iconomix

Schweizerische Nationalbank

Dienstag, 29. Juni 2010,
16:42

Staatsschuldenkrise: Ursachen und Auswirkungen

Warum sind die südeuropäischen Staaten in Finanzprobleme geraten? Was hat die Staatengemeinschaft dagegen unternommen? Was sind die Herausforderungen für die betroffenen Staaten und den Euroraum als ganzes?

Diesen Fragen geht die aktuelle Ausgabe von «Konjunkturtendenzen» nach. Passend zur vierteljährlich erscheinenden Publikation des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) bietet der iconomix-Baustein «Konjunkturtendenzen»http://www.iconomix.ch/de/alacarte/detail/a026/ ein Set von Arbeitsaufträgen mit der dazu gehörigen Musterlösung an.

Das Vertiefungsthema der Ausgabe Sommer 2010http://www.iconomix.ch/de/alacarte/detail/a026/journal/konjunkturtendenzen-25-juni-2010/ lautet «Staatsschuldenkrise im Euroraum» (siehe Arbeitsauftrag ab S. 6) - es könnte nicht aktueller sein.

Für das iconomix-Team
Simon Schmid

Freitag, 11. Juni 2010,
15:49

Sparpakete – Stimmen aus Presse und Web

Nach den Konjunkturpaketenhttp://www.iconomix.ch/de/service/blog/archive/2009/03/19/konjunkturprogramme-in-der-schweiz/ der Jahre 2008 und 2009 werden in Europa nun die Sparpakete geschnürt. Nicht nur das in Finanznöte geratene Griechenlandwww.nzz.ch/..., sondern auch Spanienwww.nzz.ch/..., Italienwww.nzz.ch/... und Deutschlandwww.faz.net/... haben Sparprogramme angekündigt, um die anwachsende Staatsverschuldung einzudämmen.

Die milliardenschweren Sparpläne haben in den Medien ein entsprechendes Echo ausgelöst. In der Tagespresse wurden dabei meist die politischen, sprich: verteilungspolitischen Gesichtspunkte hervorgehoben. Von den Massnahmen heftig getroffen würden Staatsangestellte in der Verwaltung und Bezüger von Leistungen des Sozialstaats; ihre Vertreter wehren sich deshalb lautstarkwww.nzz.ch/...: auch «starke Schultern» sollen zur Kasse gebeten werden.

In der Blogosphäre wurden die Sparpakete ebenfalls ausgiebig diskutiert, allerdings weniger aus politischer sondern aus wirtschaftlicher Sicht. Befürwortet werden die Sparprogramme an Orten wie dem ÖkonomenBlogwww.insm-oekonomenblog.de/... oder der Wirtschaftlichen Freiheitwirtschaftlichefreiheit.de/.... Hier verweist man auf die langfristigen, wachstumsfördernden Effekte von Konsolidierungsprogrammen und steht generell einer tiefen Staatsquote wohlwollend gegenüber. Auch dass Länder wie Griechenland strukturelle Reformen durchführen und ihren Haushalt sanieren müssen, ist unbestritten.

Auf der anderen Seite wird jedoch das unglückliche Timing der Sparpakete beklagt. Nach Finanzkrise und anschliessender Rezession sei die Wirtschaft auf eine stabile Nachfrage nach Konsum- und Investitionsgütern angewiesen. Durch die Sparpakete werde diese nun abgewürgt. Damit, dass der Privatsektor in die Lücke springen würde, sei aufgrund der gegenwärtig tiefen Zinsen kaum zu rechnen, erklärt der Ökonom Carl Christian von Weizsäckerwww.coll.mpg.de/... in einem in der FAZ erschienenen Essaywww.faz.net/....

Treffend zur Situation ist der Kommentarwww.slembeck.ch/... von Tilman Slembeck, Professor am Zentrum für Wirtschaftspolitik der ZHAWwww.sml.zhaw.ch/...: «Ökonomisch gesehen wäre es leichter, die staatlichen Haushalte in wirtschaftlich guten Zeiten zu sanieren. Politisch gesehen, entsteht der dazu nötige Druck aber eher in schlechten Zeiten».

Auch in den USA verfolgen Autoren wie Paul Krugmanwww.nytimes.com/... die Entwicklung mit gemischten Gefühlen: Weil sie annehme, dass Finanzmärkte solche Programme in Zukunft gerne sehen würden, präsentiere die Politik den Finanzmärkten bereits heute Sparprogramme – obwohl diese Programme, sollten sie denn tatsächlich umgesetzt werden, zum jetzigen Zeitpunkt negative Auswirkungen haben könnten.

