iconomix

Schweizerische Nationalbank

Freitag, 27. August 2010,
18:26

Steigende Mobilität

Studien zum Verkehrsaufkommen Schweiz offenbaren seit Jahren dieselbe Tatsache: Die räumliche Mobilität der Bevölkerung nimmt zu. Der jüngste Mikrozensuswww.bfs.admin.ch/... zum Verkehrsverhalten aus dem Jahr 2005 liefert dazu ein Beispiel. Die Studie zeigt auf, dass Personen in der Schweiz täglich 41 Prozent länger unterwegs waren und dabei 30 Prozent mehr Distanzen zurücklegten als zwanzig Jahre zuvor.

Für diese Zunahme gibt es eine Reihe von Gründen. Einer davon sind Veränderungen in der Siedlungsstruktur: langfristige Trends wie die Erhöhung des individuellen Wohnflächenbedarfs, die Wanderung in urbane Agglomerationen oder die zunehmende Entfernung von Wohn- und Arbeitsort bewirken, dass die täglich zurückzulegenden Distanzen grösser werden und der Verkehr gleichzeitig dichter wird.

Bei genauem Hinsehen entpuppt sich jedoch nicht der Pendlerverkehr, sondern der Verkehr in der Freizeit als wichtigste Ursache des Mobilitätsanstiegs. Über 50 Prozent des Anstiegs bei den Distanzen und über 90 Prozent des Anstiegs bei den Wegzeiten werden durch Verwandten- und Bekanntenbesuche, Restaurantbesuche, abendlichen Ausgang, Sport und Verkehr im Zusammenhang mit sonstigen Hobbies verursacht:

Aus ökonomischer Sicht ist diese Entwicklung nicht überraschend. Erklärt werden kann sie zum einen mit dem gestiegenen Wohlstand der Bevölkerung. Mehr Wohlstand bedeutet, dass die Freizeit im Vergleich zur Arbeit einen grösseren Stellenwert erhält – mehr freie Zeit zu haben, ist im Grunde genommen selbst eine Form von Wohlstand. Wer ein höheres Einkommen hat, gibt in der Freizeit zudem mehr Geld aus und kann für seine Freizeitbeschäftigungen grössere Distanzen zurücklegen. Personen mit niedrigen Einkommen verbringen ihre Freizeit hingegen eher zu Hause oder in der nahen Umgebung.

Zum anderen ist die Erhöhung der Mobilität eine Folge des verbesserten Verkehrsangebots. So wurden im öffentlichen Verkehr neue Strecken erschlossen, Taktfrequenzen erhöht und attraktive Nachtfahrgelegenheiten eingeführt. Auch der motorisierte Individualverkehr hat vom Ausbau der Infrastruktur profitiert: zwischen 1984 und 2005 wurde z. B. das Nationalstrassennetz um rund 20% seiner Länge ausgebaut. Diese Verbesserungen erhöhen den Nutzen des «Ausgehens» im Vergleich zum «Daheimbleiben» und schlagen sich in einem erhöhten Freizeitverkehr nieder.

Der Trend zu mehr Mobilität dürfte sich auch in Zukunft fortsetzen. Gemäss Prognosenwww.are.admin.ch/... des Bundesamtes für Raumentwicklung (ARE) wird das Verkehrsaufkommen weiter zunehmen, allerdings langsamer als bisher: Binnen zwanzig Jahren werden sich die Distanzen um weitere 15 Prozent pro Tag erhöhen, so dass der Durchschnittseinwohner im Jahr 2030 rund 45 km an täglicher Wegstrecke zurücklegt.

Wurde der tägliche Frust in Stau und überfüllten Zugwaggons in diesen Berechnungen berücksichtigt? Gut vorstellbar, dass so Manchem die Lust an der Mobilität bereits vorher vergeht.

Für das iconomix-Team
Simon Schmid

Vergleiche dazu den letzten Text- und Frageblock in den Politics-Economics vom 29. August 2010http://www.iconomix.ch/de/alacarte/detail/a015/journal/politics-economics-29-aug-2010/.

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Dienstag, 24. August 2010,
09:24

Crash!

