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Wie viel Ordnung ist gesund?
Das Gesundheitswesen sorgt regelmässig für Schlagzeilen. Zuletzt lösten die Prämienerhöhungen bei der obligatorischen Grundversicherung Diskussionen aus. Im Bundesrat wurden dringende Massnahmen beraten, wie zum Beispiel die Einführung einer Praxisgebühr.[1]
Warum befasst sich die Politik so intensiv mit dem Gesundheitswesen? Eine Erklärung ist die Wirtschaftsordnung im Gesundheitssektor.
Unter einer Wirtschaftsordnung versteht man die Gestaltung der Wirtschaft durch die Politik, im Fokus steht dabei die Regulierung von Märkten. Staatliche Behörden können den Zugang zu gewissen Märkten sowohl für Anbieter wie auch für Nachfrager reglementieren. Preise für die Güter und Dienstleistungen können festgelegt oder Qualitätsvorschriften erlassen werden.
Im Gesundheitswesen findet sich eine Vielzahl derartiger Regulierungen, beispielsweise auf Seite der Nachfrage: prinzipiell dürfen sich Patienten im Rahmen der obligatorischen Krankenpflegeversicherung (OKP) zwar entscheiden, von welchem Arzt sie sich behandeln lassen wollen. Bei der Wahl eines Spitals werden ihnen jedoch – je nach Versicherungsmodell – kantonale Grenzen gesetzt.
Auch angebotsseitig ist der Markt für medizinische Behandlungen im Rahmen der OKP reguliert. Zwar sind Arztpraxen und Spitäler privatwirtschaftliche oder öffentliche Unternehmen und können bei gutem Geschäftsgang einen Gewinn erwirtschaften. Doch übt der Staat auch hier einen grossen Einfluss aus indem er über die Anzahl der zugelassenen Praxen und den Leistungsumfang der Spitäler entscheidet.
Schliesslich unterliegen auch die Preise der aus der OKP bezahlten Gesundheitssleistungen einer Reihe von Tarif- und Regelwerken, so dass ihre Höhe in der ganzen Schweiz beinahe gleich ist: unabhängig davon, bei welchem Arzt eine 15-minütige Konsultation stattfindet, wird sie zum gleichen Preis abgerechnet.
Ein solches System hat Vor- und Nachteile, doch darauf einzugehen würde den Rahmen dieses Beitrags sprengen. Die Beispiele mögen aber doch immerhin illustrieren, warum sich die beteiligten Akteure regelmässig in den Haaren liegen: wo es über Regulierungen zu bestimmen gilt, gibt es viele Gelegenheiten, diese zu den eigenen Gunsten zu beeinflussen.
Dazu ein Beispiel: Während Arztpraxen, Spitäler und private Laboratorien an hohen Tarifen interessiert sind, müssen die Versicherungen mit ihren Prämieneinnahmen haushälterisch umgehen und befürworten knapp bemessene Tarife.[2]
In einem nächsten Beitrag werde ich folgenden zwei Fragen nachgehen: Welche der involvierten Akteure haben eigentlich ein langfristiges Interesse, das Ausgabenwachstum im Gesundheitswesen einzudämmen? Und, besteht dazu überhaupt ein Anlass?
Für das iconomix-Team
Simon Schmid
Vergleiche dazu den letzten Text- und Frageblock in den
Politics-Economics vom 21. Februar 2010http://www.iconomix.ch/de/alacarte/detail/a015/journal/politics-economics-21-feb-2010/.
[1] Tages-Anzeiger Online, 29.5.2009: «
Bundesrat will Praxisgebühren durchdrückenwww.tagesanzeiger.ch/...»
[2] NZZ-Online, 1.4.2009: «
Die Hausärzte schlagen Alarmwww.nzz.ch/...»
«Die Galaktischen» zu Gast in Zürich
Die teuerste Fussballmannschaft der Welt ist am 15. September im Zürcher Letzigrund zu bestaunen, wenn Real Madrid erster Gegner des FC Zürich in der europäischen Champions League ist.
Rund 380 Millionen Schweizer Franken hat der spanische Club diesen Sommer für neue Spieler ausgegeben. Das ist praktisch die Hälfte der spanischen Transferausgaben und beinahe das Vierzigfache aller Schweizer Super League Clubs zusammen.
