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Wachstum ohne Ende?
Dank Erfindungen wie der Dampfmaschine oder dem Benzinmotor hat sich die Wirtschaftsleistung der industrialisierten Welt in den letzten zwei Jahrhunderten kontinuierlich erhöht. Der Fluss von Erfindungen und Entwicklungen, der die Zunahme des Wohlstands für breite Bevölkerungsschichten möglich gemacht hat, ist jedoch kein Zufall. In den Worten des amerikanischen Ökonomen
William Baumolw4.stern.nyu.edu/... hängt er zusammen mit der historischen Herausbildung einer neuen Wirtschaftsform: der «marktwirtschaftlichen Innovationsmaschine».[1]
Im Herzen der marktwirtschaftlichen Innovationsmaschine stehen gewinnorientierte Unternehmen, die zueinander im Wettbewerb stehen. Wollen diese Unternehmen im Geschäft bleiben, so sind sie dazu gezwungen, mögliche Produktivitätsverbesserungen beständig auszuschöpfen und das Rad der technologischen Entwicklung fortlaufend weiterzudrehen. Mit ihren Bemühungen um Effizienz und Innovation sorgen die Unternehmen dafür, dass laufend neue Produkte entwickelt und bekannte Produkte zu günstigeren Preisen hergestellt, verkauft und konsumiert werden können.
Die Wirtschaftsleistung der heutigen Industrieländer ist im Durchschnitt über die vergangenen zwei Jahrhunderte um rund zwei Prozent pro Jahr gewachsen. Doch auch der Energiebedarf und der Ressourcenverbrauch der Wirtschaft sind in diesem Zeitraum stetig angestiegen. Diese Entwicklung, die lange Zeit als wünschenswert und problemlos erschien, bereitet ökologisch denkenden Wissenschaftlern zunehmend Kopfzerbrechen: Angesichts der Klimarisiken und Umweltbelastungen, die das Wirtschaftswachstum der letzten zwei Jahrhunderte mit sich gebracht hat, erscheint es ihnen fraglich, wie lange dieses Wachstum noch im selben Tempo vorangetrieben werden kann und soll.
Berechnungen des britischen Umweltökonomen
Tim Jacksonwww.ces-surrey.org.uk/... aus dem Jahr 2009 illustrieren diese Zweifel: Jackson zufolge nähme eine Weltwirtschaft, in der Industrieländer weiterhin beständig mit zwei Prozent pro Jahr wachsen und Entwicklungsländer eine stete Annäherung an westliche Lebensstandards erreichen, bald immense Züge an. Gemessen am gesamten BIP aller Länder wäre sie bis zum Ende des 21. Jahrhunderts etwa 40 Mal grösser als heute.[2]
Für optimistische Wissenschaftler ist dies kein unrealistisches Bild: Sie gehen davon aus, dass sich das Wirtschaftswachstum künftig von seiner Beziehung zur Umwelt «entkoppeln» wird, und sich die Wirtschaftsleistung ohne zusätzlichen Ressourcenverbrauch und Schadstoffausstoss weiter steigern lässt. Möglich würde dies dank dem Einsatz von effizienteren, umweltfreundlicheren Technologien und einer generellen Verlagerung der Wertschöpfung – weg von ressourcenintensiven Landwirtschafts- und Industrietätigkeiten, hin zu wissensbasierten Dienstleistungen.
Skeptische Wissenschaftler halten dies für unrealistisch und verweisen auf den «Rebound-Effekt». Dieser besagt, dass Effizienzverbesserungen nicht zwingend zu einer Abnahme der Umweltbelastung führen. Die Erklärung dafür liegt in der wirtschaftlichen Grundlogik der Sache: Effizienzverbesserungen bei der Herstellung von Produkten oder in deren Energieverbrauch führen zu einer Vergünstigung und fördern dadurch den Mehrverbrauch. Beispielsweise ermöglicht ein effizienteres Auto zwar das Einsparen von Benzin; es verleitet jedoch gleichzeitig dazu, mehr Kilometer zurückzulegen – wobei sich der Benzinverbrauch im Endeffekt möglicherweise sogar erhöht.[3]
Rebound-Effekt hin oder her: Die zukünftigen Anforderungen an die die Innovationskraft der Wirtschaft werden enorm. Laut Jackson fällt heute bei jedem US-Dollar an globaler Wirtschaftsleistung ein CO2-Ausstoss von knapp 800 Gramm an. Geht man vom oben geschilderten Wachstumsszenario aus, so müsste sich dieser Wert bis zum Jahr 2050 auf unter 10 Gramm CO2 pro US-Dollar verringern, um die atmosphärische CO2-Konzentration auf dem von der UNO angestrebten Wert zu halten. Dafür müsste die CO2-Intensität der Weltwirtschaft jährlich um rund 11 Prozent sinken.
