iconomix

Schweizerische Nationalbank

Freitag, 19. März 2010,
17:51

Warum wir Steuern zahlen

Während man sich in den Steuerämtern und den Medien fragt, welche Leute am meisten Steuern hinterziehen, lautet die Frage unter Ökonomen genau andersrum: weshalb bezahlen die Leute überhaupt Steuern? Angesichts hoher Steuersätze, einer geringen Wahrscheinlichkeit, kontrolliert zu werden und geringen Strafen kommen zahlreiche ökonomische Studien zum Schluss: dass Bürger Steuern zahlen, ist ein Rätsel.

In der von der Psychologie inspirierten Verhaltensökonomie ist man dem Rätsel ein Stück weit auf die Spur gekommen. Hier geht man davon aus, dass der Mensch nicht immer nach dem Optimum sucht, sondern dass er sich auch mit einer befriedigenden Lösung begnügt, wenn sie ihm nahegelegt wird: ein vertretbares Mass an Steuern wird akzeptiert.

Weiter ist die subjektive Wahrnehmung der Steuerzahler mitunter verzerrt. So fanden Forscher heraus, dass Verluste aufgrund von Nachzahlungen schwerer wiegen als Gewinne aus Steuereinsparungen in gleicher Höhe, oder dass die geringe Eintrittswahrscheinlichkeit von Kontrollen systematisch überschätzt wird. Die Rationalität der Individuen ist also begrenzt.[1]

In sozialwissenschaftlich orientierten Studien wird demgegenüber der Steuermoral ein wichtiger Einfluss beigemessen. Die Steuermoral hängt zum einen von der Höhe der Besteuerung ab. Zum anderen spielen Faktoren wie Zufriedenheit mit der Politik, Beurteilung der Steuergerechtigkeit oder Vertrauen in die Ehrlichkeit anderer Leute eine Rolle. Es geht um die politische Mitbestimmung und um den Gemeinschaftssinn. In Bezug auf die Schweiz werden z.B. die ausgeprägten Volksrechte als förderlich für die Steuermoral angesehen.[2]

Der Einfluss der Moral auf das Steuerzahlungsverhalten ist also nicht zu unterschätzen, und die grosse Mehrheit der Bürger scheint sich ihrer Verantwortung für das Gemeinwesen bewusst zu sein. Im internationalen Vergleich schneidet die Schweiz gut ab: Das Ausmass der Schattenwirtschaft in Prozent des BIP – die Grösse korreliert negativ mit dem Mass der korrekten Steuerbezahlung – ist vergleichsweise gering, die Schweiz weist unter den OECD-Ländern den zweittiefsten Wert auf.[3]

Für das iconomix-Team
Simon Schmid

Vergleiche dazu den letzten Text- und Frageblock in den Politics-Economics vom 21. März 2010http://www.iconomix.ch/de/alacarte/detail/a015/journal/politics-economics-21-maerz-2010/.

[1] W. Franzen (2008): «Was wissen wir über Steuerhinterziehung»

[2] L. P. Feld und B. S. Frey (2007): «Tax Evasion in Switzerland»

[3] F. Schneider, B. Torgler und C. A. Schaltegger (2008): «Kompaktwissen Schattenwirtschaft und Steuermoral in der Schweiz»

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  • 6 Kommentare
Christian Fürst
Montag, 22. März 2010,
20:34
Kontolle für den kleinen Bürger ist da

Als ein solch grosses Rätsel erscheint es mir nicht, dass der „normale“ Bürger in der Schweiz seine Steuern bezahlt. Die meisten von uns Normalverdienern haben nur sehr beschränkte Möglichkeiten Steuern zu hinterziehen. Unser Vermögen ist klein und die Vermögenssteuer ist ein kleiner Bestandteil unserer Steuerrechnung, wenn überhaupt. Der happige Anteil ist die Einkommenssteuer. Meistens haben wir nur einen Lohnausweis unseres Arbeitgebers, den wir der Steuererklärung beilegen. Hat von euch schon jemand seinen Lohnausweis gefälscht? Da würde sich ein hübsches Sümmchen einsparen lassen, oder nicht?

Wenn man infolge eines Stellenwechsels einmal für ein paar Monate kein Salär und demzufolge auch keinen Lohnausweis für die entsprechende Zeit hat, hackt das Steueramt gleich nach, ob nicht etwas vergessen gegangen sei…

Aber da sind ja noch die Abzüge, lässt sich wohl hier etwas machen? Wenn ich den ÖV benutze und gleichzeitig noch den Abzug für das Velo geltend mache, sagt mir das Steueramt ich hätte eine Bushaltestelle vor meiner Haustüre, ich könne also den Bus nehmen bis zum Bahnhof, der sei ja dabei im ÖV-Billet. Und dann noch das ganze GA abziehen, kommt gar nicht in Frage, für ihren Arbeitsweg reicht ja ein Zonenbillet. Also bleibt mir noch der Abzug der Säule 3a und dieser ist legal.