Verantwortlich für die rekordsprengende Einkaufstour ist Reals neuer Präsident Florentino Pérez. Bereits in seiner ersten Amtszeit nach der Jahrtausendwende verfolgte er die Strategie, die bekanntesten Weltstars nach Madrid zu holen, um den Fussballclub als weltweite Marke zu etablieren. Fussballerisches Talent und Teamgefüge schienen dabei eine untergeordnete Rolle zu spielen. Die grosse Dichte an Weltstars brachte dem Team den Übernamen «die Galaktischen» ein.
Erstaunlicherweise bezeichnet eine Studie der Harvard Business School dieses Geschäftsmodell als vorbildlich für aufkommende Fussball-Märkte.[1] In der Tat besitzen Superstars oft ein so grosses Wertgrenzprodukt, dass die Ausgaben für ihre Verpflichtung in erstaunlicher kurzer Zeit kompensiert sind. Das Wertgrenzprodukt eines Spielers ist derjenige Betrag, um den sich die Einnahmen des Clubs durch seine Verpflichtung erhöhen.
Ein Superstar steigert sowohl Fanartikel- und Ticketverkäufe als auch den Markenwert eines Clubs, wodurch lukrativere Werbe- und Fernsehverträge sowie Spielantrittsprämien ausgehandelt werden können. Zudem ist ein Star-Spieler auch für die Konkurrenz wertvoll, da er bei Gastspielen mehr Zuschauer ins Stadion lockt und die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf Spiele mit seiner Beteiligung zieht. Durch die sogenannte Superstar-Externalität ergibt sich für die gegnerischen Teams ein Mehrwert, ohne dass sie einen Rappen für den Lohn des Spielers aufwenden müssen.
Mit dem Spiel gegen Real Madrid kommt der FC Zürich in den Genuss der positiven Externalitäten von Fussballstars wie Cristiano Ronaldo, Kaká oder Raúl. Der Ansturm auf die 25'000 Plätze ist riesig, das Letzigrund-Stadion könnte wohl mindestens zwei Mal gefüllt werden. (siehe FCZ.TV) Eine so grosse Nachfrage lässt die Ticketpreise auf dem Markt markant in die Höhe schnellen.
Da der FCZ dieses Spiel nicht vielen seiner eingefleischten Fans vorenthalten will, verkauft er die Tickets zum moderaten Paketpreis mit zwei weiteren Heimspielen. Dadurch verzichtet der Club aus moralischen Gründen auf einen Teil der anfallenden Superstar-Externalität.
Für das iconomix-Team
Marcel Stadelmann
[1] John A. Quelch, Jose Luis Nueno und Carin-Isabel Knoop, 2004. Real Madrid Football Club, Harvard Business School.
Entlohnung in der Bankbranche
Medienberichten zufolge will die UBS für das Jahr 2008 Boni in Milliardenhöhe entrichten. Und das obwohl die Grossbank in Schwierigkeiten geraten und seit letzten Herbst auf staatliche Hilfe angewiesen ist. Dies hat in der Öffentlichkeit zu einer hitzigen Debatte über die Entlohnungspolitik der UBS geführt. Kritiker verlangen, dass die geplanten Bonuszahlungen gekürzt oder sogar ganz ausgesetzt werden.
Der Unmut ist nicht zuletzt so gross, weil die Löhne in der Bankbranche oft als ungerecht und zu hoch empfunden werden. Ein Blick in die letzte Lohnstrukturerhebung des Jahres 2006 zeigt, dass Bankangestellte im Vergleich mit allen anderen Branchen in der Tat am meisten verdienen. Der Median des Bruttomonatslohns im Kreditgewerbe ist mit rund 8500 Franken am höchsten. Zum Vergleich: in der gesamten Wirtschaft beträgt er knappe 5900 Franken.
Warum verdienen Arbeitnehmer bei den Banken im Schnitt deutlich mehr als in anderen Branchen?