Angesichts dieser Zahlen stellen sich einige grundsätzliche Fragen: Ist die marktwirtschaftliche Innovationsmaschine leistungsfähig genug, Effizienzverbesserungen in dieser Grössenordnung hervorzubringen? Und sind unsere Gesellschaften auch bereit, die richtigen Einstellungen – sprich: finanzielle Anreize und veränderten Konsumgewohnheiten – an dieser Maschine vorzunehmen? Falls nicht, so müssen wir wohl oder übel unsere Wachstumsvorstellungen in Zukunft etwas herunterschrauben.[4][5]
[1] William J. Baumol (2002): «The Free-Market Innovation Machine»
[2] Tim Jackson (2009): «
Prosperity without growth? The transition to a sustainable economy?www.sd-commission.org.uk/...» Bericht der Britischen Kommission für nachhaltige Entwicklung.
[3] Vgl. dazu: UK Energy Research Center (2007): «
The Rebound Effectwww.ukerc.ac.uk/...»
[4] Der Publizist
Urs P. Gaschede.wikipedia.org/... und der Ökonom
Boris Zürcherwww.avenir-suisse.ch/... lieferten sich auf Radio DRS 4 kürzlich ein Rededuell zum Thema «
Die Grenzen des Wachstumswww.drs4news.ch/...». Das Gespräch zeigt, wie unterschiedlich die vorherrschenden Ansichten über die Möglichkeiten nachhaltigen Wirtschaftswachtums sind.
[5] Auch das «World Economic Forum» in Davos widmet sich dieses Jahr vertieft dem Thema «
Nachhaltiger Konsumwww.weforum.org».
Wer springt auf den Wachstumszug?
Der Westen ist vorne weggezogen, Afrika hinkt hinten nach: Eine Grafik über die letzten 60 Jahre zeigt, dass sich die Erdregionen wirtschaftlich sehr unterschiedlich entwickelt haben. In Lateinamerika und den arabischen Ländern hat sich das Wachstum nach anfänglichen Erfolgen deutlich verlangsamt. Und der ehemalige Ostblock erholt sich, nachdem er beim Übergang zur Marktwirtschaft einen Taucher gemacht hat.
Atemberaubend ist die Entwicklung in Asien: Um 1950 der ärmste Kontinent der Welt, ist Asien heute bereits so reich wie Europa es in den fünfziger Jahren war. Asiens Abstand zum Westen hat sich in einem halben Jahrhundert nahezu halbiert!
Historisch ist dieses Wachstum beispiellos. Geradezu beispielhaft ist es hingegen für die wachstumsökonomische Theorie – denn diese postuliert, dass ärmere Länder im Vergleich zu ihren reicheren Mitstreitern grundsätzlich ein höheres Wachstumspotenzial haben. Reiche und arme Länder sollten als Folge davon langfristig in ihrem Wohlstandsniveau «konvergieren», wie es im Fachjargon heisst.
Zumindest in Asien hat sich diese Annahme spektakulär bestätigt. Nach dem zweiten Weltkrieg war es zunächst die japanische Wirtschaft, die rapide zu wachsen begann; bereits 1970 erreichte Japans BIP die Werte des Westens. Südkoreas Wachstumsschub setzte in den siebziger Jahren ein; gegenwärtig schliesst das Land wohlstandsmässig zu Japan auf. Chinas Aufstieg nahm in den achtziger Jahren seinen Anfang. Sein BIP pro Kopf beträgt heute rund 20 Prozent desjenigen der USA. Setzt sich der aktuelle Trend fort, könnte dieser Wert bereits 2030 bis auf 70 Prozent ansteigen.
Ökonom und Financial-Times-Kolumnist Martin Wolf schreibt diese Entwicklung vor allem den Triebkräften der Globalisierung zu. Diese beflügelt den weltweiten Austausch von Ideen, vereinfacht den Technologie- und Kapitaltransfer und multipliziert die globale Nachfrage – und ermöglicht Entwicklungs- und Schwellenländern so eine rasante Wirtschaftsentwicklung. So sieht Wolf nach zwei Jahrhunderten der divergenten Entwicklung ein neues Zeitalter im Anbruch: Er nennt es die «grosse Konvergenz».[1]
Tatsächlich weisen heute auch ausserhalb Asiens viele Länder hohe Wachstumsraten auf. Beispiele sind Brasilien, Russland und Indien, die bereits heute zu den wichtigsten Wirtschaftsmächten der Welt gehören. Die Investmentbank Goldman Sachs glaubt derweil, bereits die nächsten Wachstumskandidaten zu kennen. Auf ihre Liste der «
Next Elevende.wikipedia.org/...» hat sie Südkorea, Indonesien, die Philippinen und Vietnam zu künftigen Wirtschaftsmächten gekoren; ebenso zählt sie Pakistan, Bangladesch und den Iran sowie die Türkei, Mexiko, Ägypten und Nigeria hinzu.
