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Schweizerische Nationalbank

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Freitag, 26. März 2010,
10:04

Tanz, Theater und Circus Knie

Dieses Wochenende lädt der Schweizer National-Circus zur Premiere des neuen Programms nach Rapperswil ein. Eine passende Gelegenheit, ökonomische Aspekte der darstellenden Kunst etwas genauer zu betrachten.

Die darstellende Kunst umfasst all jene Formen der Kunst, deren Darbietung vergänglich sind. Klassische Vertreter sind das Schauspiel, die Oper oder der Tanz. Aber auch der Zirkus zählt dazu. Im Gegensatz zu Theater und Tanz erhält der Zirkus aber keine finanziellen Zuwendungen von staatlicher Seite.

Lässt sich diese Ungleichbehandlung ökonomisch rechtfertigen? Eine staatliche Bevorzugung ausgewählter Kunstformen müsste als unberechtigter Eingriff in den Freiheitsraum der Bürgerinnen und Bürger gewertet werden. Viel eher gilt es daher, die Frage nach einem möglichen Marktversagen zu stellen.

Gerne wird argumentiert, die darstellende Kunst müsse für die Inszenierung überaus viel Personal aufwenden. Ebenso können technologische Innovationen nur wenig zur Senkung der Kosten beitragen. In Verbindung mit einer begrenzten Anzahl Sitzplätze führe dies zu anhaltend steigenden Ausgaben. Für diese Argumentation zeigen sich viele empfänglich, wohl gerade weil die Feststellung an sich richtig ist. Eine rein kostenseitige Begründung für Subventionszahlungen ist aber nicht haltbar.

Entscheidend ist viel eher, dass die Konsumenten nicht ausschliesslich einen Nutzen aus dem direkten Konsum beziehen. Alleine schon die Aussicht, ein Kulturgut in der Zukunft selber geniessen zu können oder zumindest den folgenden Generationen die Möglichkeit dazu offen zu halten, erhöht dessen Nutzen. Nicht zu vernachlässigen ist zudem der Prestigewert oder ein identitätsstiftender Nutzen für die Gesellschaft. Folglich würde es bei einer alleinigen Bereitstellung durch den Markt zu einer Unterversorgung kommen.

Eine ökonomische Begründung für die Subventionszahlungen an Theater- und Opernhäuser ist demnach gegeben. Inwieweit die Höhe der Beiträge hingegen gerechtfertigt ist, ist schwierig abzuschätzen. Diesbezüglich relevant ist die Zusammensetzung der Nachfrage nach der darstellenden Kunst.

Mit Abstand am besten wird diese mit der Schulbildung erklärt. Je gebildeter, desto höher die Nachfrage. Ebenfalls aussagekräftig ist das Einkommen. Bei ansonsten gleichen Eigenschaften fragen hohe Einkommensbezüger mehr Kultur nach.[1] Dieser Sachverhalt ist als besonders kritisch einzustufen. So ist es aus volkswirtschaftlicher Sicht zentral, dass der Steuerzahler nicht für den Konsum derjenigen Personen aufkommt, die sich das Kulturangebot ohnehin leisten würden.

Erstrebenswert wäre daher eine Verschiebung in der Ertragsstruktur. Beiträge aus der öffentlichen Hand sollten abnehmen. Steigern könnte man hingegen die Werbeeinnahmen. Beispielsweise ist man es vom Kino gewohnt, vor Filmbeginn 15 Minuten Werbung über sich ergehen zu lassen. Eine bühnentaugliche Form von Werbung liesse sich problemlos einführen. Ebenso könnten Vorstellungen mit und ohne Werbung angeboten werden, zu entsprechend unterschiedlichen Preisen. Der Konsument hätte dann die freie Wahl.

Auf mehr Gegenliebe dürfte vermutlich eine Ausweitung des Konsumentenkreises stossen. Ein Fernsehkanal mit Videoaufzeichnungen aus dem Bereich Theater und Tanz würde die natürliche Sitzplatzbeschränkung umgehen und könnte zusätzlich bildungsferneren Schichten den Zugang erleichtern. Die Zuschauerzahl könnte gesteigert und die durchschnittlichen Kosten pro Kopf gesenkt werden. Vorausgesetzt natürlich, es besteht genügend Nachfrage.