Eine mögliche Erklärung liegt in der Arbeitsproduktivität. Diese misst die Wertschöpfung, also den Wert der produzierten Güter und Dienstleistungen, pro Arbeitsstunde. In der Bankbranche ist die Arbeitsproduktivität u.a. höher, weil das Bankengeschäft sehr kapitalintensiv sind. Dazu kommt, dass die Arbeitnehmer bei Banken im Schnitt über eine gute Ausbildung (Humankapital) verfügen.
Einen weiteren Grund sieht Hansueli Schöchli, Journalist bei Der Bund, in der hohen Rentabilität des Bankgeschäfts:
Die Löhne sind überdurchschnittlich hoch, weil das Geschäft überdurchschnittlich rentabel ist. Nach Lehrbuch sind hohe Renditen in der Regel durch hohe Risiken und/oder einen Mangel an Wettbewerb zu erklären. Bei den Banken spielt beides eine Rolle, doch im traditionell rentabelsten Geschäft der Vermögensverwaltung profitieren die Banken vor allem vom Mangel an Preiswettbewerb: Die Kunden sind in der Regel keine Schnäppchenjäger (in Boomzeiten ohnehin nicht), die Gebühren sind oft nicht transparent, neue Anbieter haben es mangels Vertrauenskapital eher schwer, und die mentalen sowie administrativen Hürden für einen Bankwechsel sind erheblich. (Der Bund, 31.1.2009)
Desweitern haben Bankangestellte im Schnitt eher weniger Absenzen als Arbeitskräfte in anderen Branchen und leisten gleichzeitig doppelt so viele Überstunden als im gesamtwirtschaftliche Durchschnitt.
Angebot und Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt spielen ebenfalls eine wichtige Rolle. Gute und fähige Bewerber sind – oder waren zumindest bis vor kurzem – sehr gefragt und die Banken konkurrieren einander bei deren Rekrutierung. Dies steigert tendenziell die Löhne. Besonders im Kampf um die besten Kaderleute bieten sich die Banken mit attraktiven Lohnangeboten gegenseitig hoch.
Die oben genannten Erklärungsansätze werfen Licht auf die Frage, warum z.T. beträchtliche Lohnunterschiede zwischen Branchen bestehen. Die Frage, in welchen Fällen und ab welcher Höhe Boni für Bankangestellte «unangemessen» oder «zu hoch» sind, ist damit nicht beantwortet.
Ausblick: Am 10. Februar 2009 wird die UBS im Rahmen der Quartalsberichterstattung u.a. zu den Bonuszahlungen Stellung nehmen (siehe hier).
Für das iconomix-Team
Boris Kaiser
Vergleiche dazu die iconomix-Fragen in Politics-Economics vom 8. Februar 2009.
Hinweis: Im Frühling 2009 wird iconomix das vollständig überarbeitete Modul «Lohnunterschiede» aufschalten.
Preiskampf
Zum Auftakt dieses Jahres hat Coop, der zweitgrösste Detailhändler der Schweiz, die Preise von rund 600 führenden Markenartikeln gesenkt (siehe hier). Die Preisreduktion beläuft sich im Schnitt auf 12 Prozent. Nach eigenen Angaben geht die Preisreduktion nicht auf Kosten der Lieferantenpreise, sondern auf Kosten der eigenen Margen. Coop beziffert diese Investition auf 100 Mio. Franken. Welche Absicht steckt hinter der Massnahme?
Eine mögliche Antwort: Der Preisabschlag ist eine Reaktion auf die tiefen Preise der Billiganbieter, wie Denner, Aldi und neu auch Lidl (ab März 2009 in der Schweiz). Durch den Preisabschlag bietet Coop nun viele Markenartikel zum gleichen Preis an, was den Preisvorteil der Discounter zunichte macht.
Solche Strategien von Marktteilnehmern sind Untersuchungsgegenstand der Spieltheorie. Ökonomen können mit den Methoden dieser Theorie das Verhalten von konkurrierenden Firmen erklären.
Ein erster Erklärungsansatz der Spieltheorie besagt, dass Preisabschläge eine mögliche Strategie sind, um neue Konkurrenten die Etablierung im Markt zu erschweren. Wenn ein Anbieter eine Preisreduktion signalisiert, kann das einen potenziellen Konkurrenten gar davon abschrecken, in den Markt einzutreten.