... oder: financial literacy, live inszeniert

Nach einer Shoppingtour mit ihrer Schulfreundin kommt Anna mit einer neuen Designerjacke nach Hause. Auf die Frage ihres Vaters, woher sie denn das Geld für die teure Jacke habe, antwortet Anna, sie habe das Geld von ihrer Freundin «gepumpt». Dies lässt der Vater nicht gelten: Anna soll die Jacke in den Laden zurückbringen und ihrer Freundin das Geld zurückgeben. Das Mädchen ist entsetzt! Solch eine schöne Jacke...

Im Jugendtheater «Crash» wird spielerisch erprobt, was im Alltag von Jugendlichen ein ernstes Thema ist: Schulden machen, um sich neue Kleider zu kaufen oder einen Discoabend zu finanzieren. Der Umgang mit Kreditkarten, Bankkonten und E-Banking will verstanden und geübt sein – dies ist die Botschaft, die das forumtheater zürichwww.forumtheater.ch in seiner Theaterproduktion «Crashwww.forumtheater.ch/...» den zuschauenden Schulklassen vermittelt.

Die Schülerinnen und Schüler bleiben dabei nicht passive Zuschauer: Nach einem Probedurchlauf der professionellen Schauspieler wird das Publikum ermuntert, Handlungen zu verändern oder zu kommentieren und auf der Bühne in die Szenen einzugreifen. So entstehen in jeder Aufführung neue Vorschläge, wie Probleme wie dasjenige von Anna angegangen werden könnten. Anna könnte sich zum Beispiel im Ausverkauf eine günstigere Jacke besorgen...

Auch für die Vertiefung im Unterricht ist gesorgt. Den Schulen, die das Theater besuchen, wird Unterrichtsmaterial in Form einer Powerpoint-Präsentation und einem Budget-Planer zur Verfügung gestellt. «Financial literacy», interaktiv aufgeführt und integriert unterrichtet: ein spannendes Bildungsangebot.

«Crash» entstand in Zusammenarbeit mit der St. Galler Kantonalbank und wurde im Frühjahr 2010 an mehreren Schulen in der Ostschweiz aufgeführt. Am 25. und 26. August sowie am 15., 16. und 17. September 2010 sind fünf weitere Aufführungen in der Region geplant. Informationen dazu sind bei der St. Galler Kantonalbank erhältlich; für weitere Aufführungen kann das forumtheater zürich angefragt werden.

Für das iconomix-Team
Simon Schmid

Donnerstag, 19. August 2010,
09:15

Äthiopien: vom Nutzen effizienter Märkte

Gute Regierungen, verlässliche Gerichte und unbürokratische Behörden sind für die wirtschaftliche Entwicklung eines Landes von grossem Wert. Damit sich eine Wirtschaft aber voll entfalten kann, ist eine weitere Institution unabdingbar: Es braucht gut funktionierende, effiziente und transparente Märkte.

Märkte dienen dazu, Menschen in Kontakt zu bringen und den Austausch von Gütern zu erleichtern. Märkte sind jedoch nicht einfach «da»; sie müssen von den Menschen erst geschaffen, gepflegt und – wie die Geschichte von den mittelalterlichen Marktplätzen bis hin zu den modernen Börsen zeigt – den wirtschaftlichen Erfordernissen entsprechend weiterentwickelt werden.

Effiziente und transparente Märkte tragen zum einen dazu bei, die gegenwärtigen Produktionsmöglichkeiten einer Wirtschaft voll auszuschöpfen. Sie erhöhen aber auch das zukünftige Produktionspotential: Je einfacher und zuverlässiger der Austausch von Gütern funktioniert, desto eher sind Produzenten bereit, Mühen und Risiken auf sich zu nehmen, um Güter für den zukünftigen Verkauf herzustellen.

Wenig transparente Märkte stellen hingegen ein Hemmnis dar, denn sie führen zu hohen «Transaktionskosten» bei der Vermarktung von Gütern; d. h. sie verursachen einen grossen Aufwand für Tätigkeiten wie die Suche nach Informationen, die Verhandlung von Preisen oder den Abschluss von Verträgen. Was dies in einer Wirtschaft konkret bedeuten kann, hat die ehemalige Weltbank-Ökonomin Eleni Gabre-Madhin vor einigen Jahren am Beispiel der Getreidemärkte in Äthiopien untersucht.[1]

In Äthiopien wird Getreide überwiegend von Kleinbauern produziert, die in verstreuten und abgelegenen Dörfern wohnen; die Kontakte der Bauern reichen selten über den nächstgelegenen Dorfmarkt hinaus. Zwar organisieren Zwischenhändler den Weiterverkauf von Waren in weiter entfernt liegende Landesteile, die Bauern selbst sind jedoch nur schlecht über die Preis- und Nachfragesituation auf diesen Märkten informiert.