Schliesslich bestünde die Möglichkeit, die Preisdiskriminierung weiter zu verschärfen. So bezahlt man bereits heute für bessere Sitzplätze höhere Preise. Zusätzlich könnte man die Eintrittspreise für Touristen erhöhen. Diese tragen naturgemäss wenig zur Finanzierung der öffentlichen Leistungen bei. Ausserdem sind sie meist wenig preissensitiv, da im Vergleich zu den Einheimischen weniger Alternativen zur Freizeitgestaltung bestehen. In welchem Mass diese Regelung auch aus gesamtwirtschaftlicher Sicht wünschenswert ist, hängt nicht zuletzt von der geminderten Anziehungskraft eines Ortes als Tourismus-Destination ab. Die im internationalen Vergleich ohnehin schon hohen Preise, machen diese Massnahme für die Schweiz eher unattraktiv.

Ob dereinst auch der Circus Knie in den Genuss von Subventionszahlungen gelangen wird, ist ungewiss. Aus theoretischer Sicht gäbe es wenig dagegen einzuwenden. Solange darf sich der National-Circus damit rühmen, dass die Konsumenten für das gebotene Programm vollständig zu zahlen bereit sind.

Für das iconomix-Team,
Pascal Sulser

[1] Hier gilt es anzumerken, dass mit steigendem Einkommen auch die Kosten der Freizeit steigen. Dies kann für einkommensstarke Personen bereits Grund genug sein, weniger Kultur nachzufragen.

Weiterführende Informationen:
- Ruth Towse (2010): «Textbook of Cultural Economics,» Cambridge University Press.
- Ginsburgh und Throsby (2006): «Handbook of the Economics of Art and Culture,» Elsevier.

Mittwoch, 24. Februar 2010,
16:49

Macht Lotto süchtig?

Das staatlich garantierte Monopol auf Lotterien wird gemeinhin damit begründet, dass Glücksspiele süchtig machen können. Wird eine Lotterie von einer gewinnorientierten Unternehmung bereitgestellt, so bestehen Anreize, aus dem Suchtpotential des Glückspiels Kapital zu schlagen. Wird das Glücksspiel hingegen verboten, so droht die Abwanderung in die Illegalität.

Die gegenwärtige Ausgestaltung vieler staatlichen Lotterien ist aus ökonomischer Sicht dennoch kritisch zu beurteilen. Einerseits wird das Suchtpotential von Lotterien bestätigt.[1] Andererseits weist eine Vielzahl von Studien darauf hin, dass insbesondere Haushalte mit tiefen Einkommen überdurchschnittlich viel von ihrem Budget für Lotterien verwenden.[2]

Problematisch ist dies, weil ein Grossteil der Spieleinsätze nicht an die Spieler zurück fliesst, sondern an die öffentlichen Kassen verteilt wird. Würden solche Gelder ausschliesslich zur Deckung der von den Spielern verursachten gesellschaftlichen Kosten verwendet werden (den negativen Externalitäten), so wäre wenig dagegen einzuwenden.

Dies ist aber nicht der Fall.[3] Vielmehr besteht mit den Lotterien ein Modell, welches in seiner Wirkung den verbreiteten Gerechtigkeitsüberlegungen zuwider läuft. Weniger vermögende Haushalte zahlen relativ mehr für die daraus finanzierten Leistungen. Ähnlich kann bei der Tabaksteuer argumentiert werden. Auch hier werden die gesellschaftlichen Kosten mehrheitlich tiefer ausgewiesen, als die damit verbundenen Steuereinnahmen.[4]

Für hohe Tabaksteuern spricht hingegen die gut dokumentierte Verhaltensweise, dass der gegenwärtige Nutzen aus dem Konsum deutlich höher gewichtet wird als der zukünftige. So wird die Absicht, zum Neujahr mit dem Rauchen aufzuhören, nur selten umgesetzt. Am besagten Tag ist der erwartete Nutzen aus dem Konsum einer Zigarette deutlich höher, als man noch vor Monaten gedacht hatte. Hier soll eine Verteuerung der Tabakerzeugnisse dazu führen, dass eine alternative Verwendung des Geldes attraktiver erscheint. Die Steuer dient dazu, einem verbreiteten Selbstkontroll-Problem entgegen zu wirken.

Ein Mechanismus zum Selbstschutz findet sich auch bei der hiesigen Lotterie wieder. So soll das Ausschütten von nur 54% der Spieleinsätze zu einer verminderten Attraktivität des Glücksspiels führen. Das regelmässige Erreichen von Höchstständen in Millionenhöhe lässt hingegen an der Wirksamkeit des Mechanismus zweifeln.

