iconomix

Schweizerische Nationalbank

Ansicht gefiltert nach:Arbeitsmarkt und Einkommen
Filter zurücksetzen, um alle Beiträge anzuzeigen.

Donnerstag, 08. Juli 2010,
11:22

Südafrika: Road to Equality

Ein sportliches Grossereignis in der Heimat macht einen Menschen glücklicher als die Aussicht auf bessere Bildung oder gar eine Heirat – dies besagt eine Studie der beiden Ökonomen Georgios Kavetsosa und Stefan Szymanski. Hoffentlich gilt dies trotz des frühen Ausscheidens von «Bafana Bafana» bei der Fussball-WM 2010 auch für Südafrika.[1]

Südafrika bedeutet wirtschaftlich gesehen Industrie, Rohstoffe und Diamanten. Das Land erzeugt einen Viertel der gesamten afrikanischen Wirtschaftsleistung; sein BIP pro Kopf ist eines der höchsten auf dem Kontinent. Addiert man hierzu die landesweite, durch die Fussball-WM ausgelöste Begeisterung, dann müsste der durchschnittliche Südafrikaner ausserordentlich glücklich sein.

Die Realität sieht leider anders aus. In Südafrika herrscht grosse Ungleichheit: 20 Prozent der Haushalte werden zur Oberschicht gezählt, sie beziehen insgesamt 60 Prozent des gesamten südafrikanischen Einkommens. Demgegenüber beträgt das Einkommen der ärmeren 50 Prozent der südafrikanischen Haushalte zusammen nur rund 15 Prozent des Gesamteinkommens.[2]

Um Ungleichheit zu messen, verwenden Ökonomen unterschiedliche Verfahren. Eines der bekanntesten ist der Gini-Koeffizient, dessen Wertebereich zwischen 0 und 100 liegt. Mit ihm wird ermittelt, wie das Einkommen einer Gesellschaft über die einzelnen Bewohner verteilt ist. Ein Wert von 0 bedeutet, dass jeder gleich viel verdient. Je näher der Wert bei 100 liegt, desto grösser ist die Ungleichheit. Bei einem Wert von 100 würde das gesamte Einkommen des Landes auf eine Person entfallen.

Für das Jahr 2008 nimmt der Gini-Koeffizient der Einkommensverteilung für Südafrika einen Wert von 57,8 an. Damit zählt Südafrika weltweit zu den zehn Ländern mit der höchsten Einkommensungleichheit. Am anderen Ende der Rangliste steht Norwegen. Mit 25,8 weist es die ausgeglichenste Einkommensverteilung auf. Die Schweiz liegt mit einem Koeffizienten von 33,7 im vorderen Drittel.[3]  

Besonders deutlich ist die Ungleichheit in Südafrika zwischen der schwarzen und der weissen Bevölkerung. Das hat historische Gründe: Südafrika ist noch immer geprägt von der Apartheid, einem System der Rassentrennung, das erst 1994 aufgehoben wurde. Davor waren die Rechte der schwarzen Bevölkerung massiv beschnitten. Schwarze durften beispielsweise nicht wählen und konnten nur «niedere» Tätigkeiten ausüben. Die Auswirkungen dieser Politik sind noch bis heute spürbar, in Form von Benachteiligung bei Bildung, Gesundheit und der Verteilung von Grund und Boden. 

Die 2009 gewählte Regierung um Präsident Jacob Zuma will Armut und Arbeitslosigkeit unter der südafrikanischen Bevölkerung bis zum Jahr 2014 halbieren. Das sind ehrgeizige Ziele für eine Regierung, die eben noch gut 2,8 Mrd. Euro in Fussballstadien und öffentliche Infrastruktur für die WM investiert hat.[4] Viel Geld ist es auch gemessen daran, dass das Bildungs- und Gesundheitssystem Südafrikas grosse Schwachstellen aufweist und vielerorts auch heute noch Strom- und Wasserversorgung keine Selbstverständlichkeit sind.

Derzeit aber ist Südafrika in WM-Euphorie, und nach den Berechnungen von Kavetsosa und Szymanski wird diese bis zu einem halben Jahr über den finalen Schlusspfiff hinaus anhalten.

