iconomix

Schweizerische Nationalbank

Donnerstag, 01. Juli 2010,
16:31

Chile: der südamerikanische Tabellenführer

Lateinamerikanische Länder waren lange Zeit für ihre politische und wirtschaftliche Instabilität bekannt. Die jüngere Geschichte von Chile gibt dafür ein gutes Beispiel ab: nach einem sozialistischen Umschwung Ende der 1960er Jahre und einer radikal wirtschaftsliberalen Militärdiktatur in den 1970er und 1980er Jahren fand das Land erst in den 1990er Jahren den Weg zurück zur Demokratie.

Der Übergang zu Ordnung und Rechtsstaatlichkeit scheint dem Land dabei erstaunlich gut gelungen. Welche Indikatoren man auch betrachtet: mit wenigen Ausnahmen erscheint Chile unter den Ländern, welche die besten öffentlichen Institutionen aufweisen.

Zum Beispiel in der Statistik Governance Mattersinfo.worldbank.org/.... Diese Statistik wird von der Weltbank erstellt, um die Qualität öffentlicher Institutionen wie der Politik, der Verwaltung und des Rechtssystems zu messen. Das Ranking drückt dabei aus, auf welchem Platz das Land in einer Weltrangliste von 100 Ländern zu finden wäre – das schlechteste Land erhält auf dieser Skala den Wert 0, das beste Land den Wert 100:[1]

KategorieRanking Chile
Wirksamkeit des politischen Systems, Leistungsfähigkeit öffentlicher Dienste84,8
Kontrolle der Verwaltung, Eindämmung von Korruption87,0
Rechtsstaatlichkeit, Schutz von Verträgen und Eigentum, Zugang zum Rechtssystem88,0
Qualität und Zweckmässigkeit der wirtschaftlichen Regulierungen92,8
Meinungs- und Verbandsfreiheit, politische Partizipation, Rechenschaftspflicht der Regierung76,9
Politische Stabilität, friedliche Konfliktlösung, Gewaltfreiheit66,0

Gute Institutionen sind für die wirtschaftliche Entwicklung eines Landes von grossem Wert. Erstaunlicherweise wurde diese Erkenntnis jedoch lange Zeit vernachlässigt. Erst in den 1980er Jahren realisierte die Entwicklungsökonomie, dass gute Institutionen ein Schlüsselfaktor wirtschaftlicher Entwicklung sind: «governance matters», eben.[2]

Gute Institutionen verringern den Aufwand und die Unsicherheit, die mit einem wirtschaftlichen Unterfangen verbunden sind. Sie erhöhen die Bereitschaft von Privatpersonen oder Unternehmen, Ressourcen zu mobilisieren und ein Wagnis einzugehen. Gute Institutionen vereinfachen deshalb gewinnbringende Investitionen; sie führen dadurch zu effizienter Ressourcennutzung, zu höherem Wachstum und längerfristig zu höherem Wohlstand.

Umgekehrt sind schlechte Institutionen ein Hindernis für wirtschaftliche Tätigkeiten: Wer sich nicht auf das Rechtssystem eines Landes verlassen kann, der zögert, Verträge abzuschliessen und Investitionen zu tätigen. Wer sich im täglichen Geschäft mit ermüdenden Verwaltungsprozeduren und korrupten Beamten herumschlagen muss, verliert schnell seine Zeit, sein Geld und seine Nerven.

In der Forschung wurden diese Zusammenhänge empirisch untersucht. Eine wichtige Frage war dabei die Richtung der Wirkungskette: Führen gute Institutionen zu höheren Pro-Kopf-Einkommen? Oder verbessern sich Institutionen automatisch, wenn sich das Einkommen erhöht? Eine Studie der Weltbank-Ökonomen Daniel Kaufmann und Aart Kraay hat gezeigt, dass die Vermutungen dem ökonometrischen Test standhalten: gute Institutionen sind eine Ursache, und nicht nur eine Folge höheren Pro-Kopf-Einkommens.[3]

Zum Schluss eine Aufgabe: Finden Sie das andere südamerikanische Land, dessen Institutionen in den Statistiken ebenfalls gut abschneiden. Sie können dabei auf «Governance Mattersinfo.worldbank.org/...», auf die Statistiken von Transparency Internationalwww.transparency.org/..., auf den «Ease of doing businesswww.doingbusiness.org/...»-Bericht der Weltbank oder auf den «Global Competitiveness Reportwww.weforum.org/...» des World Economic Forum zurückgreifen. Ein kleiner Tipp: Das Land hat es an der Fussball-WM – im Gegensatz zu Chile – in die Viertelfinals geschafft!

Für das iconomix-Team
Simon Schmid

[1] World Bank (2009): «Governance Matters 2009http/...».

[2] Sinngemäss: «Auf gute Regierungsinstitutionen kommt es an».

[3] Daniel Kaufmann und Aart Kraay (2002): «Growth Without Governanceciteseerx.ist.psu.edu/...».

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