iconomix

Schweizerische Nationalbank

Freitag, 30. Oktober 2009,
10:08

«Spiel, Spass, Spannung»

Dieser Beitrag ist keine Hommage an die Kinderüberraschung, sondern beschäftigt sich mit der Anziehungskraft und dem Unterhaltungswert von Sportwettkämpfen. Haben Sie sich auch schon gefragt, weshalb manche Menschen mitten in der Nacht aufstehen, um z.B. ein Tennisspiel von Roger Federer live mitzuverfolgen? Im Folgenden ein Erklärungsansatz.

Die Sportökonomie nennt drei Hauptkomponenten, welche die Höhe des Konsums eines Sportwettkampfes beeinflussen:[1] Die Ungewissheit über den Ausgang der Konkurrenz, die Qualität – also das sportliche Niveau – des Wettkampfes sowie die Hoffnung auf den Erfolg eines spezifischen Wettkämpfers.

Die Bedeutung der Ungewissheit über den Ausgang eines Wettkampfes zeigt sich darin, dass kaum jemand ein Ereignis in voller Länge sehen will, wenn das Resultat bereits bekannt ist. Der grösste Teil der Nachfrage reduziert sich auf die Wiederholung der Höhepunkte. Dabei tritt die Qualität des Wettkampfes naturgemäss in den Vordergrund tritt.

Die meisten Zuschauer wollen zudem einen ausgeglichenen, spannenden Wettkampf sehen, dessen Sieger nicht bereits absehbar ist. Dem von der Allgemeinheit oft erwähnten Desinteresse an einem Anlass, «weil xy ja sowieso gewinnt/verliert», soll die Grundlage entzogen werden. Am stärksten ist der Effekt bei Meisterschaften, die über den Verlauf eines Jahres ausgetragenen werden. So wirkt sich in Serienmeister besonders negativ auf die Zuschauerzahlen aus.

Lockt die Erwartung einer einseitigen Angelegenheit also stets weniger Zuschauer an als ein ausgeglichener Wettkampf? Eine Studie widerlegt diese These:[2] Die Präferenzen der Zuschauer verlaufen nicht monoton, das heisst ab einem gewissen Punkt nimmt die Nachfrage eines Anlasses mit zunehmender Ausgeglichenheit nicht zu, sondern ab. Konkret heisst das: Die Zuschauer ziehen ein sehr unausgeglichenes Duell einem mässig ausgeglichenen vor, was man als «David gegen Goliath»-Phänomen bezeichnen könnte. Die Unantastbarkeit des Favoriten wird auf die Probe gestellt. Man hofft dann auf die Sensation eines Aussenseiter-Sieges.

Warum stehen manche Menschen also mitten in der Nacht auf, um ein Spiel von Roger Federer mitzuverfolgen? Die meisten wohl, weil sie tolles Tennis und den Sieg ihres Idols in Echtzeit geniessen wollen. Handelt es sich um eine «Pflichtaufgabe» in der Startphase eines Turniers, hoffen einzelne womöglich auch darauf, die Sensation einer Niederlage des übermächtigen Superstars mitzuerleben.

Für das iconomix-Team
Marcel Stadelmann

 

Vergleiche dazu die iconomix-Fragen in Politics-Economicshttp://www.iconomix.ch/de/alacarte/detail/a015/journal/politics-economics-1-nov-2009/ vom 1. November 2009.

[1] S. Szymanski, 2003. The Assessment: The Economics of Sport. Oxford Review of Economic Policy, Vol. 19, No. 4.

[2] J. Borland & R. Macdonald, 2003. Demand for Sport. Oxford Review of Economic Policy, Vol. 19, No. 4.

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Mittwoch, 28. Oktober 2009,
08:26

Lehren aus der Krise – Teil 3: Geschäftsmodell der Banken

Die beiden grössten Schweizer Banken verfügen momentan über eine Eigenkapitalquote (=Anteil Eigenkapital am Gesamtkapital) von 4.1%, respektive 3.5%. Diese Werte entsprechen weniger als einem Fünftel der durchschnittlichen Quote anderer Wirtschaftszweige. Weshalb ist es für Banken möglich, mit so wenig Eigenmitteln als finanziell gesunder und solventer Schuldner aufzutreten?

Die Antwort liegt im Geschäftsmodell einer Bankhttp://www.iconomix.ch/. Sie wickelt den Zahlungsverkehr ab, verwaltet Spareinlagen und Vermögen und vermittelt Kapital und Kredite. Ihre eigentliche Dienstleistung ist, Fremdkapital aufzunehmen und produktiv weiterzuverwenden. Das Modell beruht also definitionsgemäss auf Fremdkapital, eine Bank mit 100% Eigenkapital ist keine Bank.

