lohnt es sich, den Blick auf einen verwandten wissenschaftlichen Bereich zu lenken - die Psychologie. Diese vertritt (mehrheitlich) die Sichtweise, dass ein unerwünschtes Verhalten weniger oft in Erscheinung tritt, wenn eine Bestrafung eingeführt wird. Wird diese wieder aufgehoben, so stellt sich das ursprüngliche Verhalten von neuem ein.


Exakt so sollte das hier besprochene Experiment verlaufen. In sechs von zehn Tagesstätten wurde nach fünf Wochen eine Busse fürs Zuspätkommen eingeführt. Die restlichen vier Tagesstätten dienten als Kontrollgruppe. Da das Zuspätkommen nun mit Kosten verbunden war, erwarteten die Experimentatoren eine messbare Besserung der Situation. Das beobachtete Verhalten aber verblüffte die Wissenschaftler.


Nach der Einführung des Bussensystems stiegen die Vorfälle von Zuspätkommen in den betroffenen Tagesstätten markant an, bis diese im Vergleich zur Kontrollgruppe fast die doppelte Häufigkeit aufwiesen. Nach siebzehn erfolglosen Wochen wurde die Bestrafung wieder abgeschafft. Ein Rückgang auf das ursprüngliche Niveau konnte aber nicht beobachtet werden. Die Beseitigung des Bussensystems führte zu keiner sichtbaren Veränderung im Verhalten der Eltern.


Wie ist dieses Experiment zu bewerten? Gewichtig scheint der Einfluss von sozialen Normen. Kommt man zu spät, so fühlt man sich deswegen schlecht. Der Aufsichtsperson entstehen Kosten in Form von Wartezeit, für die sie nicht kompensiert wird. Mit der Einführung einer Busse aber hat das Zuspätkommen einen konkreten Preis erhalten. Und ein Grossteil der Eltern war bereit, diesen anstandslos zu bezahlen.


Wieso aber blieb das nachträgliche Streichen der Busse ohne Auswirkung? Waren vielleicht die zuvor empfundenen moralischen Kosten höher als die tatsächlich von der Kinderstätte verrechnete Busse? Wird jetzt das Gut «Zuspätkommen» nicht etwa gratis angeboten und genau daher so rege nachgefragt?


Aber auch weitere Überlegungen sind denkbar. Was meinen Sie? Wieso nimmt das Zuspätkommen mit der Einführung einer Busse zu? Und, wieso nähert sich das Verhalten nach der Abschaffung der Busse nicht wieder dem Ausgangszustand an?


Für das iconomix-Team,

Pascal Sulser


[*]Uri Gneezy and Aldo Rustichini, 2000. A Fine is a Price, Journal of legal Studies, vol. XXIX (January 2000).

Dienstag, 01. September 2009,
06:26

Ein kurzweiliges Heureka

Was hat ein Staubsauger-Kauf mit Bildungspolitik zu tun? Und, ist der Staat vielleicht eine grosse Disco? Sollten Sie sich solche oder ähnliche Fragen selber schon mal gestellt haben, so liegen Sie hier goldrichtig.

Heureka!

Der Autor und Universitätsprofessor Hanno Beck hat ein neues Buch am Markt. Es nennt sich «Das kleine Wirtschafts-Heureka: Ökonomische Geistesblitze für zwischendurch» und schliesst nahtlos an früheren Erfolgen wie «Der Alltagsökonom» oder «Die Logik des Irrtums» an.

In einfachen aber durchwegs wirkungsvollen Bildern vermag Hanno Beck den Blick des Lesers auf ökonomische Kernkonzepte zu lenken, ohne sich im Netz der Fachausdrücken zu verfangen. Bisweilen gelingt es dem Autoren sogar, das geschulte Auge eines Ökonomen mit einer geschickten Analogie zu überraschen.

Dass dabei viele relevante Aspekte ausgeblendet werden, gehört zum Konzept des Buches, mag aber dem einen oder der anderen beim Lesen als Mangel erscheinen. Auch sollten Sie Vergleichen mit Trickfilmfiguren oder Heldinnen aus Kinderbüchern offen gegenüberstehen. Denn nicht nur die Sprache, auch der Erzählrahmen kommt gerne etwas verspielt daher.

Für das iconomix-Team,

Pascal Sulser

Hanno Beck (2009): Das kleine Wirtschafts-Heureka: Ökonomische Geistesblitze für zwischendurch, Frankfurter Allgemeine Buch.

Dienstag, 07. April 2009,
04:23

Experimente und Geld - es gibt Schlimmeres

Ein Experiment erhitzt die Gemüter. An der Sekundarschule im bernischen Wiedlisbach erhalten Lernende vorübergehend Geld für gute Noten. Die meisten Medien und Experten sind sich einig: Das ist ein Unsinn. Man findet in der Tat leicht Argumente gegen die Bezahlung für gute Noten. Zwei Beispiele:

  • Es ist nicht der Sinn der Volksschule, begabte Kinder reicher zu machen als weniger begabte.
  • Geld verdrängt die innere Motivation im Lernprozess und wirkt sich kontraproduktiv aus.

Stimmt man Letzterem konsequent zu, müssten jedoch auch die Noten selber – ebenfalls kein Sinnbild intrinsischer Motivation – ins Visier geraten. Zur Noten-Diskussion wollen und können wir hier nichts Neues beitragen. Das Thema «Experimente» ist hingegen auch für iconomix relevant. Unser Anliegen in dieser Diskussion ist ein sauberes Auseinanderhalten von Experimenten und deren beabsichtigtem Zweck.