Doch wie steht es um die Länder, die in den letzten Jahrzehnten stets zuunterst auf der Reichtumsrangliste standen? Harvard-Ökonom
Dani Rodrikwww.project-syndicate.org/..., bekannt als kritische Stimme in den Wirtschaftswissenschaften, beobachtet die Entwicklung vieler afrikanischer und lateinamerikanischer Länder mit gemischten Gefühlen. Anstatt dass die Globalisierung mehr und mehr Arbeitskräfte in hochproduktive Wirtschafssektoren verschiebt, nimmt der Anteil wenig produktiver Jobs in manchen Ländern zu, schreibt er. Vor allem in rohstoffreichen Ländern sei die Gefahr einer «rückwärts gerichteten Entwicklung» vorhanden, so Rodrik.[2]
Sowohl Wolf, als auch Rodrik haben jedoch eine gute Nachricht. Beide sind der Ansicht, dass es mit guter Wirtschaftspolitik prinzipiell für jedes Land möglich ist, auf den weltwirtschaftlichen Wachstumszug aufzuspringen. Verharren Länder in wirtschaftlicher Stagnation, so liegt dies häufig an Mängeln auf der institutionellen Ebene: Mangelnde Rechtssicherheit, grassierende Korruption und fehlende staatliche Strukturen sind hier als Gründe zu nennen.
Wie Martin Wolf bemerkt, hat jedoch das Wirtschaftswachstum selbst in vielen Ländern zu einer Verbesserung der politischen und administrativen Strukturen geführt. Dies gibt Anlass zur Hoffnung: Gut möglich, dass sich das Wolfsche Szenario der grossen Konvergenz im 21. Jahrhundert tatsächlich bewahrheitet. Vielleicht haben wir mit der Finanzkrise gar eine historische Zäsur miterlebt – haben doch die meisten Entwicklungs- und Schwellenländer die Krise weit besser gemeistert als die überschuldeten, mit Wachstumsproblemen und hoher Arbeitslosigkeit kämpfenden Industrieländer des Westens.
[1] Financial Times, 5. Januar 2011: «In the grip of a great convergence»
[2] Project Syndicate, 10. März 2011: «
Development in Reversewww.project-syndicate.org/...» (Deutsche Übersetzung)
Eingebautes Verfallsdatum
In einem Haushalt von heute gibt es eine Vielzahl elektronischer Gebrauchsgegenstände: Fernseher, Telefon, PC, Drucker, Stereoanlage, Camcorder usw. Sie alle haben eines gemeinsam: Sie altern bisweilen schneller als einem lieb ist. Manchmal hilft der Hersteller dabei etwas nach. Dann ist die Rede von geplanter Veralterung (oder Obsoleszenz), auf Englisch «Planned Obsolescence».
Man meint damit, dass ein Gebrauchsgegenstand vom Hersteller mit Absicht so konstruiert wird, dass seine Lebensdauer kurz ausfällt und das Produkt nach Ablauf einer gewissen Zeit ersetzt werden muss. Bei einigen Produkten macht eine lange Lebensdauer ja auch gar keinen Sinn. Was nützt uns z.B. ein Mobiltelefon, dessen Gehäuse auf eine Lebensdauer von 20 Jahren ausgelegt ist? In dieser Zeit ist die gesamte Telekommunikation mehrfach revolutioniert, die Funktionalitäten des Geräts sind längst nicht mehr zeitgemäss.
Doch kommt es nicht von ungefähr, dass «Planned Obsolescence» kritisiert und mit dem Begriff der Wegwerfgesellschaft in Verbindung gebracht wird. Wobei nicht nur Elektronik vom Phänomen betroffen ist. Selbst bei Büchern oder Glühbirnen lassen sich Beispiele von eingebauter Veralterung finden. Bekanntestes Beispiel ist aber vermutlich die Mode: Modeartikel haben per Definition ein Verfallsdatum eingebaut. «Planned Obsolescence» ist hier sozusagen Geschäftsstrategie.