Ihr Gewinn ergibt sich aus der marginal höheren Rendite des weiterinvestierten Kapitals sowie aus Gebühren. Die Marge ist zwar oft relativ klein, die Bank profitiert jedoch von Grössenvorteilen – so genannten «economies of scale» –, weil sie unzählige kleine Depositen zu Krediten bündeln und somit ihren Gewinn mit einem grossen Volumen erwirtschaften kann.

Der Drang nach Wachstum bei den Banken scheint deshalb nachvollziehbar. Ebenso ist aus wirtschaftlicher Sicht rational, nach rentableren Investitionsmöglichkeiten für das verfügbare Kapital zu suchen. Aus diesem Grund expandierten viele Geschäftsbanken in den Bereich des riskanteren aber lukrativeren Handels mit Wertpapieren, dem so genannten Investmentgeschäft – mit den bekannten fatalen Folgen im Verlaufe der Finanzkrise.

Damit das konservative und volkswirtschaftlich relevante Depositengeschäft in Zukunft nicht mehr durch das riskante Investmentgeschäft gefährdet werden kann, fordert u.a. der angesehene Banker und ehemalige Präsident der US-Notenbank Paul Volcker die Rückkehr zur gesetzlichen Trennung der beiden Geschäftsfelder.[1] In den USA wurde dies von 1933 bis 1999 praktiziert, die Schweiz würde mit einer solch radikalen Massnahme Neuland betreten. Im Krisenfall könnte der Staat somit die systemrelevantenhttp://www.iconomix.ch/ Geschäftsbanken retten, die renditestrebenden Investmentbanken hingegen den Gesetzen des freien Marktes überlassen.

Mervin King, Gouverneur der Bank of England, unterstreicht diesen Vorschlag mit einem Beispiel:[2]

«Geschäftsbanken sind ihrem Wesen nach ähnlich wie Stromversorger. Ihre Aufgabe besteht darin, die Wirtschaft zuverlässig mit Kapital zu versorgen. Dafür können sie im Notfall die Hilfe des Staates beanspruchen, müssen sich jedoch im Normalfall wie die Stromwerke mit einstelligen Gewinnmargen zufrieden geben. Investmentbanken hingegen sind wie Casinos. In guten Zeiten verdienen sie sehr viel, in schlechten muss es möglich sein, dass sie untergehen.»

Das Beispiel verdeutlicht das Paradoxe an der zu lösenden «too big to fail»-Problematikhttp://www.iconomix.ch/: Die Grossbanken profitieren dank der Erfüllung einer volkswirtschaftlich bedeutenden Aufgabe von einer impliziten Staatsgarantiehttp://www.iconomix.ch/ und gelten somit als finanziell sicher, können aber gleichzeitig mit riskanten Investitionen grosse Gewinne verbuchen und an ihre Aktionäre ausschütten.

Es versteht sich von selbst, dass die Banken diese komfortable Position nicht ohne Gegenwehr aufgeben werden.

Für das iconomix-Team
Marcel Stadelmann

 

[1] L. Uchitelle, 2009. Volcker Fails to Sell a Bank Strategy. International Herald Tribune, 20. Oktober.

[2] M. King, 2009. Speech to Scottish Business Organisations. Edinburgh, 20. Oktober.

Freitag, 23. Oktober 2009,
16:40

Ausgezeichnet

In der zuweilen hitzigen Debatte um Boni und Managerlöhne geht schnell vergessen, dass nebst finanziellen Anreizen ein weiteres Instrument zur Verfügung steht, ausserordentliche Arbeit zu würdigen: Auszeichnungen.

Nach Nobelpreis-Verleihung und Miss Schweiz Wahl mag dieser Befund etwas überraschen, ist doch die Ehrung von besonderen Leistungen weit verbreitet. Interessanterweise ist aber die vertiefte ökonomische Wirkungsweise von Auszeichnungen kaum erforscht.

Die meisten Auszeichnungen sind ihrer Natur nach nicht-materiell. Oft sind sie für den Geber beinahe kostenlos, für den Empfänger aber von hohem symbolischen Wert. Zwar können zusätzlich Geldbeträge gesprochen werden. Diese dienen aber primär dazu, die Bedeutung der Würdigung zu unterstreichen. Bezeichnend ist zudem der öffentliche Charakter der Verleihung. Erst durch eine bereitere Sichtbarmachung der Leistung entfaltet sich der mit dem Preis einhergehende Gewinn an Ansehen.

