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Die ökonomische Jahresprognose
Die Deutungshoheit über den Gang eines neu angebrochenen Jahres wird von verschiedenen Seiten beansprucht. Exponenten aus Politik, Wirtschaft und Kultur geben jeweils bereitwillig ihre Einschätzungen kund, und Jahreshoroskope erfreuen sich besonders grosser Beliebtheit.
Dabei ist jede Form der Prognose grundsätzlich nichts anderes als eine Aussage über die Wahrscheinlichkeit, dass eine bestimmte Situation innerhalb einer festgelegten Zeitspanne oder zu einem erklärten Zeitpunkt eintritt. Und gerade im Umgang mit Prognosen verfügt die Ökonomie über ein verlässliches – wenn auch nicht fehlerfreies – Instrument: den Markt.
Dass der Markt sich besonders gut zur Aggregation von ungleich verteiltem (bzw. asymmetrischen) Wissen eignet, spiegelt sich schon in den Schriften zur Wirkungsweise der «unsichtbaren Hand» von Adam Smith wieder. Häufig wird auch der liberale Ökonom Friedrich August von Hayek mit dieser Überlegung in Verbindung gebracht, stellte sich dieser doch mit Vehemenz gegen die planwirtschaftlichen Tendenzen seiner Zeit und dem damit einhergehenden Zwang hin zu Entscheiden auf der Basis von reinem «Expertenwissen».[1]
Der Grundgedanke ist dabei leicht nachvollziehbar: Besitzt eine Vielzahl von Marktteilnehmern unterschiedliche, aber der Allgemeinheit nicht zugängliche Informationen, so erlaubt es der Markt, die verschiedenen Einschätzungen eines jeden Teilnehmers in den Marktpreis einfliessen zu lassen. Der Marktpreis reflektiert dann die Erwartungen aller Teilnehmer und nicht ausschliesslich jene einer bestimmten Elite. Zudem ist es nun jedem Teilnehmer möglich, die eigenen Erwartungen mit jenen der anderen zu vergleichen. Die zuvor private Information wird öffentlich gemacht.
Diese Betrachtung ist keineswegs auf Kapitalmärkte begrenzt. Noch vor wenigen Jahren experimentierte selbst der amerikanische Geheimdienst mit Prognosemärkten. Anstatt jedoch über die Wertentwicklung einer Aktie zu spekulieren, sollten die Markteilnehmer über die Wahrscheinlichkeit politischer Entwicklungen befinden. Das Vorhaben stiess indes im Kongress auf Widerstand, insbesondere weil es moralisch fragwürdig erschien, öffentlich und via Märkte über bspw. die politische Stabilität eines Landes zu befinden.
Dennoch wäre es ratsam, verstärkt auf die «Weisheit der Massen» abzustellen und Prognosemärkte für politische und gesellschaftliche Fragestellungen zu etablieren. Diese könnten problemlos den bestehenden demokratischen Einrichtungen zur Seite gestellt werden. Sollte es sich also um mehr als nur ein politisches Manöver handeln, so wäre das von der Konservativen in Grossbritannien lancierte Projekt zur «besseren Verwertung des kollektiven Wissens» grundsätzlich zu begrüssen.
Dass auch Prognosemärkte mit Fehleinschätzungen zu kämpfen haben, ist unumgänglich. Gleichwohl gilt es zu bedenken, ob andere Methoden denn wirklich zu besseren Resultaten führen. So ist die Vorhersagegenauigkeit von Wahlergebnissen bei Prognosemärkten meist deutlich präziser als jene der darauf spezialisierten Befragungsinstitute.[2]
Um nun aber die Probe aufs Exempel zu machen, lohnt sich der Blick auf einen der derzeit populärsten Prognosemärkte: Relativ sicher sind sich die Markteilnehmer, dass Roman Polanski bis Ende diesen Jahres an die USA ausgeliefert wird (75% Wahrscheinlichkeit). Weniger klar ist, wer das Rennen um den Oscar für den besten Film machen wird. Die Liste wird angeführt durch «Hurt Locker» (34.9%), «Avatar» (33%) und «Up in the Air» (32%). Anfangs März können Sie sich selbst von der Qualität dieser Einschätzung überzeugen. Ihre ganz persönliche Jahresprognose können Sie sich unter derselben Adresse aber schon jetzt zusammenstellen.