Für das iconomix-Team
Carolin Straus

[1] G. Kavetsosa und S. Szymanski (2010): «South Africa: not so rich, but happier?freakonomics.blogs.nytimes.com/...»

[2] Kallie Szczepanski: «Poverty and inequality in South Africawww.helium.com/...»

[3] World Bank (2009): «World Development Indicators»

[4] Zum Vergleich: Das entspricht in etwa einem Prozent des südafrikanischen BIPs. Deutschlands Ausgaben für die WM 2006 machten nur 0,3 Prozent am deutschen BIP aus.

Montag, 01. März 2010,
11:01

Humankapital: die meistunterschätzte Investition

Die Chance auf ein gutes Einkommen steigt durch Aus- und Weiterbildung. Zudem sinkt mit jedem Schulabschluss das Risiko, arbeitslos zu werden. Diese positiven Effekte von Bildung werden durch zahlreiche Untersuchungen eindrücklich belegt.

Der Wert aller künftigen Einkommen aus Arbeit stellt das «Humankapital» einer Person dar. Je mehr das persönliche Potenzial durch Ausbildung gesteigert wird, um so höher ist die «Bildungsrendite».

Diese sogenannte «Bildungsrendite» entspricht dem im Vergleich zur nächst tieferen Bildungsstufe zusätzlich erzielten Einkommen und kann mit dem Zinsertrag einer Obligation verglichen werden – anstatt Geld in ein Wertpapier wird Zeit in Bildung investiert.

In der Schweiz beträgt die Rendite einer Ausbildung an einer Fachhochschule oder Universität rund 10%. Investitionen in Humankapital werfen also langfristig eine deutlich höhere Rendite ab als Anlagen in Aktien!

Die Qualität der Bildung hängt von der Qualität des Bildungsangebots ab. Für deren Gewährleistung kann man demonstrieren, wie in den Wochen vor Weihnachten an manchen Unis im In- und Ausland geschehen. Doch eigentlich liegt es in der Eigenverantwortung, das vorhandene Angebot optimal zu nutzen.

Wofür will ich meine Energie und meinen Enthusiasmus einsetzen? Es ist dies eine Frage der persönlichen Lebensgestaltung. Der Rat der Blogautorin: Beginnen Sie mit kleinen, konkreten Schritten.

Doris Schönemann

Donnerstag, 11. Juni 2009,
15:09

Jugendarbeitslosigkeit

43‘000 Jugendliche werden im Jahr 2010 ohne Arbeit dastehen, falls die neuesten Prognosen des Staatssekretariats für Wirtschaft (seco) zutreffen. Dies entspräche einer Arbeitslosenquote von 7,7% unter den 15-24 Jährigen.


Jugendliche sind punkto Arbeitserfahrung und Qualifikationen den älteren Arbeitssuchenden oft unterlegen. Daher stellt die Stellensuche für Junge meist eine grosse Herausforderung dar. Ganz besonders in Zeiten wie diesen, in denen sich die Wirtschaftskrise nach und nach auch auf dem Arbeitsmarkt bemerkbar macht. Was kann getan werden?


Viele Unternehmen zeigen sich solidarisch mit den Jugendlichen (siehe SonntagsZeitung vom 07.06.2009). Sie helfen bei der Stellensuche oder beschäftigen Lehrabgänger, die keinen Job finden, vorläufig weiter. Jedoch reichen freiwillige Massnahmen oft nicht aus, um die Situation spürbar zu entschärfen.


Der Staat leistet Hilfe indem z.B. der Bund Lehrabgänger, die keine Stelle finden, bis zu 9 Monate an einer anderen Bundesstelle weiterbeschäftigt. Praktika und Lehrstellen in privaten Firmen werden vermittelt und mit finanziellen Zuschüssen unterstützt. Zudem werden «Übungsfirmen» finanziert und gefördert.


Für weitere Informationen über die Aktivitäten des Bundes bei der Stellenvermittlung siehe hier.