Und genau dieser Zugewinn an Reputation verpflichtet, wie eine der wenigen zu diesem Thema erschienenen Studien aufzeigt.[1] So scheint eine Auszeichnung dazu zu führen, dass die Geehrten bewusst oder unbewusst danach streben, nachträglich die Belohnung zu rechtfertigen. Dies führt im Falle der hier untersuchten Unternehmung zu einer kurzfristig markant höheren Leistung der betroffenen Arbeitskräfte von durchschnittlich 7,5% gegenüber den nicht berücksichtigten Kollegen.

Natürlich kann auch die Vergabe von Auszeichnungen ganz unterschiedlich ausgestaltet werden. Sie kann an direkt messbare Leistungen, aber auch an besonders hervorzuhebende allgemeine Verhaltensweisen geknüpft werden (z.B. das Teilen von Wissen, Hilfsbereitschaft etc.).

Für Unternehmen, in denen der Beitrag einer einzelnen Arbeitskraft zur gesamten Wertschöpfung nur schwer ermittelbar ist, bietet sich die Würdigung von allgemeinen Verhaltensweisen besonders an. So kann der Einsatz für den Gesamterfolg einer Unternehmung anerkannt werden, ohne auf komplexe finanzielle Anreizsysteme zurückgreifen zu müssen. Zudem können Würdigungen die Bereitschaft der nicht ausgezeichneten Mitarbeiter erhöhen, sich in gleicher Weise für das Unternehmen einzusetzen.

Betrachtet man die heutigen global tätigen Unternehmen, so scheint es nur schwer vorstellbar, dass einen Abkehr von überwiegend finanziellen Anreizsystemen möglich ist. Dabei ist eine ertragssteigernde Wirkung der leistungsorientierten Managerlöhne wissenschaftlich sehr umstritten.[2]

Rückblickend hat sich mehrfach gezeigt, dass das Zustandekommen von Managersalären viel eher mit opportunistischem Gewinnstreben zu tun hat als mit der Entlohnung von konkret vorweisbaren Leistungen. Eine zu starke Weitung der Lohnschere führt zudem nachweislich zu sozialen Spannungen. Nicht nur, aber auch aus diesem Grund sollte den nichtfinanziellen Anreizsystemen vermehrt Beachtung geschenkt werden.

Für das iconomix-Team,
Pascal Sulser

[1] Neckermann, Cueni et al. (2009): «What is an Award Worth?» IEW Working Paper 411, University of Zurich.

[2] Weitere Blogbeiträge zum Thema «Managerlöhne» werden folgen. Als interessanter Einstieg bietet sich folgende Studie an: Hall and Liebman (1998): «Are CEOs Really Paid Like Bureaucrats?» Quarterly Journal of Economics, 113, 653-691.

Weiterführende Informationen:
Bruno S. Frey (21.10.2009): «Auszeichnungen als Anreize», NZZ, Printausgabe, Seite 32.

Dienstag, 20. Oktober 2009,
12:18

Lehren aus der Krise – Teil 2: Staaten gegen Staatsgarantie

Ein Jahr ist es her, dass auch in der Schweiz der Staat eine Grossbank unterstützen musstehttp://www.iconomix.ch/, um sie vor einem Liquiditätsengpass zu bewahren. Im Nachhinein betrachtet scheint die Rettungsaktion von Bund und Nationalbank ein Erfolg gewesen zu sein. Trotzdem sind sich Fachwelt und Politik darin einig, dass sich ein solches Szenario nicht wiederholen darf.

Unter anderem hat der Staat mit seinem Einschreiten den Grossbanken wegen ihrer Systemrelevanzhttp://www.iconomix.ch/ eine faktische Staatsgarantiehttp://www.iconomix.ch/ ausgesprochen. Das schafft falsche Anreize und sorgt für eine Wettbewerbsverzerrung zu Gunsten der grössten Institute, weil sie in guten Zeiten mit hohem Risiko viel Geld verdienen können, in der Krise aber keinen Bankrott fürchten müssen.

Um dem weltweit existenten Problem des Systemrisikos entgegen zu treten, diskutieren Fachwelt und Politik zurzeit verschiedene Regulierungsvorschläge:

  • Schaffung eines globalen Konkursverfahren, um internationale Banken im Notfall zu zerlegen;
  • Bessere Abgrenzung des Zahlungssystems vom restlichen Finanzsektor, um die Wirkung eines Bankenzusammenbruchs einzugrenzen;
  • Rückkehr zu einer Trennung von Geschäfts- und Investmentbanken;
  • Generelle Grössenbeschränkung für Finanzinstitute;
  • Progressive Eigenkapitalvorschriften – je grösser und vernetzter die Bank, desto höher muss das Eigenkapital im Verhältnis zur Bilanzsumme sein.
  • Vorschrift für Grossbanken, Obligationen mit speziellen Wandlungsklauseln auszugeben, welche im Krisenfall in Aktien umgewandelt werden müssen.
  • Erlass strikter Lohnleitlinien – vor allem Orientierung der variablen Lohnbestandteile am langfristigen Unternehmenserfolg;
  • Einführung einer Sondersteuer für besonders systemrelevante Banken;

Diese Ansätze sollen die Anreize für die Banken insofern verändern, als riskante Anlagestrategien und eine wachsende Bilanzsumme an Attraktivität verlieren.