Links zum Thema:
Kaufen für die Müllhalde («The Light Bulb Conspiracy»www.youtube.com/...): Dokumentation zu «Planned Obsolescence» und Wegwerfgesellschaft (ARTE TV, 15.2.2011).
Kaufen für die Müllhaldevideos.arte.tv/...: Ausschnitt aus besagter ARTE-Dokumentation: Wo die «Planned Obsolescence» ihre Anfänge nahm (ARTE TV, 15.2.2011).
Entsorgung von Haushaltsgeräten wird in der Schweiz schon beim Kauf bezahltwww.bfe.admin.ch/...: Eine kurze Beschreibung zur SWICO Gebühr (Bundesamt für Energie, 18.12.2002).
Der digitale Friedhof in Ghanavideos.arte.tv/...: Recycling auf Afrikanisch: Wie Elektronik-Müllhalden die Menschen und die Umwelt gefährden (ARTE TV, 24.10.2009).
Planned obsolescencewww.economist.com/...: Building a business model around obsolescence? The «Economist» takes a close look at nylon stockings, computer chips and software (The Economist, 23.3.2009).
Für das iconomix-Team
Marc Schiesser
Externe Kosten der Atomenergie
Der Bundesrat hat sich Ende Mai 2011 für einen schrittweisen Ausstieg aus der Atomenergie entschlossen. Die Befürworter eines Ausstiegs argumentieren unter anderem damit, dass die Atomenergie «externe Kosten» für die Bevölkerung mit sich bringt.
Was versteht man unter externen Kosten? Wer trägt diese Art von Kosten? Welche Beispiele für externe Kosten gibt es im Alltag? Was sind externe Kosten der Atomenergie? Wie können externe Kosten «internalisiert» bzw. Verursacher dazu gebracht werden, diese Art Kosten in ihr Kalkül miteinzubeziehen?
Hier einige Links zum Thema:
Artikelwww.vimentis.ch/... von Vimentis zur Atomenergie in der Schweiz
Artikelwww.nzz.ch/... von NZZ Online zum Entscheid des Bundesrats über den Ausstieg aus der Atomenergie
Artikelwww.nzz.ch/... von NZZ Online zu den externen Kosten der Atomenergie
Definition und Erläuterungwww.vimentis.ch/... zum Begriff «externe Kosten», Lexikon von Vimentis
Für das iconomix-Team
Christian Willisch
Zuwanderung und Randregionen
Kaum ein Thema geniesst in jüngster Zeit so viel Beachtung wie die Zuwanderung aus dem Ausland. Dabei wird oft vernachlässigt, dass die Zuwanderung und die damit verbundenen Konsequenzen für Metropolregionen ganz anders zu beurteilen sind als für Rand- oder potenzialarme Regionen.
Geändert hat sich auch der Fokus: Während bis vor kurzem vor allem die Auswirkungen der Zuwanderung auf die Arbeitslosigkeit, das Wirtschaftswachstum, die Löhne und die Finanzierung der Sozialversicherungen im Vordergrund der Debatte gestanden haben, geniessen in jüngster Zeit vor allem die Auswirkungen auf die Raumplanung, die Immobilien- und Mietpreise, die Nutzung der Infrastrukturen und auf den gesellschaftlichen Zusammenhalt grosse Aufmerksamkeit. Beklagt werden verstopfte Strassen, überfüllte Züge, Überbauung von Naturräumen und steigende Wohnkosten, welche sich Einheimische nicht mehr leisten können.
Dabei hat sich das Bevölkerungswachstum in den letzten Jahren vor allem auf die grossen Agglomerationen Zürich und Genf konzentriert. Seit Einführung der vollen Personenfreizügigkeit mit der EU im Jahr 2007 ist die Bevölkerung im Kanton Zürich und im Arc lémanique um rund sieben Prozent gewachsen. Da die Mehrheit der Zuwanderer wegen einer neuen Arbeitsstelle in die Schweiz umsiedelt, sind die städtischen Agglomerationen mit ihrem breiten Job-Angebot die bevorzugten Wohngebiete dieser Zuwanderer. Das Bevölkerungswachstum hat sich damit vornehmlich auf Gegenden konzentriert, die bereits dicht besiedelt und deren Infrastrukturen – vor allem im Verkehrsbereich – schon stark höher beansprucht sind. In den Kantonen Waadt, Basel-Stadt, Zürich, Zug und Genf hat die die internationale Zuwanderung am stärksten zum Bevölkerungsanstieg beigetragen (vgl. Abbildung).