Sinnvollerweise  beschränkt man daher den eigenen Lotto-Konsum auf jenen Geldbetrag, den man für gemeinnützige Projekte ohnehin auszugeben bereit wäre. Der zusätzliche Nervenkitzel ist der Lohn für die gute Tat.

Für das iconomix-Team,
Pascal Sulser

 

[1] Guryan und Kearney (2009): «Is Lottery Gambling Addictive?» Working Paper 14742, National Bureau of Economic Reserach.

[2] Bspw. Worthington (2001): «Implicit Finance in Gambling Expenditures,» Public Finance Review, 29, 326-342.

[3] Bspw. fliessen 30% der bei Swisslos gespielten Spieleinsätze in kantonale Fonds. 323 Mio. Franken waren es für das Jahr 2008. Die kantonalen Fonds unterstützen damit gemeinnützige Projekte in den Bereichen Kultur, Natur, Soziales und Entwicklungshilfe.

[4] Gruber und Köszegi (2001): «Is Addiction Rational? Theory And Evidence,» The Quarterly Journal of Economics, 116, 4, 1261-1303.

Dienstag, 13. Oktober 2009,
08:09

Nobelpreis für Wirtschaft: Ostrom

 

Die Vergabe des Nobelpreis für Wirtschaft an die Politologin Elinor Ostrom mag dem einen oder anderen politisch motiviert erscheinen. Ihre zahlreichen Feldstudien zur Nutzung von öffentlich zugänglichen Naturressourcen – auch «Allmendegüter» genannt - sind aber zweifelsfrei bedeutend.

Noch heute prognostizieren viele Lehrbücher fast reflexartig eine Übernutzung von frei zugänglichen Ressourcen, wenn diese in beschränktem Umfang verfügbar sind. Die Argumentation ist intuitiv, wie dies anhand der Überfischung treffend illustriert werden kann:

Jeder einzelne Fischer hat einen ökonomischen Anreiz, möglichst viele Fische aus einem gemeinschaftlich genutzten Gewässer zu fangen. Denn die Mehreinnahmen fliessen jedem Fischer direkt zu, die entstehenden Kosten werden aber in Form von abnehmenden Fischbeständen auf alle Fischer gleichmässig verteilt. Bleiben regulierende Eingriffe wie bspw. staatlich verordnete Fangquoten oder gar eine Privatisierung der öffentlichen Ressource aus, so führen diese Anreize zu einer übermässigen Nutzung der Fischgründe und schliesslich zu einem Kollaps der Fischbestände.

Ostroms Leistung liegt darin begründet, aufzuzeigen, dass das Vorhandensein von frei zugänglichen Ressourcen nicht zwangsläufig zu einer Übernutzung führt. Insbesondere ihr viel beachtetes Werk «Governing the Commons» birgt eine Fülle von detailiert recherchierten Fallbeispielen, welche die Diskussion um ein wichtiges Argument erweitert: Die Effektivität der kollektiven Selbstverwaltung von öffentlichen Naturressourcen.

Dabei ist die zugrunde liegende Idee bestechend simpel: Eine Gemeinschaft ist häufig von sich aus an einer dauerhaften Verfügbarkeit der Ressource interessiert, ist diese doch oftmals Grundlage für zukünftiges Einkommen. Es besteht daher ein ausgeprägtes Motiv, eine Übernutzung effektiv zu unterbinden.

Daraus kann jedoch nicht abgeleitet werden, dass in jedem Fall eine funktionierende Regelung erarbeitet und auch durchgesetzt werden kann. Denn je grösser und unterschiedlicher eine Gemeinschaft und ihre Interessen sind, desto schwieriger wird es, eine Einigung zu erzielen. Staatliche Eingriffe können also durchaus angezeigt sein, wobei sich auch Ostrom nicht grundsätzlich gegen diese ausspricht. Nur stellt sie deren uneingeschränkte Nützlichkeit in Frage.

Unabhängig vom gewählten Lösungsansatz – staatlicher Eingriff, Privatisierung oder kollektive Selbstverwaltung - kann aber von einer besseren Akzeptanz der vereinbarten Regeln ausgegangen werden, wo immer die betroffene Bevölkerung in den Entscheidungsprozess mit eingebunden wird. Auch in diesem Bereich setzt Ostrom wichtige Akzente.

Verdienstreich ist Ostroms Forschungsbeitrag schliesslich auch daher, weil sie den Fokus auf die im konkreten Fall herrschenden Anreizstrukturen legt. Jede Form von Eingriff in ein bestehendes System führt zu einer Veränderung der Rahmenbedingungen und schliesslich zu einer Anpassung im Verhalten der verschiedenen Interessengruppen.