Alle erwähnten Regulierungsvorschläge haben eines gemeinsam: Sie erfordern eine Verhandlungslösung auf internationaler Ebene. Das damit verbundene Ringen um Kompromisse ist erfahrungsgemäss ein langwieriger und unwägbarer Prozess. Handelt die Schweiz jedoch auf sich alleingestellt, verliert der hiesige Bankensektor international an Wettbewerbsfähigkeit.

Die Fortsetzung dieser Blogserie wird zeigen, was sich hinter den genannten Lösungsansätzen verbirgt.

Für das iconomix-Team
Marcel Stadelmann

 

Weiterführende Informationen:

- Neue Zürcher Zeitung (16.10.09): «Instabile Banken bedrohen die Volkswirtschaft»

- Tages-Anzeiger (16.10.09): «Was bringts, allein vorauszureiten?»

Freitag, 16. Oktober 2009,
12:45

Lehren aus der Krise – Teil 1: Regulierungen

Der Schock der gegenwärtigen Wirtschaftskrise sitzt nachwievor tief. Weltweit wird nach den Ursachen des beinahe-Kollapses des globalen Finanzsystems gesucht. Der Tenor lautet: Der (zu) freie Markt ist schuld an der Krise und muss vom Staat wieder näher an die Zügel genommen – sprich: besser reguliert – werden.

Dazu stehen dem Staat präventive (risikobegrenzende) sowie kurative (schadensbegrenzende) Massnahmen zur Verfügung. Die ersteren sollen durch die Schaffung passender Anreize und Vorschriften die Gefahr mindern, dass Probleme überhaupt erst entstehen. Letztere sorgen für eine möglichst reibungslose Bewältigung von Problemsituationen.

Finanzsysteme sind grundsätzlich fragil und mit potentiellen Erschütterungen verbunden. Regulierungen sollen dazu dienen, die Wahrscheinlichkeit solcher Erschütterungen möglichst klein zu halten. Sie ganz zu verhindern ist allerdings utopisch.

Trotzdem wird vor allem das Ausmass der aktuellen Finanzkrise auf fehlende oder Fehl-Regulierungen zurückgeführt. Diese Schlussfolgerung irritiert, wurden doch die Vorschriften für den stark regulierten Banken- und Finanzsektor erst 2004 im Rahmen von «Basel II» überarbeitet und die Experten waren sich einig, eine stark verbesserte Lösung gefunden zu haben. Müssen sie sich auf Grund der Entwicklung seither Inkompetenz vorwerfen lassen?

Der Autor dieses Beitrags meint nein, denn nicht nur der Markt ist fehlbar, sondern auch die Regulatoren, wie uns die Verhaltensökonomiehttp://www.iconomix.ch/ lehrt. Die Arbeit in Gremien ist besonders anfällig für voreingenommene Verhaltensneigungen, Lobby-Einflüsse sowie politisch verzerrte Anreize. Verbunden mit Unsicherheit und unvollkommenem Wissensstand ergibt sich daraus fast zwangsweise eine suboptimale Regulierung.

Wenn Regulierungen sowieso fehlbar sind und für Marktversagen sorgen, weshalb lässt man sie nicht ganz weg? Gegen diese Argumentation von Markt-Fundamentalisten wehrt sich Hedge-Fonds-Legende George Soros in seinem neusten Buch vehement.[1] Sie ist die Umkehrung der kommunistischen Forderung, die Märkte wegen ihrer Fehlbarkeit abzuschaffen. Beide diese Extreme verkörpern laut Soros gefährliche Ideologien.

Um die Realität besser zu verstehen, müssen wir die Fehlbarkeit von Markt und Regulatoren akzeptieren und lernen, mit ihr umzugehen. Ohne Überwachung wären die Finanzmärkte dem Untergang geweiht, mit Überwachung kann diese Gefahr auch nicht komplett ausgeschlossen werden. Deshalb verlangt Soros in erster Linie ein neues Paradigma – ein Umdenken – für die Finanzmärkte, in dem sich alle Beteiligten der Fehlbarkeit des Systems bewusst sind und diese in ihrem Entscheidungsprozess einkalkulieren.