Grossen Einfluss auf den Erfolg einer Jobsuche haben aber auch die Stellensuchenden selbst. Durch gezielte Weiterbildung, Umschulung und Erwerb von zusätzlichen Qualifikationen lassen sich die Erfolgsaussichten individuell verbessern, gerade auch in schwierigen Zeiten.


Solche zusätzlichen Qualifikationen, wie Sprach- und Computerkenntnisse und Erfahrungen aus nebenberuflichen Tätigkeiten, welche z.B. die Kommunikations- und Teamfähigkeit oder organisierendes Denken fördern, können für den Arbeitgeber bei der Auswahl ausschlaggebend sein.


Für das iconomix-Team

Ronald Indergand


Vergleiche dazu die iconomix-Fragen in Politics-Economics vom 14. Juni 2009

Donnerstag, 05. Februar 2009,
09:54

Entlohnung in der Bankbranche

Medienberichten zufolge will die UBS für das Jahr 2008 Boni in Milliardenhöhe entrichten. Und das obwohl die Grossbank in Schwierigkeiten geraten und seit letzten Herbst auf staatliche Hilfe angewiesen ist. Dies hat in der Öffentlichkeit zu einer hitzigen Debatte über die Entlohnungspolitik der UBS geführt. Kritiker verlangen, dass die geplanten Bonuszahlungen gekürzt oder sogar ganz ausgesetzt werden.

Der Unmut ist nicht zuletzt so gross, weil die Löhne in der Bankbranche oft als ungerecht und zu hoch empfunden werden. Ein Blick in die letzte Lohnstrukturerhebung des Jahres 2006 zeigt, dass Bankangestellte im Vergleich mit allen anderen Branchen in der Tat am meisten verdienen. Der Median des Bruttomonatslohns im Kreditgewerbe ist mit rund 8500 Franken am höchsten. Zum Vergleich: in der gesamten Wirtschaft beträgt er knappe 5900 Franken.

Warum verdienen Arbeitnehmer bei den Banken im Schnitt deutlich mehr als in anderen Branchen?

Eine mögliche Erklärung liegt in der Arbeitsproduktivität. Diese misst die Wertschöpfung, also den Wert der produzierten Güter und Dienstleistungen, pro Arbeitsstunde. In der Bankbranche ist die Arbeitsproduktivität u.a. höher, weil das Bankengeschäft sehr kapitalintensiv sind. Dazu kommt, dass die Arbeitnehmer bei Banken im Schnitt über eine gute Ausbildung (Humankapital) verfügen.

Einen weiteren Grund sieht Hansueli Schöchli, Journalist bei Der Bund, in der hohen Rentabilität des Bankgeschäfts:

 

Die Löhne sind überdurchschnittlich hoch, weil das Geschäft überdurchschnittlich rentabel ist. Nach Lehrbuch sind hohe Renditen in der Regel durch hohe Risiken und/oder einen Mangel an Wettbewerb zu erklären. Bei den Banken spielt beides eine Rolle, doch im traditionell rentabelsten Geschäft der Vermögensverwaltung profitieren die Banken vor allem vom Mangel an Preiswettbewerb: Die Kunden sind in der Regel keine Schnäppchenjäger (in Boomzeiten ohnehin nicht), die Gebühren sind oft nicht transparent, neue Anbieter haben es mangels Vertrauenskapital eher schwer, und die mentalen sowie administrativen Hürden für einen Bankwechsel sind erheblich. (Der Bund, 31.1.2009)

 

Desweitern haben Bankangestellte im Schnitt eher weniger Absenzen als Arbeitskräfte in anderen Branchen und leisten gleichzeitig doppelt so viele Überstunden als im gesamtwirtschaftliche Durchschnitt.

Angebot und Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt spielen ebenfalls eine wichtige Rolle. Gute und fähige Bewerber sind – oder waren zumindest bis vor kurzem – sehr gefragt und die Banken konkurrieren einander bei deren Rekrutierung. Dies steigert tendenziell die Löhne. Besonders im Kampf um die besten Kaderleute bieten sich die Banken mit attraktiven Lohnangeboten gegenseitig hoch.