Für das iconomix-Team,
Pascal Sulser
[1] F. A. Hayek (1945): «The Use of Knowledge in Society,» American Economic Review, 35, 519–530.
[2] vgl. Iowa Electronic Markets (IEM)
Sportwetten und der Anreiz zum Betrügen
134,5 Millionen Menschen sassen vor dem Fernseher, als schon nur die Gruppen für die kommende Fussball-Weltmeisterschaft in Südafrika ausgelost wurden. Die riesige Aufmerksamkeit und Medienpräsenz des Fussballs sorgt dafür, dass immer grössere Geldsummen im Spiel sind – was wiederum die Gefahr von Manipulation und Betrug erhöht. Dies hat sich leider im kürzlich aufgedeckten Wettskandal in Europa einmal mehr bestätigt.
Wie funktioniert eigentlich dieser Markt für Sportwetten? Bei der traditionellen Sportwette offeriert der Wettanbieter – der so genannte «Buchmacher» – im Vorhinein eine feste Gewinnquote. Die einfachste Wette im Fussball ist die Ergebniswette: Heimsieg, Unentschieden oder Auswärtssieg. Auf Grund der impliziten Wahrscheinlichkeit der drei Spielausgänge legt der Buchmacher unterschiedliche Auszahlungsverhältnisse fest.
Ein Beispiel: Für das Cup-Spiel FC Luzern – FC St. Gallen vom 10. Dezember offerierte Sporttip Quoten von 1,75 (pro Franken Einsatz werden 1,75 Fr. ausbezahlt) für einen Heimsieg, 2,90 für ein Unentschieden und 3,00 für einen Sieg St. Gallens. Die implizite Wahrscheinlichkeit der Ergebnisse versteckt sich im Kehrwert der Wettquote und entspricht in diesem Fall 57%, 34% und 33%. Es fällt sofort auf, dass sich die drei Zahlen auf mehr als 100% summieren. Dieser Zuschlag (hier: 24%) entspricht der Gewinnspanne des Wettanbieters, denn die tatsächliche Eintrittswahrscheinlichkeit der drei Ergebnisse liegt tiefer, als die Quoten signalisieren.
Zudem versuchen die Buchmacher bei der Festlegung der Quoten bereits das Verhalten der Kunden zu berücksichtigen. Dadurch sichern sie sich einerseits gegen unausgeglichenes Wettverhalten ab, denn wenn die Gewinnsumme die Summe der verlorenen Wetten übersteigt, fährt der Anbieter einen Verlust ein. Andererseits kann durch die Anpassung der Wettquoten das irrationale Wettverhalten der Kunden ausgenutzt werden, denn Studien haben gezeigt, dass z.B. die Siegchancen von Aussenseitern regelmässig über- und der Heimvorteil unterschätzt wird.
Wo liegt nun die Betrugsgefahr bei Sportwetten? Mit der Korruption von Spielern, Schiedsrichtern oder anderen involvierten Personen manipulieren die Betrüger den Ausgang eines Spiels. Dadurch verändern sie die Wahrscheinlichkeit der verschiedenen Spielergebnisse und können dank dem Informationsvorsprung von den (zu) hohen Wettquoten profitieren, die der ahnungslose Buchmacher offeriert.