Dies sei jedoch eine zwecklose Übung: Würden auf Druck der Finanzmärkte Sparprogramme angesetzt, so würde dies zu einer Verschlechterung der Wirtschaftsprognosen durch Organisationen wie die OECDwww.oecd.org/... – und folglich zu noch pessimistischeren Finanzmärkten führen. «Ist dies wirklich der richtige Zeitpunkt für Sparübungen?», fragt sich deshalb auch der Economistwww.economist.com/....

Deutschland zum Beispiel täte besser daran, aus seinen Schulden herauszuwachsen, anstatt sie abzusparen, so der Harvard-Ökonom Dani Rodrikwww.project-syndicate.org/.... Höhere Ausgaben würden dabei dazu Beitragen, den deutschen Exportüberschuss abzubauen und anderen europäischen Ländern wieder auf die Beine zu helfen.

Für das iconomix-Team
Simon Schmid

Vergleiche dazu den letzten Text- und Frageblock in den Politics-Economics vom 13. Juni 2010http://www.iconomix.ch/de/alacarte/detail/a015/journal/politics-economics-13-juni-2010/.

Freitag, 28. August 2009,
11:59

«Peak Oil»

Die Schweiz und Libyen haben ihre diplomatischen Beziehungen wieder aufgenommen. Wird nun auch wieder libysches Erdöl zu uns fliessen?

Das schwarze Gold ist seit vielen Jahren nicht aus den Schlagzeilen wegzudenken und stets im Zentrum von Konflikten und hitzigen Debatten. Momentan steigt der Ölpreis in der Hoffnung auf eine rasche konjunkturelle Erholung wieder stark.

Diese Entwicklung nutzt die Internationale Energieagentur, um ihre früheren Warnungen zu verdringlichen: Aufgrund rückläufiger Reserven und ausbleibender Investitionen könnten die Ölförderkapazitäten nicht mehr mit der Nachfrage Schritt halten. Deshalb bestehe bereits in den nächsten fünf Jahren die Gefahr einer massiven Ölknappheit, was den wirtschaftlichen Erholungsprozess stark gefährden könnte.

Zudem prophezeit die Agentur das Erreichen von «Peak Oil», dem globalen Ölfördermaximum, bereits für das Jahr 2020. Die Hypothese versiegender Ölquellen stützt sich auf drei Argumente:

  • Pro vier produzierten Barrel wird nur ein Barrel entdeckt.
  • Die politische Instabilität der ölproduzierenden Länder birgt das Risiko, dass der Ölhahn plötzlich zugedreht wird. (siehe Libyen-Konflikt der Schweiz)
  • Rund die Hälfte der als förderwürdig angesehenen zwei Billionen Barrel Öl sind bereits verbraucht.

Diese Punkte sind für Energieberater Michael Lynch Unsinn, wie er in einem Artikel in der New York Times ausführt.[1] Für ihn ist die Diskussion um «Peak Oil» Energieverschwendung, ein Hirngespinst einer kleinen Gruppe von Wissenschaftlern und Laien, die ihre Schlüsse aus falschen Datenanalysen und der Fehlinterpretation von technischem Material ziehen.

Die Argumente von Lynch lauten:

  • Über die Jahre hinweg werden die meisten Ölreserve-Schätzungen nach oben korrigiert, wegen weiteren Entdeckungen und neuen Fördertechnologien.
  • Das politische Risiko ist kein neues Phänomen. Ein gewisser Josef Stalin z.B. war bereits anfangs des letzten Jahrhunderts Anführer der Ölarbeiter von Baku…
  • Geologen sind sich einig, dass bis zu 10 Billionen Barrel Öl vorhanden sind. Durch technischen Fortschritt können gegen 35% – also weitere 2,5 Billionen Barrel – gefördert werden.

Ich kann dieser Argumentation nur bedingt folgen. Kann man sich auf Dauer darauf verlassen, dass Schätzungen zu tief ausfallen? Zudem: Nur weil das geopolitische Risiko länger schon existiert, wird es nicht kleiner. Zu guter letzt frage ich mich, ob die Menschheit das Verbrennen von noch mehr Billionen Barrel Öl nicht aus anderen Gründen besser lassen sollte.

Für das iconomix-Team

Marcel Stadelmann

Vergleiche dazu die iconomix-Fragen in Politics-Economics vom 30. August 2009.