Die oben genannten Erklärungsansätze werfen Licht auf die Frage, warum z.T. beträchtliche Lohnunterschiede zwischen Branchen bestehen. Die Frage, in welchen Fällen und ab welcher Höhe Boni für Bankangestellte «unangemessen» oder «zu hoch» sind, ist damit nicht beantwortet.

Ausblick: Am 10. Februar 2009 wird die UBS im Rahmen der Quartalsberichterstattung u.a. zu den Bonuszahlungen Stellung nehmen (siehe hier).


Für das iconomix-Team

Boris Kaiser



Vergleiche dazu die iconomix-Fragen in Politics-Economics vom 8. Februar 2009.


Hinweis: Im Frühling 2009 wird iconomix das vollständig überarbeitete Modul «Lohnunterschiede» aufschalten.

Freitag, 23. Januar 2009,
10:00

Kostendruck

Der Wirtschaftsabschwung bringt viele Unternehmen in eine schwierige Lage. Die Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen geht zurück, die Umsätze und Gewinne schmelzen. Um weiterhin rentabel arbeiten zu können, sind viele Unternehmen gezwungen, ihre Kosten zu senken. Man spricht von Kostendruck. Welche Massnahmen werden getroffen?

Zum einen versuchen viele Unternehmen, Personal- und Verwaltungskosten einzusparen. Dabei machen vor allem die Löhne und Sozialversicherungsbeiträge einen grossen Teil des Geschäftsaufwands aus. Unter anderem haben etliche Banken, Automobilproduzenten (z.B. Ford, GM, Chrysler, Volvo) und auch Technologieunternehmen (z.B. Intel, Microsoft, OC Oerlikon) Stellenabbau angekündigt oder bereits vollzogen. Damit können Unternehmen ihre unterausgelasteten Kapazitäten abbauen, defizitäre Geschäftsbereiche verkleinern und versuchen, insgesamt die Effizienz zu steigern.

In der Schweiz haben Unternehmen die Möglichkeit, beim Arbeitsamt Kurzarbeit zu beantragen (siehe hier). Kurzarbeit heisst, dass die Mitarbeiter aufgrund kurzfristiger Arbeitsausfälle während einer gewissen Zeit nicht ihr volles Arbeitspensum ausüben. Während dieser Zeit übernimmt die Arbeitslosenversicherung (ALV) 80 Prozent des entstandenen Verdienstausfalls. Dies ermöglicht dem Arbeitgeber, eingearbeitete und qualifizierte Arbeitskräfte nicht entlassen zu müssen, selbst wenn vorübergehend zu wenig Arbeit vorhanden ist.

Eine weitere Kostensenkungsmassnahme ist, die Ausgaben für Werbung und Sponsoring zu kürzen, da diese für die Geschäftstätigkeit zumindest in der kurzen Frist nicht zwingend nötig sind. Die Inseratestatistik der Schweizer Presse zeigt, dass die Anzahl Inserate und damit die Werbeeinnahmen der Printmedien gegen Ende 2008 stark zurückgegangen sind. Dies trifft umgekehrt die Zeitungen hart, weil Werbeinserate eine wichtige Einnahmequelle darstellen.

Wir werden auch in der nächsten Zeit mit Nachrichten über Kostensenkungsmassnahmen leben müssen. Denn solange die Aussichten für den Geschäftsverlauf schlecht sind, gehören solch einschneidende Massnahmen zum Unternehmensalltag.


Für das iconomix-Team

Boris Kaiser


Vergleiche dazu die iconomix-Fragen in Politics-Economics vom 25. Januar 2009.

Donnerstag, 27. November 2008,
12:42

Piraten sind schlechte Ökonomen

Piraten machen das Meer am Horn von Afrika unsicher und rauben riesige Werte zusammen. Doch Piraten und Banditen verlieren meist alles wieder. Diesen ökonomischen Leerlauf hat Claudio Besozzi vor bald zehn Jahren detailliert untersucht.