Korruption im Fussball ist aus ökonomischer Sicht abhängig von der Integrität der involvierten Personen, der Aufdeckungswahrscheinlichkeit, den Sanktionen im Überführungsfall und von den möglichen Wettgewinnen im Vergleich zu den direkten Einnahmen. Vor allem im letzten Punkt steckt Gefahrenpotenzial: Die EU will die Wettmärkte umfassend liberalisieren und so für mehr Wettbewerb sorgen. Dadurch sinkt die Gewinnspanne der Anbieter und der Wettgewinn der Konsumenten (inklusive Betrüger) steigt – und somit auch die Manipulationsgefahr.
Für das iconomix-Team
Marcel Stadelmann
Vergleiche dazu den letzten Text- und Frageblock in den Politics-Economics vom 13. Dezember 2009.
Quelle: H. Dietl & E. Franck, 2008. Millisekunden und Milliarden: 30 Analysen zur Ökonomie des Sports. Zürich: Verlag Neue Zürcher Zeitung.
Von Herdenverhalten und Blasenbildung
Wie konnte es geschehen, dass sich im US-Häusermarkt über viele Jahre eine Spekulationsblase bildete, ohne dass dies Investoren und Experten bemerkten?
Der Ökonomieprofessor Robert Shiller lieferte in der New York Times vom 1. März 2008 eine mögliche Erklärung. Shiller verweist seinerseits auf einen Artikel dreier Ökonomen von 1992.[1] Demzufolge sind nicht Irrationalität oder Dummheit die Hauptursachen von Spekulationsblasen, sondern unvollständige Information und verhaltensökonomische Aspekte.
Stellen Sie sich vor, Sie fahren in einer Autokolonne, welche dasselbe Ziel hat. Die Sicht reicht nicht weit, es ist neblig. An einer Kreuzung passiert es nun, dass die ersten drei Wagen die linke und somit falsche Abzweigung erwischen. Diese drei Lenker senden mit ihrer Wahl ein «Signal» an die Nachfolgenden aus. Möglicherweise glaubt der vierte Fahrer zwar, dass der andere Weg der richtige wäre. Er ist sich aber nicht sicher genug, um von den vorderen Autos abzuweichen – fahren diese doch alle in die andere Richtung.
Nun sind Sie an der Reihe. Auch Sie glauben zu «wissen», dass der rechte Weg der richtige ist. Aber alle Fahrer vor Ihnen sind offenbar anderer Ansicht. Wie entscheiden Sie sich? Dieselbe Geschichte lässt sich auf die Finanzmärkte übertragen. Ein Investor weiss nie über den genauen Wert eines Investments bescheid. Er muss also die zukünftigen Erträge abschätzen und auf dieser Basis entscheiden, ob er investiert oder nicht.
Mit dem Kauf einer Anlage offenbart er schliesslich seine Einschätzung und gibt damit den Hinweis für andere Investoren, dass sich die Investition lohnen könnte. Steigt der Preis dieser Anlage dann auch noch, so wird der Hinweis (vorerst) bestätigt! «Wenn es so viele Käufer gibt und die Preise tatsächlich steigen, so könnte meine eigene Einschätzung falsch sein» denken sich vielleicht andere Investoren, welche der Investition zuerst abgeneigt waren. So mehren sich die Kaufaufträge für ein Investment, das langfristig vielleicht gar kein lohnendes ist und es kann sich eine Spekulationsblase bilden. Dies obwohl jeder Investor rational – aber aufgrund unvollständiger Information – handelt.
Einzig die Investoren, welche sich ganz sicher sind, dass die andere Entscheidung die richtige ist, werden nicht mit der Masse mitgehen. Das Problem dabei: Über künftige Entwicklungen an Finanzmärkten gibt es nie absolute Sicherheit.
Für das iconomix-Team
Ronald Indergand
Vergleiche dazu die iconomix-Fragen in Politics-Economics vom 16. August 2009.
[1] S. Bikhchandani, D. Hirshleifer und I. Welch, 1992. A Theory of Fads, Fashion, Custom, and Cultural Change as Informational Cascades, The Journal of Political Economy, Vol. 100, No. 5, 992-1026.