[1] M. Lynch, 2009. ‚Peak Oil‘ Is a Waste of Energy, The New York Times, 25. August.

Freitag, 08. Mai 2009,
08:36

U, V, W, L oder gar D?

Alle fragen sich derzeit, wie sich die Konjunktur entwickeln wird und vor allem, wann die Erholung und der nächste Aufschwung kommt. Die möglichen Konjunkturverläufe werden oft mittels Buchstaben beschrieben.


Viele Ökonomen gehen momentan davon aus, dass die Konjunktur in den meisten Ländern einen U-förmigen Verlauf nehmen wird. Das heisst, die derzeitige Rezession wird mehrere Quartale dauern, bevor wieder positive Wachstumsraten erwartet werden können.


Ein V-förmiger Verlauf würde hingegen bedeuten, dass dem schnellen Fall im Wirtschaftswachstum eine ähnlich schnelle Erholung folgt, sodass die Rezession bereits nach wenigen Quartalen vorüber wäre.


Ein wiederum etwas anderes Szenario würde das «W» beschreiben. Hier geht man von zwischenzeitlichen Erholungen aus, die aber von grosser Unsicherheit und Schwankungen in den Wachstumsraten geprägt sind.


Die Entwicklung welche bereits viele befürchten, ist die L-Form. Der rasante Abschwung der letzten Quartale würde über längere Zeit anhalten und im schlimmsten Fall gar depressiven Charakter annehmen. Dieses D-Szenario würde bedeuten, dass die Wirtschaftsleistung während mehreren Jahren stark schrumpft.


Für das iconomix-Team

Ronald Indergand

Freitag, 20. März 2009,
17:12

Einbruch im Welthandel

Der Einbruch in der Wirtschaftsentwicklung in aller Welt manifestiert sich auf bemerkenswerte Art im Aussenhandel über den Seeweg.


Die Preise für das Verschiffen von Waren («Frachtraten») sind in einem noch nie dagewesenen Ausmass eingebrochen. Der Baltic Dry Index zeigt die Entwicklung der Frachtraten für Schüttgut (v.a. Kohle, Eisenerz und Getreide) auf den wichtigsten Transportrouten. Er ist von seinem Allzeithoch am 20.05.2008 in nur sechs Monaten auf das Niveau von 1986 gefallen.




Der Baltic Dry Index ist grundsätzlich frei von Spekulation, denn mit der Miete von Containerschiffen und Tankern kann nicht spekuliert werden. Doch wenn nicht durch Spekulation, wie ist es dann möglich, dass die Handelspreise in so kurzer Zeit so tief fallen konnten?


Das Angebot von Frachtkapazität ist kurzfristig starr (in Sprache der Ökonomen: die Angebotskurve ist steil). Dies bedeutet, dass eine Vergrösserung der Seeflotte oder der Hafenkapazitäten in der Regel viel Zeit beansprucht.


In schlechten Zeiten kommt es Reedereien oftmals günstiger, ein Frachtschiff vorübergehend – bis sich die Nachfrage wieder erholt – unter den Betriebskosten weiter zu betreiben, anstatt es einzumotten und die Besatzung zu entlassen.


Die Nachfrage nach Gütern ist demgegenüber viel unbeständiger. Ab Herbst 2008 brach die Nachfrage nach Rohstoffen aufgrund der schlechten Konjunkturerwartungen ein. Aus diesem Einbruch resultierte aufgrund des starren Angebots ein noch stärkerer Einbruch in den Frachtraten. Auch die Preise für Rohwaren sind entsprechend stark eingebrochen.


Hinzu kommt, dass die gegenwärtige Krise ihren Ursprung in den Finanzmärkten hat. Banken spielen eine zentrale Rolle im internationalen Handel von Gütern. Sie offerieren Produkte, welche das Risiko für den Exporteur reduzieren, dass der Importeur die erhaltenen Waren nicht bezahlt.


Gemäss einer Umfrage des Internationalen Währungsfonds (IWF) sind die Preise für solche Bankdienstleistungen stark gestiegen. Es wird dadurch schwieriger und - trotz tiefer Frachtraten - teurer, Handel zu betreiben. Zwar haben sich die Frachtraten in den letzten Wochen etwas erholt. Dennoch bleibt höchst ungewiss, ob der Welthandel bald wieder auf sein ursprüngliches Niveau zurückkehren wird.


Für das iconomix-Team

Ronald Indergand und Martin Bögli


Vergleiche dazu die iconomix-Fragen in Politics-Economics vom 22. März 2009.