Mit Sicherheit lässt sich daher eines festhalten: Wann immer einfache Lösungsansätze im Umgang mit öffentlichen Naturressourcen offeriert werden, ist eine gute Portion Skepsis angebracht.

Für das iconomix-Team,
Pascal Sulser

Weiterführende Informationen:
- iconomix-Modul «Allmendegüter»
- iconomix-Blog (22.09.09): «Die Effektivität der Gemeinschaft»

 

Montag, 07. September 2009,
11:55

«Die Galaktischen» zu Gast in Zürich

Die teuerste Fussballmannschaft der Welt ist am 15. September im Zürcher Letzigrund zu bestaunen, wenn Real Madrid erster Gegner des FC Zürich in der europäischen Champions League ist.

Rund 380 Millionen Schweizer Franken hat der spanische Club diesen Sommer für neue Spieler ausgegeben. Das ist praktisch die Hälfte der spanischen Transferausgaben und beinahe das Vierzigfache aller Schweizer Super League Clubs zusammen.

Verantwortlich für die rekordsprengende Einkaufstour ist Reals neuer Präsident Florentino Pérez. Bereits in seiner ersten Amtszeit nach der Jahrtausendwende verfolgte er die Strategie, die bekanntesten Weltstars nach Madrid zu holen, um den Fussballclub als weltweite Marke zu etablieren. Fussballerisches Talent und Teamgefüge schienen dabei eine untergeordnete Rolle zu spielen. Die grosse Dichte an Weltstars brachte dem Team den Übernamen «die Galaktischen» ein.

Erstaunlicherweise bezeichnet eine Studie der Harvard Business School dieses Geschäftsmodell als vorbildlich für aufkommende Fussball-Märkte.[1] In der Tat besitzen Superstars oft ein so grosses Wertgrenzprodukt, dass die Ausgaben für ihre Verpflichtung in erstaunlicher kurzer Zeit kompensiert sind. Das Wertgrenzprodukt eines Spielers ist derjenige Betrag, um den sich die Einnahmen des Clubs durch seine Verpflichtung erhöhen.

Ein Superstar steigert sowohl Fanartikel- und Ticketverkäufe als auch den Markenwert eines Clubs, wodurch lukrativere Werbe- und Fernsehverträge sowie Spielantrittsprämien ausgehandelt werden können. Zudem ist ein Star-Spieler auch für die Konkurrenz wertvoll, da er bei Gastspielen mehr Zuschauer ins Stadion lockt und die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf Spiele mit seiner Beteiligung zieht. Durch die sogenannte Superstar-Externalität ergibt sich für die gegnerischen Teams ein Mehrwert, ohne dass sie einen Rappen für den Lohn des Spielers aufwenden müssen.

Mit dem Spiel gegen Real Madrid kommt der FC Zürich in den Genuss der positiven Externalitäten von Fussballstars wie Cristiano Ronaldo, Kaká oder Raúl. Der Ansturm auf die 25'000 Plätze ist riesig, das Letzigrund-Stadion könnte wohl mindestens zwei Mal gefüllt werden. (siehe FCZ.TV) Eine so grosse Nachfrage lässt die Ticketpreise auf dem Markt markant in die Höhe schnellen.

Da der FCZ dieses Spiel nicht vielen seiner eingefleischten Fans vorenthalten will, verkauft er die Tickets zum moderaten Paketpreis mit zwei weiteren Heimspielen. Dadurch verzichtet der Club aus moralischen Gründen auf einen Teil der anfallenden Superstar-Externalität.

Für das iconomix-Team

Marcel Stadelmann

[1] John A. Quelch, Jose Luis Nueno und Carin-Isabel Knoop, 2004. Real Madrid Football Club, Harvard Business School.

Mittwoch, 22. Juli 2009,
07:53

Ohne Markt kein Preis - Teil 1

 

Stellen Sie sich vor, die Anflugsrouten auf den Flughafen Zürich würden geändert. Neu leiden zuvor verschont gebliebene Wohngebiete unter erhöhter Lärmbelastung. Frage: Wie kann der entstandene Schaden für die betroffenen Bürger in Franken und Rappen berechnet werden?