Komponenten des Bevölkerungswachstums in den Schweizer Kantonen, Jan. 2007 bis Dez. 2009
(Reihenfolge nach Bevölkerungswachstum)
- fileadmin/user_upload/iconomix/blog/eisenhut/bevoelkerungswachstum-schweiz.JPG

Quelle: Bundesamt für Statistik
Im Vergleich zur Dynamik in den Wirtschaftszentren fällt das Bevölkerungswachstum in den Randregionen eher bescheiden aus, was vorwiegend auf die unterdurchschnittliche Zuwanderung aus dem Ausland zurückzuführen ist. Die Preise für Immobilien erhöhten sich in diesen Regionen nur moderat, von einer ungesunden Preisspirale bei den Immobilienpreisen kann kaum die Rede sein. Die Siedlungsfläche hat sich zwar auch ausgedehnt, allerdings nicht nur aufgrund des Bevölkerungsanstiegs, sondern auch wegen des generell gestiegenen Pro-Kopf-Bedarfs an Fläche. Staus und überfüllte Züge sind zwar auch zu beklagen, sie sind aber vor allem eine Konsequenz der gestiegenen Mobilität und der zurückhaltenden Investitionstätigkeit.
Wenn also von Kritikern der Personenfreizügigkeit abschreckende Perspektiven wie die «Agglomeration Mittelland» ins Feld geführt werden, wenn von «Dichtestress» als Folge einer unkontrollierten Zuwanderung die Rede ist oder wenn mit explodierenden Wohnkosten argumentiert wird, dann hat das mit den Verhältnissen in Randregionen bisher wenig zu tun. Auf der positiven Seite der Waagschale «Personenfreizügigkeit» wiegen hingegen auch in den Randregionen die Impulse auf die Produktivität, die Verringerung des Fachkräftemangels, die Schaffung von Arbeitsplätzen und letztlich die Ankurbelung des Wirtschaftswachstums und des Pro-Kopf-Einkommens. Ohne Zuwanderung aus dem Ausland sähen sich Kantone wie beispielsweise Appenzell Ausserrhoden, Glarus, Jura, Uri, Nidwalden oder St.Gallen mit einer schrumpfenden Bevölkerung konfrontiert (vgl. Abbildung). Eine rigorose Beschränkung der Zuwanderung aus dem Ausland ist daher für Randregionen gefährlich, denn es drohen schleichende Entvölkerung und sinkende Wettbewerbsfähigkeit.
Die Messgrösse BIP
Aymo Brunetti, Leiter der Direktion für Wirtschaftspolitik beim SECO, schildert in einem
Interviewwww.nzz.ch/... auf NZZ Online die Vor- und Nachteile der Messgrösse «Bruttoinlandprodukt».
Einerseits ist das BIP international harmonisiert und somit über die Zeit und über verschiedene Ländern vergleichbar. Andererseits besteht heute die Tendenz, zu viel aus dieser Messgrösse herauslesen zu wollen. Obwohl das BIP hochkorreliert ist mit Grössen wie Wohlstand und Zufriedenheit, ist es kein Mass für das Glück der Bewohner eines Landes. Es misst Konsum, Investitionen, Staatsausgaben und die Nettoexporte einer Volkswirtschaft – aber nicht z.B., ob das Wachstum nachhaltig ist.
Lesen Sie mehr dazu im Interview.
Für das iconomix-Team
Christian Willisch
Die sechs «Killer-Apps» der westlichen Zivilisation
Niall Ferguson, einer der profiliertesten Wirtschaftshistoriker unserer Zeit, beschreibt in seinem kürzlich erschienen Buch «Civilisation: The West and the Rest» die Gründe für die Dominanz der westlichen Zivilisation gegenüber dem Rest der Welt ab dem 16. Jahrhundert. Seine Antwort begründet Ferguson mit den sogenannten sechs «Killer-Apps»:
1. Wettbewerb: Die Dezentralisation des politischen und ökonomischen Lebens ermöglichte das Aufkommen von Nationalstaaten und Kapitalismus.
2. Naturwissenschaft: Das Verständnis und die drastische Veränderung der Natur stellte sich für den Westen als militärischen Hauptvorteil heraus.
3. Eigentumsrechte: Das Gesetz als Schutz für Privateigentümer bei Streitigkeiten und Uneinigkeiten bildete die Basis für die stabilste Form der stellvertretenden Regierung.
4. Medizin: Eine Branche der Naturwissenschaft, die eine bedeutende Verbesserung für die Gesundheit und die Lebenserwartung in den westlichen Gesellschaften sowie deren Kolonien zur Folge hatte.
5. Die Konsumgesellschaft: Eine Art des materiellen Lebens bei welcher die Produktion und der Kauf von Konsumgütern eine ökonomisch zentrale Rolle spielt.