Ökonomie der Weihnachtsgeschenke
Weihnachten steht vor der Tür und alle zerbrechen sich den Kopf, was sie ihren Liebsten schenken sollen. In den Kaufhäusern, Weihnachtsmärkten und im Internet wird fieberhaft nach Ideen Ausschau gehalten.
Den Detailhandel freuts, ist das Weihnachtsgeschäft doch ein wichtiger Umsatzfaktor. Ein Blick in die Detailhandelsstatistik der letzen zehn Jahre zeigt, dass die monatlichen Umsätze im Dezember im Schnitt rund 30 Prozent höher lagen als in den anderen Monaten (siehe Grafik).
Doch was sagen Ökonomen eigentlich zum Akt des Schenkens und Beschenkt-werdens?
Eine erste Feststellung ist, dass Geschenkgeber über die Wünsche und Bedürfnisse der Empfänger kaum je perfekt informiert sind und somit oft nicht ins Schwarze treffen. Das Resultat: ungetragene Kravatten, zu grosse Hemden und ungelesene Bücher, die kurzerhand wieder auf eBay landen. Selbst wenn der Empfänger etwas Passendes erhält, ist es meist nicht das, was er gekauft hätte, hätte er das Geld nach seinen eigenen Vorlieben ausgeben können.
Der amerikanische Ökonom Joel Waldfogel wollte wissen, wie gross dieser «Verlust» ist. Er bat Studenten, den Geldbetrag für alle Geschenke zu schätzen, die sie zu Weihnachten erhalten haben. Ausserdem sollten sie angeben, wie viel sie für die geschenkten Dinge zu zahlen bereit gewesen wären, hätten sie sie nicht als Geschenk bekommen.
Das Resultat: Die Empfänger massen ihren Geschenken im Durchschnitt 10 bis 30 Prozent weniger Wert bei, als der geschätzte Kaufbetrag. Dabei ist diese Differenz umso grösser, je schlechter der Geber den Empfänger kennt. Übersetzt in die Sprache der Ökonomen heisst das: Weihnachtsgeschenke sind eine recht ineffiziente Form der Ressourcen-Allokation.
Warum schenken wir uns in dem Fall nicht einfach Geld zu Weihnachten? Eine mögliche ökonomische Erklärung ist die Folgende:
Schenken und Beschenkt-werden dienen als Signal. Zum Beispiel möchte eine Geliebte von ihrem Geliebten wissen, ob er sie tatsächlich liebt. Wählt er ein für sie passendes Geschenk, ist dies für sie ein Beweis oder eben Signal für seine Liebe. Dies nicht zuletzt, weil ein passendes Geschenk auszuwählen für ihn aufwendig ist (d.h., Zeit braucht). Wie aufwendig, hängt davon ab, wie gut er sie kennt bzw. wie sehr er sie liebt.
Würde er ihr anstelle des Geschenks einfach eine Banknote überreichen, würde er damit signalisieren, dass es ihm nicht einmal Wert ist, den Versuch zu machen, ein für sie passendes Geschenk zu finden. Sie würde ihm vermutlich gleich den Laufpass geben. Wenn hingegen Eltern ihren Kindern ein Geldgeschenk machen, ist das allenfalls sogar willkommen. Der Unterschied: Die Bindung zwischen Eltern und Kindern bedarf weniger der Bestätigung, als diejenige zwischen Liebenden.
Fazit: Schenken kann selbst für einen Ökonomen Sinn ergeben.
Für das iconomix-Team
Boris Kaiser
Vergleiche dazu die iconomix-Frage in Politics-Economics vom 7. Dezember 2008
Quellen: The Deadweight Loss of Christmas, Waldvogel Joel, The American Economic Review, Volume 83, Issue 5, 1993. - Gregory Mankiw: The Economics of Gifts, Greg Mankiw’s Blog, 24.12.2006
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