Warum aber lassen sich immer wieder – meist junge – Menschen auf Raub und Diebstahl ein, warum suchen sie die Schattenwirtschaft, warum lieben sie mafiöse Strukturen? Die Räuber und die Piraten haben oft als Individuen einen Aussenseiterstatus und hätten im legalen Geschäft grosse Mühe. Sodann aber tritt die eigentliche Selbsttäuschung über die ökonomische Seite ein – illegale Geschäfte scheinen enorme, rasche Profite zu bringen. Dies denken meist auch alle braven Leute, die legalen Geschäften nachgehen und regen sich nur schon deshalb über die Piraten und Räuber auf. Doch Besozzi hat minutiös in vielen Mafia-Biographien herausdistilliert, dass der Aufwand immer ebenso gross ausfällt. Man muss Mitwisser und Helfer an der Beute beteiligen, man ist von ihnen jahrelang erpressbar. Sodann verursachen die kostspieligen Fluchtrouten grosse Hotel- und Reisespesen. Viele Beutestücke müssen weit unter dem Wert an Hehler verscherbelt werden.


Angesichts der Unwägbarkeiten der Piraten- und Räuberexistenz verfallen die meisten dem unmittelbaren Genuss, man geniesst rasch, was man hat. Immerhin kann das Mitmachen in einer mafiösen Vereinigung eine gewisse Stabilität bringen, Regeln werden beachtet, der Zusammenhalt erzwungen, Absatzwege fürs Raubgut werden regulärer und rentabler.


Damit zeigt sodann Besozzi auf, dass als persönliches und ökonomisch rationales Ziel der Eintritt in die legale Welt gesucht wird. Man erwirbt Immobilien, Spielsalons, Restaurants, wo die Gelder als Erträge vorgezeigt – gewaschen – werden können. Besozzi zeigt aber gerade der hohen Aufwendungen wegen, dass kaum Geld im Milliardenrythmus gewaschen werde und so eine Gefahr für die legale Volkswirtschaft darstellen müsse.

Das ist zwar für die Bestohlenen kein grosser Trost, aber die Gesellschaft kann mit einer festen Hand doch offenbar den Banditen und Piraten mehr „Kosten“ auferlegen als sie ahnten. Ein anderer Oekonom, Mancur Olson, vermutete sogar, dass sich Räuber- und Piratenbanden mit der Zeit im Territorium festsetzen, ein Interesse an Regeln bekommen, andere Banden stilllegen und die Einwohner nur so weit rupfen, dass diese weiter arbeiten. Letztlich entstehe, so Olson, der „stationäre Bandit“, der Staat. Für Somalia kann man dies eigentlich nur hoffen.


Quellen:

Mancur Olson, “Dictatorship, Democracy and Development”, American Political Science Review, Sept. 1993.

Claudio Besozzi, “Wohin mit der Beute? Eine biographische Untersuchung zur Inszenierung illegalen Unternehmertums”, Haupt, Bern, 2001.

Freitag, 29. August 2008,
15:32

Das jährlich wiederkehrende Ritual der Lohnverhandlungen

Jeweils gegen Ende der Sommerferien beginnt der Poker über die Löhne für das nächste Jahr. Die Gewerkschaften präsentieren ihre Forderungen für Lohnerhöhungen und die Arbeitgeber weisen dieselben mit Entsetzen zurück. Die Einigung im Verlaufe des Herbstes entspricht dem üblichen Ritual.

Im laufenden Jahr stellt der hohe Teuerungsschub eine Besonderheit dar, der beiden Verhandlungspartnern zu schaffen macht. Denn für die Gewerkschaften ist klar, dass der volle Teuerungsausgleich die undiskutable Basis jeder Lohnrunde ist. Aus Sicht der Arbeitgeber geht aber bereits der volle, automatische Teuerungsausgleich zu weit.

Die Gewerkschaften verlangen neben dem vollen Teuerungsausgleich eine Reallohnerhöhung von 1.5% bis 2.5%. Gesamthaft sollten die Lohntüten der Arbeitnehmer im kommenden Jahr also 4% bis 5% mehr enthalten als 2008. In der laufenden Lohnrunde können die Gewerkschaften sogar mit dem Fünfer und dem Weggli argumentieren: Bei gutem Wirtschaftsverlauf (wie in den letzten Jahren) gibt es „Nachholbedarf“ infolge gestiegener Produktivität und bei konjunktureller Abkühlung (gemäss aktuellen Prognosen) muss die Kaufkraft gestärkt werden, um den Konsum und damit die Konjunktur nicht abzuklemmen.