Für das iconomix-Team
Marcel Stadelmann

 

Vergleiche dazu die iconomix-Fragen in Politics-Economicshttp://www.iconomix.ch/de/alacarte/detail/a015/journal/politics-economics-18-okt-2009/ vom 18. Oktober 2009.

[1] G. Soros, 2008. Das Ende der Finanzmärkte – und deren Zukunft: Die heutige Finanzkrise und was sie bedeutet, FinanzBuch Verlag.

Donnerstag, 15. Oktober 2009,
07:09

Nobelpreis für Wirtschaft: Williamson

Neben Elinor Ostrom, deren Verdienste im letzten Blogbeitraghttp://www.iconomix.ch/ vorgestellt worden sind, kam dieses Jahr auch der amerikanische Wirtschaftsprofessor Oliver Williamson zu Nobelpreis-Ehren. Wie seine Landsfrau zeichnet auch er sich durch grundlegende Arbeiten im Bereich der neuen Institutionenökonomik aus.

Diese Disziplin befasst sich mit der Wirkung von Institutionen auf die Wirtschaftseinheiten wie Unternehmen oder private Haushalte. Dabei versucht sie explizit, das Modell des «homo oeconomicus» um realitätsnähere Annahmen wie «unvollständige Verträge», «asymmetrische Information» oder «Transaktionskosten» zu ergänzen.

Williamson hat entscheidende Beiträge zum Verständnis geliefert, warum Unternehmen entstehen, wie sie arbeiten und wo ihre Grenzen liegen. Er argumentiert, dass Markt und Unternehmen zwei alternative Steuerungs-Strukturen darstellen, die sich in der Art, Interessenkonflikte zu lösen, unterscheiden. Während Verhandlungen im Markt von Feilschen und Unstimmigkeit geprägt sind, können Konflikte in Unternehmen durch Autorität gelöst werden. Der Nachteil hierarchischer Firmen hingegen ist die Gefahr des Autoritäts-Missbrauchs.

Wann soll also der Markt und wann ein Unternehmen die Beziehung von Wirtschaftssubjekten regeln? Dies hängt laut Williamson von zwei Faktoren ab:

1. Schwierigkeit und Kosten, zukünftige Transaktionen vertraglich zu regeln:

Wenn Transaktionen problemlos vertraglich geregelt werden können, ergeben sich keine Konflikte, ergo ist ein Unternehmen überflüssig.

2. Anzahl alternativer geeigneter Handelspartner:

Wenn sowohl Käufer als auch Verkäufer bei gescheiterten Verhandlungen ohne Verursachung von Kosten alternative Vertragspartner finden können, sind Unternehmen zur Konfliktlösung ebenfalls redundant.

Zur Illustration von Punkt 2 dient das Beispiel einer Kohlenmine und eines nahe gelegenen Stromerzeugers: Je weiter weg sich die nächste Mine und der nächstgelegene Stromerzeuger befinden, desto grösser ist die gegenseitige Abhängigkeit der beiden, da die «Transaktionskosten» der Alternativen zu gross wären. Daher steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sich die beiden Unternehmen in einem Konzern zusammenschliessen.

Williamson erklärt, wann es für ein Firma lohnenswert ist, sich mit einem Zulieferer oder Abnehmer zusammenzuschliessen, um die Transaktions- und Verhandlungskosten einer vertraglichen Beziehung zu sparen. Mit ökonomischem Vokabular ausgedrückt beschreibt er das optimale Mass an «effizienzsteigernder, vertikaler Integration» eines Unternehmens.

Für das iconomix-Team
Marcel Stadelmann

 

Quelle: The Royal Swedish Academy of Sciences, 2009. Economic Governance, 12. Oktober.

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Dienstag, 13. Oktober 2009,
08:09

Nobelpreis für Wirtschaft: Ostrom

Die Vergabe des Nobelpreis für Wirtschaft an die Politologin Elinor Ostrom mag dem einen oder anderen politisch motiviert erscheinen. Ihre zahlreichen Feldstudien zur Nutzung von öffentlich zugänglichen Naturressourcen – auch «Allmendegüter» genannt - sind aber zweifelsfrei bedeutend.

Noch heute prognostizieren viele Lehrbücher fast reflexartig eine Übernutzung von frei zugänglichen Ressourcen, wenn diese in beschränktem Umfang verfügbar sind. Die Argumentation ist intuitiv, wie dies anhand der Überfischung treffend illustriert werden kann:

Jeder einzelne Fischer hat einen ökonomischen Anreiz, möglichst viele Fische aus einem gemeinschaftlich genutzten Gewässer zu fangen. Denn die Mehreinnahmen fliessen jedem Fischer direkt zu, die entstehenden Kosten werden aber in Form von abnehmenden Fischbeständen auf alle Fischer gleichmässig verteilt. Bleiben regulierende Eingriffe wie bspw. staatlich verordnete Fangquoten oder gar eine Privatisierung der öffentlichen Ressource aus, so führen diese Anreize zu einer übermässigen Nutzung der Fischgründe und schliesslich zu einem Kollaps der Fischbestände.