6. Arbeitsmoral: Eine moralische Grundstruktur und die Aktivität der Gesellschaft, ableitbar vom protestantischen Glauben, dienten als Kleister für die dynamische und potenziell unstabile Gesellschaft.
Heute ist die Schlüsselfrage im Zusammenhang mit den sechs «Killer-Apps»: Hat der Westen seine Monopolstellung eingebüsst oder nicht? Falls dies der Fall sein sollte und der Rest der Welt bereits daran ist, die sechs Apps erfolgreich herunter zu laden, werden wir noch zu unseren Lebzeiten das Ende der westlichen Dominanz erleben.
Im
NZZ-Interviewwww.nzz.ch/... erklärt Niall Ferguson, dass China bereits im Besitz von fünf der sechs Apps ist.
Im
DRS-Beitragwww.drs4news.ch/... der Sendung «Echo der Zeit» spricht Ferguson über den Schuldenberg der USA und bezeichnet das Vorgehen der Politik als «Russisches Roulette».
Für das iconomix-Team
Christian Willisch
Die Weltwirtschaft ist auf Kurs
Wie wird sich die Weltwirtschaft in diesem und in den kommenden Jahren entwickeln? Welche Länder wachsen am stärksten, welche legen nur langsam zu? Eine Fülle von Antworten auf diese und weitere Fragen liefert der «
World Economic Outlookwww.imf.org/...». In diesem Bericht – zwei mal jährlich vom Internationalen Währungsfonds (IWF) publiziert – beschreiben Ökonomen den Zustand der Weltwirtschaft, prognostizieren wirtschaftliche Entwicklungen und beschäftigen sich mit Aspekten der aktuellen Wirtschaftspolitik.
Einige wichtige Vorhersagen des aktuellen Berichts vom 11. April 2011 sind:
- Die Weltwirtschaft wird im Jahr 2011 und im Jahr 2012 je 4,5% wachsen (2010: 5%).
- Die Entwicklung wird ungleichgewichtig sein: Schwellenländer wachsen mit 6,5% schneller als Industriestaaten (2,5%).
- Das Risiko, dass Industriestaaten erneut in eine Rezession zurückfallen besteht kaum noch.
Folgende Entwicklungen sind gemäss Bericht problematisch:
- Die Rohstoffpreise werden sich weiter erhöhen, der Ölpreis z.B. um durchschnittlich 35% im Vergleich zu 2010. Dies schwächt zwar das Wachstum ab, wird die Weltwirtschaft gemäss IWF aber nicht in eine Rezession stürzen.
- Die Arbeitslosigkeit in den Industrieländern wird sehr hoch bleiben.
- Die hohe Staatsverschuldung vieler Industrieländer gefährdet deren Wachstum.
- In einigen Schwellenländern droht Überhitzung, u.a. auf den Immobilienmärkten Chinas und Hongkongs.
Detailliertere Informationen finden Sie im
Executive Summarywww.imf.org/... des IWF oder in der
NZZwww.nzz.ch/....
Für das iconomix-Team
Martina Zahno
Wirtschaftswachstum messen, vergleichen und erklären
«Wahrheit kommt mit wenigen Worten aus», soll der chinesische Philosoph Lao-Tse einst gesagt haben.
Unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten stimmt dies nicht ganz – denn es fehlt ein entscheidender Zusatz: Wahrheit ist auf Zahlen angewiesen. Zahlen werden in der Wissenschaft gebraucht, um Vorgänge zu messen und Fakten zu vergleichen. Man benützt sie, um Zusammenhänge zu quantifizieren und Tatsachen auf den Punkt zu bringen.
So zum Beispiel in der Wachstumsökonomie – einem Gebiet, das sich mit der wirtschaftlichen Entwicklung von Regionen und ganzen Ländern auseinandersetzt. Eine der aussagekräftigsten Zahlen auf diesem Gebiet ist das Wachstum des BIP pro Kopf. Diese Zahl gibt an, um welchen Prozentsatz sich die Wirtschaftsleistung des Durchschnittseinwohners in einem Land innerhalb eines Jahres erhöht.
Das Wirtschaftswachstum eines Landes unterliegt gewissen Schwankungen. Während eines Aufschwungs fällt es etwas höher, während einer schlechten Konjunkturphase etwas tiefer aus. Für das Wachstums entscheidend ist das langjährige Mittel: Weist ein Land im Durchschnitt gesehen höhere Wachstumsraten auf als sein Nachbar, so driftet das Wohlstandsniveau der beiden Länder über kurz oder lang auseinander.