Diese Situation führt dazu, dass der Markt seine eigentliche Funktion – die Koordination der Produktionsentscheidungen – nur schlecht ausführt. Das Resultat ist eine tendenzielle Unterversorgung an Gütern: Aus Unkenntnis über die Nachfrage in anderen Landesteilen pflanzen Bauern die falschen Nahrungsmittel an; Unsicherheit über zukünftige Käufer und Preise verleitet sie dazu, Nahrungsmittel in unzureichender Menge herzustellen.

Um diese Situation zu verbessern, haben die vereinten Nationen in Äthiopien ein ehrgeiziges Projekt ins Leben gerufen. Unter der Leitung von Gabre-Madhin gründeten sie die Ethiopian Commodities Exchange (ECX), eine elektronische Börse für Weizen, Mais, Kaffe und weitere Agrarprodukte. Mittels moderner Computertechnologie soll diese Börse fortan dafür sorgen, dass Produzenten auch in abgelegenen Gebieten vollständig über den Handel informiert sind und so die richtigen Produktions- und Verkaufsentscheidungen fällen können.

Damit sich diese Idee bewahrheitet, stellt die ECX den Produzenten ein umfassendes Vermarktungssystem zur Verfügung. Auf der eigentlichen Handelsplattform geben standardisierte «futures»-Kontrakte Bauern die Möglichkeit, bereits in der Gegenwart Käufer für ihre künftigen Erzeugnisse zu finden. Daneben sollen Systeme zur Zahlungsabwicklung, zur Qualitätseinteilung der Waren und zu deren zentraler Lagerung bewerkstelligen, dass die Börse auch praktisch zur Verringerung der Transaktionskosten beiträgt.

Diese Idee klingt zwar toll – inwiefern das heutige Äthiopien von ihr profitieren wird, ist allerdings fraglich. Auch der beste Markt ist nur so gut wie die Institutionen, die ihn umgeben. Äthiopien hat indes keine guten, sondern äusserst schlechte Institutionen: Die Führung des Landes wird international für ihre Brutalität kritisiert; sie ist korrupt, unterdrückt jegliche Opposition und schränkt die Freiheiten seiner Bürger ein.

Kritiker bemängeln, dass die Börse von der Regierung vor allem dazu missbraucht wird, ihren Einfluss in der Wirtschaft auszudehnen. So wurde der Kaffeeverkauf über die Börse für die Produzenten kurzerhand für obligatorisch erklärt; weiter wurden Börsenhändler unter Druck gesetzt, den Produzenten zu tiefe Preise zu bezahlen und den Kaffee an regierungsnahe Exportbetriebe weiter zu verkaufen.[2]

Damit droht sich in Äthiopien ein bekanntes Muster zu wiederholen: Gute Projekte schlagen fehl, wenn sie in einem schädlichen institutionellen Umfeld realisiert werden.

Für das iconomix-Team
Simon Schmid

[1] Eleni Gabre-Madhin (2001): «Market Institutions, Transaction Costs, and Social Capital in the Ethiopian Grain Marketwww.ifpri.org/...».

[2] Dies wird auf den unabhängigen Blogs «Ethiopian Reviewwww.ethiopianreview.com/...» und «ethiopunditethiopundit.blogspot.com/...» berichtet.

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Donnerstag, 19. August 2010,
08:46

Studienwoche «Finanzplatz Schweiz»

Schweizer Jugend forscht führt dieses Jahr die zweite Studienwoche zum Thema «Finanzplatz Schweiz» durch, vom 13. bis 18. September 2010. Schweizer Jugend forscht will damit interessierten Jugendlichen einen Blick hinter die Kulissen des Finanzplatzes ermöglichen. Die Jugendlichen lernen anhand praxisbezogener Fragestellungen, wie man eine wirtschaftswissenschaftliche Projektarbeit aufbaut, durchführt und die Ergebnisse dokumentiert. Namhafte Akteure aus der Finanzbranche – darunter die Schweizerische Nationalbank, vertreten durch iconomix - öffnen während dieser fünf Tage ihre Tore und stellen die fachliche Betreuung der Teilnehmenden sicher.

iconomix bietet im Rahmen der Sonderwoche drei attraktive und brandaktuelle Themen zur Auswahl an:

