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Der Vorteil der Mitte
Stellen Sie sich einen Badestrand bei schönstem Sonnenschein vor. Die Anzahl Gäste sind gleichmässig über die gesamte Länge des Strandes verteilt. Frage: Wo lohnt es sich am ehesten, eine kleine Eisbude zu eröffnen?
Richtig, natürlich in der Mitte des Strandes. Dadurch kann die durchschnittliche Strecke bis zum ersehnten Glacé auf ein Minimum gesenkt werden. Aber, auch eine zweite Eisbude sollte in der Mitte, direkt neben der bereits bestehenden, eröffnet werden. Dies hätte zur Folge, dass jeder Verkäufer genau die Hälfte der Nachfrage bedient. Jede andere Positionierung des zweiten Standes würde dessen Verkäufe schmälern.[1] Vorausgesetzt natürlich, die beiden Glacéverkäufer bieten vergleichbar gute Produkte an.
Dieselbe Überlegung gilt auch für Zweiparteiensysteme wie sie bspw. die USA kennen. Die beiden dominierenden Parteien müssen sich in der politischen Mitte positionieren, um ihre Wahlchancen voll ausschöpfen zu können. Dies führt dazu, dass die Demokraten von der politischen Mitte aus das ganze linke Spektrum abdecken, und die Republikaner entsprechend das rechte. Dabei setzt sich jene Partei durch, die den Wähler in der Mitte – den Medianwähler – für sich gewinnen kann. Dies könnte bspw. erreicht werden, indem die Demokraten einen eher konservativen Präsidentschaftskandidaten nominieren.
Überlegungen zum Medianwähler setzen aber nicht zwingend ein Zweiparteiensystem voraus. Bspw. lässt sich die Abstimmung zur Reduktion des Mindestumwandlungssatzes unter diesem Gesichtspunkt betrachten. Hier nämlich sagt die Theorie des eigennützigen Wählers ein betont altersspezifisches Abstimmungsmuster voraus. So haben ältere Bürgerinnen und Bürger wenig Gründe einer Rentenkürzung zuzustimmen, während die jüngeren Generationen eher an einem langfristig tragfähigen System interessiert sein sollten (vorausgesetzt, die Argumente der Befürworter können überzeugen).
Betrachtet man die Altersstruktur der wahlberechtigten Schweizerinnen und Schweizer, so fällt das relativ hohe Alter des Medianwählers auf.[2] Dieses beträgt derzeit etwa 48 Jahre. Eine derart strenge Abgrenzung macht hingegen wenig Sinn. Wird aber angenommen, dass alle über 60 ein «Nein» in die Urne legen und all jene bis 40 ein «Ja», so entscheiden die 40 bis 60-Jährigen über den Ausgang der Abstimmung.
Diese relativ holzschnittartige Überlegung darf nach Belieben weiter ausgebaut werden. So wäre es plausibel anzunehmen, dass es sich bei den 40 bis 60-Jährigen überdurchschnittlich oft um Haushalte mit Kindern handelt. Eltern wiederum sind eher bestrebt, die Zukunft ihrer Kinder zu sichern. Erwartet würde demnach eine höhere Bereitschaft, sich für eine Senkung auszusprechen.
Interessant sind auch die Implikationen für das strategische Verhalten der Parteien. Um eine Mehrheit für die Reduktion des Umwandlungssatzes zu gewinnen, müssten insbesondere die Jungen und Familien umworben werden sowie Grosseltern mit Enkelkindern.
Einen wichtigen Grundstein für den Erfolg an der Urne hat das Parlament aber bereits gelegt. Indem es aktuelle Rentnerinnen und Rentner von der Kürzung ausgenommen hat, konnte die Altersstruktur zugunsten der aktiven Gesellschaft verschoben werden. Dies im Wissen, dass Pensionäre kaum bereit gewesen wären, das eigene Einkommen direkt zu beschneiden.
Vielleicht entscheidender aber wird die Veränderung in der Altersstruktur dazu beitragen, welche Themen in der Zukunft von den Parteien als wichtig erachtet werden. Um sich eine möglichst grosse Wählerschaft sichern zu können, dürften vermehrt Vorschläge eingebracht werden, die spezifisch den Rentnerinnen und Rentnern zu Gute kommen – dies zumindest prophezeit die politische Ökonomie.
Für das iconomix-Team,
Pascal Sulser
[1] Diese Überlegung lässt sich am besten grafisch nachvollziehen. Zeichnen Sie dazu eine horizontale Linie. Diese repräsentiert den Strand. Teilen Sie diese in 4 gleich grosse Bereiche auf und platzieren Sie die erste Eisbude nach einem Viertel und die zweite nach drei Viertel der Distanz. Zwar bedient jetzt jeder Verkäufer dieselbe Länge des Strandes, beide aber haben einen Anreiz, den Standort in die Mitte des Strandes zu verlegen. Nur dort herrscht ein stabiles Gleichgewicht.
[2] Die Daten stammen vom Bundesamt für Statistik und umfasst alle volljährigen Schweizerinnen und Schweizer mit ständigem Wohnsitz in der Schweiz.
Weiterführende Informationen:
- Iconomix-Blog (02.07.2009): «
Der ausgeschlafene Wählerhttp://www.iconomix.ch/»
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