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Schweizerische Nationalbank

Donnerstag, 18. März 2010,
08:15

Die Fans schlagen zurück

1998 wollte der Medienmogul Robert Murdoch Manchester United für umgerechnet 1,55 Milliarden Franken übernehmen. Sein Übernahmeangebot scheiterte zwar bereits am Veto der britischen Kartellbehörde, aber auch die Fans wehrten sich vehement gegen eine Übernahme. Sie gründeten eine «Stiftung vereinter Aktionäre gegen Murdoch» und drohten mit der Gründung eines Konkurrenzvereins.

Sechs Jahre später versuchte der US-amerikanische Milliardär Malcolm Glazer den Traditionsverein zu übernehmen. Auch gegen ihn wehrten sich die Fans mit aller Macht, indem sie vor wichtigen Spielen gegen die Übernahme demonstrierten und Klubsponsoren androhten, den Kauf ihrer Produkte zu boykottieren, wenn sie ihre Sponsorenverträge nach einer Übernahme Glazers nicht kündigen würden.

Dennoch gelang es Glazer in der Folgezeit, sukzessive die Aktienmehrheit zu erwerben. Daraufhin holten enttäuschte Fans die alten Pläne wieder aus der Schublade und gründeten aus Protest gegen die zunehmende Kommerzialisierung des Fussballs den FC United of Manchester. Ein Grossteil der Fans aber hielt dem Klub weiterhin die Treue, wurde in den Jahren nach der Übernahme aber zunehmend enttäuscht. So haben sich bspw. die Eintrittspreise nach der Übernahme drastisch erhöht. Auch die Schulden des Klubs sind stark gewachsen.

Glazer finanzierte die über 1,8 Milliarden Franken teure Übernahme vorwiegend mit Fremdkapital. Als Sicherheiten diente dabei neben seinem Privat- vor allem auch das Klubvermögen. Da die Glazer-Familie dem Klub in der Folgezeit weitere Kredite aufbürdete, wurde die Schuldenlast immer grösser. Allein im Geschäftsjahr 2008/2009 musste der Klub rund 110 Millionen Franken an Fremdkapitalzinsen bezahlen. Letztes Jahr wurde der damalige Weltfussballer des Jahres Cristiano Ronaldo für 141 Millionen Franken an Real Madrid verkauft, um die Finanzlage nicht noch weiter zu verschlechtern. Dennoch musste der Klub Anfang dieses Jahres neue Schuldtitel mit einer mittleren Verzinsung von 8,5% ausgeben, um einen Finanzkollaps zu vermeiden.

Mittlerweile ist allerdings bei vielen Fans die Schmerzgrenze erreicht. Sie wollen nicht länger mit ansehen, wie sich die Glazer-Familie an dem Klub bereichert. Ihr Hauptziel ist es, den Einfluss der Fans auf die Klubpolitik zu erhöhen. Um dieses Ziel zu erreichen, wollen sie eine Sperrminorität an dem Klub erwerben. Zu Beginn dieses Monats wurden Gerüchte laut, wonach sich eine Gruppe finanzkräftiger Fans gebildet hätte, die Glazer ein Übernahmeangebot unterbreiten möchte. Ob es tatsächlich zu einem Angebot kommen wird, ist derzeit fraglich.

Unabhängig davon zeigt der Fall jedoch, dass Fussballklubs, die sich im Besitz von Investoren befinden, Wettbewerbsnachteile gegenüber denjenigen Klubs haben, die als nicht-profitorientierte Kapitalgesellschaften organisiert sind.

So hat in der Rangliste der umsatzstärksten Klubs Manchester United den zweiten Platz hinter Real Madrid kürzlich an den FC Barcelona abtreten müssen. Sowohl Real Madrid als auch der FC Barcelona sind als eingetragener Verein organisiert. Auf Platz vier folgt mit dem FC Bayern München ein weiterer Klub, dessen Politik nicht von gewinnmaximierenden Investoren, sondern Vereinsmitgliedern bestimmt wird. Die Profiabteilung des FC Bayern ist zwar in einer Aktiengesellschaft ausgelagert. Die Mehrheit der Stimmrechte an dieser AG liegt jedoch beim Mutterverein und damit mehrheitlich bei den Fans.