Auch den Arbeitgebern fehlt es nicht an guten Argumenten wenn es darum geht, die „überrissenen“ Lohnforderungen abzuwehren. So ist eine bevorstehende konjunkturelle Abschwächung der falsche Zeitpunkt, um die Löhne anzuheben. Höhere Löhne bedeuten höhere Kosten. Höhere Kosten wiederum bewirken einen Verlust an Wettbewerbsfähigkeit und setzen eine Lohn-Preis-Spirale in Gang.

Wer hat Recht? Beide, sowohl die Gewerkschafter als auch die Arbeitgeber sind auf einem Auge blind, wenn sie die Lohnfrage nur aus ihrer Perspektive beurteilen. Denn die Löhne sind einerseits tatsächlich der wichtigste Konsumtreiber, werden doch 60% der gesamtwirtschaftlichen Einkommen zum Konsum verwendet. Anderseits sind die Löhne mit ebenfalls über 60% der wichtigste Bestandteil der gesamten Produktionskosten.

Was sind die entscheidenden Kriterien zur Lohnfestsetzung? Das Geld für Lohnerhöhungen muss jedes einzelne Unternehmen selber erarbeiten. Deshalb sind Lohnanpassungen erstens an der wirtschaftlichen Situation der einzelnen Firma auszurichten. Zweitens haben sich die Löhne an der Leistung des Individuums zu orientieren. Drittens ist die Situation auf dem relevanten Arbeitsmarktsegment mitentscheidend für die Lohnanpassung. Und viertens ist auch die Teuerung ein Element der Lohnverhandlungen.

Quintessenz deshalb: Lohnpolitik ist kein geeignetes Instrument zur Konjunktursteuerung.

Freitag, 22. August 2008,
15:56

Hohe Managerlöhne – So war der Unterricht

(vgl. Blog vom 30.06.2008 Thema Managerlöhne – fix vorbereitet)

Mit Schlagzeilen aus nationalen Zeitungen zum Thema hohe Managerlöhne begrüsste ich die Klassen wenige Tage vor den Sommerferien. – Klassen, na ja, Rumpfklassen während der Sonderwochen von einmal sieben, ein weiteres Mal acht, mir unbekannten Lernenden, zusammengewürfelt aus verschiedenen Ausbildungsniveaus und Ausbildungsjahren.

Für eine Gruppenbildung, so wie es das A-la-Carte-AngebotCheflöhne vorsah, reichte die Anzahl der Lernenden leider nicht aus. Damit war auch ein Austausch der Lernenden vor der Abgabe der Entscheidungen nur bedingt möglich: Teilweise bildeten einzelne Lernende eine „Gruppe“.

Mit der Erklärung, dass es in den kommenden zwei Lektionen um ein Experiment geht, in dem die Lernenden erfahren sollen, wie Löhne für Manager zu Stande kommen, stieg ich ein. Anschliessend folgte ich dem Experiment-Szenario. Die im A-la-Carte-Angebot zur Verfügung gestellten Folien und Entscheidungsblätter waren sehr hilfreich und klar verständlich. Den Umgang mit Berufsmaturanden gewohnt, war ich etwas erstaunt, dass die Aufgabenstellung doch einige der Lernenden aus diesen Rumpfklassen sehr stark forderte.

Dementsprechend lange dauerten die Entscheidungs- und Auswertungsphasen, da allein schon die einfachen Berechnungen zum Teil ohne Hilfe nicht bewerkstelligt werden konnten. So musste ich etwas improvisieren, zum Teil von Gruppe zu Gruppe bzw. den einzelnen Lernenden gehen, um Unterstützung zu bieten. Schnell war mir klar, dass ich kaum dazu kommen werde, das Experiment in kurzer Zeit abzuschliessen, um anschliessend die Auswertung sowie die Bearbeitung von Zeitungsartikeln vorzunehmen.