Ein zweiter Ansatz besagt: Bei stillschweigenden Preisabsprachen zwischen mehreren Anbietern in einem Markt kann es für einen einzelnen Anbieter rational sein, sich unkooperativ zu verhalten und seine Preise unerwartet zu senken («First-Mover-Advantage»). Der unkooperative Anbieter kann so zumindest kurzfristig Marktanteile dazugewinnen.
Oftmals mündet ein solches Verhalten in einen Preiskampf: Preisabschläge bei einem Anbieter ziehen Preisabschläge bei den anderen mit sich. Die Anbieter senken die Preise abwechslungsweise und unterbieten sich im Extremfall gegenseitig solange, bis die Gewinne ganz weggeschmolzen sind und gerade noch die Kosten gedeckt werden können (analog zum sogenannten «Bertrand-Preiswettbewerb»).
Welche Faktoren bewirken einen intensiveren Preiskampf? Der Preiskampf ist umso intensiver, je stärker die Konsumenten auf Preisänderungen reagieren. Entscheidend dabei ist, wie gut die Konsumenten über die Preise informiert sind und wie leicht es ihnen fällt, den Anbieter zu wechseln.
Denn je stärker die Preissensitivität der Käufer, desto grösser sind die Nachfragegewinne durch Preisabschläge und desto attraktiver wird diese Strategie für die Anbieter. Allerdings können die Anbieter die Preise nicht beliebig oft senken, da Preisänderungen auch administrative Kosten verursachen («Menükosten»), z.B. um neue Preisschilder zu drucken.
So vielschichtig und komplex die Preissetzungsstrategien der Anbieter auch sein mögen: ein Preiskampf, in dem die Preise für Marktleistungen sinken, widerspiegelt letztlich immer eine Intensivierung des Wettbewerbs auf einem Markt. Und so hart dies für die Anbieter erscheinen mag: die Konsumenten freuen sich über tiefere Preise und eine höhere Kaufkraft.
Für das iconomix-Team
Boris Kaiser
Vergleiche dazu die iconomix-Frage in Politics-Economics vom 11. Januar 2009.
Ein Beispiel von Angebot und Nachfrage
Im Zusammenhang mit den stark gestiegenen Energie- und Nahrungsmittelpreisen der letzten Jahre ist in der Zeitschrift «Die Volkswirtschaft» eine Reihe interessanter Artikel zum Thema Ressourcenknappheit erschienen.
Aymo Brunetti vom Staatssekretariat für Wirtschaft erläutert in seinem Artikel «Ressourcenknappheit und Preisssignale» das Grundkonzept des Marktmodells mit Angebot und Nachfrage auf realitätsnahe und anschauliche Weise. Als einfaches Beispiel dient folgendes Preis-Mengen-Diagramm für den Weltmarkt für Öl aus kurzfristiger Sicht:
Die Nachfragekurve im Diagramm verläuft steil, weil die Marktteilnehmer in der kurzen Frist (!) aufgrund geringer Substitutionsmöglichkeiten nur schwer auf Öl und Benzin verzichten können. Die Nachfrage ist also unelastisch.
Desgleichen sind die Produktionskapazitäten durch die stark gestiegene Nachfrage momentan stark ausgelastet. Die Angebotskurve verläuft also im Marktgleichgewicht steil, weil die Ölproduzenten das Angebot kurzfristig (!) nur sehr begrenzt ausweiten können. Die Angebotskurve ist im Bereich des Marktgleichgewichts also ebenfalls unelastisch.
Wieso hat sich das Marktgleichgewicht verschoben? Aufgrund des starken Wirtschaftswachstums in vielen Schwellenländern wie China und Indien ist die weltweite Nachfrage nach Energieträgern (v.a. Öl) in den letzten Jahren kräftig angestiegen. Im Marktdiagramm äussert sich dies durch eine Verschiebung der Nachfragekurve nach rechts. Die Auswirkungen der Nachfragesteigerung auf Gleichgewichtspreis und –menge sind im Diagramm erkennbar: Vom alten ins neue Marktgleichgewicht steigt der Ölpreis markant; die gehandelte Menge vergrösserte sich nur geringfügig. Tatsächlich widerspiegelt die Entwicklung auf den Märkten für Energieträger die beschriebenen Effekte im Modell.