 

 

Flugzeug

Eine Möglichkeit ist die Betrachtung der Häuserpreise vor und nach der Änderung der Anflugsroute. Alternativ können die Preise von gleichartigen Wohnobjekten, die vom neuen Anflugsregime nicht betroffen sind, zum Vergleich herangezogen werden. Die Idee dabei: Der entstandene Schaden wird durch sinkende Häuserpreise kompensiert. Der Häusermarkt dient so als Annäherung an den nicht vorhandenen Markt für das Umweltgut «Ruhe».

Dem sogenannten «Marktpreisansatz» sind allerdings Grenzen gesetzt. Der Wohnungs- und Häusermarkt ist nur selten im Gleichgewicht. Unzählige Vorschriften verhindern eine freie Preisbildung. Zudem investieren die Bewohner in ihr soziales Umfeld, z. B. in nachbarschaftliche Beziehungen. Sie sind folglich bis zu einem gewissen Grad lokal gebunden. Legt man sich einzig auf den «Marktpreisansatz» fest, so werden die Schäden der Lärmbelastung unterschätzt.

Einen Ausweg bietet der «Life Satisfaction»-Ansatz. Typischerweise basieren solche Analysen in der Schweiz auf Angaben aus dem «Schweizer Haushalt-Panel». In unserem Fall bedeutet dies, dass die Antwort auf die Frage «Ganz allgemein gefragt - wie zufrieden sind Sie mit Ihrem Leben?» verwendet wird, um die individuelle Einbusse an Lebensqualität bemessen zu können. Da sowohl das verfügbare Einkommen wie auch die Lärmbelastung das subjektive Wohlbefinden beeinflussen, ist es möglich, den empfundenen Schaden in Geldeinheiten umzurechnen.

Fazit: Umweltgüter wie beispielsweise «Ruhe» werden nicht gehandelt und haben daher keinen direkt messbaren Preis. Der ökonomische Wert von Umweltschäden kann deshalb nur näherungsweise geschätzt werden. Im konkreten Fall der Lärmbelastung durch ein neues Anflugsregime gibt es dafür zwei Möglichkeiten: der «Marktpreisansatz» und der «Life Satisfaction»-Ansatz. Ersterer beziffert den Effekt der erhöhten Lärmbelastung indirekt anhand von Veränderungen bei den Häuserpreisen, Letzterer ermöglicht zusätzlich eine Bewertung der nicht über den Häusermarkt erfassbaren Effekte der Lärmbelastung.

Für das iconomix-Team,
Pascal Sulser

Aktuell:
- Artikel auf 20min.ch
- Artikel auf NZZ.ch

Weiterführende Informationen:
- René L. Frey, Elke Staehelin-Witt und Hansjörg Blöchliger (Hrsg.), 1993. Mit Ökonomie zur Ökologie, Kapitel 10.
- Bruno S. Frey, Simon Luechinger and Alois Stutzer, 2004. Valuing Pubic Goods: The Life Satisfaction Approach, IEW Working Paper No. 184.
- Simon Luechinger, 2009. Valuing Air Quality Using The Life Satisfaction Approach, The Economic Journal, 119, 482-515.

Bildquelle: FreeDigitalPhotos.net

 

Freitag, 19. Juni 2009,
13:29

Die Allmenden liegen in Brasilien

 

Wälder lagern grosse Mengen an Kohlendioxid ein. Deren Abholzung trägt zu gut einem Fünftel der weltweiten Treibhausgas-Emissionen bei. Insbesondere die Brandrodung, aber auch der natürliche Zersetzungsprozess von Restholz sind hier als Gründe zu nennen. Was aber hindert die Weltgemeinschaft daran, in einem koordinierten Vorgehen bestehende Wälder zu schützen?

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Im Falle des Amazonas ist die fehlende Durchsetzbarkeit von Eigentumsrechten als Erklärungsansatz entscheidend. Waldflächen sind hier nur selten in privatem Besitz. Gleichzeitig fehlen dem Staat wirkungsvolle Mechanismen, eine unbefugte Nutzung zu verhindern. Der Urwald weist folglich typische Züge eines Allmendegutes auf.

Vielfach hat sogar der Staat selber nur wenig Interesse daran, seine Eigentumsrechte durchzusetzen. Wirtschaftliche Aktivität im Amazonas schafft Arbeitsplätze und Einkommen. Die dabei anfallenden Umweltschäden (Externalitäten) können meist problemlos auf die Allgemeinheit abgewälzt werden, ohne negative Konsequenzen für die amtierende Regierung.

Was bleibt zu tun? Um eine Besserung der Lage erzielen zu können, müssen zwingend Eigentumsrechte (neu) definiert und wirkungsvolle Ausschlussmechanismen gefunden werden.