Donnerstag, 19. März 2009,
17:42

Konjunkturprogramme in der Schweiz

In der NZZ am Sonntag vom 8. März 2009 äussern sich zwei Schweizer Ökonomen kritisch zu aktiven Konjunkturprogrammen des Staates.


Jean-Daniel Gerber, Direktor des Staatssekretariates für Wirtschaft (Seco), und Urs Müller, Chefökonom von BAK Basel Economics, üben sich in Zurückhaltung - verglichen z.B. mit Olivier Blanchard, Chefökonom des IWF (siehe einer der letzten Blogbeiträge).


Müller verweist insbesondere auf die «automatischen Stabilisatoren» wie z.B. die Arbeitslosenversicherung. Deren Ausgaben erhöhen sich, wenn die Arbeitslosigkeit steigt, was dem Konsumeinbruch automatisch entgegengewirkt. In Boomphasen gibt es hingegen wenige Arbeitslose und die Kasse macht einen Überschuss.


Ein stetiger Ausgabenpfad der öffentlichen Haushalte führt in Boomphasen automatisch zu Überschüssen und in der Krise zu Defiziten und trägt so zur Stabilisierung bei. Verglichen damit sind Konjunkturprogramme klein. Sie sind zudem nur zu befürworten, wenn sie noch während der Rezession Wirkung zeigen und wenn sie zeitlich befristet und auf Branchen ausgerichtet sind, die stark von der Krise betroffen sind, meint Müller.


Da die Schweiz eine kleine offene Volkswirtschaft ist, «verpufft» ein Grossteil der Konjunkturmassnahmen über die Importe ins Ausland. Für Gerber besteht die Aufgabe des Schweizer Staates vor allem darin, «günstige Rahmenbedingungen auf dem Binnenmarkt zu setzen und ausländische Märkte mittels Freihandelsabkommen zu öffnen».


Die gegenwärtige Wirtschaftskrise muss in der Schweiz somit «in erster Linie über eine Stabilisierung der Finanzmärkte gelöst werden». Konjunkturprogramme sollten auf jene Massnahmen beschränkt werden, die «effektiv, schnell, gezielt und befristet» wirken.


Für das iconomix-Team

Ronald Indergand


Hinweis: Zum Thema «Konjunkturprogramme» vergleiche auch den neuen A-la-Carte-Baustein von Peter Eisenhut.

Donnerstag, 05. März 2009,
16:51

"Das Problem ist die Unsicherheit"

Die schlechten Nachrichten sind nun offiziell. Nach einem Rückgang des BIP von 0.1% im 3. Quartal 2008 rechnet das Staatssekretariat für Wirtschaft (seco) für das 4. Quartal mit einem Rückgang von 0.3%. Damit befindet sich die Schweiz in der Rezession (mehr zum Begriff «Rezession» siehe hier). Zu deren Bekämpfung hat der Bundesrat bereits zwei Phasen von Konjunkturprogrammen beschlossen, an der dritten Phase wird derzeit intensiv gearbeitet.


«Was soll die Politik tun?» fragt Olivier Blanchard in einem Artikel in ‘The Economist’ vom 31.01.09. Blachard ist Chefökonom des Internationalen Währungsfonds (IWF) und hat bereits vor Monaten auf den Ernst der Lage hingewiesen.


Der Kern der gegenwärtigen Probleme liegt gemäss Blanchard in der Unsicherheit, welche in den Märkten überall vorherrscht. «Werden die Bestellungen in den nächsten Quartalen noch stärker zurückgehen?» fragen sich die Unternehmer. «Werde ich in drei Monaten meine Arbeitsstelle noch haben?» fragen sich die Arbeitnehmer.


Bevor der Unternehmer weitere Investitionen tätigt, der Konsument ein neues Auto kauft oder die nächste Reise bucht, ist es für ihn besser, abzuwarten um zu schauen, wie sich die Lage entwickelt. Genau hier sieht Blanchard Handlungszwang und –spielraum für die Politik. Der Staat muss in erster Linie die Unsicherheit reduzieren – doch wie?


Blanchard sieht folgende Handlungsfelder für die Politik. Erstens müssen die Finanzmärkte beruhigt und die Banken rekapitalisiert werden. Die Bücher der Investoren sind immer noch voll von Anlagen, deren (zukünftiger) Wert ungewiss ist. Notfalls muss der Staat für diese gar geradestehen.