Ostroms Leistung liegt darin begründet, aufzuzeigen, dass das Vorhandensein von frei zugänglichen Ressourcen nicht zwangsläufig zu einer Übernutzung führt. Insbesondere ihr viel beachtetes Werk «Governing the Commons» birgt eine Fülle von detailiert recherchierten Fallbeispielen, welche die Diskussion um ein wichtiges Argument erweitert: Die Effektivität der kollektiven Selbstverwaltung von öffentlichen Naturressourcen.

Dabei ist die zugrunde liegende Idee bestechend simpel: Eine Gemeinschaft ist häufig von sich aus an einer dauerhaften Verfügbarkeit der Ressource interessiert, ist diese doch oftmals Grundlage für zukünftiges Einkommen. Es besteht daher ein ausgeprägtes Motiv, eine Übernutzung effektiv zu unterbinden.

Daraus kann jedoch nicht abgeleitet werden, dass in jedem Fall eine funktionierende Regelung erarbeitet und auch durchgesetzt werden kann. Denn je grösser und unterschiedlicher eine Gemeinschaft und ihre Interessen sind, desto schwieriger wird es, eine Einigung zu erzielen. Staatliche Eingriffe können also durchaus angezeigt sein, wobei sich auch Ostrom nicht grundsätzlich gegen diese ausspricht. Nur stellt sie deren uneingeschränkte Nützlichkeit in Frage.

Unabhängig vom gewählten Lösungsansatz – staatlicher Eingriff, Privatisierung oder kollektive Selbstverwaltung - kann aber von einer besseren Akzeptanz der vereinbarten Regeln ausgegangen werden, wo immer die betroffene Bevölkerung in den Entscheidungsprozess mit eingebundenhttp://www.iconomix.ch/ wird. Auch in diesem Bereich setzt Ostrom wichtige Akzente.

Verdienstreich ist Ostroms Forschungsbeitrag schliesslich auch daher, weil sie den Fokus auf die im konkreten Fall herrschenden Anreizstrukturen legt. Jede Form von Eingriff in ein bestehendes System führt zu einer Veränderung der Rahmenbedingungen und schliesslich zu einer Anpassung im Verhalten der verschiedenen Interessengruppen.

Mit Sicherheit lässt sich daher eines festhalten: Wann immer einfache Lösungsansätze im Umgang mit öffentlichen Naturressourcen offeriert werden, ist eine gute Portion Skepsis angebracht.

Für das iconomix-Team,
Pascal Sulser

Weiterführende Informationen:
- iconomix-Modul «Allmendegüterhttp://www.iconomix.ch/»
- iconomix-Blog (22.09.09): «Die Effektivität der Gemeinschafthttp://www.iconomix.ch/»

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Freitag, 09. Oktober 2009,
10:46

Der Nobelpreis geht an...

Lässt sich prognostizieren, wer am kommenden Montag mit dem Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften ausgezeichnet wird? Einen ersten Anhaltspunkt liefern die Quoten der Buchmacher. Bei Ladbrokes.com werden beispielsweise folgende Quoten angeboten:

Eugene Fama 2:1
Paul Romer 4:1
Ernst Fehr 6:1
Kenneth R. French 6:1
William Nordhaus 6:1
Robert Barro 7:1
Bengt R. Holmström 8:1
Matthew J. Rabin 8:1
Jean Tirole 9:1
Martin Weitzman 9:1
Robert Schiller 9:1
Chris Pissarides 10:1
Dale T. Mortensen 10:1
Xavier Sala-i-Martin 10:1


Offizieller Favorit ist also Eugene Fama. Er hat die Informationseffizienz von Märkten, insbesondere Kapitalmärkten, untersucht. Dabei geht es um die Frage, welche und wie viele Informationen in den Marktpreisen enthalten sind.


Diese Frage kann man auch auf Wettquoten anwenden. Welche Informationen stecken in den oben aufgeführten Wettquoten? Bei dem gestern vergebenen Literaturnobelpreis war beispielsweise lange Zeit der Israeli Amos Oz vorne. Erst in den letzten Tagen holte Herta Müller stark auf. Am Ende lagen beide mit 3:1 gleichauf. Es ist also möglich, dass hier Insider kurz vor der Preisverkündigung auf Herta Müller wetteten, woraufhin die Buchmacher ihre Quoten anpassten, um nicht auf dem falschen Fuss erwischt zu werden.