Thema 1: Geldpolitische Entscheidung in ausserordentlichen Zeiten. Die SNB führt als unabhängige Zentralbank die Geld- und Währungspolitik der Schweiz. Sie muss sich gemäss Verfassung und Gesetz vom Gesamtinteresse des Landes leiten lassen, als vorrangiges Ziel die Preisstabilität gewährleisten und dabei die Konjunktur berücksichtigen. Die Jugendlichen versetzen sich in diesem Projekt in die Rolle der SNB und nehmen an, dass Sie heute einen Zinsentscheid treffen müssen. Sie entscheiden aufgrund der ihnen verfügbaren Informationen zur aktuellen Wirtschaftslage und begründen ihren Entscheid mit ökonomischen Überlegungen. Mit dem Projekt verbunden ist der Besuch bei einem Senior Researcher der SNB.

Thema 2: Umsetzung der Geldpolitik in ausserordentlichen Zeiten. Die SNB setzt ihre Geldpolitik u. a. mittels der Steuerung des Zinsniveaus auf dem Franken-Geldmarkt um. Als Referenzzinssatz dient der Dreimonats-Libor. Diesen beeinflusst die SNB indirekt über gesicherte Geldmarktgeschäfte, sogenannten Repogeschäften. Die Jugendlichen gehen in diesem Projekt folgenden Fragen nach: Wie wird Frankenliquidität geschaffen, wie wird sie wieder abgeschöpft? Was sind gegenwärtig, wo der Franken gegenüber dem Euro unter grossem Aufwertungsdruck steht, besondere Herausforderungen? Mit dem Projekt verbunden ist der Besuch bei einem Geldmarkt- und Devisenspezialisten.

Thema 3: Stabilität des Finanzsystems in der Schweiz. Die SNB hat den Auftrag, zur Stabilität des Finanzsystems beizutragen. Zudem spielt sie eine aktive Rolle bei der Schaffung stabilitätsfördernder regulatorischer Rahmenbedingungen. Dazu arbeitet sie eng mit der Eidgenössischen Finanzmarktaufsicht FINMA zusammen. Die Jugendlichen gehen in diesem Projekt folgenden Fragen nach: Was sind die gegenwärtigen Herausforderungen bei der Finanzmarktregulierung? Was ist unter der Too-big-to-fail-Problematik zu verstehen? Was sind diskutierte Ansätze, um die mit der Too-big-to-fail-Problematik verbundenen Risiken zu reduzieren? Mit dem Projekt verbunden ist der Besuch bei einem Spezialisten für Systemstabilität.

Die drei Workshops werden jeweils in den Sprachen Deutsch, Französisch und Englisch angeboten. Die Anforderungen an die Teilnehmenden sind ein Interesse an volkswirtschaftlichen Fragestellungen, Übung im Lesen längerer Texte, die Bereitschaft sich selbständig mit Fragestellungen auseinander zu setzen sowie Neugierde und Offenheit.

Die Struktur der Studienwoche orientiert sich an den traditionsreichen natur- und technikwissenschaftlichen Jugendförderwochen von Schweizer Jugend forscht. Junge Menschen aus der ganzen Schweiz (Sekundarstufe II) beschäftigen sich in kleinen Gruppen eine Woche lang unter fachlicher Anleitung mit einer gegebenen Fragestellung. Die Schlussveranstaltung findet im Beisein von Medien, Lehrpersonen, Familienangehörigen und Vertretern aus Wirtschaft und Wissenschaft statt. Ergebnis aus jedem Workshop ist ein Poster, das die Teilnehmenden an der Schlussveranstaltung präsentieren, und ein Schlussbericht, den die Jugendlichen bis 14 Tage nach der Sonderwoche fertigstellen müssen, um eine Urkunde für ihre Teilnahme zu erhalten, und der schliesslich im Internet publiziert wird.

Die Anmeldung erfolgt über die Website von Schweizer Jugend forschtwww.sjf.ch/.... Anmeldeschluss ist der 27. August 2010.

Für das iconomix-Team
Manuel Wält

Siehe auch den Artikel «Schweizer Jugend forscht wieder(478 KB)http://www.iconomix.ch/fileadmin/user_upload/iconomix/blog/icx/10/FuW_Schweizer-jugend-forscht.pdf» (Finanz und Wirtschaft, 12. Juni 2010).

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