Scheinbar kleine Abweichungen können dabei einen grossen Unterschied ausmachen. Das Beispiel der mittelamerikanischen Staaten Belize, El Salvador und Guatemala zeigt dies eindrücklich. 1970 lag das BIP pro Kopf in diesen Ländern noch nah beieinander: In Belize lag es bei 4‘394, in Guatemala bei 4‘161 und in El Salvador bei 4‘184 US-Dollar.
In den nächsten 27 Jahren erzielte Belize ein durchschnittliches Wirtschaftswachstum von 2,9 Prozent pro Jahr. Sein BIP pro Kopf erreichte dadurch im Jahr 2007 den Wert von 9‘527 US-Dollar. Guatemala und El Salvador erzielten in derselben Zeit mit 1,4 bzw. 1,1 Prozent etwas tiefere Wachstumsraten und erreichten 2007 ein BIP von 6‘095 bzw. 5‘589 US-Dollar pro Kopf.
Die Unterschiede sind frappant: Waren Belize, Guatemala und El Salvador 1970 noch gleichauf, so erzielt Belize heute ein BIP pro Kopf, das über eineinhalb Mal grösser ist als dasjenige seiner Nachbarn.
Um die Gründe für diese unterschiedliche Entwicklung in Erfahrung zu bringen, könnte man nun weitere Zahlen betrachten – zum Beispiel solche zur Investitionstätigkeit, zum Bildungsstand oder zur wirtschaftlichen Offenheit dieser Länder.
Doch manchmal ist es einfacher, Worte sprechen zu lassen. An dieser Stelle sei deshalb nur so viel gesagt: In Guatemala und El Salvador tobten in den achtziger und neunziger Jahren Bürgerkriege. Zehntausende kamen dabei um, wurden vertrieben, entwurzelt oder wanderten aus.
Dass sich in Guatemala und El Salvador unter diesen Umständen keine blühende Wirtschaft entfalten konnte, müsste eigentlich jedem einleuchten – auch ohne dass er die exakten Zahlen kennt.
0,5 Prozent Entwicklungshilfe
Die Schweiz baut ihr Engagement in Entwicklungsländern aus: Bis zum Jahr 2015 sollen die öffentlichen Ausgaben für die Entwicklungshilfe auf einen Anteil von 0,5 Prozent am Bruttonationaleinkommen angehoben werden. Mit der beschlossenen Aufstockung der Mittel dürfte die Schweiz künftig etwas über dem Durchschnitt der OECD-Länder von 0,48 Prozent liegen, nachdem ihr Engagement zuletzt mit 0,47 Prozent etwas unterdurchschnittlich ausgefallen ist.
Doch was sagen diese Zahlen eigentlich aus? Die
Statistik der OECDwww.oecd.org/... versteht unter «öffentlicher Entwicklungshilfe» alle Aufwendungen, die 1) von öffentlichen Organen stammen, 2) vorrangig auf die Erleichterung der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung abzielen, 3) als Schenkungen oder Kredite mit einem Schenkungsanteil von mindestens 25% gewährt werden und 4) für Entwicklungsländer sowie für multilaterale Organisationen wie die Weltbank oder das UNO-Entwicklungsprogramm bestimmt sind.[1]
Öffentliche Entwicklungshilfe wird hauptsächlich in Form von finanziellen Transfers an staatliche Institutionen oder NGOs sowie in Form von technischen und personellen Sachleistungen in Entwicklungsländern erbracht. Beide Formen werden in der Statistik als Entwicklungshilfe verbucht, inklusive des administrativen Aufwands der verantwortlichen Entwicklungsorganisationen. Darüber hinaus werden von der OECD aber auch öffentlich finanzierte Stipendien für Studierende aus Entwicklungsländern, Ausgaben für Asylsuchende im eigenen Land sowie der Erlass der Staatsschulden von Entwicklungsländern als Entwicklungshilfe gewertet.[2]
Gemäss der OECD-Definition wendet die Schweiz gegenwärtig etwa 2,5 Milliarden Franken pro Jahr für die
öffentliche Entwicklungshilfewww.deza.admin.ch/... auf. Dies entspricht einem Anteil von rund 4 Prozent am Bundeshaushalt. Rund drei Viertel der Entwicklungsgelder werden von der
Direktion für Entwicklungszusammenarbeitwww.deza.admin.ch (DEZA) und dem
Staatssekretariat für Wirtschaftwww.seco-cooperation.admin.ch (SECO) im Rahmen von bilateralen Programmen und Projekten ausgegeben, etwa ein Viertel der Gesamtsumme wird an multilaterale Organisationen geleitet und von diesen für die Entwicklungsförderung weiterverwendet.