Auch bei den Quoten für den Wirtschaftsnobelpreis gab es gestern stärkere Bewegungen. Den grössten Sprung nach vorne machte dabei Bengt Holmström. Wissen hier Insider mehr?

Mein persönlicher Favorit ist natürlich mein Zürcher Kollege Ernst Fehr. Er hätte den Preis für seine Forschungen zu Fairness und Kooperation beim wirtschaftlichen Entscheidungsverhalten des Menschen mehr als verdient. Wer ist Ihr Favorit?


P.S.: Für alle Fussballfans: Die Schweiz ist bei den Buchmachern haushoher Favorit für das Spiel gegen Luxemburg. Aber das waren Sie vor dem Hinspiel auch…

Themen:
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Mittwoch, 07. Oktober 2009,
12:51

Glückliches Norwegen?

In Norwegen lebt es sich ausgesprochen gut. Dies bestätigen auch die neusten Zahlen des Human Development Index (HDI), welche im Auftrag der UNO regelmässig erhoben werden.

Das nordeuropäische Land hält die Spitzenposition noch vor Australien und Island. Die Schweiz erreicht in der Liste der am höchsten entwickelten Länder den neunten Rang. Vor ihr liegen Frankreich, Schweden, die Niederlande, Irland und Kanada.

Solche Rankings sind natürlich immer auch willkommenes Futter für die Medien. Wir wollen ja alle gerne wissen, wie wir uns im Vergleich zum Ausland geschlagen haben. So titelte etwa NZZ Online, Norwegen habe die «weltweit beste Lebensqualität», und 20 Minuten Online machte deren Staatsangehörige gleich auch zu «glücklichen» Bürgern.

Beide liegen sie mit ihrer Aussage nicht wirklich falsch. Nur, ist der HDI wirklich geeignet, die Lebensqualität zu messen? Zweifel sind angebracht.

Der HDI setzt sich aus drei Komponenten zusammen: der Lebenserwartung, dem BIP sowie dem Bildungsgrad. Dabei ist sowohl die Fokussierung auf nur drei Aspekte wie auch deren Gewichtung schlicht willkürlich gewählt.

So findet die Einkommensverteilung genauso wenig Eingang in den Index wie individuelle Freiheitsrechte oder soziale Sicherungssysteme. Bestenfalls handelt es sich also um ein grobes Abbild des Entwicklungsstandes einzelner Länder, nicht aber um einen umfassenden Indikator für die Lebensqualität.

Die Lebensqualität lässt sich aber sehr wohl ganzheitlicher erfassen. Vielversprechend ist insbesondere die direkte Befragung einzelner Bürger. Dies hat den Vorteil, dass alle von einer Person als wichtig empfundenen Faktoren in ihrer Einschätzung berücksichtig werden.

Wie also steht es um die Schweiz, wenn anstelle des HDI das subjektive Wohlbefinden herangezogen wird? Die aktuellsten Zahlen aus dem «World Values Survey» fördern erfreuliches zu Tage:

Subjektive Lebenszufriedenheit

Die Daten zeigen deutlich, dass die Schweiz relativ mehr zufriedene Bürger beheimatet als die im HDI-Ranking vor ihr liegenden Länder.[1] So gibt in Frankreich fast ein Viertel der Befragten an, tendenziell eher unzufrieden zu sein (Wert ≤ 5), wohingegen in der Schweiz gerade mal acht Prozent in denselben Bereich fallen. Einzig Norwegen macht der Schweiz den ersten Platz streitig, wobei aber die Eidgenossen häufiger die Höchstnote vergeben haben.

Soll also eine ganzheitliche Erfassung der Lebensqualität erfolgen, so bietet sich der sogenannte «Life Satisfaction»-Ansatz an. Auch dieser bringt gewissen Tücken mit sich. Insgesamt aber spricht viel für eine stärkere Fokussierung auf die subjektive Lebenszufriedenheit, was auch in weiteren Blog-Beiträgen konkret aufgezeigt werden soll.

Vorerst kann aber festgehalten werden: Es lebt sich ausgesprochen gut im hohen Norden - aber eben auch im Herzen Europas!

Für das iconomix-Team,
Pascal Sulser

[1]Die Beschränkung auf vier Länder dient einzig der Übersichtlichkeit. Die nicht aufgeführten Länder liegen zwischen den Werten der Schweiz/Norwegen und jenen Frankreichs.