Ein wichtiger Punkt den Brunetti in der Analyse besonders hervorhebt: Im Gegensatz zur Finanzkrise handelt es sich bei den Preissteigerungen auf den Rohstoffmärkten nicht etwa um Marktversagen, sondern um das Ergebnis funktionierender Märkte, die die steigende Ressourcenknappheit durch höhere Preisen korrekt anzeigen. Diese Preissignale sind wichtig, weil sie z.B. Anreize schaffen, mit knappen Ressourcen haushälterisch umzugehen.
Der Artikel bietet eine gute Möglichkeit, das nicht immer einfach zu vermittelnde theoretische Grundkonzept des Marktes anhand eines realitätsnahen und intuitiv einleuchtenden Beispiels zu illustrieren. So können Theorie und Aktualität passend verknüpft werden. Zudem eignet sich der Artikel von Brunetti (sowie weitere Artikel dieser Ausgabe) als Ausgangslage für eine vertiefte Auseinandersetzung mit dem Thema «Ressourcenknappheit» im Unterricht.
Für das iconomix-Team,
Boris Kaiser
Tauziehen um Parallelimporte geht weiter
Seit meinen letzten Blog-Beitrag zum Thema Parallelimporte ist einiges passiert:
In der Herbstsession hat sich der Ständerat für Parallelimporte aus Europa ausgesprochen, mit einer Ausnahmeregelung für Pharmaka. Wenige Tage später hat der Nationalrat die Lösung des Ständerats verworfen, so dass das Geschäft nun zurück in die kleine Kammer geht.
Während der Ständerat die Türe für einen Systemwechsel einen Spalt breit öffnete, hat sie der Nationalrat also gleich wieder zugeschlagen. Dies obwohl die kleine Kammer zwei wichtige Einschränkungen vorgenommen hatte: Erstens sollte die freie Wiedereinfuhr nur für Produkte gelten, welche im europäischen Wirtschaftsraum in Verkehr gebracht wurden, und zweitens hat er sich für eine «Lex Pharma» ausgesprochen, ein Gesetz, das auf die Interessen der Arzneimittelindustrie Rücksicht nimmt.
Die Vorgabe des Ständerats an den Nationalrat war damit ein Kompromiss, eine Marktöffnung mit angezogener Handbremse sozusagen. Für eine Mehrheit im Nationalrat war dieser Kompromiss aus zwei Gründen ungeniessbar: Eine einseitige regionale Erschöpfung verstosse gegen das Diskriminierungsverbot der WTO und die Bevorzugung einer Branche sei unakzeptabel.
Daran konnte auch die neueste Studie zu Parallelimporten nichts ändern. Das Avenir Suisse-Diskussionspapier untersucht die Wirkungen der Zulassung von Parallelimporten aus wohlfahrtstheoretischer und ordnungspolitischer Sicht. Fazit: Parallelimporte wären selbst bei preisregulierten Produkten wie Medikamenten sinnvoll.
Die seit bald 10 Jahre geführte Auseinandersetzung über die Importe patentgeschützter Güter ist ein lehrbuchmässiges Beispiel, wie schwer es ist, Marktöffnungen in die Praxis umzusetzen (Stichwort politische Ökonomie).
Mehr zum Thema siehe den A-la-Carte Baustein «Parallelimporte in der Schweiz».
Ein Kopf-an-Kopf-Rennen
Gemäss dem Online-Prognosemarkt www.intrade.com werden dem demokratische Präsidentschaftskandidaten Barack Obama seit dessen Nominierung deutlich bessere Siegeschancen zugeschrieben als seinem republikanischen Gegner John McCain. Dieser Vorsprung ist in den letzen zwei, drei Wochen plötzlich dahingeschmolzen: laut aktuellsten Prognosen stehen die beiden Kontrahenten nun Kopf an Kopf (siehe Grafik).
