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Freie Schulwahl für alle
Wer mit der öffentlichen Schule am eigenen Wohnort nicht einverstanden ist, hat zwei Möglichkeiten: Wechsel des Wohnortes oder Privatschule auf eigene Kosten.
Eine Initiative, über die dieses Wochenende im Kanton Thurgau abgestimmt wird, fordert, dass sich dies ändert: Unabhängig von Wohnort oder Trägerschaft sollen Eltern die Schule ihrer Kinder frei wählen können.[1] Zwischen öffentlichen und privaten Schulen sollen gleich lange Spiesse herrschen.
Vorschläge zur freien Schulwahl rütteln am System, denn sie stützen sich auf einen liberalen Kerngedanken: Nicht über die staatliche Zuteilung, sondern über einen Markt soll von der Primarstufe an geregelt werden, welche Kinder an welcher Schule ihre Bildung erhalten. Mehr Wahlfreiheit soll also mehr Wettbewerb und damit auch mehr Ansporn, Transparenz und Bildungsqualität bringen.
Damit ein Markt optimal funktionieren kann, ist die vollständige Information der Marktteilnehmer eine wichtige Voraussetzung. Nur Eltern, die über die Angebote Bescheid wissen, werden für ihre Kinder die richtige Schule auswählen. Die objektive Messung von Schulqualität ist bereits heute ein Forschungsthema. Allerdings gibt es noch keinen Konsens über die richtigen Indikatoren. Werden vielleicht Internet-Vergleichsdienste eines Tages die Sparte „Primarschule“ führen?
Damit ein Markt überdies die richtigen Ergebnisse herbeiführt, sollten die Zugangsbarrieren für alle Marktteilnehmer möglichst tief sein. Noch ist es fraglich, ob bei einer freien Schulwahl dieses Kriterium gegeben wäre, denn: Wohlhabende und besser gebildete Eltern haben weniger Mühe, gute Schulen für ihre Kinder auszuwählen. Deshalb garantieren auch staatliche Bildungsgutscheine und Kostenbeschränkungen für Privatschulen noch nicht, dass Kinder aus bildungsfernen Schichten vom Bildungswettbewerb wirklich profitieren können.[2]
Freie Schulwahl gibt es heute schon, doch ist sie tendenziell höheren Einkommensschichten vorbehalten. Die Folge: Soziale Segregation nach Schichten, Quartieren und Wohnorten sind eine Realität. Die freie Schulwahl möchte den Bildungs- vom Wohnortwettbewerb entkoppeln. Führt sie damit Chancengleichheit herbei oder akzentuiert sie Ungleichheiten?
Für das iconomix-Team
Simon Schmid
Vergleiche dazu den letzten Text- und Frageblock in den
Politics-Economics vom 7. März 2010http://www.iconomix.ch/de/alacarte/detail/a015/journal/politics-economics-7-maerz-2010/
[1] Vgl. Botschaft zur Volkinitiative «
Ja! Freie Schulwahl für allewww.tg.ch/....» Am 7. März 2010 im Kanton TG.
[2] Vgl. Vimentis-Dossier «
Freie Schulwahl in der Schweizwww.vimentis.ch/...»
- 1 Kommentare
Nachtrag: Abstimmungsresultat zur Schulwahl in TG
Die Thurgauer Initiative «Ja! Freie Schulwahl für alle.» wurde am 7. März 2010 deutlich verworfen. Mit 83 Prozent fiel der Anteil der Nein-Stimmen noch höher aus als bei früheren Initiativen in den Kantonen Bern (1983), Tessin (2001) und Basel-Landschaft (2008).
Angesichts dieser Resultate werden auch den kommenden Initiativen in St. Gallen und Solothurn (abstimmungsreif), sowie Zürich und Basel-Stadt (im Unterschriftenstadium) nicht viele Chancen eingeräumt.
Die Ablehnung der freien Schulwahl wird vor allem mit der egalitären Tradition der Schweiz begründet. Positiv gedeutet – als Antwort auf persönliche Bedürfnisse der Schüler – wurde die freie Schulwahl z.B. in Schweden, wo das Schulsystem seit 1992 auf Bildungsgutscheinen basiert.
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