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«Behavioral Finance»
Die Börse lebt von Erfolgsgeschichten. Geschichten von denen, die zum idealen Zeitpunkt ein- und ausgestiegen sind oder genau die richtige Aktie ausgewählt haben. Im Nachhinein denken viele: «Hätte ich damals doch bloss gekauft bzw. verkauft.» Doch rückblickend sehen wir nur die wenigen Gewinner - die zahllosen Verlierer blenden wir aus.
Die Strategie des erfolgreichen «Market Timing» (im richtigen Moment kaufen bzw. verkaufen) und «Stock Picking» (die «richtigen» Titel kaufen) taugt für den privaten Investor nicht. Zu diesem Schluss kommt die verhaltensorientierte Finanzmarkttheorie – auf Englisch «Behavioral Finance». Als Unterdisziplin der in einem früheren Blogbeitrag vorgestellten «Behavioral Economics» beschäftigt sie sich mit der Psychologie auf Aktienmärkten und proklamiert die Ineffizienz der Märkte auf Grund von irrationalem, emotionalem Verhalten der Investoren.
Besonders die kleineren Anleger riskieren oft viel zu viel, überschätzen sich selbst und lassen sich vom Herdenverhalten antreiben. Das hat zur Folge, dass laut Studien rund 80% der Anleger eine schlechtere Performance als der Gesamtmarkt ausweisen. Wer ständig versucht, schlauer zu sein als der Markt, verliert rund drei Prozent Rendite gegenüber dem Index – unter anderem durch anfallende Gebühren.[1] Eine alte Börsenweisheit besagt: «Hin und Her macht Taschen leer.»
Während Wertpapiere in der Gewinnzone tendenziell zu früh verkauft werden, halten die privaten Investoren zu lange an Titeln mit negativer Entwicklung fest. Solange die Aktien nicht mit Verlust verkauft werden, muss man nicht eingestehen, dass man sich geirrt hat. Stattdessen wird die ursprüngliche Kaufentscheidung verteidigt und das Wertpapier sogar nachgekauft. Es entsteht eine emotionale Bindung zu diesem Titel, «der nun sicher bald steigen wird» – aber ebenso gut weiter sinken kann. Anstatt die Wertschriften bei einer vorbestimmten Schmerzgrenze mit einem so genannten «Stop-Loss» (Verlustlimite) zu verkaufen, verstrickt sich der Anleger in einer fatalen Abwärtsspirale.
Um emotionsgeladene Entscheidungen der Investoren zu unterbinden, haben eine Bank und ein Elektronikkonzern aus den Niederlanden den «Rationalizer» entwickelt.[2] Der Prototyp besteht aus zwei Geräten: Einer Art Armband, dem «EmoBracelet» und einer kleinen Radarschüssel, der «EmoBowl». Das Armband misst die elektrische Spannung der Haut, die umso grösser ist, je stärker eine Person von Emotionen überwältigt wird. Beide Geräte geben die Heftigkeit der Emotionen durch unterschiedliche Farbschwingungen wieder. Sind die Emotionen stark, sollte der Anleger den Aktienhandel sofort einstellen.
Das Erfolgsrezept an der Börse soll nüchternes, rationales Verhalten mit langfristigem Horizont sein. Dass das Einhalten dieses Rezepts gar nicht so einfach ist, ist nicht erst seit der aktuellen Finanzkrise bekannt. Bereits Mitte des letzten Jahrhunderts stellte ein österreichischer Kabarettist (Karl Farkas) fest: «Beim Denken ans Vermögen leidet oft das Denkvermögen.»
Für das iconomix-Team
Marcel Stadelmann
[1] K. Lange, 2009. Behavioral Finance: Warum Aktienkurse dem Zufall gehorchen. Spiegel Online, 4. Juli.
[2] M.D. Meier, 2009. Elektronische Bremse für Anleger. Tages Anzeiger, 21. Oktober.
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