Fankontrollierte Profiklubs haben zwei grosse Wettbewerbsvorteile. Erstens sichern sie den Fans ein Mitspracherecht bei wichtigen Klubentscheidungen. Dieses Mitspracherecht ist für die Fans sehr wichtig, weil sie letztendlich am meisten Zeit, Emotionen und Herzblut in den Klub «investieren» und deshalb nicht zum Spielball von Finanzakrobaten werden wollen. Zweitens garantiert der Faneinfluss, dass die erzielten Umsätze in erster Linie wieder dem Fussball zugute kommen und nicht in die Taschen profitorientierter Investoren fliessen.

Auch für Sponsoren sind fankontrollierte Klubs attraktiver als profitorientierte Kapitalgesellschaften. Wenn Sponsoren Fussballklubs unterstützen, die Milliardären gehören, haben sie nicht nur ein Legitimationsproblem. Ihre Sponsorengelder haben auch einen viel niedrigeren Wirkungsgrad. Am Ende des Tages wird nämlich ein Teil der Erträge, die direkt oder indirekt durch den Sponsorenbeitrag erzielt werden, in den Taschen der Klubeigentümer landen. Dieser Teil fehlt dann dem Sport.

Kommentare: (2)
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Donnerstag, 01. Januar 1970,
01:00
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Helmut Dietl
Mittwoch, 21. April 2010,
16:37

Die Frage, welche Teams in den letzten Jahren am erfolgreichsten waren, ist nicht so einfach zu beantworten. Manchester United, Chelsea, Liverpool und Arsenal haben in den Champions League Saisons 2006/07, 2007/08 und 2008/09 zwar jeweils drei von vier Halbfinalplätzen belegt. Aber auch der FC Barcelona hat in diesem Zeitraum zweimal den Halbfinal erreicht. Um tragfähige Schlussfolgerungen zu ziehen, müssen wir einen längeren Zeitraum beobachten und vor allem ein Erfolgskriterium definieren. Messen wir Erfolg an sportlichen oder wirtschaftlichen Kriterien? Zudem gibt es hinsichtlich der Eigentümerstrukturen auch innerhalb der englischen Klubs erhebliche Unterschiede. Beispielsweise versucht Arsenal, sich durch eine Holdingstruktur gegen eine Übernahme durch einen Mehrheitsinvestor zu wehren. Auch Chelsea ist kein typischer Investor-Klub. Roman Abramowitsch versucht mit Chelsea vermutlich weniger Gewinne zu erwirtschaften, als vielmehr sein soziales Ansehen durch sportliche Erfolge zu verbessern.

Entscheidend ist in meinen Augen hier der Unterschied zwischen Fans und Kunden. In den meisten Wirtschaftsbranchen brauchen die Kunden keine Mitspracherechte bei der Unternehmenspolitik, weil sie ihre Wünsche und Interessen über marktliche Wettbewerbsmechanismen durchsetzten können. Wenn ein Kunde mit dem Produkt oder Service eines Unternehmens nicht zufrieden ist, geht er zur Konkurrenz. Fans haben diese Möglichkeit nicht. Man wechselt bekanntlich den Klub seltener als den Ehepartner. Da Fans ihre Interessen nicht durch Wettbewerbsmechanismen durchsetzen können, brauchen sie Mitspracherechte. Diese ermöglicht die Rechtsform des eingetragenen Vereins, die auf demokratischen Prinzipien beruht. Hieraus ergeben sich dann die erwähnten langfristigen Wettbewerbsvorteile gegenüber Kapitalgesellschaften.

Freundliche Grüsse
Helmut Dietl

Winand von Petersdorff
Montag, 29. März 2010,
23:01
Redakteur

Lieber Herr Professor Dr. Dietl, was für ein kluges, schön geschriebenes Stück. Ein paar Fragen haben ich dennoch: Bedeutet Investition in den Sport nicht häufig in die Taschen der Spieler? Warum soll das besser sein als in die Taschen von Milliardären?

Gewinnorientierte Fußballunternehmen können möglicherweise gerade die Chancengleichheit herstellen, die sich niemals einstellen würde, wenn die Fans zuviel Einfluß haben. Michael Lewis hat das in dem Buch Moneyball eindrucksvoll beschrieben. Zu Manchester ist zu sagen: Wenn ein Club einen Spieler wie Ronaldo verkauft, ohne das es der Qualität einen Abbruch tut, dann war das doch keine schlechte, sondern eine kluge Entscheidung im Sinne der Allokation knapper Ressourcen. ManU kann noch die Champions League gewinnen, Real Madrid, von Fanstimmungen regiert wie kaum ein anderer Club, nicht. Und noch etwas: Die erfolgreichsten Teams der letzten Jahre waren Investoren-Teams (die britischen Clubs), oder?

Herzlichst Winand von Petersdorff

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