Die Banken müssen durch frisches und notfalls staatliches Eigenkapital wieder auf gesunde Beine gestellt werden, sodass sie den Mut haben, der Wirtschaft wieder reichlich Kapital zur Verfügung zu stellen. Weitere Bankkonkurse wären für die Gesellschaft fatal.


Zweitens muss die Nachfrage vom Staat beispielsweise mittels Infrastrukturausgaben stimuliert werden. Zudem müssen durch Subventionen und Steuersenkungen Anreize geschaffen werden, damit von der Privatwirtschaft wieder mehr Geld ausgegeben wird.


Mit diesen Programmen wird einerseits die gesamtwirtschaftliche Nachfrage durch die Staatsausgaben direkt erhöht. Andererseits werden Konsumenten und Unternehmer zuversichtlich gestimmt und so werden sie eher heute als morgen in neue Maschinen investieren oder neue Kleider kaufen. Der Rezession würde so die Stirn geboten und der Weg zum Wiederaufschwung geebnet.


Für das iconomix-Team

Ronald Indergand


Vergleiche dazu die iconomix-Fragen in Politics-Economics vom 8. März 2009.

Freitag, 20. Februar 2009,
15:48

Erneute Gefahr für die Banken

Ökonomen und Banker warnen vor Milliardenabschreibern im Kreditgeschäft der Banken. Die Ausfallraten von Unternehmensanleihen sind in den letzten Monaten stark gestiegen und werden womöglich weiter ansteigen.


Einen wichtigen Indikator dafür stellen die Risikoaufschläge auf Unternehmensanleihen («Spreads») dar. Sie berechnen sich aus der Differenz zwischen den Zinssätzen von Unternehmensanleihen und den Zinssätzen von (nahezu risikolosen) Staatsanleihen. Die Spreads stehen derzeit in praktisch allen Industrieländern auf dem höchsten Stand der letzten 10 Jahre:

Kreditrisikoprämien


Wieso sind die Gefahren im traditionellen Kreditgeschäft angestiegen, wo es doch im Gegensatz zu anderen Geschäftsbereichen lange als solider Pfeiler des Bankgeschäfts galt?


Nachdem die Finanzkrise zu Beginn vor allem Banken und Versicherungen getroffen hat, wird zusehends die Realwirtschaft in Mitleidenschaft gezogen (siehe Blog-Beiträge «Das Schlimmste kommt erst noch» (26.11.2008) und «Trübe Konjunkturaussichten» (06.11.2008)). Viele Unternehmen sehen sich mit massiven Umsatz- und Gewinnrückgängen konfrontiert.


Deshalb hat eine steigende Zahl von Unternehmen Schwierigkeiten, ihre Schuldzinsen zu begleichen und Kredite zurückzubezahlen. Je tiefer die Rezession ist und je länger sie dauert, desto höher sind die Zahlungsausfälle bei Bankkrediten. Wenn sich diese Situation weiter verschärft, werden sich die Banken mit einer weiteren Welle an Wertberichtigungen und Verlusten abfinden müssen.


Als Folge der steigenden Kreditausfallraten nimmt das Risiko im Kreditgeschäft zu. Die Banken werden zurückhaltender bei der Kreditvergabe und verlangen höhere Zinsen als Entschädigung für das gestiegene Risiko.


Dies wiederum bedeutet für die Unternehmen höhere Finanzierungskosten wegen höherer Schuldzinsen und allenfalls sogar Schwierigkeiten, frisches Kapital zu beschaffen. Insbesondere Unternehmen mit geringer Kreditwürdigkeit (Bonität) sind von einer Kreditklemme bedroht.


Für das iconomix-Team

Ronald Indergand und Boris Kaiser


Vergleiche dazu die iconomix-Fragen in Politics-Economics vom 22. Februar 2009.

Donnerstag, 19. Februar 2009,
15:38

Sterne am Konjunkturhimmel

Ich gebe zu, eine schlechte Meldung über den Konjunkturverlauf jagt die andere. Ich gebe zu, die Lage und die Konjunkturaussichten sind alles andere als rosig. Mit diesem Beitrag möchte ich aber doch die Aufmerksamkeit auf einige Sterne am Konjunkturhimmel lenken.


Stern 1: Sinkende Preise

Noch vor wenigen Monaten machten wir uns Sorgen um den Anstieg der Inflation. Inzwischen scheinen die Inflationsgefahren gebannt. Für das Jahr 2009 ist mit einer Inflation von etwa 0.5% zu rechnen. Das Schöne daran ist, dass jedes Prozent weniger Preisanstieg die Kaufkraft der Löhne um rund 3 Mrd. Franken erhöht. Aber auch die arg gebeutelte Industrie kann sich seit einiger Zeit über tiefere Einkaufspreise freuen. Gemäss Bundesamt für Statistik sind die Produzenten- und Importpreise im Januar um weitere 0.9 Prozent gesunken.