Erfreulicherweise wurde ein vergleichbarer Versuch erst kürzlich von der brasilianischen Regierung unternommen. Einerseits wurden gesetzliche Richtlinien erlassen, welche für mehr Klarheit in den Besitzverhältnissen sorgen, und andererseits bietet ein satellitengestütztes Überwachungssystem bessere Kontrollmöglichkeiten als zuvor.

Zu beantworten bleibt die Frage, wie die verschiedenen lokalen, nationalen und internationalen Interessen zur Nutzung des Amazonas in Einklang gebracht werden können. Braucht es gar finanzielle Anreize, damit Waldflächen nicht der Viehzucht oder dem Abbau von Bodenschätzen weichen müssen?

Exakt dieser Vorschlag wird von Ecuador eingebracht. Auf die kommerzielle Ausbeutung von Ölvorkommen soll verzichtet werden, wenn sich im Gegenzug die internationale Staatengemeinschaft dazu durchringen kann, entsprechende Kompensationszahlungen zu leisten.

Für das iconomix-Team,
Pascal Sulser

Weiterführendes Material:
- iconomix Modul «Allmendegüter»
- Artikel «Seeing REDD in the Amazon», The Economist
- Artikel «Wald statt Öl», Süddeutsche Zeitung

Bildquelle: FreeDigitalPhotos.net

Donnerstag, 11. Dezember 2008,
10:11

Von Subventionen und politischer Ökonomie

Letzten Donnerstag hat der Nationalrat die Subvention zur Filmförderung von 23 auf nun 28 Millionen Franken pro Jahr aufgestockt. Subventionen sind finanzielle staatliche Unterstützungen für Produzenten. Sie sollen die Produktion von Gütern sicherstellen, die im öffentlichen Interesse sind. Was aber heisst im «öffentlichen Interesse»? Und warum sind Subventionen so populär?


Der Schweizer Ökonom Roland Hodler stellt in einem Einführungstext zu «Political Economics» Überlegungen dazu an. Die «Politische Ökonomie» versucht mit ökonomischen Theorien und Werkzeugen politische Entscheide zu erklären. Eine zentrale Annahme dabei ist, dass Regierungen, Parlamente und Bürger rational handeln, d. h. ihren Nutzen maximieren.


Im Fokus des polit-ökonomischen Erklärungsansatzes sind die unterschiedlichen Eigenschaften der Gewinner und Verlierer von Subventionen:


Die Gewinner von Subventionen sind oftmals kleine, homogene und gut organisierte Gruppen wie die Filmproduzenten oder die Landwirte. Sie versuchen ihre Anliegen durchzusetzen, indem sie direkt bei Entscheidungsträgern Lobbying betreiben oder Beihilfe zur Wiederwahl in Aussicht stellen. Dabei arbeiten sie auf eine Subvention hin, deren Nutzen die Kosten vom Lobbying übersteigt. Der Nutzen für die Interessengruppe ist für alle gut sichtbar, wie beispielsweise die Sicherung von Arbeitsplätzen, die ohne die Unterstützung durch die öffentliche Hand verschwinden würden.


Im Gegensatz dazu sind die Verlierer von Subventionen meist zahlreich, heterogen und schlecht organisiert wie die Gesamtheit der nicht subventionierten Wirtschaftszweige oder die Steuerzahler. Deren Last in Form von höheren Steuern ist nicht unmittelbar erkennbar. Da diese Last auf viele verschiedene Schultern verteilt ist, ist sie für den Einzelnen klein. Sie ist kleiner als die Kosten für ein allfälliges Engagement zur Verhinderung von Subventionen - und oftmals auch zu klein, um die verantwortlichen Politiker deswegen abzuwählen.


Zudem besteht ein Trittbrettfahrer-Problem: Von einem erfolgreichen Einsatz gegen eine Subvention profitieren alle, unabhängig davon ob sie sich engagieren oder nicht. Aus diesen Gründen ist es rational für den einzelnen Verlierer einer Subvention sich nicht dagegen zu engagieren und zu hoffen, dass andere dies tun werden.


Der Effekt davon: Es gibt mehr Engagement für weitere Subventionen als zu deren Verhinderung. Aus Sicht der Gesamtwohlfahrt werden zu viele Subventionen gesprochen. Ein Blick in die Subventionsdatenbank des Bundes lässt vermuten, dass dies auch für die Schweiz zutrifft.


Für das iconomix-Team

Jörg Schläpfer

 

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