Weiterführende Informationen:
- iconomix Blog-Beitrag (25.09.09): «Vom BIP zum Glück»
- iconomix Blog-Beitrag (22.07.09): «Ohne Markt kein Preis – Teil 1»
- NZZ Online (05.10.09): «Weltweit beste Lebensqualität in Norwegen»
- 20 Minuten Online (05.10.09): «Glückliche Norweger»
- Der Bund (05.10.09): «Norwegen bietet am meisten Lebensqualität»

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Freitag, 02. Oktober 2009,
13:16

Gewalt im Kinosaal

Der Film «Inglourious Basterds» ist ein Erfolg an den Schweizer Kinokassen. Über 80‘000 Besucher haben sich das Werk bisher angeschaut. Einige Zeit lag der neue Tarantino-Streifen gar an der Spitze der Kinocharts.

Der Film zeichnet sich u. a. durch die explizite Darstellung von Gewalt aus. In den USA darf der Film von Jugendlichen nur unter Begleitung eines Erwachsenen besucht werden. Die Datenbank «Kids in Mind» vergibt die maximale Punktzahl für das Mass an Gewaltdarstellung.

Exakt hier setzen die Ökonomen Dahl und DellaVigna an.[1] In einer kürzlich publizierten Studie verwenden sie Angaben aus obiger Datenbank um die Wirkung der Gewaltdarstellung in Kinofilmen auf die Anzahl verübter Gewaltverbrechen zu untersuchen.

Der Befund scheint nicht intuitiv: Die Anzahl der Gewalttaten sinkt, wenn der Konsum von gewaltdarstellenden Filmen hoch ist.[2] Dies steht jedoch nur vermeintlich im Widerspruch mit Resultaten aus der Psychologie, welche der medialen Gewaltdarstellung aggressionsfördernde Tendenzen zuschreiben.

Die Erklärung der Autoren: Kinogänger beschränken sich freiwillig in ihren Möglichkeiten, Gewaltakte zu verüben, gerade weil sie sich einen Film ansehen. Dieser Effekt wird verstärkt, indem Personen mit einem hohen Gewaltpotential den Konsum von gewaltdarstellenden Filmen vermehrt nachfragen und somit im Publikum übervertreten sind.

Interessanterweise fällt aber auch die Anzahl verübter Gewalttaten nach der eigentlichen Filmvorführung. Dies ist keine triviale Feststellung. Denn nach der Vorführung konzentriert sich die Anzahl potentieller Gewalttäter vor den Kinos. Die Chance, in eine Auseinandersetzung zu geraten, ist daher vergleichsweise hoch. Dass dem nicht so ist, wird massgeblich auf eine Veränderung im Konsum von Alkohol zurückgeführt. Der Konsum von Alkohol ist in den meisten amerikanischen Kinos verboten.

Es gilt jedoch zu beachten, dass diese Studie nichts über die gesellschaftlich optimale Höhe der Gewaltdarstellung in Filmen aussagt. Vielmehr weist sie auf zwei bis anhin in der ökonomischen Forschung vernachlässigte Mechanismen hin: die freiwillige Selbstbeschränkung und das daraus resultierende veränderte Konsumverhalten.

In diesem Zusammenhang ist auch das in der Schweiz beheimatete Projekt «Midnight Sports» zu erwähnen. Hier werden öffentliche Turnhallen von 23 Uhr bis 1 Uhr geöffnet, damit die Jugendlichen an Wochenenden einen für sie stimmigen Begegnungsort erhalten.

Das offerierte Sport- und Freizeitangebot stösst bei den Jugendlichen auf Interesse. Durchschnittlich finden sich über 40 TeilnehmerInnen pro Wochenende ein. Bewahrheiten sich die Befunde der eingangs erwähnten Studie, so müsste die Jugendgewalt in Ortschaften ohne solche Strukturen höher sein als in jenen mit. Hinzu käme die integrationsfördernde Wirkung. Eine interessante Forschungsfrage und ein Projekt mit Potential.

Für das iconomix-Team,
Pascal Sulser

 

[1] Dahl and DellaVigna (2009): «Does Movie Violence Increase Violent Crime?» Quarterly Journal of Economics, 124, 2, 677-734.

[2] Eine Zunahme um 1 Million Zuschauer senkt die Rate der Gewalttaten um 1,1 bis 2,05 Prozent, je nach Tageszeit und dargestellter Gewalt. Zum Vergleich: Ein unüblich kalter Tag (-6,5 bis 0 Grad) reduziert die Anzahl Gewalttaten um 8 bis 11 Prozent, wohingegen ein Film wie «Inglourious Basterds» diese um 4,4 bis 6,5 Prozent senkt.

Weiterführende Informationen:

- SF Tagesschau (24.08.09): «Studie über Jugendgewalt zeigt Beunruhigendes»

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