Preisentwicklung


Stern 2: Steigende Löhne

Im laufenden Jahr ist mit einem realen Lohnanstieg von ca. 1.5% zu rechen. Dadurch erhöht sich die Kaufkraft (ohne Berücksichtigung der Veränderung bei der Arbeitslosigkeit) um rund 5 Mrd. Franken.


Stern 3: Sinkende Zinsen

Die Leitzinsen in den USA sind praktisch auf Null, in der Schweiz auf etwa ein halbes Prozent gefallen (vgl. Blog-Beitrag «erweiterte Instrumente der Geldpolitik»). Positiv bemerkbar machen sich insbesondere die gesunkenen Hypothekarzinsen, die seit Juni 2008 bis heute von rund 4,5 auf 2,5 Prozent (Festhypothek 3 Jahre) gefallen sind. 2 Prozentpunkte tiefere Zinsen ermöglichen Ersparnisse auf den gesamten Hypothekarschulden von ca. 13 Mrd. Franken.


Stern 4: Konjunkturprogramme

In einem bisher nicht für möglich gehaltenen Umfang versuchen verschiedenste Staaten der Welt den Nachfragerückgang durch staatliche Ankurbelungsprogramme wett zu machen: beispielsweise die USA (787 Mrd. Dollar), China (600 Mrd. Dollar), die EU (250 Mrd. Euro), Japan (80 Mrd. Dollar), die Schweiz (1.6 Mrd. Franken). Ob diese Rettung durch Väterchen Staat glückt oder nicht, löst gegenwärtig erstaunlich wenig Kontroversen aus. Es scheint zu gelten: Je grösser, desto besser (vgl. dazu Kapitel 6.2 in meinem Lehrbuch «Aktuelle Volkswirtschaftslehre»).

Freitag, 06. Februar 2009,
10:59

Erweiterte Instrumente der Geldpolitik

Die Schweizer Nationalbank (SNB) hat von Oktober bis Dezember 2008 ihren Leitzins, den Dreimonats-Libor, von 2,75 bis auf 0,5 Prozent gesenkt. Der Zinssatz für einwöchige Repogeschäfte liegt mittlerweile fast bei null. Weil die Zinsen nicht unter null sinken können, ist der Handlungsspielraum für weitere geldpolitische Lockerungen mit dem klassischen Zinsinstrument nahezu erschöpft.

In einem Referat vom 21. Januar 2009 an der Universität St. Gallen beteuerte der SNB-Vizepräsident Philipp Hildebrand, dass dies nun nicht bedeute, «dass die Nationalbank handlungsunfähig ist. Der Nationalbank stehen weitere Optionen offen.»

Hier die angesprochenen Möglichkeiten:

Einerseits kann die SNB versuchen, nicht nur die kurzfristigen, sondern auch die langfristigen Zinsen zu beeinflussen. Denn Investitions- und Konsumentscheide hängen mehrheitlich von den langfristigen Zinsen ab. Zu diesem Zweck hat die SNB bereits die Fristigkeit für Repogeschäfte bis auf 12 Monate verlängert. Eine weitere Möglichkeit ist, Bundesobligationen zu kaufen. Dies drückt die Bundesrenditen nach unten und dient als Signal für tiefere Zinsen bei Unternehmensanleihen. Allenfalls könnte die SNB langfristige Unternehmensanleihen sogar selber kaufen. Mit diesen Massnahmen liessen sich die Zinskosten für Privatschuldner direkt senken.

Andererseits kann die Nationalbank, wie sie es früher oft gemacht hat, den Wechselkurs beeinflussen, indem sie Schweizerfranken gegen ausländische Währung verkauft. Ein schwächerer Franken begünstigt das Exportgeschäft und stimuliert die Konjunktur.

Diese Massnahmen würden zu einer Ausweitung der Geldmenge führen. Hildebrand fügt deshalb an: «die Nationalbank wird [gegebenenfalls] die vorübergehend geschaffene Liquidität auch wieder abbauen, sobald sie nicht mehr benötigt wird, d.h. bevor sie inflationäre Wirkungen entfalten kann.»


Für das iconomix-Team

Boris Kaiser

 

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