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Äthiopien: vom Nutzen effizienter Märkte
Gute Regierungen, verlässliche Gerichte und unbürokratische Behörden sind für die wirtschaftliche Entwicklung eines Landes von grossem Wert. Damit sich eine Wirtschaft aber voll entfalten kann, ist eine weitere Institution unabdingbar: Es braucht gut funktionierende, effiziente und transparente Märkte.
Märkte dienen dazu, Menschen in Kontakt zu bringen und den Austausch von Gütern zu erleichtern. Märkte sind jedoch nicht einfach «da»; sie müssen von den Menschen erst geschaffen, gepflegt und – wie die Geschichte von den mittelalterlichen Marktplätzen bis hin zu den modernen Börsen zeigt – den wirtschaftlichen Erfordernissen entsprechend weiterentwickelt werden.
Effiziente und transparente Märkte tragen zum einen dazu bei, die gegenwärtigen Produktionsmöglichkeiten einer Wirtschaft voll auszuschöpfen. Sie erhöhen aber auch das zukünftige Produktionspotential: Je einfacher und zuverlässiger der Austausch von Gütern funktioniert, desto eher sind Produzenten bereit, Mühen und Risiken auf sich zu nehmen, um Güter für den zukünftigen Verkauf herzustellen.
Wenig transparente Märkte stellen hingegen ein Hemmnis dar, denn sie führen zu hohen «Transaktionskosten» bei der Vermarktung von Gütern; d. h. sie verursachen einen grossen Aufwand für Tätigkeiten wie die Suche nach Informationen, die Verhandlung von Preisen oder den Abschluss von Verträgen. Was dies in einer Wirtschaft konkret bedeuten kann, hat die ehemalige Weltbank-Ökonomin Eleni Gabre-Madhin vor einigen Jahren am Beispiel der Getreidemärkte in Äthiopien untersucht.[1]
In Äthiopien wird Getreide überwiegend von Kleinbauern produziert, die in verstreuten und abgelegenen Dörfern wohnen; die Kontakte der Bauern reichen selten über den nächstgelegenen Dorfmarkt hinaus. Zwar organisieren Zwischenhändler den Weiterverkauf von Waren in weiter entfernt liegende Landesteile, die Bauern selbst sind jedoch nur schlecht über die Preis- und Nachfragesituation auf diesen Märkten informiert.
Diese Situation führt dazu, dass der Markt seine eigentliche Funktion – die Koordination der Produktionsentscheidungen – nur schlecht ausführt. Das Resultat ist eine tendenzielle Unterversorgung an Gütern: Aus Unkenntnis über die Nachfrage in anderen Landesteilen pflanzen Bauern die falschen Nahrungsmittel an; Unsicherheit über zukünftige Käufer und Preise verleitet sie dazu, Nahrungsmittel in unzureichender Menge herzustellen.
Um diese Situation zu verbessern, haben die vereinten Nationen in Äthiopien ein ehrgeiziges Projekt ins Leben gerufen. Unter der Leitung von Gabre-Madhin gründeten sie die Ethiopian Commodities Exchange (ECX), eine elektronische Börse für Weizen, Mais, Kaffe und weitere Agrarprodukte. Mittels moderner Computertechnologie soll diese Börse fortan dafür sorgen, dass Produzenten auch in abgelegenen Gebieten vollständig über den Handel informiert sind und so die richtigen Produktions- und Verkaufsentscheidungen fällen können.
Damit sich diese Idee bewahrheitet, stellt die ECX den Produzenten ein umfassendes Vermarktungssystem zur Verfügung. Auf der eigentlichen Handelsplattform geben standardisierte «futures»-Kontrakte Bauern die Möglichkeit, bereits in der Gegenwart Käufer für ihre künftigen Erzeugnisse zu finden. Daneben sollen Systeme zur Zahlungsabwicklung, zur Qualitätseinteilung der Waren und zu deren zentraler Lagerung bewerkstelligen, dass die Börse auch praktisch zur Verringerung der Transaktionskosten beiträgt.
Diese Idee klingt zwar toll – inwiefern das heutige Äthiopien von ihr profitieren wird, ist allerdings fraglich. Auch der beste Markt ist nur so gut wie die Institutionen, die ihn umgeben. Äthiopien hat indes keine guten, sondern äusserst schlechte Institutionen: Die Führung des Landes wird international für ihre Brutalität kritisiert; sie ist korrupt, unterdrückt jegliche Opposition und schränkt die Freiheiten seiner Bürger ein.
Kritiker bemängeln, dass die Börse von der Regierung vor allem dazu missbraucht wird, ihren Einfluss in der Wirtschaft auszudehnen. So wurde der Kaffeeverkauf über die Börse für die Produzenten kurzerhand für obligatorisch erklärt; weiter wurden Börsenhändler unter Druck gesetzt, den Produzenten zu tiefe Preise zu bezahlen und den Kaffee an regierungsnahe Exportbetriebe weiter zu verkaufen.[2]
Damit droht sich in Äthiopien ein bekanntes Muster zu wiederholen: Gute Projekte schlagen fehl, wenn sie in einem schädlichen institutionellen Umfeld realisiert werden.
Für das iconomix-Team
Simon Schmid
[1] Eleni Gabre-Madhin (2001): «
Market Institutions, Transaction Costs, and Social Capital in the Ethiopian Grain Marketwww.ifpri.org/...».
[2] Dies wird auf den unabhängigen Blogs «
Ethiopian Reviewwww.ethiopianreview.com/...» und «
ethiopunditethiopundit.blogspot.com/...» berichtet.
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