Kurzerhand entschied ich mich, die vorbereiteten Texte denjenigen auszuhändigen, die sich mit den Entscheidungen und Berechnungen leichter taten und erteilte ihnen einen Leseauftrag.

Die insgesamt vier Spielrunden beanspruchten rund eine Stunde. Mit der abschliessenden Auswertung gemäss Szenario konnte das Experiment zwar innerhalb der Doppellektion in sich rund durchgeführt werden. Ein Ausblick auf die in der Realität laufenden Diskussionen durch den geplanten Einbezug der Zeitungsartikel war leider nicht mehr möglich. Dennoch waren die Lernenden von den Erfahrungen mit dem Experiment beeindruckt. Zudemhat’s Spass gemacht.

Im gewohnten Umfeld mit Maturaklassen schätze ich, dass ca. 20 Minuten für die Spielrunden gereicht hätten. Eine anschliessende Auswertung sowie ein Ausblick in die Medien wären innerhalb von zwei Lektionen gut möglich gewesen.

Freitag, 25. Juli 2008,
15:17

Billiger ist mehr

Die so genannte Schere zwischen Arm und Reich öffnet sich in den USA immer weiter. Darin sind sich Globalisierungs- kritiker, US Präsidentschaftskandidaten und renommierte Ökonomen einig. Im voxEU Blog ist mir kürzlich einen Beitrag aufgefallen, der diese Ansicht zu revidieren wagt.


Es ist eine Tatsache, dass ein Haushalt aus der Einkommens- gruppe der oberen 10% im Jahre 1994 10.6 mal mehr verdiente als ein Haushalt aus den unteren 10%. 2005 waren es schon 11.2 mal mehr. Genau hier setzt nun aber das Hauptargument des Autors an. Nach ihm sagt diese Zahl nur aus, wie viel man hat, und nicht, wie viel man sich davon kaufen kann.


Denn wer mehr verdient, ändert sein Konsumverhalten. So geben Vermögende einen grösseren Teil ihres Einkommens für Dienstleistungen aus als für Konsumgüter wie Nahrungsmittel und Kleider. Der Anteil der Konsumgüter an den Gesamt- ausgaben ist bei den ärmsten Haushalten 12% höher als bei den Topverdienern.


Gleichzeitig sind in den letzten Jahren die Preise für Dienst- leistungen relativ zu den Güterpreisen stärker angestiegen. Somit war die Inflation von 1994-2005 für die obere Einkommensgruppe 6% höher als für die untere. Berechnet man dies mit ein, hat sich die Einkommens- ungleichheit in diesem Zeitraum kaum verändert.


Hinzu kommt, dass wer mehr Geld hat, sich eher Qualitäts- produkte leistet. Deren Preise sind höher und steigen schneller an. Hingegen kaufen weniger Vermögende häufiger im Wal-Mart und anderen Tiefstpreissupermärkten ein. Gemäss Berechnungen des Autors ist an diesen Orten das Angebot chinesischer Importprodukte am stärksten gewachsen. Dadurch machen Billigimporte aus China den Anstieg der Einkommensungleichheit seit 1994 um einen Viertel wett. Fazit: Der positive Effekt des Handels mit China auf die Kaufkraft ist für die unteren Einkommensschichten grösser.


Ein möglicher Einwand ist sicher, dass der jüngst starke Anstieg der Öl- und Lebensmittelpreise die Ärmsten am härtesten trifft. Gemäss dem Autor macht dies aber über den betrachteten Zeitraum nur wenig aus. The Economist verweist in seiner Diskussion zudem auf den klassischen Messfehler bezüglich Teuerung: Beim berechneten Preisanstieg der Dienstleistungen bleiben Qualitätsverbesserungen un- berücksichtigt. Würden diese Effekte bei der Berechnung einbezogen, hätte dies eine senkende Wirkung auf die Inflation der Reichen.