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Was sind die Gründe für diesen Umschwung? Zum einen wird argumentiert, die Nominierung der Vize-Kandidatin Sarah Palin habe die Chancen der Republikaner verbessert, weil sie mehr Frauen und christlich-konservative Wähler anspreche (mit den Werten "Guns, babies, Jesus"). Zum anderen sorgte jüngst ein Versprecher von Barack Obama für Negativschlagzeilen und gab dem Gerücht neue Nahrung, er sei Muslim.
Die US-Präsidentschaftswahl ist ein grosses und dieses Jahr auch aussergewöhnlich spannendes Ereignis. Kein Wunder, dass Prognosemärkte wie www.intrade.com zur Zeit grosse Aufmerksamkeit geniessen.
Doch wie funktionieren eigentlich solche Märkte? Das Prinzip ist das Folgende: Teilnehmer können zu einem gegebenen Marktpreis Wett-Kontrakte kaufen oder verkaufen, die mit einem zukünftigen Ereignis verknüpft sind. Kaufen heisst, man wettet auf das Eintreten eines Ereignisses (z.B. den Sieg von Obama) – verkaufen heisst, man wettet dagegen.
Dem Marktpreis kommt dabei eine zentrale Rolle zu. Er liegt zwischen 0 $ und 10 $ und widerspiegelt die vom Markt prognostizierte Wahrscheinlichkeit, dass das Ereignis eintreffen wird. (Beispiel: ein Marktpreis von 5.5 $ impliziert eine Wahrscheinlichkeit von 55%.) Das heisst, je besser die Marktteilnehmer die Siegeschancen eines Präsidentschaftskandidaten einschätzen, desto höher ist der Marktpreis dieses Wett-Kontrakts. Die Gewinnverteilung erfolgt nach dem Winner-take-all-Prinzip: diejenigen, die richtig gewettet haben, erhalten 10 $ ausbezahlt, während die anderen leer ausgehen.
Aus ökonomischer Sicht interessiert natürlich, wie verlässlich die Voraussagen solcher Prognosemärkte sind. Wie Wolfers and Zitzewitz (2007) in einer wissenschaftlichen Arbeit feststellen, konnten Prognosemärkte die Abstimmungsergebnisse der letzten vier US-Präsidentschaftswahlen äusserst genau voraussagen. Im Vergleich schnitten die Meinungsumfragen (z.B. Gallup polls) sogar schlechter ab. Zudem wird aufgezeigt, dass Prognosemärkte in den meisten Fällen fast genauso verlässliche Ergebnisse erzielen, wie Konsensus-Prognosen von Experten.
Im Hinblick auf die US-Präsidentschaftswahl vom 4. November 2008 empfehle ich deshalb allen, die sich für das Thema interessieren, die Entwicklung auf Intrade weiter zu verfolgen!
Für das iconomix-Team
Boris Kaiser
Vergleiche dazu die iconomix-Frage in Politics–Economics vom 14. September.
Was treibt die Wettmanipulationen im Sport?
Das Spiel Brasilien - Ghana an der WM 2006 soll manipuliert gewesen sein. Zumindest behauptet dies der Journalist Declan Hill. Er hat mehrere Jahre lang die Machenschaften der Wettmafia untersucht. Seinen Recherchen zufolge haben asiatische Wettprofis bei dem Achtelfinalspiel auf einen Sieg Brasiliens mit mindestens zwei Toren Differenz gewettet. Bekanntlich gewann Brasilien mit 3:0, wobei beim ersten und dritten Tor jeweils ein Brasilianer allein auf das gegnerische Tor zulief. Auch wenn in den letzten Jahren weltweit zahlreiche Fälle des so genannten „match fixing“ bekannt wurden, stellen die aufgedeckten Ergebnismanipulationen wahrscheinlich nur die „Spitze des Eisbergs“ dar.
Ergebnismanipulationen untergraben die Integrität des Sports und gefährden damit die Grundlagen des Sport-Geschäftes. Es verwundert daher nicht, dass die Sport-Verbände in Alarmstimmung sind.