 

Dazu ein Beispiel: Eine Chemielehrerin produziert mit Wasserstoff und Sauerstoff eine schöne Explosion. Sagt sie damit, Explosionen seien erstrebenswert? Oder will sie die Schüler auffordern, etwas in die Luft zu jagen? Niemand würde sich hier beunruhigen. Wer ein chemisches Experiment durchführt, will etwas erforschen oder wie die Lehrerin etwas veranschaulichen und Interesse wecken.

 

Dies gilt auch für ökonomische Experimente: Sie werden in der Forschung oder – wie in iconomix – als didaktisches Mittel eingesetzt. Im ersten Fall ist es unbestritten, dass man mit Geld operiert. Im Unterricht funktionieren Experimente dank spielerischer Anreize oft auch ohne Geld. So wurde das Online-Spiel im Modul «Öffentliche Güter» bewusst nicht mit Geld gestaltet. Ab und zu wird es aber durch Entscheide gestört, die nicht vorkämen, wenn es um echtes Geld ginge. Mit Geld würde es daher wohl berechenbarer funktionieren.

 

In Experimenten mit öffentlichen Gütern ist bekannt, dass selbst mit echtem Geld nicht alle das Maximum für sich herausholen – es gibt auch andere Beweggründe. Dennoch ist es schwierig, ein «öffentliches Gut» zu finanzieren, weil die Leute lieber von Beiträgen anderer profitieren. Will man damit die Lernenden auffordern, egoistisch zu handeln und nur dem Geld nachzujagen? Im Gegenteil: Das Experiment soll zeigen, dass hier ein unerwünschtes Marktversagen vorliegt. Daher werden solche Güter oft vom Staat finanziert.

 

Diese Erkenntnis lässt sich aber nur erlebbar machen, wenn man echte Anreize zulässt wie den Antrieb, gewinnen zu wollen, oder sogar Geld. Deshalb plädieren wir für eine grundsätzliche Offenheit gegenüber Experimenten an der Schule – sei es ohne oder manchmal sogar mit Geld. Auch iconomix plant, für Evaluationszwecke vereinzelt Geld einzusetzen, wenn es für die Fragestellung Sinn macht (wobei es nicht um Noten, sondern um ein besseres Verstehen einzelner Lernexperimente geht).

 

Für das iconomix Team,

Michael Manz und Manuel Wälti

Donnerstag, 11. Dezember 2008,
10:11

Von Subventionen und politischer Ökonomie

Letzten Donnerstag hat der Nationalrat die Subvention zur Filmförderung von 23 auf nun 28 Millionen Franken pro Jahr aufgestockt. Subventionen sind finanzielle staatliche Unterstützungen für Produzenten. Sie sollen die Produktion von Gütern sicherstellen, die im öffentlichen Interesse sind. Was aber heisst im «öffentlichen Interesse»? Und warum sind Subventionen so populär?


Der Schweizer Ökonom Roland Hodler stellt in einem Einführungstext zu «Political Economics» Überlegungen dazu an. Die «Politische Ökonomie» versucht mit ökonomischen Theorien und Werkzeugen politische Entscheide zu erklären. Eine zentrale Annahme dabei ist, dass Regierungen, Parlamente und Bürger rational handeln, d. h. ihren Nutzen maximieren.


Im Fokus des polit-ökonomischen Erklärungsansatzes sind die unterschiedlichen Eigenschaften der Gewinner und Verlierer von Subventionen:


Die Gewinner von Subventionen sind oftmals kleine, homogene und gut organisierte Gruppen wie die Filmproduzenten oder die Landwirte. Sie versuchen ihre Anliegen durchzusetzen, indem sie direkt bei Entscheidungsträgern Lobbying betreiben oder Beihilfe zur Wiederwahl in Aussicht stellen. Dabei arbeiten sie auf eine Subvention hin, deren Nutzen die Kosten vom Lobbying übersteigt. Der Nutzen für die Interessengruppe ist für alle gut sichtbar, wie beispielsweise die Sicherung von Arbeitsplätzen, die ohne die Unterstützung durch die öffentliche Hand verschwinden würden.


Im Gegensatz dazu sind die Verlierer von Subventionen meist zahlreich, heterogen und schlecht organisiert wie die Gesamtheit der nicht subventionierten Wirtschaftszweige oder die Steuerzahler. Deren Last in Form von höheren Steuern ist nicht unmittelbar erkennbar. Da diese Last auf viele verschiedene Schultern verteilt ist, ist sie für den Einzelnen klein. Sie ist kleiner als die Kosten für ein allfälliges Engagement zur Verhinderung von Subventionen - und oftmals auch zu klein, um die verantwortlichen Politiker deswegen abzuwählen.


Zudem besteht ein Trittbrettfahrer-Problem: Von einem erfolgreichen Einsatz gegen eine Subvention profitieren alle, unabhängig davon ob sie sich engagieren oder nicht. Aus diesen Gründen ist es rational für den einzelnen Verlierer einer Subvention sich nicht dagegen zu engagieren und zu hoffen, dass andere dies tun werden.


Der Effekt davon: Es gibt mehr Engagement für weitere Subventionen als zu deren Verhinderung. Aus Sicht der Gesamtwohlfahrt werden zu viele Subventionen gesprochen. Ein Blick in die Subventionsdatenbank des Bundes lässt vermuten, dass dies auch für die Schweiz zutrifft.


Für das iconomix-Team

Jörg Schläpfer

 

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