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Indonesien: das Recht der bellenden Hunde
Wirtschaftswachstum entsteht, wenn Ressourcen produktiv verwendet werden anstatt brach zu liegen, wenn Menschen ihr Handeln aufeinander abstimmen und ihre Energien in nützliche Tätigkeiten stecken. Wie es zu dieser Zusammenarbeit kommt, erklärt die Wissenschaft anhand von zwei groben Linien:
Informelle Vernetzung
Manche Sozialwissenschaftler vermuten, dass das soziale Kapital einer Gesellschaft für deren Entwicklung eine grosse Rolle spielt. Mit «sozialem Kapital» meinen sie das Vertrauen und die Verbundenheit, die Menschen zu gegenseitig nützlichem Handeln veranlassen – also zum Beispiel das Vertrauen, welches Verträgen und Abmachungen in der Wirtschaft zugrunde liegt oder die Verbundenheit mit der Gemeinschaft, welche die Leistungen von Pfadileitern oder freiwilligen Feuerwehrleuten motiviert.[1]
Soziales Kapital entspringt aus menschlichen Beziehungen, es wiederspiegelt sich in gesellschaftlichen Werten und wird in täglichen Begegnungen laufend geschaffen. Doch gerade diese regelmässigen Begegnungen scheinen in Industrieländern zunehmend seltener zu werden. So hat der Sozialwissenschaftler Robert Putnam beobachtet, dass es in den USA immer mehr einzelne Bowlingspieler und immer weniger Spieler in Ligateams gibt. Phänomene wie dieses «
bowling alonebowlingalone.com» wertet er als Zeichen für die Erosion von sozialem Kapital und ortet darin ein Problem für die Entwicklung seines Landes.
Andere Wissenschaftler sehen weniger die Begegnungshäufigkeit, sondern vielmehr die Form der sozialen Vernetzung als ausschlaggebenden Punkt an. Starke Beziehungsnetze innerhalb einzelner sozialer Gruppen seien dies Familien, Dorfgemeinschaften oder Clans stehen der wirtschaftlichen Entwicklung ihrer Ansicht nach eher im Weg. Ein hohes Ausmass an gruppenübergreifenden Beziehungen fördert hingegen den Austausch und geht eher mit schnellerem Wachstum einher, wie z. B. aus einem Vergleich von verschiedenen
europäischer Regionenwww.dur.ac.uk/... hervorgeht.
Formelles Recht
Der peruanische Entwicklungsökonom
Hernando de Sotowww.ild.org.pe/... vertritt eine von Grund auf andere Sichtweise: Vertrauen und Vernetzung sind zwar gut, aber nicht gut genug, wenn sie nicht durch formelles Recht ergänzt werden. Schriftlich festgehaltenes Recht ermöglicht es nicht nur bekannten Leuten, sondern auch Fremden, sich zu verständigen und gütlich zu einigen. Sollen sich Menschen aufeinander abstimmen und erfolgreich zusammenarbeiten, so ist es ihm zufolge unerlässlich, dass sie Zugang zu einem funktionierenden Rechtssystem haben.
Einen besonderen Stellenwert hat für de Soto das Eigentumsrecht, denn dieses ermöglicht es, ökonomisch bedeutsame Dinge rechtlich zu «fixieren» und den Umgang mit ihnen zu erleichtern: Dinge, die jemandem gehören, sind einer verantwortlichen Person zugeordnet und können deshalb auch leichter übertragen, geteilt oder miteinander verbunden werden. Sind Eigentums- und Nutzungsrechte hingegen nicht oder nur schlecht festgelegt, so entstehen Konfliktpotential und Unsicherheiten: Wer ist verantwortlich für die Nutzung und sinnvolle Verwendung von Land, Häusern oder Maschinen? Wer ist bereit, Arbeit in ihre Pflege zu investieren? Wem gehört der Profit, den sie erzeugen?
De Soto und seine Mitarbeiter haben festgestellt, dass das Eigentumsrecht in vielen Ländern der Realität hinterher hinkt. Ein Beispiel ist Indonesien: hier weisen vor allem die Grundbücher an vielen Stellen Mängel auf, weil überlieferte Landgrenzen und mündlich ausgemachter Grunderwerb nie offiziell festgehalten wurden. Für die Bewohner stellt diese Unzulänglichkeit ein ernstes Problem dar, denn sie erschwert den Kauf oder Verkauf von Land und Immobilien sowie deren Verwendung als Sicherheit für Kredite.
Spaziert man durch ein ländliches Dorf, so wird man auch in Indonesien von Hunden angebellt, die das Grundstück ihrer Hausherrn bewachen. Ist dies nun ein Zeichen von mangelndem Vertrauen, sprich, mangelndem sozialen Kapital? Oder lässt sich daraus schliessen, dass die rechtliche Absicherung des Eigentums verbessert werden müsste?
Für das iconomix-Team
Simon Schmid
[1] Der Begriff «soziales Kapital» wird in der Literatur uneinheitlich verwendet und bezieht sich teils auf die Vernetzung des Kollektivs, teils auf die unterschiedlich starke Vernetzung einzelner Individuen.
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