Die Entwicklungszusammenarbeit der Schweiz ist auf ausgewählte Schwerpunktländer ausgerichtet. Eines dieser Länder ist das westafrikanische Land Burkina Faso, das gemäss der
Statistik der Weltbankdata.worldbank.org/... ein BIP pro Kopf von etwa 550 Franken und eine Lebenserwartung von 53 Jahren aufweist. Laut Angaben der DEZA leistete die Schweiz im Jahr 2009 bilaterale Entwicklungshilfe im Wert von 26 Millionen Franken zugunsten von Burkina Faso. Dieser Betrag entspricht etwa 0,3 Prozent des Bruttoinlandprodukts des Landes.
Mit ihrem
Engagement in Burkina Fasowww.deza.admin.ch/... verfolgt die Schweiz verschiedene Ziele. Eines davon ist die Verbesserung des Bildungssystems, insbesondere im Bereich der Grundausbildung und der Berufsbildung von Jugendlichen. Ein weiteres ist die Förderung der lokalen Wirtschaft: In Zusammenarbeit mit Berufsverbänden, NGOs und lokalen Behörden sollen die regulatorischen Rahmenbedingungen sowie die Vermarktung der landwirtschaftlichen Produkte auf lokalen und regionalen Märkten gefördert werden. Weiter hilft die Schweiz dem Staat in Burkina Faso mit direkter Budgethilfe und versucht, den Dezentralisierungsprozess der Verwaltung zu unterstützen.

Färberei im Hinterhof: noch ist die Baumwollindustrie in Burkina Faso rudimentär entwickelt. 99% der geernteten Baumwolle wird als Rohware exportiert. Bild: DEZA.
In der politischen Debatte hat die Entwicklungszusammenarbeit zuweilen einen schweren Stand. Auch unter Ökonomen ist sie aufgrund von verschiedenen Kritikpunkten – so etwa: Entwicklungshilfe von aussen ist ineffizient, macht abhängig und fördert opportunistisches Verhalten – eher umstritten. Es erstaunt daher wenig, dass der Richtwert von 0,7 Prozent des Bruttonationaleinkommens, den die UNO in ihren
Millennium Goalswww.unmillenniumproject.org/... als Ziel für die öffentliche Entwicklungshilfe propagiert, aktuell nur von einer
Handvoll europäischer Länderwww.oecd.org/... eingehalten wird.
Wer in die Praxis schaut, der trifft indes auf eine grosse Vielfalt: Entwicklungszusammenarbeit findet in unterschiedlichen Formen, auf diversen Themengebieten und unter dem Einbezug verschiedener sozialer Gruppen statt – sie unhinterfragt zu befürworten oder pauschal abzulehnen macht insofern wenig Sinn.
Entscheidend ist nach Ansicht von Fachleuten denn auch weniger das monetäre Volumen, sondern vielmehr die fachliche Qualität der Entwicklungszusammenarbeit. Werden Entwicklungsprogramme und -projekte heute nach anerkannten Standards durchgeführt, so müssen sie in eine kohärente Strategie eingebettet sein, die Eigenverantwortung der angesprochenen Zielgruppen stärken, ergebnisorientiert evaluiert werden und einer beidseitigen Rechenschaftspflicht unterliegen.[3]
Die Entwicklungszusammenarbeit der Schweiz wird von der OECD gemäss dieser Kriterienliste grösstenteils für
gut befundenwww.oecd.org/.... Die Schweizer Entwicklungspolitik im weiteren Sinne erhält hingegen nicht durchwegs gute Noten: Wie der vom
Center for Global Developmentwww.cgdev.org berechnete
Commitment to Development Indexwww.cgdev.org/... zeigt, gäbe es z. B. beim Abbau von Handelshemmnissen gegenüber Importen aus Entwicklungsländern noch Verbesserungsmöglichkeiten.
[1] Im Englischen wird für die öffentliche Entwicklungshilfe die Bezeichnung «Official Development Assistance» (ODA) verwendet.
[2] Von der öffentlichen Entwicklungshilfe unterschieden werden dagegen nicht-entwicklungsbezogene Hilfen (z. B. für die militärische Ausrüstung), Finanzflüsse im privaten Wirtschaftssektor (z. B. Direktinvestitionen) sowie Spendengelder, Sachleistungen und Überweisungen von Privatpersonen.
[3] Vgl. dazu: Reinhard Stockmann et al. (2010): «
Entwicklungspolitikwww.oldenbourg-verlag.de/...».
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