Wieso ist der Sport so anfällig für die Seuche der Korruption? Aus ökonomischer Sicht wird Korruption im Sport dann wahrscheinlicher, wenn die Integrität der involvierten Personen (Sportler, Schiedsrichter usw.) abnimmt, wenn die Aufdeckungswahrscheinlichkeit zurückgeht, wenn die Sanktionen im Überführungsfall milder werden und wenn die Korruptionsgewinne ansteigen. Wir haben keine Anhaltspunkte dafür, dass sich bei den ersten drei Punkten in den letzten Jahren etwas verändert hätte. Aber bezogen auf die die Korruptionsgewinne hat es einen regelrechten Erdrutsch gegeben, der mit der Entwicklung des Wettmarktes zusammenhängt.
In den letzten Jahren ist der Markt für Sportwetten viel rasanter gewachsen als die Sportmärkte selbst. Manipulationsversuche im Sport versprechen umso mehr Aussicht auf Erfolg, je grösser die potentiellen Wettgewinne im Vergleich zu den direkten Sporteinnahmen sind. Wenn mit manipulierten Sportwetten mehr verdient werden kann als mit dem Sport selbst, werden tendenziell immer mehr Sportler, Schiedsrichter und Verantwortliche korrumpierbar.
Die Höhe der potentiellen Wettgewinne erklärt sich teilweise aus der Struktur des Wettmarktes, die sich bspw. von derjenigen des Fernsehmarktes deutlich unterscheidet. Auf dem Fernsehmarkt besitzen die Sportveranstalter klare Eigentumsrechte an dem angebotenen Unterhaltungsprodukt. Nur wer bezahlt, darf übertragen. Zusätzlich werden die Fernsehrechte meist zentral vermarktet, d.h. die Eigentumsrechte werden monopolisiert. Dem Monopolanbieter stehen auf der Nachfrageseite mehrere konkurrierende Fernsehanstalten gegenüber. In dieser Situation eignet sich der Sportanbieter die ökonomische Rente auf dem Fernsehmarkt an.
Damit der Profisport am Geschäft mit Sportwetten mitverdienen kann, müsste er also zunächst klar definierte Eigentumsrechte an den produzierten Sportergebnissen besitzen, auf die gewettet werden kann. Weil die Sportergebnisse de facto ein öffentliches Gut sind, ist das Einnahmepotenzial des Profisports beschränkt. Wer profitiert in dieser Situation vom Geschäft mit den Sportwetten? Ist der Wettmarkt monopolisiert, profitieren in erster Linie die Wettanbieter. Herrscht hingegen im Wettmarkt Wettbewerb, profitieren in erster Linie die Konsumenten. Dies belegt der Anteil der Wettgewinne an den Wettumsätzen. Während Monopolanbieter meist nur 60 bis 70 % der Wetteinsätze in Form von Wettgewinnen an die Konsumenten ausschütten, beträgt dieser Anteil in Konkurrenzmärkten 90%.
Da die Europäische Union eine umfassende Liberalisierung der Wettmärkte anstrebt, dürften die Konsumenten in Zukunft weitaus stärker profitieren. Aus Sicht des Sports bedeutet dies aber, dass ein grösserer Anteil der Wetteinsätze in Form von Wettgewinnen an die Wetter ausbezahlt wird. Mit Sportwetten lässt sich künftig also noch mehr Geld verdienen. Wenn die Aufdeckungswahrscheinlichkeit, die Sanktionen im Korruptionsfall und die Integrität der Involvierten gleich bleiben, sollte die Manipulationsgefahr daher noch weiter zunehmen.
Wetten, dass...
Wer steckt hinter der beinahe Verdoppelung der Ölpreise innert Jahresfrist? Nicht die Spekulanten, sagt The Economist in Don't blame the speculators. Eher Erwartungen an zukünftige Ölpreise, schreibt Martin Feldstein im Wall Street Journal.
Die Spekulanten kaufen kein flüssiges Öl, sondern Futures. Davon wird nur ein sehr kleiner Teil durch Realtausch erfüllt, der Rest wird bei Fälligkeit gegen Bezahlung abgestossen. Dabei wird durch die Spekulanten nicht Öl vom Markt ferngehalten, sondern um dessen Preisverlauf gewettet. Solche Wetten beeinflussen den Preis für Öl genauso wenig, wie Fussballwetten die Spielresultate.
