iconomix

Schweizerische Nationalbank

Freitag, 26. März 2010,
10:04

Tanz, Theater und Circus Knie

Dieses Wochenende lädt der Schweizer National-Circus zur Premiere des neuen Programms nach Rapperswil ein. Eine passende Gelegenheit, ökonomische Aspekte der darstellenden Kunst etwas genauer zu betrachten.

Die darstellende Kunst umfasst all jene Formen der Kunst, deren Darbietung vergänglich sind. Klassische Vertreter sind das Schauspiel, die Oper oder der Tanz. Aber auch der Zirkus zählt dazu. Im Gegensatz zu Theater und Tanz erhält der Zirkus aber keine finanziellen Zuwendungen von staatlicher Seite.

Lässt sich diese Ungleichbehandlung ökonomisch rechtfertigen? Eine staatliche Bevorzugung ausgewählter Kunstformen müsste als unberechtigter Eingriff in den Freiheitsraum der Bürgerinnen und Bürger gewertet werden. Viel eher gilt es daher, die Frage nach einem möglichen Marktversagen zu stellen.

Gerne wird argumentiert, die darstellende Kunst müsse für die Inszenierung überaus viel Personal aufwenden. Ebenso können technologische Innovationen nur wenig zur Senkung der Kosten beitragen. In Verbindung mit einer begrenzten Anzahl Sitzplätze führe dies zu anhaltend steigenden Ausgaben. Für diese Argumentation zeigen sich viele empfänglich, wohl gerade weil die Feststellung an sich richtig ist. Eine rein kostenseitige Begründung für Subventionszahlungen ist aber nicht haltbar.

Entscheidend ist viel eher, dass die Konsumenten nicht ausschliesslich einen Nutzen aus dem direkten Konsum beziehen. Alleine schon die Aussicht, ein Kulturgut in der Zukunft selber geniessen zu können oder zumindest den folgenden Generationen die Möglichkeit dazu offen zu halten, erhöht dessen Nutzen. Nicht zu vernachlässigen ist zudem der Prestigewert oder ein identitätsstiftender Nutzen für die Gesellschaft. Folglich würde es bei einer alleinigen Bereitstellung durch den Markt zu einer Unterversorgung kommen.

Eine ökonomische Begründung für die Subventionszahlungen an Theater- und Opernhäuser ist demnach gegeben. Inwieweit die Höhe der Beiträge hingegen gerechtfertigt ist, ist schwierig abzuschätzen. Diesbezüglich relevant ist die Zusammensetzung der Nachfrage nach der darstellenden Kunst.

Mit Abstand am besten wird diese mit der Schulbildung erklärt. Je gebildeter, desto höher die Nachfrage. Ebenfalls aussagekräftig ist das Einkommen. Bei ansonsten gleichen Eigenschaften fragen hohe Einkommensbezüger mehr Kultur nach.[1] Dieser Sachverhalt ist als besonders kritisch einzustufen. So ist es aus volkswirtschaftlicher Sicht zentral, dass der Steuerzahler nicht für den Konsum derjenigen Personen aufkommt, die sich das Kulturangebot ohnehin leisten würden.

Erstrebenswert wäre daher eine Verschiebung in der Ertragsstruktur. Beiträge aus der öffentlichen Hand sollten abnehmen. Steigern könnte man hingegen die Werbeeinnahmen. Beispielsweise ist man es vom Kino gewohnt, vor Filmbeginn 15 Minuten Werbung über sich ergehen zu lassen. Eine bühnentaugliche Form von Werbung liesse sich problemlos einführen. Ebenso könnten Vorstellungen mit und ohne Werbung angeboten werden, zu entsprechend unterschiedlichen Preisen. Der Konsument hätte dann die freie Wahl.

Auf mehr Gegenliebe dürfte vermutlich eine Ausweitung des Konsumentenkreises stossen. Ein Fernsehkanal mit Videoaufzeichnungen aus dem Bereich Theater und Tanz würde die natürliche Sitzplatzbeschränkung umgehen und könnte zusätzlich bildungsferneren Schichten den Zugang erleichtern. Die Zuschauerzahl könnte gesteigert und die durchschnittlichen Kosten pro Kopf gesenkt werden. Vorausgesetzt natürlich, es besteht genügend Nachfrage.

Schliesslich bestünde die Möglichkeit, die Preisdiskriminierung weiter zu verschärfen. So bezahlt man bereits heute für bessere Sitzplätze höhere Preise. Zusätzlich könnte man die Eintrittspreise für Touristen erhöhen. Diese tragen naturgemäss wenig zur Finanzierung der öffentlichen Leistungen bei. Ausserdem sind sie meist wenig preissensitiv, da im Vergleich zu den Einheimischen weniger Alternativen zur Freizeitgestaltung bestehen. In welchem Mass diese Regelung auch aus gesamtwirtschaftlicher Sicht wünschenswert ist, hängt nicht zuletzt von der geminderten Anziehungskraft eines Ortes als Tourismus-Destination ab. Die im internationalen Vergleich ohnehin schon hohen Preise, machen diese Massnahme für die Schweiz eher unattraktiv.

Ob dereinst auch der Circus Knie in den Genuss von Subventionszahlungen gelangen wird, ist ungewiss. Aus theoretischer Sicht gäbe es wenig dagegen einzuwenden. Solange darf sich der National-Circus damit rühmen, dass die Konsumenten für das gebotene Programm vollständig zu zahlen bereit sind.

Für das iconomix-Team,
Pascal Sulser

[1] Hier gilt es anzumerken, dass mit steigendem Einkommen auch die Kosten der Freizeit steigen. Dies kann für einkommensstarke Personen bereits Grund genug sein, weniger Kultur nachzufragen.

Weiterführende Informationen:
- Ruth Towse (2010): «Textbook of Cultural Economics,» Cambridge University Press.
- Ginsburgh und Throsby (2006): «Handbook of the Economics of Art and Culture,» Elsevier.

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