Meiner Meinung nach unterstreichen die oben genannten Beispiele, dass die Wahrscheinlichkeit kontrolliert zu werden doch nicht so klein ist. Wahrscheinlicher ist es, dass es keine Rolle spielt, ob man die Steuererklärung zu früh oder genau rechtzeitig einreicht. Zu früh abgeben heisst nicht automatisch, dass sie dann genauer überprüft wird, weil die Angestellten des Steueramtes dann mehr Zeit zur Kontrolle haben, oder?

Wie auch immer, Fakt ist, dass die Höhe der Steuer massgebend ist für die Steuermoral. Je höher die Steuer, desto intensiver die Suche nach Steuerschlupflöchern.

Wir Schweizer sind doch wirklich ziemlich objektiv was unsere Steuern betrifft. Wir haben am 27. September 2009, Mitten in der Wirtschaftskrise einer Erhöhung der Mehrwertsteuer um 0.4% zugestimmt, lassen uns aber auch nicht alles nehmen, siehe Nein zur Reduktion des Umwandlungssatzes der Pensionskasse. Wir können Einfluss nehmen, dies sicher auch ein Grund für unser gutes Abschneiden im Bezug auf unsere Steuermoral.

 

Miriam
Mittwoch, 24. März 2010,
12:17
HI

Deswegen zahlen wir doch keine Steuern :-D

Aita
Mittwoch, 31. März 2010,
22:45
Ach unsere Steuern

Aus meiner Sicht, hat die Zahlungsmoral gewiss etwas mit der „Gerechtigkeit“ zu tun. Fühlt sich eine Person von den Behörden unrecht behandelt, hat sie Mühe, den Zahlungen nach-zukommen. In der Gesellschaft hört man viel „schon wieder so viele Steuern zahlen“. Wenn man diese Aussage so oft hört, dann muss fast etwas dran sein. Ich stimme auch voll und ganz zu, dass die Höhe der Steuerrechnung ausschlaggebend ist. Wer zahlt denn schon gerne hohe Rechnungen? Wenn die Summe klein ist, denkt man nicht einmal nach, wenn sie aber höher ist, dann fangt man an zu fluchen usw. Trotz allen Aussagen und Sprüche über die Bezahlung der Steuern, glaube ich, dass alle Schweizer wissen, weshalb sie dies tun müssen. Für mich persönlich sind die Steuerzahlungen unumgänglich, es gibt kein wenn und kein aber. Und so geht es vielen anderen auch, davon bin ich überzeugt. Sie zahlen nicht gerne aber sie tun es!

Christoph Anderes
Samstag, 03. April 2010,
10:59
Gewissen

Ich denke was auch ein Grund ist weshalb wir Steuern zahlen ist die Erziehung, beziehungsweise wie wir vorbereitet werden die Steuererklärung korrekt auszufüllen. „Dieses Amt“ trägt in unserer Gesellschaft einen hohen Stellenwert. Von klein auf wird uns beigebracht was richtig und was falsch ist. Das schlechte Gewissen steckt in jedem Menschen. Wenn nun jemand falsche Steuerwerte einsetzt und darauf hoffen muss nicht entlarvt zu werden, erfasst ihn ein dieses Gefühl. Welcher brave Bürger will eine Busse des Steueramtes erhalten und somit immer kontrolliert werden? Eine weitere Frage stellt sich mir, wieso nehmen wir Bussen aus dem Verkehr so leichtfertig hin? Obwohl wir Menschenleben gefährden!?

iconomix-Team, Simon Schmid
Montag, 12. April 2010,
16:30
Steuermoral und Steuerehrlichkeit

Einige Blogkommentare haben darauf hingewiesen: Es sind kaum die Lohnempfänger und Kleinunternehmer, die in der Schweiz Steuern hinterziehen. Damit sich Steuerhinterziehung überhaupt lohnt, muss ein grösserer Anreiz da sein – sprich, es muss um grössere Summen gehen.

Verlässliche Zahlen zur Steuerehrlichkeit sind naturgemäss schwierig zu ermitteln. Die Sendung ECO berichtet in einer Reportage vom 22. März 2010 von der Einschätzung einer Gemeinde aus dem Kanton Bern, wonach sich unter 11‘500 Steuererklärungen nur 20-30 Fälle von Steuerhinterziehung befinden.

Auch Untersuchungen zur Steuermoral – hier wird die subjektive Einstellung der Steuerzahler zum System gemessen – sind mit Unsicherheit behaftet. Erstaunlicherweise figuriert die Schweiz in einer

Simon Schmid
Dienstag, 11. Mai 2010,
18:03
Arithmetische und moralische Kreisläufe

Wie hängen Steuermoral und Steuervermeidung zusammen? Was für Auswirkungen hat eine Erhöhung des Steuersatzes? Wie wirkt sich Zuwanderung auf den Steuerertrag aus?


Solche Fragen lassen sich leichter beantworten, wenn man eine gute Grafik wie diese zur Hand hat:




Die Darstellung stammt von Roland Waibel, Professor für Betriebswirtschaft an der Fachhochschule St. Gallen. Im Artikel «Die Pflege der Steuermoral zahlt sich aus» beschreibt er sie ausführlich.[1]


Waibels Fazit: Steuerzahler wollen kultiviert, nicht ausgebeutet werden.


Für das Iconomix-Team

Simon Schmid


[1] Erschienen in der «Finanz und Wirtschaft» vom 28. April 2010

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