Doch wie der Markt für Sportwetten ist auch der Futuresmarkt ein Thermometer für zukünftige Entwicklungen. Zeigt dieses nach oben und antizipieren die Marktteilnehmer höhere Preise in der Zukunft, kann dies zur Hortung von Öl führen. Feldstein argumentiert, dass Erwartungen über die zukünftige Ent- wicklung des Ölpreises damit den aktuellen Ölpreis beeinflussen.
In der Praxis kann jedoch das Horten von Öl, sei es in Tanks oder unter der Erde, nicht beobachtet werden. Die Lagerbestände nehmen ab und abgesehen von Saudi Arabien läuft die Förderung in allen Ölexportländern auf Hochtouren.
Die Schuld am massiven Preisanstieg tragen vielmehr zwei Eigenheiten der Ware Öl: Die Nachfrage reagiert in der kurzen Frist relativ unempfindlich auf Preisänderungen, gleichzeitig können die Fördermengen nicht so schnell an die steigende Nachfrage aus den Schwellenländern angepasst werden.
Für das iconomix-Team
Franziska Barmettler
Mehr dazu: Blog vom 03.06.08
Parallelimporte bleiben heiss umstritten
Der Nationalrat hat in der Juni Session die Gelegenheit verpasst, dem freien Handel mehr Gewicht zu verleihen. Er hat sich, wenn auch mit knappem Mehr, gegen eine Öffnung für Parallelimporte aus dem Europäischen Wirtschaftsraum ausgesprochen. Der Entscheid erstaunt nicht besonders, liegt doch zwischen Worten und Taten zu Marktöffnungen eine altbekannte Kluft.
Wer seinen Wirtschaftsunterricht mit aktuellen Themen aus der Politik anreichern möchte, findet beim Thema Parallelimporte einen dankbaren Dauerbrenner (vgl. dazu meinen Beitrag über Parallelimporte in der iconomix-Rubrik A la carte). Entsprechend viel Potenzial bieten Parallelimporte für angeregte ökonomische Diskussionen im Unterricht.
Wie mein A la carte Beitrag zeigt, gibt es gute Gründe für die Aufhebung des Verbotes von Parallelimporten. Insbesondere erhofft man sich durch diese Liberalisierungen tiefere Preise, wie auch der Preisüberwacher Strahm in seinem Blog-Beitrag betont. Was der Preisüberwacher nicht erwähnt: Es gibt aus der Optik der Ökonomie auch ernst zu nehmende Gründe gegen die Zulassung von Parallelimporten. Zu den gewichtigeren zählt die Tatsache, dass Preisunterschiede bei Medikamenten in der Regel die Folge von staatlichen Eingriffen sind.
Mit dem Thema Parallelimporte lässt sich im Unterricht auch gut aufzuzeigen, wie auf der politischen Bühne mit den theoretischen Grundlagen des freien Handels umgegangen wird. Ein Vergleich der Argumente in der Nationalratsdebatte mit denjenigen aus meinem à la carte Beitrag lohnt sich. Gestochen haben bei der Ablehnung im Nationalrat die altbekannten Argumente wie z.B. die Schwächung des Forschungsplatzes und damit der Gefährdung von Arbeitsplätzen. Das Argument der Schwächung des Forschungsplatzes sticht offensichtlich noch immer - trotz der Gewissheit, dass gerade die Standortfaktoren für Forschung und Entwicklung sehr komplex sind, dass die Schweizerische Pharmaindustrie ihre Forschungstätigkeiten schon heute weltweit verteilt hat und dass die Pharmabranche nur einen ganz bescheidenen Teil des Umsatzes der in der Schweiz erzielt.
Nun geht das Geschäft in die kleine Kammer: Ist der Ständerat mehrheitlich vom Nutzen des freien Handels patentgeschützter Produkte überzeugt? Man darf gespannt sein. Die Debatte in der Grossen Kammer hat jedenfalls gezeigt, dass der Einsatz für die stets gepredigte Marktöffnung im Allgemeinen sehr viel leichter fällt als im Konkreten. So gerne man andere den Wettbewerbskräften aussetzt, so gerne schützt man seine Klientel davor. Mit einer Nachbetrachtung der Ständeratsdebatte werde ich mich voraussichtlich in einem späteren Blog-Beitrag beschäftigen.
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