Die Studie liefert meiner Ansicht nach in zweierlei Hinsicht Diskussionsstoff für den Unterricht. Einerseits betrachtet sie das Thema der Einkommensungleichheit anhand des Konzepts der individuellen Teuerung (das BFS bietet übrigens auf der Homepage einen individuellen Teuerungsrechner an). Weiter betrachtet sie die Folgen des Freihandels für die unteren Einkommensschichten aus einer ungewohnten Perspektive: er ermöglicht ihnen ein höheres Konsumniveau. Ob jedoch im einzelnen der DVD-Player den verlorenen Job kompensieren kann, ist eine andere Frage. Für eine kritischere Sicht siehe den Beitrag von Krugman, ebenfalls im voxEU Blog.


Für das iconomix-Team

Franziska Barmettler


Mehr dazu: 'The Free-Trade Paradox' in The New Yorker, A la Carte Baustein auf zu Kaufen auf iconomix.ch (forthcoming)

Mittwoch, 02. Juli 2008,
14:40

Lohn-Preis-Spirale

Das Gespenst der Lohn-Preis-Spirale geistert gegenwärtig durch die Medien. Bei allen, die wie ich die 70er Jahre nicht miterlebt haben, hält sich der Schrecken allerdings in Grenzen.


Was meint Lohn-Preis-Spirale? Da für die Arbeitnehmenden die Reallöhne (= Nominallohn minus Inflation) wichtig sind, können höhere Inflationserwartungen zu höheren Lohnforderungen führen, was die Kosten der Unternehmen hochtreibt. Für das In-Fahrt-Kommen der Spirale ist entscheidend, inwieweit die Unternehmen höhere Lohnkosten via Preiserhöhungen an die Konsumenten überwälzen können.

Dieser Spielraum hat während des Konjunkturaufschwungs der letzten Jahre zugenommen, obwohl viele Branchen nach wie vor in einem ausgeprägten Preiswettbewerb stehen. Auch führt die Knappheit an qualifizierten Arbeitskräften zu zusätzlichem Lohndruck auf dem Schweizer Arbeitsmarkt.


Gegen eine allzu grosse Gefahr von sogenannten Zweitrundeneffekten sprechen die aktuellen Prognosen. Sie sagen eine deutliche Abschwächung der Konjunktur voraus, was den Inflationsdruck senken dürfte.


Schliesslich ist auch die wirtschaftspolitische Grundhaltung der heutigen Entscheidungsträger nicht mehr dieselbe wie vor gut 30 Jahren. Wollte Kanzler Helmut Schmidt 1972 noch "lieber fünf Prozent Inflation als fünf Prozent Arbeitslosigkeit" in Kauf nehmen, bezeichnete Angela Merkel Inflation jüngst als "das Unsozialste überhaupt".


Die Politics-Economics und somit das Add-on im iconomix-Blog gehen nun in die Sommerpause. Ich werde vorläufig aber munter weiter bloggen, zu den verschiedensten Themen - Hauptsache Ökonomie. Inputs sind willkommen.


Für das iconomix-Team

Franziska Barmettler


Mehr dazu: In den Politics–Economics vom 29. Juni

 

Neuste Artikel

Studienwoche «Finanzplatz Schweiz»

Schweizer Jugend forscht führt dieses Jahr die zweite Studienwoche zum Thema «Finanzplatz...

Finanzmarktreform: eine Zwischenbilanz

Damit sich die Finanzkrise nicht wiederholt, müssen die Finanzmärkte besser reguliert werden....

Eine Handelsromanze, Anno 1817

David Ricardos «Theorie der komparativen Kostenvorteile» wurde 1817 veröffentlicht und gilt...

Südafrika: Road to Equality

Ein sportliches Grossereignis in der Heimat macht einen Menschen glücklicher als die Aussicht...

Chile: der südamerikanische Tabellenführer

Lateinamerikanische Länder waren lange Zeit für ihre politische und wirtschaftliche...

 

Letzte Kommentare

Danke für Hinweis
09.07.2010 08:40
Link funktioniert nicht
30.06.2010 00:53
Das Portrait zum Echo
18.06.2010 12:46
Die Wettanbieter liegen immer richtig, der Markt nicht immer
15.06.2010 00:25
 

Archiv